Der Zeitpunkt des Coming Outs
Die Situation der Eltern

Jugendliche befinden sich generell in einer Lebensphase, die durch die Suche nach der eigenen Identität gekennzeichnet ist. Nicht heterosexuell zu sein, bringt zusätzliche Belastungen mit sich.
Im Allgemeinen gibt es im Kontakt mit Gleichaltrigen ein großes Bedürfnis, dazu zu gehören und sich für die gleichen Dinge zu interessieren, da dadurch auch die Ablösung vom Elternhaus unterstützt wird. Das Interesse am anderen Geschlecht steht in der Pubertät oft im Mittelpunkt der Gespräche und Aktivitäten von Jugendlichen, lesbische und schwule Jugendliche spüren hier ihr Anderssein und ggf. ihr Ausgeschlossensein besonders stark.
Das Coming Out bei Jugendlichen verläuft meist in den beschriebenen vier Phasen (siehe “Coming Out“). Viele Jugendliche versuchen, erste homosexuelle Gefühle zu unterdrücken und gehen unter Umständen sogar Beziehungen zum anderen Geschlecht ein, um sich nicht als homosexuell erkennen geben zu müssen.
Auch versuchen Jugendliche oft ihre Homosexualität zu verbergen, da sie Angst vor Ablehnung und Ausschluss haben. Die Folgen können Rückzug aus ihren sozialen Bezugsgruppen und eine hohe emotionale Belastung sein. In verschiedenen Befragungen berichten betroffene Jugendliche, dass Gefühle von Einsamkeit und Angst die Zeit ihres Coming Out grundlegend geprägt haben und nannten nicht selten Alkohol- und Drogenmissbrauch als Bewältigungsstrategien bis hin zu Suizidgedanken. Verschiedene Studien weisen auf ein erhöhtes Suizidrisiko bei lesbischen und schwulen Jugendlichen hin und schätzen diese Gefahr als etwa viermal höher ein als bei heterosexuellen Jugendlichen.

Der Verlauf des Coming Out ist sehr davon abhängig, welche Unterstützung Jugendliche erfahren und wie stabil sie in ihrer emotionalen Entwicklung sind. Durch die vielen Informationsmöglichkeiten im Internet ist es inzwischen leichter geworden, etwas über lesbische und schwule Lebensweisen zu erfahren und dadurch auch Belastungen abzumildern.
In ihrem Alltag fühlen sind schwule und lesbische Jugendliche trotzdem oft isoliert und haben nicht selten das Gefühl, der oder die Einzige an der Schule zu sein. Die Notwendigkeit von Hilfsangeboten und Informationsvermittlung ist daher sehr hoch, damit krisenhafte Entwicklungen bei den jungen Leuten gar nicht erst eintreten.

Bei der Suche nach Vertrauenspersonen zeigt sich, dass sich Jugendliche zu Beginn des Coming Out eher selten an ihre Eltern wenden. Für die Jugendlichen würde eine negative Reaktion ihren zentralen sozialen Lebens- und Schutzraum – die Familie – in Frage stellen.
Die häufigsten Ansprechpartner sind die beste Freundin oder der beste Freund, wobei nicht selten vorher über einen längeren Zeitraum in Erfahrung gebracht wird, wie diese zu Homosexualität stehen.
Falls vorhanden wenden sich die Jugendlichen durchaus auch an professionelle Hilfsangebote wie Beratungsstellen oder Jugenddienste. Gerade hier zeigt sich die hohe Bedeutung von Betroffeneneinrichtungen, die den Jugendlichen mit Rat und Tat zur Seite stehen und aufgrund ihrer schwullesbischen Ausrichtung Diskriminierungsfreiheit garantieren. Ebenso wichtig wären aber auch gut informierte und offene Pädagoginnen und Pädagogen an den Schulen und in den Jugendeinrichtungen. Gerade die Reaktionen erster (in der Regel heterosexueller) Vertrauenspersonen sind für die Betroffenen entscheidend dafür, wie ihr Coming Out weiter verläuft und ob sie eine sich selber wertschätzende und gelingende Entwicklung nehmen können.

Wenn Jugendliche ihr inneres Coming Out bewältigt haben, stellt sich auch für sie die Frage, wie offen sie weiter mit ihrer sexuellen Identität umgehen. Gerade in der Schule werden von jungen Lesben und Schwulen sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht, die von Akzeptanz und Unterstützung bis hin zu Ausschluss und sogar Mobbing reichen. Aufklärung an Schulen und ein Klima von Toleranz gegenüber allen Lebensformen kann Jugendlichen das Coming Out in vielerlei Hinsicht erleichtern.

Der Zeitpunkt des Coming-Out


Eine Berliner Studie präsentiert aufschlussreiche Ergebnisse:

  • Erste konkretere Vermutungen, nicht heterosexuell zu sein, haben Jugendliche oft im Alter von 13 bis 15 Jahren. Dabei fällt auf, dass Jungen ihre sexuelle Identität meist früher bewusst ist als Mädchen.
  • Das Durchschnittsalter, in dem Jugendliche sich zum ersten Mal anderen anvertrauen, liegt zwischen 16 und 18 Jahren. Mädchen suchen eher als Jungen Gespräche mit Vertrauenspersonen.
  • Die Eltern werden meist erst zwei Jahre nachdem die Betroffenen mit anderen gesprochen haben, informiert und dies häufig erst nach Erreichen der Volljährigkeit. Im Durchschnitt vergehen vier bis fünf Jahre von der ersten konkreteren Ahnung der eigenen gleichgeschlechtlichen Identität bis zu einem ersten Gespräch mit den Eltern.
  • 45% der jungen Lesben und 61% der jungen Schwulen versuchen, die eigene Homosexualität zu unterdrücken. Alkohol- und Drogenmissbrauch wurden häufig als Bewältigungsstrategien genannt.
  • Erschreckend hoch lag die Zahl der Jugendlichen, die Suizid als Lösungsmöglichkeit für sich in Erwägung gezogen hatten: bereits 18% hatten einen Suizidversuch unternommen und sechs von zehn Befragten hatten bereits an Suizid gedacht.
  • Nur 1% der Jugendlichen hatten keine größeren Probleme.

Studie: Senatsverwaltung für Jugend, Schule und Sport (Hrsg): „Sie liebt sie. Er liebt ihn. Eine Studie zur psychosozialen Situation junger Lesben, Schwuler und Bisexueller in Berlin“, Berlin 1999

Die Situation der Eltern


Wenn Eltern erfahren, dass ihr Kind nicht heterosexuell ist, empfinden sie dies zu Anfang oftmals als Schock. Vorurteile und eigene Ängste verdrängen oftmals zunächst den Blick auf die Situation des Kindes. Häufig entspricht eine gleichgeschlechtliche Ausrichtung nicht den eigenen Werten und Wünschen, die Eltern für ihr Kind haben.
Viele Eltern haben wenig Informationen über lesbische und schwule Lebensweisen. Sie befürchten, ihr Kind könnte niemals glücklich werden oder einsam sein. Sie befürchten, dass ihr Kind Nachteile aufgrund der Lebensweise bekommen oder von Diskriminierung oder gar von Gewalt betroffen sein könnte. Zum Teil schämen sie sich vor anderen Familienangehörigen oder Bekannten für die lesbische Tochter oder den schwulen Sohn, da sie dort eine Schuldzuschreibung ihnen als Eltern gegenüber vermuten. Viele Eltern stellen sich auch selber die Frage, ob sie durch Erziehungsfehler die Homosexualität des Kindes bewirkt haben. Dies ist meist mit ausgeprägten Gefühlen von Schuld und Scham verbunden.
Zu erfahren, dass dies nicht der Fall ist und dass Homosexualität nicht durch Fehler der Eltern entsteht, bedeutet oft eine große Entlastung für die betroffenen Mütter und Väter und ermöglicht ihnen einen offeneren Umgang mit den Kindern.

Eltern brauchen Zeit, sich an die neue Situation zu gewöhnen und sachgerechte Informationen, um zu verstehen, was sie für ihr Kind bedeutet. Sie müssen eine eigene Entwicklung durchlaufen, die dem des Coming Out ihrer Kinder durchaus ähnlich ist.
Innerhalb dieses Prozesses ist es notwendig, sich mit Moralvorstellungen, Ängsten und Wünschen auseinander zu setzen. Wenn dieser Weg gemeinsam positiv bewältigt wird, können sich Eltern meist gut mit der neuen Situation zurechtfinden und ein gutes Verhältnis zu ihren Kindern und deren Partnern erhalten oder entwickeln.

Dabei kann es sehr unterstützend sein, sich Hilfe bei Beratungsstellen zu holen. In manchen Städten gibt es auch Selbsthilfegruppen, an die sich betroffene Eltern wenden können. Auf Bundesebene gibt es einen Verband von Eltern schwuler und lesbischer Kinder (BEFAH e.V.), der Informationen und Unterstützung zur Verfügung stellt.