Maximiliansbrücke

Brücken, Straßen, Stadt - Nachdenkliches zum Geburtstag



Von Wilhelm Kuny
 
"Brücken bauen" ist das Motto zum 850jährigen Geburtstag unserer Stadt München. In der Tat verbindet sich eine Brücke oder der Streit um eine Brücke mit der Erstnennung des Namens München. Und gleichsam wie Athene, dem Haupt des Zeus entsprungen, steht zum 14.6.1158, dem Datum des Augsburger Schieds, München fertig vor uns, mit Markt, Münze, Brücke und der damit verbundenen einträglichen Zolleinnahme. Auch wenn der Historiker Lorenz Maier (1) vermutet, dass die den Streit mit dem Freisinger Bischof Otto auslösenden Handlungen Heinrichs des Löwen wohl bereits in das Jahr 1157 fallen, so erscheint mir die Zeitspanne bis zur Verkündung des Augsburger Schieds für die Schaffung der notwendigen Voraussetzungen für die darin genannten Funktionen der Neugründung doch etwas sehr kurz bemessen; es muß also bereits vorher ein bislang unbekanntes, eine Art "München in Ansätzen" existiert haben, dem man diese Aufgaben übertragen konnte. Hierüber sind schon viele kluge Gedanken gewälzt worden und vor den Römern wurden sogar schon die Vasconen, ein Volksstamm, von dem auch die heute im spanisch-französischen Grenzgebiet lebenden Basken abstammen sollen, als Gründer eines "Urmünchens" bemüht.

Für mich freilich bilden Straßen die eigentlichen Brücken, die Länder und Kontinente überbrücken, bis, ja bis sie irgendwo von einem Fluß oder Flüßchen in ihrem ungestümen Lauf plötzlich gestoppt werden. Natürlich kann man so eine Stelle auch mit einer Fähre oder bisweilen sogar ohne fremde Hilfe in einer Furt überwinden. Aber immerhin, ihr Lauf ist unterbrochen und so wünscht man sich eben eine dauerhafte, jederzeit benutzbare Ersatzlösung: eine Brücke.

Doch was ist im umgekehrten Fall: man hat eine Brücke aber keinen Anschluß? Der Fall ist nur scheinbar utopisch: In den 70er Jahren, als man noch von einer Voralpenautobahn träumte, stellte man über den Rohrbachtobel südwestlich von Kempten im Zug der heutigen A 980/B12 - auch heute noch immer nur ein nicht einmal 13 Kilomenter langer Autobahntorso zwischen dem Allgäukreuz und Buchenberg - inmitten eines Weidegebiets eine vierspurige Autobahnbrücke fertig; das Allgäukreuz war noch nicht einmal begonnen. Und nicht nur die Lokalpresse goß ihre Häme aus: "Kuhweide mit Autobahnanschluß" hieß es zum Beispiel.

Und wie war es da wohl zu Heinrichs Zeiten? Bei der angenommenen kurzen Vorbereitungszeit gewinnt man tatsächlich den Eindruck einer Nacht- und Nebelaktion: Da wird rasch irgendwo eine Brücke zusammengezimmert, die Konkurrenzbrücke "warm" abgebrochen und darüber hat man die Straßenanschlüsse vollständig übersehen. Eine Brücke im "Niemandsland"!? Dabei war ja gerade die Gewinnung der schweren, aber einträglichen Salztransporte ein vorrangiges Ziel! Und so werden m.E. bei der Behandlung der "Gründung Münchens" die Wahl der genauen Ortslage für die neue Brücke und das Verkehrsproblem bisher noch immer gänzlich ausgeklammert.

Fragen wir also primär nach den verantwortlichen Straßenbauern. Nachdem es bis zum Beginn der staatlichen Landesvermessung in Bayern um 1800 außer Pilgerwegskarten keine Landkarten gibt, die auch Straßen verzeichnen, sind wir in der Tat auf die römischen Itinerare als die einzigen Quellen angewiesen. Doch deren Angaben sind nicht nur im Münchner Raum höchst spärlich. Nicht einmal der Isarübergang, den man in die Gegend südlich Grünwalds legt, ist darin verzeichnet; man erschließt ihn aus den Nachbarstationen Isinisca/Helfendorf und Bratananium/Gauting bzw. Ambra/Schöngeising und Funde von Straßenresten vor allem im Grünwalder und Deisenhofener Forst und im Forstenrieder Park. Andererseits hat man römische Funde etwa aus der Oberföhringer Umgebung, denen man einen dortigen, allerdings gleichfalls nirgends dokumentierten (2) römischen Übergang und die spätere bischöfliche Brücke zurechnet. Auch wo genau dieser Übergang gelegen haben soll, ist unbekannt. Wenn man sich aber den Isarlauf zwischen diesen beiden Grenzpunkten genauer ansieht, wie ihn etwa die Münchner Maler des 18. und 19. Jahrhunderts - z.B. Wilhelm von Kobell (1766-1855) oder Ernst Kaiser (1803-1865) - darstellten oder wie er zu Heinrichs Zeiten ausgesehen haben könnte, muß man sich eigentlich wundern, dass die Römer - oder zuvor noch die Kelten - diesen Bereich gänzlich gemieden haben sollten: Nachdem die Isar bei Thalkirchen aus der schluchtartigen Talenge ausgetreten ist, weitet sich das Tal und die Isar breitet sich aus, die Uferhöhen nehmen ab und insbesondere das westliche Ufer scheint gar zu verschwinden...

Diese Chancen sollen den Römern, die ihre Nachwelt bis in die Neuzeit hinein mit ihren optimal geplanten Trassen und dauerhaften Straßenkonstruktionen versorgt haben, verborgen geblieben sein?! Undenkbar! Auch wenn sie wegen der für sie geringeren strategischen Bedeutung dieser Trasse dafür vielleicht keine Brücke gebaut haben sollten, eine Furt sollte doch wenigstens bestanden haben. Und so haben wir auf Grund unserer Altstraßenforschung Anzeichen, dass es neben der bekannten und überlieferten Trasse Helfendorf-Deisenhofen-Isarübergang bei Grünwald-Gauting-Augsburg eine "Parallele" Helfendorf-Siegertsbrunn-Trudering-Berg am Laim-Isarübergang unmittelbar unterhalb der Corneliusbrücke-Sendlingertorplatz-Dachau-Augsburg gab, die ihrerseits mit der erstgenannten und weiteren Römerstraßen - z.B. durch den Ebersberger Forst - über zahlreiche Querverbindungen verknüpft war. Zu diesen "weiteren Römerstraßen" zählt insbesondere eine, die über Kempten aus dem Bodenseegebiet kommend, die Via Claudia und die römische Brennerstraße kreuzend, von Gauting aus über Neuried-Lindwurm-Sendlinger-Königinstraße und entlang der B 11-alt - nicht zu glauben: das "Atomei" steht darauf! - bis zur Donau vorstößt. Nachdem diese die vorgenannte "Parallele" am Sendlingertorplatz kreuzt, ist es geradezu verlockend, hieraus ein römisches "Vormünchen" konstruieren zu wollen. Wenn auch die Jahrhunderte überdauernde Qualität des römischen Straßenbaus wie eine Art Gedächtnis prägend auf den Verlauf jüngerer Straßen wirkt - die Züge Gautinger-Lindwurm-Sendlinger-Königinstraße und Dachauerstraße sind noch heute im Stadtbild erkennbar -, so scheint doch speziell der älteste Münchner Ortskern aufgrund seiner Struktur eine Neugründung zu sein. Immerhin existiert an dessen Westrand zwischen Sendlingerstraße und Herzog-Wilhelm-Straße - ausgerechnet im Zwickel zwischen den beiden sich kreuzenden Römerstraßen - im Hackenviertel am heutigen Altheimer Eck und der Hackenstraße eine auffällige Störung, die bereits vor dem "1158-München" bestanden haben muß. Immerhin gibt der Name "Altheimer Eck" zu denken, wenn man berücksichtigt, dass z.B. im Shell-Straßenatlas unter insgesamt 344 Alt-Orten immerhin noch zehn gleichsam "anonyme" Altdorf, 7 Altendorf, 6 Altenkirchen, 4 Altenmarkt, 6 Altenstadt, 12 Altheim und 4 Altstadt/städten/stetten verzeichnet sind, die vermutlich ihre seinerzeitigen Bewohnern mehr oder weniger aufgaben und den ursprünglichen Namen auf ihre Neugründung übertrugen oder dafür auch gleich einen neuen Namen fanden. So wie etwa Schongau entstand und ein Altenstadt zurückblieb.

Interessant ist aber auch unser Nachweis des (römischen) Isarübergangs unmittelbar unterhalb der Corneliusbrücke insofern, als ihn auch Chr. Behrer (3) vermutet, freilich nicht an Römer denkt und deswegen auch im Stadtbereich keine Römerspuren findet: "Auf Höhe der Altstadt im Bereich der heutigen Kohleninsel (Deutsches Museum) existierte aber wohl schon immer eine Furt: die Isar verliert an dieser Stelle durch Mäander und Inseln ihre Tiefe". Denn damit scheint zumindest der Ort des Brückenschlags Heinrich des Löwen begründet: Dessen Brückenort - man identifiziert die Ludwigsbrücke mit Heinrichs Brücke - liegt nur gerade 530 Meter unterhalb des römischen Übergangs. Damit führen die seit alters her wichtigen Straßenanschlüsse zumindest in die Nähe des neuen Brückenorts.

Ad multos annos - Auf die nächsten 1000 Jahre!

P.S.: Die "Sache München" hatte freilich wegen ihres "großen Erfolgs" kaum 50 Jahre später ein fast identisches Nachspiel: Wieder ging es um eine Brücke, von München aus nur 60 Kilometer isarabwärts, wieder gehörte sie einem Bischof - dem von Regensburg nämlich -, und wieder war es der Anlaß einer Stadtgründung: 1204 gründete der wittelsbachische Herzog Ludwig der Kelheimer Landshut. Allerdings fand man neuerdings bei Grabungen in der dortigen Stadtresidenz Reste eines Hauses, die auf eine Besiedlung des Altstadtgebiets bereits im 11. Jahrhundert hindeuten. Damit wäre Landshut als Siedlung nachweislich sogar noch etwas älter als München. Und der ehemalige Landshuter Stadtarchivar Georg Spitzelberger vermutet auf Grund seiner Altstraßenforschung sogar, dass bereits die Römer in dieser Gegend die Isar überquert haben, und da sind wir mit ihm nach eigenen Befunden einig. Doch deswegen ist auch Landshut ebenso wenig (oder noch weniger) eine römische Gründung wie München; das römische Jovisura oder Ad isaram lag eher auf der Sonnenseite des Tals bei Altdorf (!) oder noch eher beim Koislhof nahe Altheim (!).


(1) Stadt und Herrschaft, Miscellana Bavarica Monacensia 147, 1989
(2) Dieser Übergang wird immer wieder und ausschließlich einer Verbindung nach Wels zugerechnet. Nach dem Antoninischen Itinerar führte die Verbindung Augsburg-Wels jedoch über Salzburg und damit über Grünwald!
(3) Das unterirdische München, 2001



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