26.05.2011
Starter-Filmpreise 2011 der Landeshauptstadt München vergeben
Der Kulturausschuss der Landeshauptstadt München beschloss in
seiner heutigen Sitzung auf Vorschlag einer Jury die mit jeweils 6.000
Euro dotierten drei Starter-Filmpreise 2011 der Stadt München
an Mareille Klein und Julie Kreuzer („Auf Teufel komm
raus“), an Jesper Petzke („Wie Matrosen“)
und Christine Repond („Silberwald“) zu vergeben.
Zusätzlich verleiht Arri Film & TV einen
Starter-Filmpreis/Produktion als geldwerte Leistung in Höhe
von 6.000 Euro für die Postproduktion eines künftigen
Films. Diese Auszeichnung erhält Daria Onyshchenko
für „Dogs of Ukrainka“. Eine lobende
Erwähnung wird für das Filmexperiment
„Rauschgift“ von Peter Baranowski ausgesprochen.
Insgesamt waren 50 Beiträge eingereicht worden.
Die Stadt München zeichnet mit den
„Starter-Filmpreisen“ jedes Jahr
künstlerisch herausragenden Regie-Nachwuchs aus. Sie
fördert mit der Prämierung Münchner
Filmemacherinnen und Filmemacher zu Beginn ihrer Laufbahn und
unterstützt sie bei der weiteren Professionalisierung.
Die Jury, der laut Stadtratsbeschluss Markus Aicher/Bayerischer Rundfunk,
Marga Boehle/Presse und Promotion, Bernd Brehmer/Werkstattkino,
Stefanie Brockhaus/Starter-Filmpreisträgerin, Dagmar
Knöpfel /Regisseurin, Tomasz Emil
Rudzik/Starter-Filmpreisträger und die Stadträte
Siegfried Benker (Grüne/Rosa Liste), Michael Leonhart (SPD),
Nikolaus Gradl (SPD), Ursula Sabathil (CSU) sowie Walter
Zöller (CSU) angehören, begründete ihre
Entscheidung wie folgt:
Auf Teufel komm raus
Der Dokumentarfilm "Auf Teufel komm raus" von Mareille Klein und Julie
Kreuzer lässt tief in die Abgründe einer deutschen
Wirklichkeit blicken. Er hat die Jury verstört und aufgeregt,
dabei zu kontroversen Diskussionen angeregt und niemanden
gleichgültig gelassen. In ihrem zweiten gemeinsamen und ersten
abendfüllenden Film gelingt den HFF -Absolventinnen
(Hochschule für Fernsehen und Film) auf ebenso beeindruckende
wie erschreckende Art, eine Nähe zu den Protagonisten
herzustellen, wie man sie im Zeitalter immer stärker auf
Sensationsjournalismus setzender TV-Reportagen nur noch selten findet.
Sie beschreiben beobachtend die Lebensumstände des mehrfach
verurteilten Sexualstraftäters Karl D., der bei seinem Bruder
und dessen Familie in einem nordrhein-westfälischen Dorf lebt
und seit seiner Entlassung unter permanenter Beobachtung, nicht nur der
Polizei, sondern vor allem auch der besorgten Anwohner steht, die vor
seinem Haus in Stellung gehen, um auf eine als real empfundene
Bedrohung hinzuweisen. Die Kameraarbeit von Gero Kutzner oszilliert
zwischen präzisen Porträts, die ausreichend Raum
für visuelle Zwischentöne lassen, und einem direkten
Zugriff auf die Situation "draußen", im Stil eines "free
cinema", abseits vom heutigen Fernseh-Mainstream. Der Film
beschönigt nichts, lässt den Täter, dessen
Familie und die protestierenden Dorfbewohner mit all ihren
Ängsten und Zweifeln gleichermaßen zu Wort kommen
und entlässt den Zuschauer mit einem durchaus
zwiespältigen Gefühl, das dazu auffordert, sich
selbst ein Bild und eine eigene Meinung über Rechtsprechung in
Deutschland und Bürgermoral zu verschaffen.
Wie Matrosen
So muss es sich anfühlen, wenn das, was wir
„Lebensgefühl“ nennen, direkt auf die
Leinwand überspringt: unvermittelt, glaubhaft,
„echt“ eben. Jesper Petzke gelingt das mit seinem
HFF-Abschlussfilm rundum überzeugend. In der Leichtigkeit, mit
der er seine (Liebes-)Geschichte vermittelt, ist bereits die
entstehende Handschrift eines Filmemachers erkennbar, der genau
hinschaut, dem jedes Detail wichtig ist, aber niemals wichtiger als
seine Figuren. Die kennt er in- und auswendig, und er mag sie. Es ist
eine kleine Geschichte, die er in „Wie Matrosen“
erzählt, die sich jeden Tag überall ereignen
könnte, die sich nicht in den Vordergrund drängt und
doch so viel über uns hier und heute verrät. Eine
kleine Geschichte, wie sie nur die wirklich Großen so
erzählen können, quasi im Vorübergehen:
Erinnerungen an die Nouvelle Vague werden wach, an den jungen Wenders,
an Tom Tykwer ... Der Film ist meisterlich in seiner offenen Form, er
behandelt, was nicht passiert, aber passieren könnte. Eine
ganz besondere Stimmung liegt in der Luft - Verliebtheit, oder eher
Vertrautheit? Die beiden Hauptfiguren vermissen etwas, nur was, das
wissen sie selbst nicht so genau. Und das führt die
Protagonisten für zwei Tage in Berlin zusammen: einen nicht
mehr ganz jungen, aber immer noch angesagten DJ, der spürt,
dass seine besten Zeiten hinter ihm liegen könnten, und eine
junge kanadische Studentin, die noch nicht richtig Fuß
gefasst hat in der Hauptstadt. Mit feinem Humor sind sie auf der Suche
nach der Zeit, die ist, sie zögern, fürchten sich
festzulegen. Alles fließt, aber wohin? Es ist Sehnsucht da,
eine innere Unruhe und das Wissen um die Zerbrechlichkeit der Liebe -
autark will man sein, aber nicht einsam.
Die Atmosphäre stimmt, ist genau in der Schwebe, die
Schauspielführung auf den Punkt, das Timing ordnet sich der
Erzählung unter, gibt Gelegenheit zum Durchatmen. Wie
schön. In den Leerstellen dieses kleinen großen
Films tauchen dann so zentrale Fragen auf wie die nach einem
Lebensentwurf: Wo stehe ich, wo will ich hin, passt mein Leben zu mir?
Und während wir uns bestens unterhalten fühlen, legt
das offene Ende nahe, uns genau diese Fragen auch zu stellen. Mehr kann
ein Film nicht erreichen.
Silberwald
„Silberwald“ von Christine Repond ist ein Film, der
die Jury tief beeindruckt hat. Schon mit den ersten Bildern zeigt diese
Spielfilmproduktion, dass der Blick auf die Jugendlichen dort in den
Enge des dörflichen Emmentals kein voyeuristischer oder
inszenatorisch-gestellter ist. Gradlinige Laiendarsteller geben der
jugendlichen Verstörtheit glaubwürdige Gesichter und
Konturen. Dazu entwickeln die klug gewählten
Kameraeinstellungen und Bilder von Michael Leuthner den Sog eines
aktuellen Kinofilms, dessen Verlauf in die Radikalisierung der
Geschichte man unbedingt folgen möchte. So wird man als
Zuschauer Zeuge, wie der 16jährige Sascha und seine Freunde
voller Langeweile und Perspektivlosigkeit die Zeit mit
Rumhängen, Kiffen, Klauen oder Computerspielen verbringen, bis
die Situation eskaliert und über zufällige KontaktSilberwalde
zu Neonazis in einem Wald am Ende ein Asylbewerberheim in Brand
gesteckt wird.
Aber halt: was nun folgt, ist eben kein klischeebeladener Problemfilm,
der sich an bekannten, stereotypen Mustern abarbeitet, sondern eine
interessante, spannende Reise in die so eigene Welt dieser entwurzelten
Heranwachsenden: die Suche nach Geborgenheit und Zuneigung, die eigenen
Abgründe und die individuellen dunklen Flecken. Das alles wird
kontrastiert von einem fast naturalistisch zu nennenden Ansatz, mit dem
die winterliche Natur und ländliche Umgebung als Kontrapunkt
und Perspektive eingeführt werden. Themen wie emotionale
Ausgrenzung, Fremdenfeindlichkeit und gefühlte Ausweglosigkeit
werden in "Silberwald" von Christine Repond, von der auch das Drehbuch
stammt, zu einer universalen Story verdichtet, die auf das Talent und
das Einfühlungsvermögen der Regisseurin verweisen.
Wir sind neugierig auf ihre nächsten Schritte!
Dogs of Ukrainka
„Dogs of Ukrainka“ von Claudia Lehmann und Daria Onyshchenko.
Die Geschichte dieses Films – vom armen Jungen und dem
reichen Mädchen, die sich in einander verlieben - ist uralt.
Doch so, wie sie hier in nur 30 Minuten erzählt wird, ist sie
ganz jung und überraschend, poetisch und bewegend, dicht und
vielschichtig und dringt - vermittelt über ihre Figuren - tief
ein in die sozialen Strukturen der Ukraine.
In der kurzen, auf Musik geschnittenen Exposition stehen Alexej, der
Sohn eines Minenarbeiters, der seit über einem Jahr keinen
Lohn mehr erhalten hat, und Lena, die Tochter eines neureichen
Ukrainers, bereits in einer filmischen Montage miteinander in
Verbindung. Das Kennenlernen an einer Tankstelle geschieht dann so
poetisch, beiläufig und scheinbar zufällig, dass man
spätestens zu diesem Zeitpunkt die Konstruktion der Geschichte
vergessen hat. Ganz behutsam, fast nur über Blicke
erzählt, kommen sich die beiden so unterschiedlichen jungen
Leute näher – bis die Liebesgeschichte jäh
unterbrochen wird, noch bevor sie sich erfüllt hat. Alexejs
Vater hat sich in der Mine umgebracht, um mit der
Entschädigungssumme seinem Sohn eine Ausbildung zu
finanzieren. Seine letzte Hoffnung war der Tod.
Erstaunlich, wie es
gelingt, so viel menschliche Tragödie doch zart und gar nicht
effekthascherisch in Szene zu setzen. Die Kamera ist meist nah an den
Figuren, öffnet aber auch immer wieder in großen
Kinototalen den Blick auf das Umfeld, die Wohnviertel, die
Straßen, den See, die Mine mit den Minenarbeitern und
verwurzelt dadurch die Geschichte in einer realen Umgebung. Ein
liebevoller, verständnisvoller Blick fällt auf alle
Figuren – auch die kleinsten Nebenrollen sind ernst genommen.
Die Regisseurin studiert und beobachtet ganz genau das
Lebensgefühl der jungen Leute. Dabei wird den Darstellern Zeit
gelassen, Situationen und Stimmungen zu entwickeln. Daria Onyshchenko,
die seit 2005 in München lebende Regisseurin und
Drehbuchautorin des Films, und Claudia Lehmann haben den Film im Rahmen
ihres Studiums an der HFF mit einem sehr, sehr kleinen Budget
produziert. Dazu gehört Mut, Einfallsreichtum,
Hartnäckigkeit und unendliches Engagement und wahrscheinlich
auch der große Wunsch, eine Botschaft in die Welt hinaus zu
tragen: der Film ist den vielen Hundert Minenarbeitern, die
jährlich bei Grubenunfällen in der Ukraine umkommen,
und den damit verbundenen menschlichen Tragödien gewidmet.
Lobende Erwähnung für
Rauschgift
Endlich ein Filmexperiment. Ein Film wie ein Trip. Ein Mann auf Entzug
gesetzt – aber seine Droge ist eine Frau, die offensichtlich
nichts mehr von ihm wissen will. Ein Hauptdarsteller, den die Zuschauer
nie zu Gesicht bekommen, hineingezogen in den Sog der Straße.
Die Kamera fast ausnahmslos starr aus der Windschutzscheibe. Aber die
Sicht aus der Frontscheibe ist nicht das einzige, was den Fahrer
unterwegs sein lässt wie in einem Tunnel. Verzweifelt versucht
er, seine Geliebte auf dem Handy zu erreichen – ohne Erfolg.
Aber das ernüchtert ihn nicht, im Gegenteil: Zwanghaft
reduziert er seine Gefühlswelt auf die
Gesprächsversuche – und dem entspricht der starre
Blick aus der Windschutzscheibe. Es gelingt dem Filmemacher Peter
Baranowski, durch die völlige Reduzierung der Mittel die
Reduzierung der Gefühlswelt des Hauptdarstellers zu zeigen.
Nur einmal wird dieses Stilelement durchbrochen, als eine Anhalterin
einsteigt. Kurz scheint der Fahrer einen anderen Menschen wahrzunehmen.
Auch dieser Bruch des Stilmittels im richtigen Augenblick
überzeugt. Der Schluss, der den Fahrer in bedrohlichen und
bedrohenden Überholmanövern zeigt, und sein Gang ins
Dunkle lassen offen, wie der Trip für ihn ausgeht.
Der Film lebt von einer stringent durchgezogenen Idee, die der
Seelenlage des Hauptdarstellers entspricht – und von einer
Tonspur, die fast beiläufig das Geschehen erzählt.
Die Reduzierung der Bilder verwandelt die Zuschauer immer mehr in
Zuhörer. Je länger der für den Fahrer
emotional reduzierte Trip dauert und je länger der Zuschauer
seinem starren Blick folgt, umso mehr wird der Zuhörer auf die
Tonspur aufmerksam. In dem Maße, wie die
Möglichkeiten des Zuschauers zu sehen, reduziert werden, in
dem Maße wird die Fähigkeit des Zuhörens
geschult. Ein gelungenes Experiment: Kino als reduziertes Bilderlebnis,
um uns zu aufmerksamen Zuhörern zu machen.
Die Jury spricht für „Rauschgift“ eine
lobende Anerkennung aus. Film muss sich immer wieder neu erfinden. Dazu
gehört die Suche nach einer neuen, radikalen Bildersprache.
Dem Liebesentzug für den Hauptdarsteller folgt der Entzug
gewohnter Bilder für den Zuschauer. Ein Entzug, dem
auszusetzen sich lohnt. „Rauschgift“ hat sich
getraut und geht seinen experimentellen Weg konsequent zu Ende.
Die Preise werden gemeinsam mit den Kinoprogrammpreisen am 28. September
verliehen.
Nähere Informationen unter Telefon 233-25153, Jutta Noack,
oder 233-26991, Christoph Schwarz, bzw. über E-Mail:
presse.kulturreferat@muenchen.de oder unter
www.muenchen.de/kulturfoerderung.
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