Ursachenforschung
Sexuelle Identität
Studie des Kinsey Instituts

Häufig wird die Frage nach den Ursachen von Homosexualität gestellt. Hierüber gibt es jedoch keine gesicherten Erkenntnisse. Die Forschungen legen aber nahe, dass der Prozess dieser Identitätsbildung bereits im frühen Kindesalter abgeschlossen und somit später nicht mehr veränderbar ist. Das heißt, dass niemand zur Homosexualität erzogen, verführt oder beeinflusst werden kann und auch niemand von einer lesbischen oder schwulen Identität zu einer heterosexuellen umerzogen oder „geheilt“ werden kann. Für eine gesunde psychische Entwicklung und Selbstverwirklichung im Leben ist es vielmehr notwendig, sich mit der eigenen sexuellen Identität positiv identifizieren zu können.
 

Ursachenforschung
 

Seit über hundert Jahren wird geforscht, wie Homosexualität entsteht. Ursprünglich wurden vor allem defizitäre soziale Ursachen angenommen, wie zum Beispiel die Verführung zur Homosexualität oder gestörte Vater- oder Mutterbeziehungen. Auch biologische Ursachen wie der Körperbau, hormonelle „Störungen“ oder ein spezielles Gen wurden in Betracht gezogen. Vor allem diese älteren Forschungen orientierten sich ausschließlich an einem Krankheitsverständnis und hatten den Zweck, lesbische und schwule Menschen zu „heilen“ und wieder „normal“ zu machen. Viele Lesben und Schwule mussten unter den Folgen dieser Haltungen und ihrer Auswüchse ein Leben lang leiden. Sie wurden psychiatrisiert, kriminalisiert und durch „Heilungsversuche“ wie zum Beispiel die Elektroschocktherapie traumatisiert.

Selbst neuere Forschungen können keine eindeutigen Ursachen für Homosexualität beschreiben.

Lesben und Schwule betrachten die Ursachenforschung aufgrund dieser negativen Geschichte meist sehr kritisch. So ruft beispielsweise die Aussage, es gäbe ein spezielles Gen für Homosexualität (1993 veröffentlicht, jedoch nicht bewiesen), die Frage hervor, welche Folgen eine solche Erkenntnis nach sich ziehen würde. Es wird eine ähnliche Diskussion befürchtet wie bei der Frage, wie mit ungeborenen schwerstbehinderten Kindern umgegangen werden soll.

Die Untersuchungen zur Entstehung implizieren, Homosexualität sei etwas „falsches“, denn nach den Ursachen von Heterosexualität wird explizit nicht geforscht. Dadurch wird ein defizitäres Bild von lesbischen und schwulen Lebensweisen gefördert.
Lesbische und schwule Menschen wollen nicht erforscht, sondern in ihrer Identität akzeptiert werden. Sie wollen weder „geheilt“ noch umerzogen werden, sondern die Möglichkeit haben, ihre Lebensform gleichberechtigt zu leben.
 

Sexuelle Identität
 

Der Begriff „sexuelle Identität“ beschreibt, zu welchem Geschlecht sich ein Mensch hingezogen fühlt. Es handelt sich dabei nicht um eine ausschließlich sexuelle Ausrichtung sondern immer auch um eine emotionale und soziale Bezogenheit auf ein bestimmtes Geschlecht, also eine die gesamte Persönlichkeit und Lebensweise betreffende Ausrichtung.

Der oftmals alternativ benutzte Begriff „sexuelle Orientierung“ ist missverständlich, da er eine Wahlmöglichkeit suggeriert, die in Wirklichkeit nicht besteht. Daher findet in der moderneren Fachliteratur und in Gesetzestexten immer mehr der Begriff „sexuelle Identität“ Verwendung.

Die sexuelle Identität eines Menschen kann sehr eindeutig und ausschließlich heterosexuell oder homosexuell sein. Fühlt sich ein Mensch zu beiden Geschlechtern gleich oder unterschiedlich stark hingezogen, spricht man von Bisexualität.

Geschlechtsidentität wird als komplexe Struktur verstanden, die sich aus mehreren Teilen zusammensetzt:

  • Die Kern-Geschlechtsidentität ist das individuelle Erleben, einem bestimmten Geschlecht anzugehören, also Mann oder Frau zu sein, und ist mit Ende des zweiten Lebensjahres fest etabliert.
  • Die Geschlechtsrollenidentität beinhaltet Rollenverhalten und Rollenerwartungen, die vor allem durch Erziehung und Umwelt erworben werden (wie habe ich mich als Mann / als Frau zu verhalten, was wird von mir als Mann / als Frau erwartet).
  • Der Begriff der Geschlechtspartner-Ausrichtung bzw. der sexuellen Identität bezieht sich auf das Geschlecht, zu dem sich ein Mensch sexuell und emotional hingezogen fühlt. Die sexuelle Identität wird nach neueren humanwissenschaftlichen Erkenntnissen als Kontinuum zwischen ausschließlich homosexueller und ausschließlich heterosexueller Ausrichtung verstanden. Menschen, die sich in ihrer Partnerwahl ganz auf das gleiche Geschlecht beziehen sind lesbisch bzw. schwul.

Die Entwicklung der sexuellen Identität ist bereits im frühen Kindesalter abgeschlossen und damit schon sehr früh im Leben eines Menschen festgelegt.

Wodurch die Bildung sexueller Identität beeinflusst wird, ist wissenschaftlich nicht nachgewiesen. Zwar gibt es eine ganze Reihe an Untersuchungen, die sich mit möglichen Ursachen beschäftigt haben, sichere Ergebnisse konnten jedoch nicht gewonnen werden. Es wird heute davon ausgegangen, dass viele unterschiedliche Faktoren die Entwicklung der sexuellen Identität beeinflussen.

Eine der bekanntesten Studien hierzu ist die des amerikanischen Kinsey-Institutes, das folgende Ergebnisse vorstellte:

  • Sicher ist, dass sexuelle Identität ohne Zutun der Betroffenen entsteht, das heißt, kein Mensch hat einen Einfluss darauf, ob er oder sie heterosexuell, bisexuell oder homosexuell ist. Somit sind alle Vorstellungen hinfällig, jemand könnte zur Homosexualität „verführt“ oder beeinflusst werden – ebenso die Vorstellung, jemand könnte zur Heterosexualität umerzogen werden.
  • Der Einfluss der Erziehung auf die Entwicklung der sexuellen Identität konnte ebenso nicht nachgewiesen werden, sehr wohl aber der Einfluss darauf, wie ein Mensch später in der Lage ist, mit der eigenen Identität umzugehen und für sich Selbstbewusstsein und Wohlbefinden zu entwickeln. Gerade von betroffenen Eltern wird dies oft als sehr entlastend erlebt, da sich damit die oft gestellte „Schuldfrage“ erledigt hat.
  • Sexuelle Erlebnisse in Kindheit und Jugend sind noch kein Indiz für die sexuelle Identität eines Menschen. Sexuelle Kontakte in der Jugend können nicht als Hinweis auf eine feststehende Ausrichtung gesehen werden, da viele Menschen im Laufe ihres Lebens und besonders in der Jugend sexuelle Kontakte unterschiedlicher Art haben.
    Hinweise, zu welchem Geschlecht sich ein Mensch mehr hingezogen fühlt, geben vielmehr subjektive Empfindungen und Sehnsüchte. Es kann durchaus sein, dass jemand im Jugendalter heterosexuelle Beziehungen hat und dann später erst die sexuelle Ausrichtung zum eigenen Geschlecht feststellt oder zulassen kann.

(A.P. Bell u.a. „Der Kinsey Institut Report über sexuelle Orientierung und Partnerwahl“, München 1980)

Von Medizin und Psychologie wurde Homosexualität lange Zeit als Krankheit beziehungsweise als Störung der sexuellen Identitätsentwicklung definiert. Sie war im Schlüsselverzeichnis für Krankheitsdiagnosen der Weltgesundheitsorganisation (ICD-Liste) aufgeführt und wurde erst mit in Kraft treten der ICD-10 Liste von 1993 nicht mehr als Krankheit klassifiziert. Die Annahme, dass es sich bei Homosexualität um eine Störung handelt, wurde widerlegt und es wurde anerkannt, dass es sich um eine ebenso mögliche wie gleichwertige Ausprägung der sexuellen Identität handelt.

Die sexuelle Identität ist ein wesentlicher Persönlichkeitsbereich des Menschen. Ihre Bedeutung beschränkt sich nicht auf Fragen wie Partnerwahl, Sexualpraktiken oder biologische Prozesse.
Vielmehr spielt die Geschlechtspartner-Ausrichtung in vielen sozialen (Alltags-)Situationen des Menschen eine oft nicht bewusst wahrgenommene oder tabuisierte Rolle.
Kontaktverhalten und Kommunikation zwischen Menschen (auch in scheinbar völlig nichtsexuellen Zusammenhängen), Werbung, Kunst und Medien sind von Erotik und Sexualität beeinflusst oder nutzen sie, um Menschen anzusprechen. In der Regel wird diese Rolle von Sexualität im Alltagsleben nicht wahrgenommen, solange kein Tabubruch damit verbunden ist, sie ist in die menschliche Alltagswahrnehmung integriert – und fast ausschließlich auf Heterosexualität ausgerichtet. Da Lesben und Schwule nicht der in der Bevölkerung verbreiteten Grundannahme entsprechen, alle Menschen seien heterosexuell, fühlen sie sich häufig nicht gesehen oder mit falschen Zuweisungen belegt, die korrigiert werden müssen.