Dramatischer Einbruch bei Gewerbesteuereinnahmen:
OB Ude verhängt Haushaltssperre
(3.4.2009) In einem gemeinsamen Pressegespräch legten Oberbürgermeister
Christian Ude und Stadtkämmerer Dr. Ernst Wolowicz die aktuelle
Finanzsituation der Stadt und die sich daraus ergebenden Konsequenzen
für den Stadthaushalt dar.
„München steht bei Vergleichen der Wirtschaftsstandorte in Deutschland
ganz vorne. Aber in der schwersten Wirtschaftskrise seit 1945 kann auch
München keine Insel der Seligen sein.
Die Auswirkungen der weltweiten Rezession und der Finanzkrise treffen in
den letzten Wochen verstärkt Münchner Unternehmen. Viele der gewerbesteuerstarken
Unternehmen sind sehr exportabhängig. Alle Prognosen
gehen davon aus, dass Aufträge aus dem Ausland weiterhin drastisch zurückgehen
werden. Das Vorratspolster aus Aufträgen aus dem vergangenen
Jahr schmilzt immer mehr, neue Aufträge sind angesichts der weltweiten
Unsicherheit schwer zu bekommen. Hinzu kommt, dass wegen
der rezessiven Entwicklung auch der größte Nachfragefaktor aus dem Inland,
die Nachfrage der privaten Haushalte, real zurückgeht. (Bundesweit
gingen die Umsätze im Einzelhandel in den ersten beiden Monaten 2009
real um 3,5 Prozent im Vergleich zu 2008 zurück.)
Drastischer Einbruch bei den Gewerbesteuereinnahmen hat
begonnen
Aus der verschlechterten Lage der Münchner Unternehmen resultieren für
die Stadt verringerte Einnahmeprognosen für die Gewerbesteuer. In den
letzten Wochen haben zunehmend Unternehmen ihre Gewerbesteuervorauszahlungen
reduziert oder gar auf Null gesetzt. Obwohl beim Gewerbesteueransatz
2009 bereits ein konjunktureller Risikoabschlag von 100 Millionen
Euro gegenüber der Prognose des Arbeitskreises Steuerschätzung
des Bundesfinanzministeriums berücksichtigt wurde, zeichnet sich bereits
jetzt ab, dass der Ansatz von 1.580 Millionen Euro nicht erreicht werden
wird. Nach derzeitigem Stand können die Gewerbesteuereinnahmen auf
eine Größenordnung von 1.200 bis 1.400 Millionen Euro zurückgehen. Im
Mai tagt der Arbeitskreis Steuerschätzung erneut. Die Stadtkämmerei
wird auf der Grundlage der Ergebnisse dieser neuen Steuerschätzung die
Einnahmeprognose für den 1. Nachtragshaushalt 2009 (Vollversammlung
24. Juni 2009) aktualisieren.
Hinzu kommt, dass aufgrund von schlechten Jahresergebnissen 2008 einiger
Unternehmen bereits über 100 Millionen Euro im vergangenen Jahr
schon vereinnahmte Gewerbesteuervorauszahlungen nun zurückbezahlt
werden mussten. Es ist schwer vorhersehbar, wie sich diese Gewerbesteuerrückzahlungen
im Laufe des Jahres entwickeln werden, sie stellen
aber auf jeden Fall einen zusätzlichen Risikofaktor für die städtischen Finanzen
dar.
Ansteigende Arbeitslosigkeit wird Haushalt belasten
München hat im Städtevergleich eine sehr geringe Arbeitslosenquote.
Aber auch in der Landeshauptstadt werden bei einer anhaltenden Rezession
Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit zunehmen. Die Stadt muss daher in diesem
Fall zum einen mit geringeren Einnahmen aus dem ihr zustehenden
Anteil an der Lohn- und Einkommensteuer rechnen, zum anderen mit der
Zunahme von sozialen Problemen und steigenden Ausgaben im Sozialbereich.
Im Finanzhaushalt 2009 Defizit von 180 Millionen Euro möglich statt
Überschuss von 297 Millionen Euro
Insgesamt würde sich bei der Annahme einer Gewerbesteuereinnahme
2009 in Höhe von 1.250 Millionen Euro und – unter Berücksichtigung der
durch den Stadtrat seit der Erstellung des Schlussabgleichs zum Haushaltsplan
2009 gefassten finanzwirksamen Beschlüsse und der erfolgten
Gewerbesteuerrückzahlungen (zusammen zirka 150 Millionen Euro) – im
Finanzhaushalt 2009 ein Defizit von über 180 Millionen Euro bei der laufenden Verwaltungstätigkeit ergeben, nachdem zum Schlussabgleich 2009
noch mit einem Überschuss von 297 Millionen Euro gerechnet werden
konnte.
Die durch die weltweite Rezession bewirkten drastischen Steuereinnahmeeinbrüche
können durch städtische Maßnahmen nicht kompensiert
werden. Sie können reduziert werden.
Haushaltssperre
Oberbürgermeister Christian Ude hat daher heute eine Haushaltssperre
verfügt. Die Sperre erfolgt in folgenden Bereichen:
Damit werden Auszahlungen der Stadtverwaltung in einem Umfang von
27,6 Millionen Euro zunächst gesperrt und dann in den beiden Nachtragshaushalten
2009 dementsprechend reduziert. Die Sperre gilt ab sofort.
Der Stadtrat hat in der Vollversammlung am 22. April die Möglichkeit, dieser
Sperre zuzustimmen, sie aufzuheben oder zu verändern.
Im Gegensatz zur Haushaltssperre 2002 sind gesetzliche und freiwillige
Sozialleistungen sowie die Zuschüsse der Stadt an Dritte (zum Beispiel an
Sportvereine, Wohlfahrtsverbände, Kulturvereine) davon ausgenommen.
In einer Zeit zunehmender sozialer Probleme wäre es unsinnig, zuerst
kurzfristig bei Sozialleistungen zu sparen, um sie dann der Not gehorchend
wieder zu erhöhen. Zudem besteht für viele freiwillige Leistungen an Dritte
Vertrauensschutz, sie könnten im laufenden Haushalts- und Zuschussjahr
2009 gar nicht reduziert werden.
Von der Sperre ebenfalls nicht betroffen sind die Investitionen. München
bleibt hier seiner langjährigen antizyklischen Politik treu, gerade auch in
finanziell schlechten Zeiten viel zu investieren. So werden Arbeitsplätze
gesichert und der Wirtschaftsstandort München gestärkt. Die Stadt wird
dieses Jahr über 600 Millionen Euro investieren.
Referate müssen Personalkostensteigerungen 2009 ausgleichen
Zusätzlich zur Haushaltssperre sollen die Personalkosten in diesem Jahr
nicht steigen, obwohl die tariflich vereinbarte Steigerung der Beamtenbesoldung
und weitere kleinere Maßnahmen im Volumen von über 18,6 Millionen
Euro noch nicht im Haushalt 2009 eingeplant sind. Diese Lücke von
über 18 Millionen Euro soll durch Einsparungen an anderer Stelle im Personalbereich
kompensiert werden.
Damit die städtischen Finanzen stabil bleiben: 4. Haushalts- sicherungskonzept
gilt weiter und neues 5. Haushalts- sicherungskonzept
Die finanzielle Lage der Stadt wird voraussichtlich nicht nur in diesem Jahr
schlecht sein, da sich die Krise nach Meinung vieler Experten auch noch
im nächsten Jahr fortsetzen wird.
München hat die Konsolidierung auch in finanziell guten Zeiten fortgeführt.
Das 2. und das 4. Haushaltssicherungskonzept (HSK) wurden auch in den
Zeiten guter Einnahmen fortgesetzt. Auch deswegen konnten in den Jahren
2006 bis 2008 über 1.100 Millionen Euro an Schulden zurückgezahlt
werden.
Angesichts des zu erwartenden dramatischen Einbruchs bei den Steuereinnahmen
und der daraus resultierenden Defizite sowohl im Finanz- als
auch im Ergebnishaushalt ist eine weitergehende Konsolidierung nötig.
Die SPD-Stadtratsfraktion und die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen – Rosa
Liste haben im Sommer 2008 den Antrag gestellt, die Stadtkämmerei solle
dem Stadtrat rechtzeitig vor der Beschlussfassung über den Haushalt
2010 einen Vorschlag zur Fortsetzung der Konsolidierung vorlegen.
Die Stadtkämmerei schlägt dem Stadtrat nun folgendes Konzept zur Beschlussfassung
vor:
- a) Planmäßige Fortsetzung des 4. Haushaltssicherungskonzept bis
2011
Das bereits beschlossene 4. Haushaltssicherungskonzept soll planmäßig
bis 2011 fortgesetzt werden. Dadurch entsteht eine Saldoverbesserung
von insgesamt 39,5 Millionen Euro, wovon 2009 15,7 Millionen
Euro, 2010 13,1 Millionen Euro und 2011 10,7 Millionen Euro wirksam
werden.
- b) Grundsätzlich keine Steigerung der Personalkosten
Nach dem Vorschlag der Stadtkämmerei für das 5. Haushaltskonsolidierungskonzept
erfolgt grundsätzlich keine Steigerung der Personalkosten.
Ausgenommen davon ist der so genannte nicht-disponible
Bereich (Kinderbetreuung, Schulen, Berufsfeuerwehr) und der Bereich
des so genannten Investitionsschutzes (für neue Einrichtungen muss
auch dauerhaft das dafür notwendige Personal finanziert werden).
Als Erleichterung für die Referate wird dem Stadtrat im neuen 5. Haushaltskonsolidierungskonzept
vorgeschlagen, dass Gehalts- beziehungsweise
Besoldungserhöhungen, die über ein Prozent p.a. hinausgehen,
zentral finanziert werden.
Damit würde für alle Beteiligten Planungssicherheit herrschen.
-
c) Grundsätzlich keine Steigerung der Sachkosten
Auch Sachkostensteigerungen müssen nach dem Vorschlag der Stadtkämmerei
für das 5. Haushaltssicherungskonzept vollständig aus den
Referatsbudgets finanziert werden.
Bei drei wenig bis gar nicht von den Referaten zu beeinflussenden
Kostenarten (Energiekosten, Fremdanmietungen, Reinigung) sollen
gemäß dem vorgeschlagenen 5. Haushaltssicherungskonzept in Zukunft
die Kostensteigerungen über fünf Prozent p.a. zentral finanziert
werden.
-
d) Überprüfung von Standards
Die Kämmerei schlägt vor, dass alle Referate dem Stadtrat bis zu den
Beratungen des Haushalts 2010 in den Fachausschüssen im Oktober
2009 Vorschläge unterbreiten müssen, wie durch Überprüfung städtischer
Standards Einsparungen erreicht werden können, ohne dabei
unvertretbare Qualitätsverschlechterungen in Kauf nehmen zu müssen.
Hierbei geht es beispielsweise um Fallzahlen, Betreuungsschlüssel,
durchschnittliche Wartezeiten, Flächenstandards und Zuschuss-Standards
an Dritte. Soweit möglich und sinnvoll wären hierbei natürlich
Städtevergleiche hilfreich.
-
e) Eventuelle unterjährige Haushaltsausweitungen nur noch im Juli
des laufenden Jahres
Bisher erfolgte in jeder Vollversammlung des Stadrates eine Ausweitung
des Haushaltes durch Einzelbeschlüsse. Diese summierten sich
besonders in konjunkturell guten Zeiten bis Jahresende auf erhebliche
Summen.
Die Kämmerei schlägt dem Stadtrat vor, ab sofort mit Ausnahme
eilbedürftiger Entscheidungen über die eventuelle Finanzierung von
Vorhaben, die zu einmaligen bzw. auch strukturellen Haushaltsausweitungen
führen, nur noch im neuen Steuerungs-und Finanzplenum Ende
Juli des laufenden Jahres zu entscheiden.
Dies macht eine Salamitaktik unmöglich. Der Stadtrat hat zu diesem
Zeitpunkt einen Gesamtüberblick über die Wünsche und eine validere
Prognose über die voraussichtlichen Jahres-Steuereinnahmen.
Die Vollversammlung am 22. April entscheidet
Sowohl über diesen Vorschlag zur konsequenten weiteren Haushaltskonsolidierung
wie über das Fortgelten der Haushaltssperre 2009 wird die
Vollversammlung des Stadtrates am 22. April beraten und entscheiden.
München handelt schnell (Haushaltssperre) und konsequent (Fortsetzung
der Haushaltskonsolidierung).“
Pressedienst der Landeshauptstadt München mit Terminen,

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