Jurybegründungen
Wenn Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig im perfekten Biedermann-Outfit mit rotweiß kariertem Hemd, verknautschtem „Cord-Hüdla“ und als einer der letzten „Herrendäschle-Träger“ die Bühne betritt, hat er bereits alle Publikumssympathien auf seiner Seite: so vertraut ist mittlerweile die Person des Menschenfreundes Pelzig, „kein kleinkarierter, sondern wenn, dann ein kleiner, aber karierter Humanist“ (F.-M. Barwasser). Pelzig kommentiert und karikiert seit 16 Jahren den Aberwitz politischen Geschehens und den Seelenzustand der Nation aus der Sicht des fränkischen Provinzlers, sinniert nach über Gott und die Welt und den Dalai Lama, über Hormonstörungen und Designersocken. Und wenn er mit dem feinsinnigen Dr. Göbel und dem eher kernigen Hartmut über den Wandel der Zeiten und andere Trauerfälle disputiert, ist das kabarettistische Trio Infernale komplett und der Zuschauer nicht mehr Herr seiner Lachmuskeln.
Barwasser selbst versteht sich allerdings nicht als fränkischer Mundartkünstler, der Dialekt dient „als Stilmittel, der dem Ganzen Charme verleiht“. In seiner Fernseh-Talkshow „Aufgemerkt!“ spielt der ehemalige Radioreporter – jederzeit akribisch vorbereitet – seine journalistischen Karten als Erwin Pelzig aus: mit treuherzigem Blick und einfach-einfältigen Fragen lockt er selbst erfahrene Prominente aus der Reserve. Als Drehbuchautor und Hauptdarsteller hat er in dem Erfolgsfilm „Vorne ist verdammt weit weg“ nicht nur mit einer Gesellschaftssatire die wirtschaftliche „Schlusslichtdiskussion“ angeregt, sondern auch einem wahren High-Tech-Produkt ein Denkmal gesetzt : dem deutschen Einkaufswagen.
Als eigenwillig profilierter Autor erfüllt Frank-Markus Barwasser die Hoferichter-Preiskriterien in vorzüglicher Weise, seine Kunstfiguren besitzen humoristischen Kultstatus. Und weltoffen privat wie als Künstler, engagiert er sich seit vielen Jahren in einer ganzen Reihe von Projekten gegen Rassismus, für Flüchtlinge und Folteropfer. „Was wär' ich ohne mich?“ fragt sich Erwin Pelzig. Was wären wir ohne ihn? fragen wir uns. Und was das bayerische Kabarett ohne diesen umwerfenden Unterfranken?
www.pelzig.de
Beginnt ein „Streiflicht“ der Süddeutschen Zeitung mit den Worten: „Wenn einer aus Altötting kommt, dann hat er, möchte man meinen, ein ausgewogenes, vielleicht souveränes, möglicherweise humoristisches Verhältnis zum Tod“, so ist dies für den erfahrenen Leser ein untrügliches Zeichen, dass „der Unterstöger“ am Werk war. Dabei ist die Tatsache, dass Hermann Unterstöger zwar nicht in Altötting, wohl aber im nahegelegenen Dorf Kirchweidach geboren wurde, noch der geringste Beleg für dessen Autorschaft. Weitaus beweiskräftiger ist die womöglich gar dialektische Verknüpfung der Motive „Heimat“ – bei Unterstöger naturgemäß Altbaiern – und „Welt“, die dem Leser hier als Abschied von derselben entgegentritt, mithin als Tod. Der die Wucht der Aussage abfedernde Einschub: „möchte man meinen“ fördert wiederum Unterstögers generelle Skepsis gegenüber apodiktischen Behauptungen zutage, die sowohl sehr bayerisch ist – der Bayer misstraut allen Autoritäten, folgt ihnen aber trotzdem –, als auch höchst modern, hat doch die zeitgenössische Philosophie absolute Wahrheit längst in den Orkus befördert. Nicht zuletzt aber schwingt in dem Satz eine feine Ironie mit, die ins Spiel zu bringen Hermann Unterstöger souverän beherrscht, ob er nun über Politiker schreibt, über die Tücken der Sprache, über Provinzpossen oder die römische Kurie. Generell darf man sagen: Unterstöger schreibt über Gott und die Welt, und vor beiden zeigt er wenig Respekt.
Hermann Unterstöger schreibt seit gut dreißig Jahren Reportagen, Kommentare und Glossen in der Süddeutschen Zeitung. Und es wäre kaum übertrieben zu sagen, Unterstögers Texte sind eine Form für sich, irgendetwas Drittes zwischen Journalismus und Kunst. Ohne dass er zu Dialektworten greifen müsste, ist seine Sprache bairisch getönt, aber nie provinziell. Seine Geschichten mögen in der Provinz spielen, aber er erzählt sie so, dass darin die Welt auftaucht, aus den Tiefen der Geschichte und mit ihren Verflechtungen in der Gegenwart. Und das alles mit einem Witz, der seinesgleichen sucht – beispielsweise, wenn er, die Bibel parodierend, die „Zehn Gebote“ für Oktoberfestbesucher formuliert. So lautet das neunte Gebot: „Die wilden Biesler sind meine besonderen Knechte. Ihr sollte sie in keiner Weise beschweren, noch sie beim Bieseln behindern oder des Platzes verweisen. Ebenso hoch sollt ihr die achten, die Landhausmode tragen und Doggen mit sich führen.“