Die Villenkolonien
Stadtentwicklung lag Ende des 19. Jahrhunderts häufig noch in der
Hand von privaten Unternehmern und Gesellschaften. Auch Pasings
Villenkolonien, die teilweise in Obermenzinger Flur hineinreichen,
entstanden vor allem durch die Initiative des Architekten August Exter
(1858-1933). Obwohl er erfolgreich als Architekt im Münchner
Hochbau tätig war – so entwarf er unter anderem Wirtschafts-, Gastronomie-
und Wohngebäude für die Mathäserbrauerei in der
Bayerstraße – wandte er sich 1892 dem Siedlungs- und Eigenheimbau
zu. Exter erwarb nicht nur den Baugrund nördlich der Bahnlinie in
Pasing, sondern er ließ das Land auf eigene Kosten parzellieren
und mit Wasserleitungen und Kanalisation versehen. Seine Zielgruppe war
der bauwillige Mittelstand, der im bezahlbaren Eigenheim leben wollte.
Dafür entwickelte der Architekt ein Verkaufsmodell, das keine zu
hohe Anzahlung verlangte und die Hypothekenzinsen im Rahmen der damals
schon hohen Mietpreise von bürgerlichen Wohnungen in München
hielt. Ein weiteres Plus für das neue Wohngebiet war, dass Exter
eine Ausnahmeregelung von der Residenzpflicht für Münchner
Beamte erwirkte, die damit ihren Wohnsitz auch in Pasing nehmen
durften. Exters Erfolg war schließlich nicht nur seinem
unternehmerischen Mut, sondern auch seiner für die Zeit
ungewöhnlich intensiven Werbestrategie zu verdanken. An Tausende
potentieller Käufer versandte er Werbeprospekte.
1893 wurde mit dem Bau der ersten 35 Häuser in der Villenkolonie
I
begonnen, die trotz Hindernissen noch im gleichen Jahr fertig gestellt
wurden. Ein Problem war die befürchtete Verunreinigung des
Nymphenburger Kanals, die zu strengen Auflagen bezüglich der
Kanalisation führte. Nachdem die ersten Häuser als
Erfolgsmodell angepriesen werden konnten, ging es rasant weiter; bis
1897 wurden 120 Einfamilienhäuser bezogen. Ein Hauptgrund für
den guten Absatz war die schnelle Bahnverbindung nach München (im
Viertelstundentakt verkehrten Züge, die 12 Minuten Fahrzeit
brauchten), für die Exter zudem 1895 einen verbilligten
Vororttarif erwirkte. Um die gleiche Zeit wurden die Grundstücke knapp,
und Exter konnte an ein neues Projekt denken. 1897
begann sein Baubüro, das inzwischen von München nach Pasing
verlegt worden war, mit der Errichtung der Villenkolonie II. Der
zunächst überbaute Grund westlich der Würm stammte aus
dem Besitz der Familie Riemerschmid. Die viel größer als die
Schwestersiedlung konzipierte Villenkolonie
II startete erfolgreich.
Dennoch übergab Exter, der künftige Schwierigkeiten offenbar
vorhersah, das Projekt 1899 an die Terraingesellschaft Neu-Westend. Der
Immobilienmarkt hatte auch durch vergleichbare Projekte etwa in
Nymphenburg-Gern inzwischen einen gewissen Sättigungsgrad
erreicht, so dass sich die Terraingesellschaft in den Folgejahren
schwerer tat, die Bebauung in der Villenkolonie fortzusetzen.
Noch schwieriger gestaltete sich der Absatz der Häuser in der
Waldkolonie, die schon 1894 im Süden Pasings begonnen worden war.
Hier kam die weitere Entfernung vom Bahnhof hinzu, während die
gute Verkehrsanbindung der große Vorzug der beiden
nördlichen Kolonien war. Für die Pläne zeichnete der
Architekt aus Exters Baubüro Louis Ende verantwortlich. Auch bei
den beiden »Exterschen Villenkolonien« haben etliche Mitarbeiter seines
Büros wie Otto Numberger und unabhängige Architekten wie die
Gebrüder Ott Entwürfe für einzelne Häuser gefertigt.
Auffallend ist der Eklektizismus und die Vermischung unterschiedlicher
Stile vom mittelalterlichen Fachwerkhaus bis zum Rokokoschlösschen
in den einzelnen Bauwerken und von antikisierenden Plastiken bis zu
christlicher Ikonographie in deren Ausgestaltung. Zunächst kamen
fast ausschließlich freistehende Einfamilienhäuser zur
Ausführung, nach der Jahrhundertwende vermehrt auch
Doppelhäuser und Mehrspänner. Das war etwa in der so
genannten »Gymnasiumskolonie« im Südwesten Pasings der Fall, die
von Exter initiiert, von anderen Architekten wie Bernhard Borst aber
ausgeführt wurde. 1908 begannen die Erschließungsarbeiten
für die Siedlung, die als Zielgruppe die Lehrerschaft der neuen
Bildungsinstitute in Pasing anvisierte. Obwohl erneut versucht wurde,
eine moderate Preisgestaltung anzulegen, waren die Häuser
letztlich für viele Lehrer zu teuer, und die Werbung, die Exter
wieder selbst übernahm, musste auf weitere Kreise ausgedehnt
werden.
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