Kettenkarussell
Bild: Klaus Roth

Die Wiesn und die Metaphysik







Von Klaus Roth
 
Der Abend naht, noch schnell den Bavaria-Ring überqueren und schon sind wir mittendrin, sind wir Teil der Menschenmenge, die am Toboggan vorbeizieht, der Duft von gebrannten Mandeln erinnert an Kindertage, schau, dort drüben links das Riesenrad... all die Standln mit Lebkuchenherzen und Zuckerwatte, Geisterbahn, Kettenkarussell, Loopings, Top-Spin und Star-Flyer und wie sie alle heißen, Irrgarten, Wilde Maus und "Auf geht's beim Schichtl". Vielleicht mal eine Runde mit dem Autoscooter drehen? Die Achterbahn fehlt auch nicht, natürlich ist sie fertig aufgebaut, keine "Siebnerbahn" wie bei Karl Valentin. Für Nostalgiker gibt's das Kinderkarussell und den Glückshafen.
Wir schaun und schlendern, schlendern und schaun, nehmen die zahllosen Eindrücke auf oder lassen sie eher wie in Trance durch uns hindurchgehen. Gerade jetzt, in dieser Stunde der Dämmerung, wird die metaphysische Dimension Münchens im Allgemeinen und des Oktoberfests im Speziellen unmittelbar erfahrbar.
Im abendlichen Zwielicht des Spätsommers gewinnt die Welt eine ganz eigene Qualität. Die Dinge offenbaren eine unbekannte Seite, es treten Wesenszüge zutage, die sowohl bei Tageslicht als auch in der Nacht verborgen bleiben. Die Dämmerung hat etwas Leises und Feines und Zartes, geradezu Impressionistisches - es ist die Zeit der Zwischentöne, die sich nur schwer artikulieren lassen. Darüber ließe sich lange philosophieren.
So treiben wir dahin, und so lassen wir uns treiben zwischen Urmünchnern, Möchtegernmünchnern, professionellen Trachtlern sowie Nichtmünchnern unterschiedlichster Provenienz - Auswärtige, Zuagroaste, Münchenfreunde aus Nah und Fern, alle sind sie hergekommen, um Teil des Wiesngeschehens zu werden. Hier werden Brücken gebaut von Mensch zu Mensch, ganz ohne sozialen oder politischen Imperativ.
Allmählich bestimmt das künstliche Licht mit seiner Vielfarbigkeit das Bild. Die Fahrgeschäfte, die Standln... alles trägt seine individuelle Lichtsignatur. Ein Meer von bunten Lichtern, wogend und blinkend.
Wir sind im Fluss, bleiben im Fluss, drehen unsere Runde durch die Seele der Wiesn und Münchens. In den Zelten tobt und brodelt das Leben, krachert geht's zu.
Jetzt wird's aber gleich finster - schnell zwei, drei Fotos machen, absichtlich verwackelt, die Spuren der Lichter als gezackte Linien, skurrile Geometrie der Dämmerung.
Ein kleiner Hunger meldet sich zu Wort, eine Ochsensemmel wär jetzt grad recht, also in der Ochsenbraterei anstehn und dann draußen andächtig diese rituelle Stärkung verzehren, draußen, wo die Welt und die Wiesn mittlerweile ganz anders ausschaun - kraftvoller, direkter. Die Zwischentöne sind entschwunden, das nächtliche Leben erwacht.
Vielleicht trinken wir zur Abrundung dieses metaphysischen Wiesnbummels noch einen Enzian und machen uns dann gemächlichen Schrittes auf den Heimweg...



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