Bild: Seebauer
Glockenbachträume mit Unterbrechung
Von Ruth Seebauer
13. November 2007. Früher Nachmittag. Ich bin mit dem Fahrrad unterwegs vom Alten Südlichen Friedhof, über den
Westermühlbach, durch die Holzstraße, am Glockenbach-Spielplatz vorbei in die Baumstraße. Die Namen der Straßen
des Viertels versetzen mich zurück in die Zeit der Bäche, Mühlen und Handwerksbetriebe. Vor Hunderten von Jahren
hatte sich hier vor allem Holz verarbeitendes Gewerbe angesiedelt. Man bediente sich der Wasserkraft aus einem
Netz an Bächen, die südlich der Stadtmauer, außerhalb des Sendlinger Tors gezogen und vom Wasser der Isar gespeist
waren. An der heutigen Holzstraße gab es eine Holzlände. Baumstämme aus den Bergen wurden den langen Weg Isar
abwärts nach München geflößt.
Ein Glockengußhaus in der Nähe des „Gottesackers“ in der heutigen Pestalozzistraße, früher Glockenstraße und der
Bach daneben gaben dem Viertel seinen klingenden Namen „Glockenbach“.
Unterhalb der Anwesen der Baumstraße mit geraden Nummern floss der Pesenbach. Im Keller des Hauses Nummer 4
erinnert noch heute das gemauerte Bachbett an ihn. Er versorgte noch bis vor 60 Jahren eine Drechslerei im
Hinterhof und später eine Bäckerei-Konditorei mit Wasserkraft. Das Vorderhaus verfügte über ein eigenes Wasserrad,
dessen Energie über eine Transmissionswelle bis ins Hinterhaus weitergeleitet wurde. Frau Bernecker, die
inzwischen verstorbene Hausbesitzerin wusste von Hitler, dass er die Bäche zuschütten ließ, um die Elektrifizierung
voranzutreiben.
Es ist stürmisch und kalt. Jäh werde ich aus meinen Träumen über unser Stadt-viertel gerissen. Vor dem Haus
Nummer 6 neben einer Baustelle weht mir starker Gasgeruch entgegen. Ich rationalisiere: Es wird nichts Schlimmes
sein. Zuhause schnuppere ich am Balkon in die Luft: Eindeutig Gas. Noch mal runter und rüber. Ein Bauarbeiter
radebrecht etwas von Unfall. Soll ich die Feuerwehr verständigen? Er nickt. So schnell hatte ich die drei
Stockwerke im Zweistufenschritt zu unserer Wohnung noch nie genommen. Atemloser Anruf unter 112.
Keine fünf Minuten später: Großeinsatz der Feuerwehr, Polizei und Stadtwerke. Straßensperren für den
Durchgangsverkehr. Neugierige Anwohner werden höflich aufgefordert, sich schleunigst zu entfernen. Der Standort
sei gefährlich. Ein Feuerwehrmann mit Gasmaske und Sauerstoffflasche am Rücken taucht in den Keller ab. Gehen wir
alle in die Luft, bevor der Schaden behoben ist?
Es ist gut für uns ausgegangen. Wir können weiter träumen, vielleicht diesmal vom Maler Carl Spitzweg, von den
Baumeistern Friedrich von Gärtner und Leo Klenze, dem Zimmerermeister Michael Reiffenstuel , dem Hygieniker Max
von Pettenkofer oder dem Chloroform-Erfinder Justus von Liebig, die wir im nahen Alten Südfriedhof - dem
ehemaligen Pestfriedhof aus dem 16. Jahrhundert – bei unserem nächsten Spaziergang besuchen?
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