Reinhard Fuchs, Straßenbahnfreunde München e.V.
Eine Trambahn zum Geburtstag
Von Gertraud Dietrich-Stürzer
Obwohl es nun schon 50 Jahre zurückliegt, kann ich mich noch gut erinnern, wie meine Eltern als
treue Abonnenten der Süddeutschen Zeitung mir eines Tages erzählten, dass sich Kinder an einem
Preisausschreiben beteiligten dürften. Im nächsten Jahr, nämlich 1958, würde meine Heimatstadt
München, in der ich auch geboren bin, ihren 800. Geburtstag feiern.
Die Kinderredaktion der Süddeutschen Zeitung hatte Kinder und Jugendliche von fünf bis achtzehn
Jahren anlässlich der 800 - Jahr - Feier dazu aufgefordert, etwas zu basteln, zu zeichnen oder zu
schreiben. Von diesem runden Geburtstagsfest hatte ich bis dahin noch nichts gehört, denn in
Heimatkunde wurde dieses Thema der Stadtgründung erst später, in der vierten Klasse behandelt und
deshalb sagte mir auch die Jahreszahl 1158 nichts, geschweige denn der Name "Heinrich der Löwe".
Aber trotzdem, eines wusste ich sofort, zeichnen, das würde mir vielleicht schon Spaß machen!
Schreiben oder dichten konnte ich mit meinen sieben Jahren noch nicht und das Basteln wäre
altersgemäß fast nur auf einfache Plastilinarbeiten beschränkt gewesen. Meine Zeichnungen fanden
in der Schule eigentlich schon die Anerkennung der Lehrerin. Meistens waren sie im Schulzimmer an
der Wand, oder, wenn sie mir ganz gut gelungen waren, auch auf dem Flur vor unserer Klassenzimmertüre
ausgestellt, sodass sie auch von Kindern fremder Klassen bewundert werden konnten. Ich bekam zwar
in der zweiten Klasse noch keine Noten dafür, aber über kleine Bemerkungen am Bildrand, wie "gut",
"schön" oder "sauber" durfte ich mich fast immer freuen und besonders stolz war ich, wenn das Lob
noch mit einem "sehr" hervorgehoben wurde.
Ich hatte mich also schnell mit dem Gedanken angefreundet, dass ich für mein München ein
Geburtstagsgeschenk zeichnen wollte. Die Trambahn als Motiv habe ich mir deshalb zum Ziel gesetzt,
weil sie für mich die Verbindung vom ruhigen Vorort Waldtrudering zur lebhaften Stadt ab
Steinhausen bedeutete. Ich platzierte mich dann am liebsten gleich hinter dem Führerstand und
beobachtete interessiert, wie die Tram in Bewegung gesetzt und wie teilweise mit einer Eisenstange
vom Fahrer die Weichen gestellt wurden.
Jetzt konnte es losgehen! Auf meinem Zeichenblatt wurden mit Bleistift, ganz sorgfältig, um ja
nicht viel radieren zu müssen, die Waggons zu Papier gebracht, dann die Räder, das Gleis und die
Oberleitung, und nicht zu vergessen, der Stromabnehmer. Auch das Lineal nahm ich zur Hilfe, denn
mein Bild sollte doch eines der schönsten werden und ich wollte selbstverständlich gerne einen
Preis erhalten. Mit meinem Entwurf war ich dann schon sehr zufrieden, zumal ich das Münchner Kindl
an der Seitenfront des Wagens ganz orginalgetreu, abgeschaut von einem Wappenbild, hinbekommen
hatte. Die Bahn wurde von mir zeitgemäß dargestellt, mit den breiten Türen, die manuell zu
schließen waren, den beiden hölzernen langen Sitzreihen und dazwischen den vielen Stehplätzen. Mit
dem Ausmalen hatte ich mit sehr viel Zeit gelassen. Ich besaß noch keinen Malkasten und malte
deshalb ausschließlich mit Farbstiften. Wachsmalkreiden und Filzstifte gab es in meiner
Anfangsschulzeit noch keine. So suchte ich mir das passende Blau unter meinen bunten
Goldfaberstiften heraus und war sehr bemüht, immer in eine Richtung zu malen, genau bis zur
Bleistiftlinie und kein bisschen darüber hinaus. Und bloß den Stift nicht zu fein anspitzen,
sonst sieht man die einzelnen Striche zu sehr. Wie jetzt das Münchener Kindl mit seiner
schwarz-gelben Kutte auf dem weißen Schildgrund hervorleuchtete! Auch ein paar weiß-blaue Münchner
Wölkchen mit einer strahlenden Sonne dazwischen durften nicht fehlen und zu guter Letzt versah ich
mein Gemälde über der unteren Kante mit meinem Namen: Frohnwieser Gertraud, sieben Jahre, München.
Voller Stolz zeigte ich das Kunstwerk meinen Eltern und auch sie versicherten mir, dass es sehr
schön geworden wäre. Dann schickten sie es zum Süddeutschen Verlag und somit begann für mich ein
langes, banges Warten, das sich über einige Monate hinzog, denn allein der Einsendeschluss lag noch in weiter Ferne.
Im Frühjahr nächsten Jahres war es dann so weit. Hoffnungsvoll öffnete ich einen an mich
adressierten Brief, in dem ich mitgeteilt bekam, dass die Teilnahme alle Erwartungen weit
übertroffen und man sich über meinen Beitrag sehr gefreut hätte, es aber leider nicht möglich war,
allen Kindern Preise zu geben. Dafür erhielt ich mit meinen Eltern eine Einladung ins Stadtmuseum,
wo alle vorzeigbaren kindlichen Werke für den Stadtgeburtstag ausgestellt werden sollten. Nach der
ersten kleinen Enttäuschung freute ich mich auf diesen Sonntag, an dem ich meine Tram wiedersehen
durfte und ich war neugierig darauf, was die anderen Kinder sich zum dem Thema ausgedacht hatten.
Da gab es dann wirklich eine erstaunliche Vielzahl von gelungenen Ausstellungsstücken zu bewundern.
Von den traditionellen Sehenswürdigkeiten unserer Stadt fehlte kaum eine: Karls-, Isar- und
Sendlinger Tore aus jedem Material und in jeder Größe waren dabei, 19 chinesische Türme, aus Stroh
oder Sperrholz, 13 Obelisken, viele schöne Frauenkirchen und sogar die moderne Matthäuskirche vom
Sendlinger Tor Platz mit ihrem Achterbahndach habe ich entdeckt, die aus Plastilin ganz
wirklichkeitsgetreu nachgebildet war. Ebenso der Monopteros aus dem Englischen Garten, zu dessen
Füßen sich die Menschen ausruhen. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Zahlreiche Marktfrauen,
der Gaskessel, mehrere Heizkraftwerke, Flugplätze, Denkmäler, Brunnen und auch Straßenbahnen und
Floßfahrten. Mit besonders viel Fleiß wurde von einer Schulklasse ein farbenfrohes Wandbild zum
Oktoberfest geklebt. Das Nymphenburger Schloss mit seinem Park hatte viele beschäftigt und darunter
befand sich auch ein Modell des Eisplatzes zu Füßen der Pagodenburg mit winzigen, tanzenden Pärchen
aus Plastilin, in einer Frost- und Eislandschaft auf einem gläsernen See. Die Räume des
Stadtmuseums glichen einer Art Geschenkezimmer, vollgepackt mit Gaben für die Geburtstagsstadt
München. Mannigfaltige Variationen des Tierparks Hellabrunn gab es zu bestaunen, einmal mosaikartig
aus Buntpapier auf Holz geklebt oder in Gemeinschaftsarbeit, gemalt von einer vierten
Volksschulklasse, wo sich der gesamte Artenreichtum zu Luft, Land und Wasser, zu einem Tierfestzug
formierte.
So bin ich mit meinen Eltern schon eine ganze Zeit durch diese eigene Kinderwelt
gebummelt, am nachgebauten Deutschen Museum vorbei, den farbfrischen Schäfflertanz betrachtend,
weiter zur Steckerlfischbraterei und zu den Ständen der Auer Dult. Ich hatte nun schon so viel
Großartiges und Phantasievolles zu sehen bekommen, aber eines vermisste ich bis dahin immer noch,
nämlich meine Straßenbahn. Zwar musste ich mir selber eingestehen, dass mir meine Zeichnung im
Vergleich zu den großen, reizvollen Arbeiten auf einmal recht klein und einfach erschien und es
kam in mir ein arger Zweifel auf, ob mein Bild hier überhaupt noch zum Vorschein kommen würde.
Vielleicht hatte es auch gar keinen Platz mehr bei so vielen ausgedehnten Stadtlandschaften,
Wandteppichen und Riesengemälden? Jetzt musste ich wieder an den ungefähr 30 Zentimeter hohen
Chinesischen Turm denken, der mich vorhin mächtig in den Bann gezogen hatte. Dieser war nämlich
aus lauter Streichhölzern, wie von Künstlerhand, dicht zusammengefügt und es stand der Name eines
Jungen darunter, der kaum älter war als ich. Dieser Bub hatte bestimmt einen Preis dafür bekommen,
wobei sich wohl keiner vorstellen kann, dass da nicht seine Eltern oder vielleicht größere
Geschwister die Hand im Spiel hatten, im Gegensatz zu meiner Trambahn, die ich ganz alleine
geschaffen hatte. (Ich glaube, das war der Zeitpunkt, wo zum ersten Mal mein Gerechtigkeitssinn in
mir erwacht ist.)
Es hätten tolle Preise gewunken für die Gewinner der Gruppe I, von fünf bis elf
Jahren, der ich auch angehörte: Ein Fahrrad, zwei elektrische Eisenbahnen, drei Armbanduhren, drei
Kasperletheater, drei Tretroller, zwanzig Sportgeräte, dreißig schöne Spiele und viele kleinere
Geldpreise. Während ich noch grübelte und vom Laufen schon ein bisschen müde geworden war,
streiften plötzlich meine Augen eine lange Wand, an der in Sichthöhe eine Trambahnzeichnung an die
andere gereiht war und nach Sekunden heftete sich mein Blick gebannt auf meine Trambahn. Endlich
hatte ich sie entdeckt! Meine Eltern mussten direkt meine Jubelschreie unterdrücken, denn ziemlich
laut entfuhr es mir immer wieder: "Ui, do schauts her, mei Trambahn! Do is mei Trambahn! Jetz is
mei Trambahn doch ausg'stellt!" Ich war außer mir vor Freude und der kleine Kummer von vorhin war
schnell wieder vergessen. Nun war ich glücklich, die Stadt hatte mein Geburtstagsgeschenk
angenommen!
Zum Andenken bekam jeder Teilnehmer für seinen Fleiß und seine Kunstfertigkeit einen Almanach
geschenkt, der eine kleine Auswahl der 5425 Arbeiten zeigt. Hier sind auch die Gedanken eines
zehnjährigen Karl festgehalten, der ebenfalls unter anderem eine Trambahn mit unserer Stadt verband.
Er schrieb:
Das könnte sein
In München, da ist viel Verkehr,
es fahren Autos hin und her.
Am Zeitungsstand stehn Leute an.
Nebenan, da quietscht der Kran.
Der Schutzmann pfeift mit seiner Pfeife
Nach dem Fräulein mit der Schleife.
Die Trambahntür wird aufgerissen
Und von anderen zugeschmissen.
Wenn dieser Lärm schon wär 800 Jahr,
dann wärn die Münchner alle schon in Haar.
Diese kindliche Erfahrung des Preisausschreibens und noch ein weiteres fantastisches Ereignis für
alle Bürger sind für mich der Schlüssel zur Erinnerung, wie ich als achtjähriges Mädchen das
Stadtgründungsfest, das am 14. Juni begangen wird, erlebte:
Einen sehr nachhaltigen Eindruck für mein ganzes Leben hinterließ nämlich auch ein gigantisches
Feuerwerk, das zum Stadtjubiläum auf der Theresienwiese abgebrannt wurde. Ich durfte an diesem
Abend ausnahmsweise sehr lange aufbleiben, denn es war Sommer und da wird es ja erst sehr spät
dunkel. Sicher konnte ich am nächsten Morgen ausschlafen und musste nicht in die Schule und so
stand ich mit meinen Eltern sehr dicht gedrängt auf der riesengroßen Fläche und wartete auf den
Einbruch der Finsternis. Ich hatte schon Angst, überhaupt nichts zu sehen unter den vielen
Erwachsenen. Aber glücklicherweise spielte sich der gewaltige Lichterzauber hauptsächlich am
Himmel ab, sodass auch ich auf meine Kosten kam. Die Begeisterung Tausender äußerte sich in
pausenlosem Raunen und Jubel! Ich war wie verzaubert. Auch kann ich mich noch genau erinnern,
dass ich die kleineren Kinder beneidete, die es sich auf den Schultern ihrer Väter bequem machen
durften und ihren erhöhten Logenplatz genießen konnten. Mein Vater hat es gutmütiger Weise auch mit
mir probiert, denn er wollte mir gerne diese Freude machen, aber schon nach ein paar Minuten wurde
ich ihm zu schwer und bin deshalb schnell wieder am Boden gelandet.
Bestimmt standen noch viel mehr Festlichkeiten, die sich über Tage hinstreckten auf dem Programm
des damaligen Oberbürgermeisters Thomas Wimmer, die sich aber leider meinem Wissen entziehen.
Folgendes Gedicht aus dem Almanach habe ich mir jedoch eingeprägt, denn der Kinderreim hat auch
nach der 800 Jahrfeier nicht seinen Sinn verloren:
800 Jahr' ist München schon,
die Stadt, in der so gern ich wohn'.
Ach lieber Gott, behüt' die Stadt,
damit mein Kind sie auch noch hat!
Und wenn meine beiden Münchner Kinder Glück haben, dann dürfen sie 83 und 86-jährig die
900-Jahrfeier noch miterleben und vielleicht zeichnen dann deren Enkel oder Urenkel irgendeinen
"Interrapid-Schienen-Runner", eine Bahngeneration, die sich unseren heutigen Vorstellungen völlig
entzieht. Eine Trambahn von damals wird es jedenfalls nicht mehr sein!
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