Wie in den vorhergehenden Kapiteln zu lesen ist, ist schwules und lesbisches Leben immer auch von gesellschaftlicher Ächtung und Ausgrenzung begleitet worden. Über lange Epochen hinweg war es unmöglich, offen risikolos als Schwuler oder als Lesbe aufzutreten. Treffpunkte gab es lange Zeit nur an möglichst versteckten, anonymen Orten, die schnelle Fluchtmöglichkeiten boten und sich der Überwachung durch (staatliche) Strafverfolgungsorgane möglichst entzogen. Selbst mehr oder weniger privat organisierte Treffpunkte in Wohnungen waren der Gefahr von Denunziation unterworfen und konnten jederzeit gesprengt werden.
Dies erzeugte bei Lesben und Schwulen natürlich viel Leid, da sie wie alle anderen Menschen auch ein großes Bedürfnis hatten, sich mit anderen Menschen zusammenzuschließen, die über ähnliche Lebenserfahrungen, Interessen, Partnerschaftswünsche usw. verfügen.
Dieses Bedürfnis nach sozialer Eingebundenheit und Gemeinschaft mit Gleichgesinnten teilen Lesben und Schwule mit allen anderen Bevölkerungsgruppen. Menschen schließen sich in Sportvereinen, in Frauen- oder Männergruppen, in Jugend- oder Seniorenangeboten, in Wohngemeinschaften und -vierteln, in politischen Verbänden oder Freizeitgruppen zusammen. Neben dem eigentlichen Zweck dieser Vereinigungen spielt häufig der Wunsch nach sozialem Kontakt und ggf. auch die Suche nach Partnerschaft eine wichtige Rolle.
In Unterscheidung zu vielen anderen Minderheiten wachsen Lesben und Schwule in der Regel nicht in sozialen Bezügen auf, in denen ihr Lesbisch- oder Schwulsein Wertschätzung erfährt. Während z.B. Kinder von Migranten in Migrationsfamilien und oft auch in Migrationsgemeinden leben, in denen sie explizit auch für den herkunftsbezogenen Teil ihrer Identität Anerkennung erfahren und dieser gefördert wird, erleben homosexuelle Menschen oftmals eher das Gegenteil. Auch dies fördert das Bedürfnis nach eigenen und sicheren sozialen Gemeinden und Orten, an denen man ganz selbstverständlich sein kann, was man ist.
Für Lesben und Schwule gibt es noch einen weiteren wichtigen Grund, eine eigene soziale Gemeinschaft mit Gruppen, Einrichtungen, Gaststätten usw. zu bilden: das Erleben eines Schutzraumes, in dem die eigene Identität keiner Abwertung unterliegt, in dem emotionale, sexuelle und partnerbezogene Bedürfnisse gelebt werden können, ohne ständig Gefahr zu laufen, verhöhnt, beschimpft oder angegriffen zu werden.
Wie schwierig zu akzeptieren dies für viele Menschen offenbar ist, zeigt bis heute, dass die schwullesbische Gemeinde gerade in den Medien, in Polizeiberichten usw. gerne als „Homosexuellen-Milieu“ bezeichnet wird. Damit ist eine eindeutige Abwertung verbunden, es wird ein nicht nur begrifflicher Zusammenhang mit „Rotlicht-Milieu“ hergestellt und ein Bild erzeugt, als wäre die schwullesbische Gemeinde etwas Anrüchiges.
In Wirklichkeit besteht die lesbische und schwule Gemeinschaft aus den verschiedensten Untergruppen und kulturellen, politischen, sozialen und freizeitorientierten Zusammenschlüssen. Gerade in den Großstädten haben sich umfangreiche Angebote und eine schwul-lesbische Öffentlichkeit etabliert, die heute meist mit dem Begriff „Community“ oder „schwullesbische Gemeinde“ bezeichnet wird. Der Begriff der „Subkultur“ wird heute nur mehr selten verwendet, da er die Realität nicht zutreffend beschreibt.
Sich in dieser Gemeinde zu bewegen und an dieser Öffentlichkeit teilzunehmen ermöglicht es, sich als Gleich unter Gleichen zu erleben und ein Gefühl der Zugehörigkeit zu genießen. Dies wirkt sehr entlastend und stärkend für die eigene Identität in einer Gesellschaft, in der Lesben und Schwule sich in den meisten Situationen als Minderheit erleben. Nicht zutreffend ist hingegen das gerne geäußerte Vorurteil, die schwullesbische Gemeinde sei eine Art „Ghettobildung“, die Integration und Verständnis verhindere. Die meisten Angebote von und für Lesben und Schwule sind auch für alle anderen Menschen offen. Schwule und Lesben bewegen sich in der Regel sehr viel häufiger in nicht-schwullesbischen Räumen (z.B. Gaststätten, Kneipen, Arbeitswelt usw.) als dies umgekehrt heterosexuelle Menschen in schwullesbischen Räumen tun – und vielen Lesben und Schwulen ist dies auch wichtig so.