
„Ich habe mit meiner Vergangenheit abgeschlossen“, sagt der vermeintliche Vater des Regisseurs Jens Junker in einem Telefonat. Der Dokumentarfilm „Alias“ ist hingegen der Anfang der Auseinandersetzung des jungen Filmemachers mit seiner Familiengeschichte und ihren Geheimnissen. Er bricht in seinen Heimatort, das winterliche Castrop-Rauxel, auf, um herauszufinden, wer sein wirklicher Vater ist. „Wir waren eine Bilderbuchfamilie“, erzählt Jens aus dem Off.
„Alias“ ist ein Film, der hinter deren Kulissen schaut. Er trifft seine Mutter, seinen Bruder, seine beiden Großmütter und begibt sich in die direkte Konfrontation mit ihnen. Er stellt Fragen, die seinem Gegenüber manchmal wehtun. Fragen, die Wunden aufreißen und Totgeschwiegenes hervorholen. Die ernüchternden Treffen mit seinen Familienangehörigen finden auf der Bühne der Kleinstadt, in kleinen Cafés, privaten Wohnungen und in der Kirche statt, die die Enge des gesellschaftlichen und privaten Lebens spürbar werden lassen.
Durch eine geschickte Montage und Jens Erzählstimme kristallisiert sich das Korsett religiöser Moralvorstellungen heraus, in dem die Familie die Erzählung der Vergangenheit erstickte. Der Aufbruch von Jens in den Libanon um seinen wirklichen Vater zu treffen wirkt vor diesem Hintergrund wie ein Befreiungsschlag.
Jens Junker erzählt in „Alias“ auf unprätentiöse und bescheidene Weise eine deutsche Familiengeschichte von Ehebruch, Tabuisierung, strenger Gläubigkeit, häuslicher Gewalt, Verdrängung und daraus resultierenden Konflikten. „Alias“ zeugt vom Mut eines jungen Regisseurs in der persönlichen Geschichte die gesellschaftliche Relevanz zu erkennen und ihr eine filmische Erzählung zu geben.
Ein anonymer Plattenbau in der Studentenstadt Freimann: 19 Etagen, 630 Zimmer und ebenso viele Lebensgeschichten. Drei davon zeigt Regisseur und Drehbuchautor Tomasz Emil Rudzik in seinem ersten abendfüllenden Spielfilm „Desperados on the Block“. Einer, der nicht sprechen kann, will ein Mädchen ansprechen. Eine, die an Gott verzweifelt, bricht die zehn Gebote. Einer, der kaum Deutsch versteht, und ein Mädchen, das nichts von Mathe versteht, verstehen sich. Jeder der Protagonisten hat eine eigene Strategie gegen die Einsamkeit und Heimatlosigkeit, die alle miteinander verbindet.
Manches daran mag überzeichnet wirken, immer aber merkt man diesem Film die überbordende Fabulierlust des Regisseurs an, der man als Zuschauer schließlich erliegt. Hier geht es nicht um ein Panoptikum von Skurrilitäten oder das schnelle Abfeiern oberflächlicher Modethemen, hier möchte einer Geschichten erzählen, die originell sind und anrührend, nachdenklich und unterhaltsam - und das ist Tomasz Emil Rudzik besonders gut gelungen. Gekonnt verwebt er die einzelnen Erzählstränge so ineinander, dass man als Zuschauer unmittelbar am Geschehen bleibt. Ungewöhnliche Charaktere, überraschende Wendungen und eine Fülle an symbolhaften Bildideen machen „Desperados on the Block“ zu einem herausragenden Beispiel für Filmkunst, die sich der Poesie des Alltags verschrieben hat und nahe geht, ohne sich anzubiedern.
Die Brüder Lucky und Bongani liegen Rücken an Rücken auf dem Bett. Ihre Körper sind ineinander verschränkt wie ihre Lebensgeschichte im Township in Cape Town, Südafrika. Als die Großmutter die beiden Jungs gegen Kaution aus dem Gefängnis holt, wird deutlich, dass sie der einzige Rückhalt für die zwei ist. Lucky und Bongani sind des Mordes angeklagt.
Szenen wie diese sind es, die „On the Other Side of Life“ zu einem intensiven und sensibel beobachtenden Dokumentarfilm machen. In der formal konsequenten und präzisen Kameraführung ist der respektvolle Blick der jungen Filmemacher auf die Protagonisten zu erkennen. Der Film besticht durch die Nähe zu ihnen. Die Zuschauer lernen die Brüder in ihrem Alltag im Township, in ihrer Zeit im Gefängnis und auf ihrem Weg zu dem traditionellen Initiationsritus in den Bergen beim Großvater kennen. Luckys philosophische Erzählung aus dem Off über die Überlebensstrategien im Township, die Perspektivlosigkeit einer ganzen Generation und seine intimen Ängste, Wünsche und Hoffnungen trägt durch den Film. Erst am Schluss werden die Zuschauer mit den Tatortfotos des Mordopfers konfrontiert.
Diese intelligente Dramaturgie, der Rhythmus der Montage und die unaufdringliche Kameraführung schaffen viel Raum für eigenes Nachdenken jenseits aller Klischees und einfachen Schuldzuweisungen. „On the Other Side of Life“ ist die zweite Hochschulfilmproduktion von Stefanie Brockhaus und Andy Wolff, die im Wechsel Regie und Kamera führten. Der Film ist ein Plädoyer für den Dokumentarfilm, der über die Erzählung individueller Lebensgeschichten hinaus generelle Fragen über gesellschaftliche Missstände, Verantwortung und die Zukunft aufwirft.
Der Kurzfilm „Penicillin“ von Mike Viebrock erzählt von Grenzfällen. Grenzen einer jungen Ärztin in einem Land ohne Medizin. Und von Grenzen eines afrikanischen Jungen, der das Leben seiner Schwester retten will, und dabei sein eigenes aufs Spiel setzt.
Aber auch hinter der Kamera sahen sich die Produzenten Benedikt Böllhoff, Max Frauenknecht (Via Film GbR) und Alexander Krötsch immer wieder mit Barrieren konfrontiert und haben dabei viel Mut und Kreativität bewiesen, eben diese zu durchbrechen. So konnten sie bei Beginn der Produktion nicht nur Sender, Förderer und Koproduzenten von dem Projekt überzeugen, sondern auch Flugmeilen-, Apotheken- und Kleidersponsoren, wie auch private Stiftungen. In Ghana selbst haben sie ein Team unterschiedlicher Nationalitäten und Mentalitäten zusammengestellt und geführt, mit Oberhäuptern afrikanischer Stämme verhandelt und krankheitsbedingte Ausfälle von mehr als der Hälfte des Teams aufgefangen, und dies alles vor dem Hintergrund fehlender Infrastruktur und unvorhersehbarem Klima. Mit großem Improvisationstalent, Durchhaltevermögen und Glauben an das Projekt konnten sie in Zusammenarbeit mit ihrem Team die Fertigstellung des Filmes schließlich ermöglichen und eine erfolgreiche Festivalkarriere starten.
Die Entscheidung der Produzenten, eine Geschichte jenseits ihrer eigenen Erlebniswelt zu erzählen, zeugt von ihrer Lust auf Neues und vom Wagnis, eigene Grenzen kennenzulernen und zu hinterfragen. Der Starter-Filmpreis Produktion soll dies würdigen und sie ermutigen, diesen ambitionierten Weg weiter zu verfolgen.
Der Jury für die Starter Filmpreise 2010 gehörten als Fachjuroren Markus Aicher (Bayerischer Rundfunk), Louis Anschütz („Gut Licht, Gut Ton“), Kathrin Geyh (Produzentin), Pary El Qalqili (Starter-Filmpreisträgerin 2009), German Kral (Starter- Filmpreisträger 2009), und Jochen Temsch (Süddeutsche Zeitung) an sowie aus dem Stadtrat Siegfried Benker (Bündnis 90/Die Grünen), Nikolaus Gradl (SPD), Michael Leonhart (SPD), Ursula Sabathil (CSU) und Walter Zöller (CSU).