Das Ereignis in der Christopher Street
Die Infektionskrankheit HIV / AIDS
Münchens "schwullesbische" Geschichte
Die Geschichte von Homosexualität ist seit Jahrhunderten von Tabuisierung und Verfolgung gekennzeichnet. Die Emanzipation von Lesben und Schwulen und deren zunehmende Sichtbarkeit ist ein relativ junges gesellschaftliches Phänomen. Neben dem Anliegen nach sozialer Anerkennung wurde die rechtliche Gleichstellung ein Hauptthema der politischen Lesben- und Schwulenbewegungen.
Parallel zur gesellschaftspolitisch-geschichtlichen Entwicklung gibt es auch innerhalb der lesbischen und schwulen Bewegung und Gemeinschaft sich verändernde Themen und Diskussionen. Auch die Formen der schwullesbischen Gemeinde haben sich im Lauf der Zeit verändert.
In Europa wurde Homosexualität mit der Ausbreitung des Christentums als Sünde definiert. Entsprechend wurde gleichgeschlechtliche Liebe tabuisiert und verfolgt. Sie war in allen europäischen Ländern geächtet oder strafrechtlich verboten. Eine erste Legalisierung gab es 1804 in Frankreich, als durch Napoleons neue Gesetzgebung gleichgeschlechtliche Liebe straffrei gestellt wurde. Für kurze Zeit (ca. 1806 – 1871) führte dies auch in Bayern zu einer Legalisierung. Lesbische Liebe unterlag dabei nie einer strafrechtlichen sondern vor allem der gesellschaftlichen Verfolgung – schlicht deshalb, weil sie in einer männlich dominierten Gesellschaft nie als eigenständige Sexualität wahrgenommen werden durfte.
In Deutschland begann eine bewusste öffentliche Benennung und Thematisierung von Homosexualität 1864 mit der Veröffentlichung von politisch-wissenschaftlichen Schriften durch den Juristen Karl Heinrich Ulrichs sowie durch die Gründung des „Wissenschaftlich-humanitären Komitees“ 1897 durch den Sexualforscher Magnus Hirschfeld.
Damit entstanden erste Emanzipationsversuche und Interessensverbände.
Lesbische Frauen waren stark in der so genannten „Ersten Frauenbewegung“ engagiert, die Anerkennung lesbischer Liebe als politisches Anliegen stand jedoch hinter allgemeinen Fraueninteressen wie dem Frauenwahlrecht zurück.
In den 1920er Jahren bildete sich eine erste Subkultur schwulen und lesbischen Lebens. Es entstanden Treffpunkte, Zeitschriften und politische Zusammenhänge, in denen Forderungen nach Gleichstellung und Anerkennung gestellt wurden. Berlin war eine Hochburg der Emanzipationsbewegung und der kulturellen Vielfalt. Zu dieser Zeit gab es eine größere Sichtbarkeit lesbischer Frauen und schwuler Männer als je zuvor in der Geschichte.
Mit dem Nationalsozialismus nahm die Unterdrückung lesbischer und schwuler Menschen massiv zu. Durch die verstärkte Verfolgung kam jegliche Emanzipationsbewegung zum Stillstand und die gesamte Subkultur wurde zerschlagen. Lesben und Schwule wurden verhaftet und in Konzentrationslagern inhaftiert, wo sie extremen Misshandlungen ausgesetzt waren. Viele überlebten die Internierung nicht.
Schwule Männer wurden mit einem rosa Dreieck gekennzeichnet, dem so genannten „Rosa Winkel“, der später zu einem Emanzipationssymbol umdefiniert wurde. Lesbische Frauen wurden mit dem „Schwarzen Winkel“ gekennzeichnet, der das Symbol für „Asozialität“ war. Hier zeigt sich ein deutlicher Unterschied in der Verfolgung von Lesben und Schwulen: Schwule Männer wurden offiziell kriminalisiert, Lesben durch Nichtbenennung unsichtbar gemacht und über andere Zuschreibungen verfolgt. Erst im Jahr 2002 beschloss der Deutsche Bundestag, die Unrechtsurteile des Dritten Reiches gegen Homosexuelle aufzuheben.
Nach dem Ende der Nazidiktatur gab es dementsprechend keine schwullesbischen Gruppierungen mehr, alles musste von Neuem entstehen und aufgebaut werden. In den 1950er und 1960er Jahren waren homosexuelle Lebensweisen extrem tabuisiert und unsichtbar.
Der Verbotsparagraf für homosexuelle Liebe unter Männern (§ 175 StGB) blieb in der Fassung des Dritten Reiches unverändert bis 1969 bestehen, bevor er etwas abgemildert wurde. Dadurch und nicht zuletzt durch die Traumatisierung der Verfolgung dauerte es lange, bis sich wieder eine Emanzipationsbewegung bildete.
1969 fand in New York eine bahnbrechende Protestaktion statt: Erstmals setzten sich Schwule, Lesben und Transgender bei einer Polizeirazzia in einer Bar in der Christopher Street öffentlich zur Wehr. Dieses Ereignis begründete den erneuten Beginn einer Befreiungsbewegung, die sich auch nach Europa weiterverbreitete. Noch heute wird in vielen Städten der Christopher Street Day als Ausdruck der Forderungen nach Anerkennung und Gleichbehandlung gefeiert.
Durch die „Neue Frauenbewegung“ in den 1970er Jahren wurden auch Lesben sichtbarer. Viele engagierten sich dort für allgemeine Gleichstellungsbelange von Frauen. Lesbenrechte waren jedoch ein Randthema und mit der Zeit bildete sich eine separate Emanzipationsbewegung, die für die Sichtbarkeit von lesbischen Lebensweisen kämpfte. Auch Schwule schlossen sich in einer Emanzipationsbewegung zusammen. Trotz der Unterschiede zwischen Lesben und Schwulen und inhaltlicher Differenzen, was politische Ziele betraf, entstand langsam eine gemeinsame Bewegung. Mit der ersten Christopher Street Day-Demonstration 1978 in Berlin zeigte sich eine Homosexuellenbewegung, die politische Forderungen stellte und Selbstbewusstsein und Stolz propagierte.
Dennoch dauerte es lange, bis tatsächlich Gleichstellungsmaßnahmen auf rechtlicher Ebene folgten. Der Paragraf 175 StGB wurde erst 1994 per Bundestagsbeschluss endgültig gestrichen.
In Berlin wurde 1989 die erste Referatsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen eingerichtet, die auf gesellschaftspolitischer Ebene arbeitete. Es entstanden politische Interessensverbände und erste Politiker und Politikerinnen setzten sich offen für Lesben und Schwule ein. Allgemein nahm die Thematisierung lesbischer und schwuler Lebensweisen zu. Eine Vielzahl von Selbsthilfegruppen, Aktionsverbänden und auch psychosozialer Unterstützungsangeboten entstand, die die Emanzipation von Lesben und Schwulen weiter voran brachten.
Die Infektionskrankheit HIV / Aids führte in den 1980er Jahren zu massiven schwulenfeindlichen Entwicklungen in Deutschland. Es wurde heftigste Minderheitenhetze betrieben, die Rede war von „ausdünnen“, „in Lager sperren“ usw. Gerade der „Bayerische Maßnahmenkatalog“ gehörte zu den umstrittensten politischen Vorhaben dieser Zeit.
Dies führte zu einem bis heute spürbaren Rückschritt in den Emanzipationsentwicklungen und einer starken (Re-)Traumatisierung vieler schwuler Männer. Natürlich wirkte sich diese Entwicklung auch auf Lesben und Transgender aus. Hervorzuheben ist das immense Ausmaß an Solidarität, Verbundenheit und Menschlichkeit, mit dem sich die schwule Gemeinde, die Betroffenen und viele andere Menschen dieser Ausgrenzung entgegengestellt haben. Die Aidshilfen sind sichtbares Ergebnis dieses Engagements.
Am 01.08.2001 trat das „Gesetz über die eingetragene Lebenspartnerschaft“ (LpartG) in Kraft, das gleichgeschlechtlichen Paaren eine eheähnliche Legalisierung ihrer Beziehungen ermöglicht.
Das am 14.08.2006 verabschiedete „Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz“ (AGG) untersagt Diskriminierungen aufgrund der sexuellen Identität.
Heute gibt es in vielen Städten vielfältige Angebote für Lesben und Schwule, die von psychosozialer Beratung über Interessenvertretungen bis hin zu einer bunten kulturellen Szene reichen. Politische und rechtliche Gleichstellung ist nach wie vor ein Anliegen von Lesben und Schwulen.
München als Großstadt war immer schon ein Schauplatz geschichtlicher und gesellschaftlicher Veränderungen. Einige Stationen waren:
1867: Auf dem deutschen Juristentag in München forderte Karl Heinrich Ulrichs die rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen.
1902: das „Wissenschaftlich humanitäre Komitee München“ wurde als erste Homosexuellenvereinigung von Joseph Schedel gegründet.
1905 bis 1933: Bekannte Vertreterinnen der Ersten Frauenbewegung lebten und wirkten in München: z.B. Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann, die offen als lesbisches Paar auftraten.
1921 bis 1930: Gründung des „Münchner Freundschaftsbundes“ als schwul-lesbischer Verein; Ausprägung einer lebendigen Kulturszene lesbischer und schwuler Künstler; Eröffnung erster Lokale.
1933 bis 1945: Zerschlagung der Strukturen und Verfolgung schwuler Männer und lesbischer Frauen auch in München. 1950er und 60er Jahre: Durch Repression und Tabuisierung geprägt, trotzdem existierte eine Subkultur.
Ab 1971: Beginn erneuter emanzipatorischer Bestrebungen. Die „Homosexuelle Aktionsgruppe“ traf sich regelmäßig im Lokal „Deutsche Eiche“, der „Verein für sexuelle Gleichberechtigung“ wurde gegründet, ebenso wie 1973 das erste Frauenzentrum Münchens. Die „Schwule Teestube“ wurde 1974 am Glockenbach eröffnet und 1978 auch die „Frauenkneipe“ als Treffpunkt feministischer heterosexueller und lesbischer Frauen.
1980: In München wurde der erste Christopher Street Day gefeiert.
1986: Gründung der Vereine „SchwuKK e.V.“ (heute Sub e.V.) und „Lesbentelefon e.V.“ mit Begegnungs- und Beratungsangeboten für Lesben und Schwule.
1989: Gründung der „Rosa Liste“ als erste schwul-lesbische Wählervereinigung.
1990 – 1997: Gründung der „Lesbeninformation und –beratung“, Eröffnung der Räume des Sub e.V. als Treffpunkt für schwule Männer, in der Folge Gründung der Lesbenberatungsstelle LeTRa und der hauptamtlich arbeitenden Beratungsstelle für schwule Männer des Sub e.V., die beide heute ein Teil der städtischen Beratungsstellen-Struktur sind.
1996: ein Vertreter der Rosa Liste wird in den Münchner Stadtrat gewählt, damit ist europaweit erstmalig eine offen schwullesbische Wählerinitiative in einem Stadtparlament vertreten.
1999: Gründung des „Forum Homosexualität und Geschichte e.V.“
2002: Die „Koordinierungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen“ der Landeshauptstadt München wird etabliert; offen lesbisch lebende Stadträtinnen ziehen in den Stadtrat ein.
Das „Forum Homosexualität München e.V. – Lesben und Schwule in Geschichte und Kultur“ hat zahlreiche Informationen zur lesbischen und schwulen Geschichte in München gesammelt und diese auch für die vorliegende Zeitübersicht zur Verfügung gestellt. Herzlichen Dank!