Von Allach bis Zamilapark

Einleitung - Zur Geschichte der Stadtbezirke
Die vorliegende Zusammenstellung ist kein Nachschlagewerk zur
Baugeschichte (über Wohn- und Siedlungsbau) oder
Architekturführer, sondern nur ein Führer zu Namen und
wichtigen Daten zur Geschichte der Stadtteile. Es ist aber auch kein
"Ortsnamenbuch" im wissenschaftlichen Sinne, das für München
leider immer noch fehlt. Es sollen hier lediglich einige wichtige und
immer wieder gestellte Fragen beantwortet werden: Seit wann kennt man
den Ort, was bedeutet der Name, auf wen geht die Namensbildung oder -
in jüngerer Zeit - die Orts- oder Siedlungsgründung
zurück, seit wann gehört der Ort zu München, in welchem
Stadtbezirk liegt er heute und wo kann man weiteres oder genaueres
über ihn nachlesen?
Über die älteren Ortsnamen-Typen (Ortsnamen auf -ing,
-hausen, -ham/-heim/-kam, -hofen, -loh/-lach, -ach/-bach, -brunn,
-kirchen, -dorf, -berg, -reut/-ried, -tal) und das Problem einer
zeitlichen Einordnung gibt es ausreichend Literatur
1.
Daneben gibt es inzwischen eine Fülle von modernen Orts- und
Siedlungs-Namen, die häufig vom Architekturbüro oder einer
Baugesellschaft gebildet werden, wobei der Gedanke unverkennbar ist,
dem Wohngebiet einen gehobenen Anstrich zu geben, es "attraktiv" zu
machen und damit auch im wörtlichen Sinne aufzuwerten. Daher
kommen Namen mit der Endsilbe -park (Arabellapark, Dantepark,
Hansapark, Kustermannpark) oder -hof (Emilienhof, Asamhof,
Kurfürstenhof, Elisenhof), auch Namen in Verbindung mit "Garten-"
oder "Gartenstadt" (Gartenstadt Bogenhausen, Gartenstadt Trudering)
oder "Wald" (Waldtrudering, Kolonie Waldfrieden). Seit Ende des 19.
Jahrhunderts war lange Zeit die Bezeichnung als "Villen-Kolonie" sehr
in Mode (Villenkolonie Gern). Zur Aufwertung beitragen kann auch der
großzügig ausgelegte Begriff "Stadt" (Gartenstadt,
Studentenstadt, Olympia-Pressestadt, Messestadt) oder gar "Parkstadt",
der erstmals bei der "Parkstadt Bogenhausen" angewendet wurde und dort
ein Wohngebiet bezeichnete, das in eine parkartige Landschaft
eingebettet ist.
Großzügig geht auch der Volksmund mit manchen Begriffen um,
etwa der Bezeichnung "Viertel". Ursprünglich ist das der vierte
Teil eines Ganzen. Weil die Münchner Altstadt früher in vier
Teile geteilt war, nannte man diese Teile zurecht "Viertel". In
Städten, die nicht in vier Teile geteilt waren, ist deshalb der
Begriff auch weitgehend ungebräuchlich. Heute wird manchmal ein
einzelner Baublock oder eine kleine Straße als "Viertel"
bezeichnet, zum Beispiel das "Mettingh-Viertel": Es gibt aber nur eine
"Mettighstraße". Die Straße besteht aus nur sechs
Mietshäusern. Nur wenige der dort lebenden Bürger gebrauchen
den Namen. Deshalb ist es auch unmöglich, alle diese Namen zu
kennen und zu erfassen.
Bezeichnungen wie "Kolonie" oder "Siedlung" deuten auf Klein- oder
Einzelhaus-Siedlungen, häufig ungeplant, manchmal sogar aus wilder
Wurzel (Wilde Siedlung, Schwarzbau-Siedlung) entstanden, auf die
Initiative Einzelner zurückgehend.
Aufgenommen wurden auch Bezeichnungen oder Charkterisierungen, die
keine eigentlichen Namen sind, wie "Frontkämpfersiedlung",
"Alte-Kämpfer-Siedlung", "Postversuchssiedlung" oder
"Judensiedlung Milbertshofen", weil diese Begriffe vor allem in der
bau- und siedlungsgeschichtlichen Literatur immer wieder genannt werden.
Nicht behandelt wurden hier Siedlungs-Namen, die nach Straßen
benannt werden, zum Beispiel Siedlung (an der) Krünerstraße,
Siedlung (an der) Ständlerstraße, Siedlung (an der)
Hechtseestraße und so weiter. Solche Namen kann auch jeder selbst erfinden
und dies geschieht auch ständig, sodaß auch sie sich einer
systematischen Erfassung entziehen. Die Erklärungen von
Straßennamen findet man in den Stadtadreßbüchern. Die
neueste Ausgabe liegt in jedem U-Bahnhof aus, ebenso bei der
Rathaus-Information, im Informations-Zentrum im
Stachus-Untergeschoß, beim Adreßbuch-Verlag und in den
Münchner Bibliotheken. In regelmäßigen Abständen
ist auch das Buch "Münchens Straßennamen" in neuer,
ergänzter Auflage über die Buchhandlungen zu beziehen.
Über die Ortsbezeichnungen und Straßennamen der
Münchner Altstadt gibt es eigene Literatur
2.
Nicht behandelt werden auch Namen wie Amalien-Passage,
Schüssel-Passage und so weiter. Dabei handelt es sich um einzelne Wohn- und
Geschäftsbereiche, nicht eigentlich um Siedlungen im weitesten
Sinne. Baugebiete oder Wohnanlagen werden amtlich (von der Stadt)
ohnehin nicht benannt.
Bei den alten Namen darf man manchen Erklärungsversuch anzweifeln,
wie die Entstehungsgeschichte von Namen wie "Milbertshofen" oder
"Lehel" zeigen. Gerade Namen entwickeln sich nicht immer nach den
Sprachgesetzen. Manchmal gehen sie aus bewußter Verbalhornung
hervor, manchmal können sie scherzhaft umgedeutet sein, manchmal
durch Mißverständnis oder Mißdeutung, manchmal durch
Hörfehler. Eine wissenschaftlich-kritische und mehr an der
Historie als an der Sprachwissenschaft orientierte Überarbeitung
der Deutung alter Ortsnamen in und um München wäre dringend
erforderlich, wenngleich sich schon jetzt die Gefahr abzeichnet,
daß nur die eine Theorie durch eine andere ersetzt wird.
Zwei Gruppen von Namen lassen sich aber unterscheiden: a) solche, die
förmlich vom Stadtrat beschlossen wurden und b) alle anderen. Die
Namen Alt- und Neuperlach wurden zum Beispiel am 2. Februar 1972 vom
Stadtrat beschlossen, der Name "Freimanner Heide" am 20./28. September
1988, der Name "Messestadt Riem" am 26. Januar 1994. Weitere Beispiele
findet man beim jeweiligen Namen. Die förmlich durch
Stadtratsbeschluß festgelegten Namen sind allerdings die weitaus
wenigsten.
Untauglich für die Bildung von Namens-Gruppen sind Kategorien wie
"offizielle" und "nicht offizielle" Ortsnamen oder "gültige" und
"ungültige" oder "amtliche" und "nicht-amtliche" Namen: Jeder Name
ist in dem Augenblick, in dem er in die Welt gesetzt ist ein legitimer
Ortsname. Die mittelalterlichen Namen sind auch nicht anders enstanden
als heute: Ob es nun ein Ortsadeliger des 8. Jahrhunderts war oder ein
Architekt des 20. Jahrhunderts, die einem Wohngebiet einen Namen gaben,
spielt keine Rolle; ob ein Name als Scherz, auf Grund eines
Mißverständnisses, durch einsame Entscheidung eines
Einzelnen, durch ein Preisausschreiben oder durch einen
Mehrheitsbeschluß im Stadtrat zustande kommt, ist unerheblich.
Name ist Name. Heute braucht jedes neue Modell für eine Wohnanlage
gleich welcher Größe - also auch einzelne Gebäude wie
"Ramses" oder "Fuchsbau" - vom Beginn der Planungen an einen Namen, mit
dem sich schon die Mitarbeiter eines Architekturbüros und die
Baubehörden verständigen können. Auf diese Weise kommt
es zu einem "Arbeitstitel", der dem Wohngebiet dann häufig auch
bleibt, zum Beispiel "Am Westkreuz" oder in der Innenstadt als
prominentestes Beispiel "Marienhof".
Manche Namen geraten auch in die amtlichen Stadtkarten ("Dantepark"),
andere wieder nicht ("Kieferngarten", "Holzapfelkreut"). Bei manchen
wird mit großem Aufwand, etwa einem Ideenwettbewerb, ein Name
gesucht ("Borstei", "Messestadt Riem", "Freimanner Heide"), über
andere entscheidet eine Einzelperson.
In manchen Fällen wird später eine Umbenennung versucht, mit
unterschiedlichem Ausgang. In allen Bauakten, auch in der Presse, wird
von Anfang an ein zunächst provisorischer Name ("Arbeitstitel")
verwendet. Die baugeschichtliche Literatur schöpft ihre Kenntnisse
für gewöhnlich aus den Behördenakten und aus
zeitgenössischen Presseberichten. Die Wissenschaftler glauben, es
besonders richtig zu machen, wenn sie die Begriffe aus den Akten
übernehmen. Also wird eine neue Siedlung weiterhin unter dem Namen
"Siedlung Heidemannstraße" oder "Gartenstadt
Heidemannstraße" abgehandelt werden
3 oder als "Fröttmaninger
Heide"
4, unbeschadet der Tatsache, daß für diese Siedlung
der Stadtrat schon am 28. September 1988 den Namen "Freimanner Heide"
beschlossen hat. Ähnlich scheint der Name "Messestadt Riem" den
ursprünglichen "Arbeitstitel" "Neu-Riem" nicht ganz
verdrängen zu können
5.
Praktisch kann also jedermann einen solchen Siedlungs- oder Ortsnamen
erfinden, in Umlauf bringen (propagieren) und ihn mit der Zeit
durchsetzen. Ob ein Name in den amtlichen Stadtplan aufgenommen wird,
hängt zum Teil davon ab, wieviel Platz auf der Karte an der
betreffenden Stelle für einen Namen ist, zum Teil liegt es auch im
Ermessen des Sachbearbeiters und hängt von seinem zufälligen
Wissen ab. Manchmal können auch Interessengruppen ihre
Wünsche auf einen Namen in der Stadtkarte durchsetzen. Daß
"Dantepark" in der Karte steht, aber "Kieferngarten" oder
"Holzapfelkreut" nicht, hat keinerlei amtliche Gründe. Es gibt
keine verbindlichen Richtlinien dafür.
Es wird kaum möglich sein, auf Anhieb - oder überhaupt - alle
gebräuchlichen Orts-, Siedlungs- und Wohngebietsnamen zu erfassen.
Der Namenskatalog wird deshalb immer nur eine Auswahl der wichtigsten
und der geläufigsten Namen darstellen.
Auch auf die Schreibweise der Namen ist zu achten: Nach dem Wortlaut
der Stadtratsbeschlüsse heißt es beispielsweise zwar
Neu-Forstenried, aber Neuaubing, und es heißt nicht "Am
Hasenbergl"
6, sondern nur "Hasenbergl".
Den im Jahr 2001 gültigen Stadtbezirken werden in
der vorliegenden Veröffentlichung die Orte nach ihrer historischen
Lage zugeordnet. Da das historische Nederling nördlich der
Baldurstraße liegt, gehört es zum Stadtbezirk "10 -
Moosach", nicht zum Stadtbezirk "9 - Neuhausen-Nymphenburg"
7. Das
Anwesen Holzapfelkreuth lag an der Holzapfelstraße. Diese
gehört zum Stadtbezirk "20 - Hadern", nicht zum Stadtbezirk "7 -
Sendling-Westpark"
8. Das historische Michaeliburg lag im heutigen
Stadtbezirk "15 - Trudering-Riem", nicht "14 - Berg am Laim"
9 und so weiter.
Als 1947 die Bezirksausschüsse ins Leben gerufen wurden, wurden
sie Stadtbezirken mit Nummern zugeordnet. Da diese zu anonym
erschienen, führte man für die Stadtbezirke Namen ein
10. Nach
langer Diskussion im Vorfeld beschloß die Vollversammlung des
Stadtrats am 2. Februar 1954 diese Namen:
Stadtbezirke 1/4 Altstadt-Nord,
Stadtbezirke 2/3 Altstadt-Süd,
Stadtbezirk 5 Maxvorstadt-Universität,
6 Maxvorstadt-Königsplatz,
7 Maxvorstadt-Josefsplatz,
8 Marsfeld,
9 Wiesenviertel (!),
10 Isarvorstadt-Schlachthausviertel (!),
11 Isarvorstadt-Glockenbachviertel,
12 Isarvorstadt-Deutsches Museum,
13 Lehel,
14 Haidhausen-Nord,
15 Haidhausen-Süd,
16 Au,
17 Obergiesing,
18 Untergiesing-Harlaching,
19 Sendling,
20 Schwanthaler Höhe,
21 Neuhausen-Oberwiesenfeld,
22 Schwabing-Freimann,
23 Neuhausen-Nymphenburg,
24 Thalkirchen/Obersendling/Forstenried,
25 Laim,
26 Schwabing-West,
27 Milbertshofen-Hart,
28 Neuhausen-Moosach,
29 Bogenhausen,
30 Ramersdorf-Perlach,
31 Berg am Laim,
32 Trudering,
33 Feldmoching,
34 Neusendling, gegebenenfalls mit dem Zusatz Waldfriedhofviertel,
35 Pasing,
36 Solln,
37 Obermenzing,
38 Allach-Untermenzing,
39/40 Aubing-Langwied
11,
41 Hadern.
Die im Jahr 2001 amtlichen 25 Namen der Stadtbezirke wurden am
6. November 1991 vom Stadtrat beschlossen. 1996 wurde mit Wirkung vom
1. Mai der Stadtbezirk 8 (Schwanthalerhöhe-Laim) geteilt in einen
Stadtbezirk 8 (Schwanthalerhöhe) und 25 (Laim)
12.
Helmuth Stahleder
Fussnoten
1 Zum Beispiel genannt bei Holzfurtner, Landgericht Wolfratshausen Seite 7/15.
2 Vgl. Stahleder, Haus- und Straßennamen der Münchner Altstadt.
3 Zum Beispiel Nerdinger, Architekturführer von 1994, siehe Literaturverzeichnis.
4 So in einem Stadtplan des
ADAC.
5 Neuerdings auch wieder bei Huss , siehe Literaturverzeichnis.
6 Wie bei Nerdinger, Architekturführer.
7 Wie bei Huss Seite 285, da Huss als Nederling das Gebiet zwischen
Nederlinger Straße, Wintrichring, Menzinger Straße und dem
Kanal bezeichnet.
8 Wie bei Huss Seite 283, weil er Holzapfelkreuth das Gebiet zwischen
Fürstenrieder, Ehrwalder, Garmischer und Waldfriedhofstraße
nennt.
9 Huss Seite 290.
10 Schon das Stadtadreßbuch von 1950 (Ausgabe Dezember 1949)
fügte "inoffiziell" den Nummern erklärende Namen bei, zum Beispiel
39 "Aubing", 40 "Langwied, Lochhausen".
11 Stadtarchiv München,
RP Nummer 727/13 Seite 207
ff. (1954). - "39/40
Aubing-Langwied" stellte sich 1986 als Irrtum in der
Beschluß-Vorlage heraus und wurde nach Empfehlung der
Bürgerversammlung vom 4.11.1986 mit Stadtratsbeschluß
(Verwaltungsausschuß) vom 17.2.1987 den bisher ohnehin
unverändert praktizierten Verhältnissen angepaßt: 39
Aubing, 40 Lochhausen-Langwied. - Vgl. auch Amtsblatt der
Landeshauptstadt München Nummer 8 vom 13.3.1954 und Stadtarchiv München,
RP Nummer 760/111 Seite 109/111 (1987).
12 Breu Seite 1.
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