Älteres Männerpaar

Ein verzaubertes Leben: alte Lesben und Schwule

Lesbische Seniorinnen und schwule Senioren haben meist viel zu erzählen, ein „verzaubertes“ Leben liegt hinter ihnen, ihre Geschichten – die traurigen wie die schönen – sind Dokumente der gesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland und ihn München.
Lesben und Schwule gab und gibt es in allen Generationen, der Prozentsatz unterscheidet sich nicht in den einzelnen Altersgruppen. Allerdings unterscheidet sich die öffentliche Sichtbarkeit und Wahrnehmung, so dass der Eindruck entstehen könnte, es gäbe nur wenige alte Lesben und Schwule, was aber nicht zutrifft.

Gesellschaftliche Situation und individuelle Biographien
Lesben und Schwule, die heute alt sind, haben ungleich schwierigere Bedingungen für ihre Lebensform erlebt als jüngere Lesben und Schwule. Sie erlebten zum Teil noch die Verfolgung in der Zeit des Nationalsozialismus oder sind in ihrer Sozialisation dadurch geprägt worden. Auch ein Aufwachsen in der Nachkriegszeit, der sog. Adenauer-Ära, hat für sie ein erhebliches Maß an Tabuisierung und Diskriminierung ihrer Lebensform bedeutet. Diese Erfahrungen wirken sich in ihren individuellen Biographien und Lebensentwürfen aus.
Manche ältere Lesben und Schwule haben sich aufgrund der gesellschaftlichen Diskriminierung ihr Leben lang darauf eingerichtet, eher im Verborgenen leben zu müssen. Obwohl dies heute nicht mehr in gleichem Maße nötig ist, ist es für die Betroffenen schwierig, erlernte Bewältigungsstrategien zu verändern. Hinzu kommt, dass diese Generationen durch die teilweise menschenverachtenden Stigmatisierungen während der Aids-Krise in den 1980er Jahren erneut Traumatisierung erfahren haben. Solch massive Diskriminierungserfahrungen verhindern oftmals ein offenes Auftreten und damit eine Teilnahme an einem öffentlichen lesbisch-schwulen Leben. Dadurch besteht eine erhöhte Gefahr von Alterseinsamkeit.

Lebenslagen von älteren Lesben und Schwulen heute
Schwule Männer und lesbische Frauen der älteren Generationen leben in sehr unterschiedlichen Konstellationen. Während manche als Singles leben und mehr oder weniger gut in Freundeskreise eingebunden sind, befinden sich andere in einer festen Partnerschaft, in Wohngemeinschaften oder auch in Familien.
Manche ein Leben lang miteinander verbundenen Paare sicherten sich mit der seit 2001 möglichen Eingetragenen Lebenspartnerschaft nachträglich ab.
Ältere Lesben und Schwule, die bereits die Emanzipationsbewegungen miterlebt und zum Teil selbst mitgetragen haben, verfügen nicht selten über ein stabiles und gut ausgebautes soziales Netz und genügend Selbstbewusstsein, um ihr Leben im Alter selbstbestimmt zu gestalten.
Allerdings hat hier gerade in der schwulen Gemeinde die Immunschwächekrankheit HIV/Aids schlimme Wunden gerissen und viel Not und bleibende Einsamkeit hervorgerufen.

Viele ältere Lesben und Schwule leben allerdings auch sehr verborgen, haben wenig Kontakt zur jüngeren lesbisch-schwulen Generation und den Einrichtungen der schwullesbischen Gemeinde. Grund hierfür sind die völlig unterschiedlichen und belastenden lebensgeschichtlichen Bedingungen sowie die deutliche Jugendorientierung in der schwullesbischen Gemeinde.
Dementsprechend gibt es wenig Treffpunkte, an denen Kontakte geknüpft werden können.
Sehr bedrohlich erleben fast alle älteren lesbischen Frauen und schwulen Männer eine bevorstehende Pflegebedürftigkeit. Der drohende Verlust von Autonomie beinhaltet die Furcht vor erneuter Ausgrenzung und Diskriminierung in Pflegeeinrichtungen. Auch die anderen Angebote der Altenhilfe wirken auf alte Schwule und Lesben wenig einladend, da sie sich nicht oder nur wenig auf die Bedürfnisse von Minderheiten einrichten.


Obwohl durch die erschwerten biographischen Bedingungen die Lebenslagen älterer Lesben und Schwuler verschiedene Risikofaktoren aufweisen, gibt es durchaus auch eine große Anzahl lesbischer Frauen und schwuler Männer, die glücklich alt werden und auf ein erfülltes Leben zurückblicken.
Klischeehafte Bilder des einsamen alten Schwulen oder der verbitterten alten Lesbe sind häufig Vorurteile, die viel von jenen Ängsten erzeugen, die jüngere Lesben und Schwule (sowie deren Eltern) im Coming Out oft haben.
Je gelungener das eigene Coming Out ist und je besser Diskriminierungserfahrungen verarbeitet werden konnten, desto leichter ist es, sich auch im Alter ein unterstützendes und sozial erfüllendes Umfeld zu erhalten. Durch die besonderen Herausforderungen, die im Leben bereits bewältigt werden mussten, haben viele ältere Lesben und Schwule besondere Fähigkeiten erworben, die ihnen bei der Gestaltung ihres Alters zugute kommen, beispielsweise das Gestalten von erfüllenden sozialen Netzwerken.