Christine Wunnicke
© Ilona Schwab

Tukan-Preis 2008 an Christine Wunnicke für ihren Roman „Serenity“

Die Begründung der Jury

Die Welt von Jean Paul und Schopenhauer mit dem Internet-Zeitalter zu verbinden, geht das? Christine Wunnicke ist es mit ihrem Roman „Serenity“ gelungen. „Three things I like: Nose rings, Cats, Schopenhauer“ gibt die virtuelle Hauptfigur in den Weiten des Netzes bekannt, und das ist erst der Anfang des rasanten Spiels mit Identitäten und Ebenen, das die Autorin betreibt. Wunnicke hat ein Pandämonium kauziger Gestalten geschaffen, im Mittelpunkt der Philosoph Dr. Varendorf, ein Mittfünfziger, der eine kleine Schopenhauer-Bibliothek leitet und seit einem Vierteljahrhundert an einer Habilitation über das Nichts arbeitet. Seine Hilfskraft installiert ihm zu Hause einen internetfähigen Computer, der von der skeptisch beäugten fremden Technik zur Sucht wird – Varendorf baut sich eine Parallelexistenz im Netz auf, er ist „Serenity“, ein fünfzehnjähriges Mädchen, das mit anderen Hyper-Existenzen „ein interessantes Gefühl für das Grauen der Existenz“ teilt.

Wunnicke erzählt in ihrem grotesken, präzis konstruierten Roman von den Folgen der Einsamkeit. Sie hat auf der sprachlichen Ebene einiges riskiert – ihr Protagonist muss sich in den Jargon des neuen Mediums einfinden –, und sie führt den großen Diskurs der Literatur von Sein und Schein fort. Das „RL“, das real life, entgleitet Varendorf zunehmend in dieser elektronischen Welt aus Wille und Vorstellung, und mit Schopenhauer müssen sich die Leser fragen, ob „etwa das ganze Leben ein Traum sei“.

Dem Roman gelingt das Kunststück, dem internetkundigen Leser ein Lesevergnügen zu bieten und gleichzeitig auch dem, der mit Varendorf in unbekannte e-Welten hineinstolpert. Schopenhauer-Kenner und -Laien – beide kommen auf ihre Kosten. Komisch und tragisch sind die Ereignisse, die in amüsanter Weise die Entwürfe verhandeln, die sich jeder Mensch von sich macht, mit denen er ebenso gut reüssieren wie scheitern kann. Christine Wunnickes vierter Roman, im neu gegründeten Osburg Verlag erschienen, ist den großen Feuilletons bislang entgangen; die Jury wünscht dem klugen, abgründigen Buch eine große Leserschaft.
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Biographie

Christine Wunnicke, Jahrgang 1966, hat bisher fünf Bücher veröffentlicht; neben „Serenity“ sind das die Romane „Fortescues Fabrik“ (1998), „Jetlag“ (2000, als Projekt mit dem Münchner Literaturstipendium ausgezeichnet) und „Die Kunst der Bestimmung“ (2003), ausserdem die Biographie des Kastratensängers Filippo Balatri, „Die Nachtigall des Zaren“ (2001, ausgezeichnet mit dem Bayerischen Staatsförderpreis). Sie schreibt Radiofeatures und Hörspiele und ist Übersetzerin und Herausgeberin der ersten deutschen Ausgabe des englischen Dichters John Wilmot, Earl of Rochester.

Jurymitglieder

Steffi Black (Basis Buchhandlung), Dr. Sven Hanuschek (LMU/Germanistik), Judith Heitkamp (BR/Literatur), Heribert Kuhn (Literaturkritiker), Verena Nolte (Publizistin, literaturhaeuser.net) und die Stadtratsmitglieder Dr. Ingrid Anker, Klaus-Peter Rupp, Thomas Niederbühl, Marian Offman und Ursula Sabathil. Die Jury sprach – wie jedes Jahr - weitere Buchempfehlungen aus; genannt wurden die folgenden Titel: Silvio Blatter: „Zwei Affen“ (Dumont);

Buchempfehlungen der Jury

  • Thomas Meinecke: „Jungfrau“ (Suhrkamp)
  • Petra Morsbach: „Der Cembalospieler“ (Piper)
  • Andreas Neumeister: „Könnte Köln sein“ (Suhrkamp)
  • Albert Ostermaier: „Wer sehen will“ (Insel)
  • Hans Pleschinski: „Ludwigshöhe“ (C.H.Beck)
  • Said: „Der Engel und die Taube“ (C.H.Beck)
  • Lea Singer: „“Konzert für die linke Hand“ (Hoffmann und Campe)
  • Johano Strasser: „Bossa Nova“ (Pendo)
  • Uwe Timm: „Halbschatten“ (Kiepenheuer & Witsch)

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