Szene Doku-Theaterprojekt Gleis 11
Szene aus Doku-Theaterprojekt "Gleis 11"
Foto: Andrea Huber, Münchner Kammerspiele

Ein Vertrag, der die Stadt bunter machte

Die "Gastarbeiter" und ihre Nachkommen tragen zur kulturellen Vielfalt Münchens bei

Am 31. Oktober 1961 schlossen die Bundesrepublik Deutschland und die Türkische Republik das Abkommen zur Anwerbung von Arbeitskräften aus der Türkei. Hunderttausende folgten dem Ruf ins ferne Deutschland, um hier als ''Gastarbeiter'' einige Jahre Geld zu verdienen und dann zurückzukehren - so war es meist geplant. Doch die meisten der Angeworbenen blieben, richteten
sich in der neuen Heimat ein, bauten sich hier eine neue Existenz auf. Deutschland wurde damit zu einem Einwanderungsland.
In München leben heute Menschen aus mehr als 180 Ländern. Gut ein Drittel der Münchnerinnen und Münchner hat einen Migrationshintergrund, die größte Gruppe bilden dabei die türkischstämmigen Zuwanderer. ''München ist eine weltoffene,
multikulturelle und multireligiöse Stadt, die schon immer auch von Zuwanderung geprägt wurde und nach wie vor wird. Diese kulturelle Vielfalt stellt eine Bereicherung und einen Motor für die Entwicklung unserer Stadtgesellschaft dar'', betont Oberbürgermeister Christian Ude.

Den 50. Jahrestag der Unterzeichnung des Anwerbeabkommens nutzt die Stadt nun, um den ''Gastarbeitern'' von damals mit einem umfangreichen Festprogramm ''Danke!'' zu sagen dafür,
dass sie das Wagnis auf sich genommen haben, in einer unbekannten Stadt einen Neuanfang zu machen. Danke dafür, dass sie ihre Arbeitskraft zur Verfügung gestellt und damit Wirtschaft und
Gesellschaft voran gebracht haben.
''Denn der Beginn dieser Zuwanderung ist einem deutschen Bedarf entsprungen'', erinnert OB Ude. ''Die Menschen wurden eingeladen, weil man sie gebraucht hat.''
Die Kinder und Enkel der ersten Zuwanderer-Generation gestalten heute das wirtschaftliche, soziale und kulturelle Leben in München mit. Nicht nur Restaurants, Kebab- und Gemüseläden zeugen von ihrem Einfluß auf die Stadt. Münchner mit türkischen Wurzeln sitzen auch im Stadtrat. Und mit ihren unternehmerischen Aktivitäten bieten die Zuwanderer vielen Münchnerinnen und Münchnern auch einen Arbeitsplatz. 18 Prozent der Münchner Beschäftigten arbeiten in Unternehmen ausländischer Selbständiger.

 
Die Ankunft der ersten türkischen Gastarbeiter am Münchner Hauptbahnhof
Die Ankunft der ersten türkischen Gastarbeiter am Münchner Hauptbahnhof erzählt das Doku-Teaterprojekt "Gleis 11" der Münchner Kammerspiele nach.
Foto: Andrea Huber, Münchner Kammerspiele

Das Festprogramm zum 50. Jahrestag des Anwerbeabkommens mit der Türkei

Über 40 Vereine und Initiativen gestalten bis Januar mehr als 80 Veranstaltungen.

Welche Spuren 50 Jahre gemeinsame deutsch-türkische Geschichte in der Stadt hinterlassen haben, macht das umfangreiche Veranstaltungsprogramm zum 50. Jahrestag des Anwerbeabkommens
deutlich. Über 40 Vereine, Initiativen, Verbände, städtische Einrichtungen und Einzelpersonen haben sich zusammengeschlossen, um unter dem Motto ''München sagt Danke!'' gemeinsam
ein Festprogramm zu gestalten. Die Koordination übernahm die Stelle für interkulturelle Arbeit im Sozialreferat. Bis Januar stehen über 80 Veranstaltungen im Kalender - Podiumsdiskussionen,
Theateraufführungen, Ausstellungen, Konzerte, Führungen, Info-Märkte, Fachtage und vieles mehr. Hier eine kleine Auswahl aus dem Angebot:

Ankunft an Gleis 11
Am Gleis 11 des Münchner Hauptbahnhofs kamen zwischen 1955 und 1973 die Sonderzüge mit ausländischen Arbeitskräften an. Bis zu tausend von ihnen stiegen hier pro Tag aus dem Zug. Der Luftschutzbunker direkt unter Gleis 11 wurde zum Aufenthaltsraum umfunktioniert und so zur ersten Unterkunft in der neuen Heimat.
Die Münchner Kammerspiele erzählen die Abläufe im Bunker in dem Dokumentartheaterprojekt
''Gleis 11''  am Originalschauplatz mit Zeitzeugen nach (www.muenchner-kammerspiele.de).
Als dauerhaftes Zeichen der Anerkennung für die Migranten der ersten Generation enthüllt das Kulturforum Türkei Deutschland zum 50. Jahrestag des Anwerbeabkommens an Gleis 11 zudem
feierlich eine Erinnerungstafel.

Hausbesuche öffnen Türen
Wann hat man schon Gelegenheit, einfach bei interessanten Menschen vorbeizuschauen? Die Hausbesuche, die das Kulturreferat in Kooperation mit den Initiativen CultureFlow und Byzantion Reloaded anbietet, öffnen Türen. Münchnerinnen und Münchner türkischer Herkunft stellen sich und ihre Tätigkeit vor: Journalisten der türkischsprachigen Zeitung Hürriyet, eine Ballettänzerin, ein
Rechtsanwalt, ein Straßenreiniger und viele mehr. Geführt werden die Besuchstouren
vom Journalisten und Regisseur Karnik Gregorian (www.cultureflow.de).

Pop und Theater im Stadtmuseum
Diskussionen, Vorträge, ein Info-Markt, aber auch Theateraufführungen, Konzerte und Parties mit türkischer Pop-Musik - im Münchner Stadtmuseum wird in einer Veranstaltungsreihe vom 3. bis
6. November das deutsch-türkische Miteinander gefeiert. Zwischen dem 4. und 6. November gewährt das Museum im ganzen Haus freien Eintritt (www.stadtmuseum-online.de).

MVHS führt in die Moschee
Das türkisch-islamische Zentrum in Sendling kann man bei einer Führung der Volkshochschule im Dezember kennen lernen. Die MVHS steuert zudem Filme und Vorträge zum Thema Migration bei
(www.mvhs.de). Die Stadtbibliothek zeigt ab 14. November eine Ausstellung mit Werken in Deutschland lebender türkischer Autoren (www.muenchner-stadtbibliothek.de).

Abschlussfest im Alten Rathaus

Zum Abschluss der Veranstaltungsreihe ''München sagt Danke!'' wird dann am 26. Januar 2012 im Alten Rathaus ein offizieller Festakt gefeiert. Gastgeber ist Oberbürgermeister Christian Ude.

Einen Überblick über das gesamte Programm gibt es im Internet unter
www.muenchen-sagt-danke.de