Gruppenfoto
German Kral, Pia Strietmann, Pary El-Qalqili, Stefanie Brockhaus, Mickel Rentsch

Jurybegründungen für die Starter-Filmpreise 2009

„Der letzte Applaus“ von German Kral

German Krals 90-minütiger Dokumentarfilm „Der letzte Applaus – El ultimo Aplauso“ erzählt das bewegende Leben von vier in die Jahre gekommenen Tangosängern in Buenos Aires. Die Bar „El Chino“ bietet ihnen nicht nur die Möglichkeit, vor Publikum aufzutreten, sie finden dort auch ihre geistige Heimat. Der Tod des Barbesitzers entwurzelt die Sänger, der Kontakt zueinander und in gewisser Weise auch zum Puls des Lebens bricht ab. Bis sie von einem jungen Orchester unverhofft die Möglichkeit bekommen, an Vergangenes anzuknüpfen, indem sie mit der nachfolgenden Generation erneut wieder auf der Bühne stehen können.

In den letzten 10 Jahren reiste German Kral mit seinem Team mehrmals nach Buenos Aires, um Entwicklung und Veränderung seiner Protagonisten zu dokumentieren. Diese lange Beobachtungszeit und bemerkenswerte Interviews ermöglichen ein authentisches und umfassendes Bild dieser Sänger, das dem Zuschauer elliptisch nahe gebracht wird. So gibt der Regisseur jeder Person einen eigenen Schwerpunkt, ohne aber weitere, tiefer gehende Facetten auszusparen. Er ist den Menschen sehr nah, doch nicht aufdringlich. Wo sie selbst nicht mehr sprechen können, übernehmen es ihre Lieder. So gelingt es German Kral, die Personen mit der sie umgebenden künstlerischen Aura auf die Leinwand zu bringen.

Die technische Herausforderung, Liedern und Auftritten durch den Schnitt wieder eine Kontinuität in Bild und Ton zu verleihen, ist im Film unmerklich gemeistert worden. Eine unkonventionelle Erzählstruktur hält den Zuschauer zu jeder Minute in der Geschichte, die grandiose Kamera verwöhnt ihn mit kostbaren Momenten: die erste Begegnung mit dem jungen Orchester; Inès’ erstes Vorsingen, ohne Mantel und Tasche abzulegen; Stimmübungen auf einer stinkenden Gemeinschaftstoilette.

Das Portrait der Sänger ist so klar, positiv und liebevoll, dass es zugleich eine Hommage an das Leben mit all seinen Schattenseiten ist, so dass die hartnäckige Arbeit German Krals ganz beiläufig von Großem erzählt: von Hoffnung, Schmerz, Entwurzelung, (Sehn-)Sucht, vom Erbe der Generationen, dem Tango und ... von Volver.

„Aus dem Tritt“ von Pia Strietmann

Zweifelhaft ist die Beziehung von Hannes zu seiner 14-jährigen Tochter Katja – zumindest kann dies der Betrachter von Pia Strietmanns Übungsfilm „Aus dem Tritt“ vermuten. Oder haben die beiden doch nur ein besonders liebevolles Verhältnis zueinander?

Nur auf den ersten, oberflächlichen Blick scheint es, als ob die Autorin / Regisseurin diese Frage zum Thema ihres Films erhebt. Präzise und eindeutig bezieht die Regisseurin Stellung und zeigt uns anhand von komplexen Figuren, deren Background sich dem Zuschauer in reduzierten, auf den Punkt gebrachten Dialogen und Handlungen erschließt, dass die Wahrheit immer im Auge des Betrachters liegt.

Pia Strietmanns genauem Blick, ihrem Mut, neben drei Schauspielern eine talentierte Newcomerin zu besetzen, und der Qualität ihrer Schauspielerführung ist es zu verdanken, dass 29 Minuten ausreichen, vor dem Hintergrund eines brisanten Themas dem Zuschauer vier Charaktere und vier Sichtweisen zu vermitteln. Die herausragende Regieleistung Pia Strietmanns wird deshalb mit dem Starter Filmpreis 2009 gewürdigt.

„Das Kind in mir“ von Stefanie Brockhaus

Das Beste, was einem Film gelingen kann und ihm seine eigentliche Existenzberechtigung verleiht, ist die Fähigkeit, den Zuschauer im Tiefsten zu berühren.

Dem Dokumentarkurzfilm „Das Kind in mir“ gelingt das mit scheinbar einfachsten Mitteln: Eine junge Frau äußert sich in nur drei Einstellungen zu einem existentiellen Thema – bringe ich das Kind in mir auf die Welt oder soll ich es abtreiben. Der Bildhintergrund ist karg und lenkt nicht von der Protagonistin ab. Die Schnitte sind als „Jump cuts“ im Dokumentarfilm unüblich, muten auf den ersten Blick eher journalistisch an. Und doch scheint sich mit jeder Aussparung der Bilder zwischen den Einstellungen, mit diesem hartnäckigen Blick auf das Gesicht der Frau, die Aufmerksamkeit für das Wesentliche zu schärfen. Anders als im Journalismus, wo der Schnitt den Filmbericht der knappen Sendezeit anpasst, hat der Schnitt bei Stefanie Brockhaus sehr viel mehr zu bedeuten: Er gibt der Protagonistin Bedenkzeit. Die noch junge Frau muss eine schwerwiegende Entscheidung treffen, braucht Besinnungspausen, in denen sie mit sich ringt und dabei dem Publikum immer näher kommt.

Es ist für den Film irrelevant, für was sich die junge Frau entscheiden wird, da sie in jedem Fall den Respekt und die Sympathie des Zuschauers dadurch gewonnen hat, dass sie keine leichtfertige Entscheidung trifft.

Da der Starter-Filmpreis seinem Namen gemäß ein Preis zu Beginn eines Lebens als Filmemacher/in sein soll, also auch ein Mutmacher-Preis, trifft er mit Stefanie Brockhaus die Richtige und ermuntert sie dazu, mit dieser Schnörkellosigkeit und Klarheit weiterzuarbeiten.

„Ruhe im Kopf“ von Pary El-Qalqili

Blick in einen kellerähnlichen Raum, in den Regalen ringsum an den Wänden befinden sich grüne Behältnisse sorgfältig aufgereiht. Ein Mann mit Brille sortiert einige Dokumente und legt sie dann in einem der Behältnisse ab. Harter Schnitt. Es ist Nacht. Blitze erhellen spärlich die Fassade eines schlichten mehrstöckigen Gebäudes. Im nächsten Bild befinden wir uns wieder im Inneren des Gebäudes. Wir sehen einen jungen Mann afrikanischer Abstammung, der einen Gummiball gelangweilt gegen den Boden wirft und wieder auffängt. Wieder ein harter Schnitt. Ein kleines Mädchen auf einem Dreirad. Unverwandt blickt sie in die Kamera, während sie ein ums andere Mal zwischen Türrahmen und Wand im Kreis fährt.

Mit ihrem zweiten Film an der HFF München (Hochschule für Fernsehen und Film) beschreibt die Regisseurin Pary El-Qalqili die lähmende Lebenswirklichkeit in einem Asylbewerberheim in Deutschland. Dabei konzentriert sie sich nicht auf exemplarische Einzelschicksale, im Gegenteil. Sie behandelt die Menschen in ihrem Film in derselben Weise, wie sie von der Gesellschaft wahrgenommen werden: als eine graue Masse ohne Identität, eine bürokratische Größe, erkennungsdienstlich erfasst, ihre Geschichten in grünen Behältern archiviert, sie selbst in schmucklosen Räumen verwahrt.

Diese Herangehensweise verstört zunächst, erweist sich jedoch als die große Qualität von „Ruhe im Kopf“. Durch die radikale Verweigerung, näher auf die Menschen einzugehen und stattdessen die entindividualisierte Oberfläche eines Zustands zwischen Hoffen und Ausharren zu beschreiben, entsteht noch etwas ganz anderes. Der Film formuliert auf äußerst kluge Weise eine scharfe Anklage gegen die Zustände in diesem Lager, indem er den Zuschauer diesen Ort auf beklemmende Weise spüren lässt. Ein Ort, an dem sich das Leben der Menschen auf Essen, Schlafen und vor allem Warten beschränkt.

Die überzeugende Umsetzung macht „Ruhe im Kopf“ besonders mutig und kraftvoll. Dafür erhält der Film den Starter Filmpreis 2009.

„Wir sind Papst“ von Mickel Rentsch

„Habemus Papam“ – Im April 2005, nur zehn Tage nach der Wahl von Papst Benedikt XVI, besucht Mickel Rentsch dessen Geburtsort „Marktl am Inn“ mit der Kamera, ein 2700-Seelen-Dorf in der Diözese Passau, in dem von nun an eine Art Ausnahmezustand herrscht. Er dokumentiert etwa anderthalb Jahre lang, „augenzwinkernd“ und liebevoll, die Veränderungen im Ort, den Zustrom von Pilgern und Touristen, vor allem aber, wie die Marktler selbst mit dieser plötzlichen und ungewohnten Popularität umgehen.

Mit einfühlsamen Blick und sicherem Gespür findet der Filmemacher das Skurrile und Komische, das im Zuge der kommerziellen Papst-Aufwertung des Ortes seither eingekehrt ist: Seit August 2005 bemüht sich eine neugegründete Tourismus und Begegnungs-GmbH um die Vermarktung; es gibt Papst-Aufkleber auf fast allem, Ratzinger-Bratwürste mit Würzblüten-Mix in der Metzgerei oder Ratzinger-Schnitten mit Marzipankreuz beim Bäcker. Die Pizzeria hat ihre „Pizza Diabolo“ in „Papst Benedikt Pizza“ umgetauft, deren Schärfe zur Teufelsaustreibung angepriesen wird. Dem Vorwurf des „Vermarktlns“ und einer entsprechenden Rüge von Kardinal Wetter begegnen die Marktler selbst gelassen: „Spinnen wir oder spinnen die Medien?“

Den Segen des Papstes haben sie jedenfalls: Im August 2005 fliegt er auf dem Rückweg vom Weltjugendtag in Köln genau über Marktl und betet dort mit etwa 2000 auf dem Marktplatz versammelten Gläubigen über Funkkontakt ein Ave Maria. Höhepunkt – und Schlusspunkt dieser sehr authentischen Dokumentation – ist der Papst-Besuch in Marktl im September 2006 mit seinen peniblen wochenlangen Vorbereitungen. Mickel Rentsch gelingt es, vermöge seiner kritischen und genauen Beobachtung des Stolzes und Tourismusmarktes der Marktler am Inn eine Realsatire von beträchtlichem Unterhaltungswert zu schaffen und erhält dafür den Starter-Filmpreis / Produktion – gestiftet von ARRI Film & TV.“
Homepage des Preisträgers

Der Jury der gehörten als Fachjuroren Isolde Barth (Schauspielerin), Kathrin Geyh (Produzentin), Kerstin Nommsen (Producerin), Christian Pfeil (Kinoprogrammpreisträger 2008, Schauspieler), August Pflugfelder (Starter- Filmpreisträger 2008), und Jochen Temsch (Süddeutsche Zeitung) sowie aus dem Stadtrat Siegfried Benker (Bündnis 90/Die Grünen), Nikolaus Gradl (SPD), Michael Leonhart (SPD), Ursula Sabathil (CSU) und Walter Zöller (CSU) an.
Die Verleihung der Starter-Filmpreise 2009 und der Kinoprogrammpreise 2009 findet am Mittwoch, den 16. September, um 19.30 Uhr, im ARRI-Kino mit Kulturreferent Dr. Hans-Georg Küppers statt.

Zurück Zurück zum Starter-Filmpreis