Top
Logo der Landeshauptstadt München Landeshauptstadt München

Literaturstipendien und Leonhard und Ida Wolf-Gedächtnispreise der Landeshauptstadt München 2015


Jurybegründungen

Pierre Jarawan: „Am Ende bleiben die Zedern“

Es ist nicht vorrangig die brennende Aktualität des Themas, dem sich der deutsch-jordanische Schriftsteller Jarawan mit seiner Libanon-Odyssee verschrieben hat, die sein Romanprojekt so vielversprechend macht. Vielmehr überzeugt dieser Text vor allem durch seine literarische Dynamik und die erzählerische Wahrhaftigkeit, die aus dem Situativen, Vergänglichen überaus glaubhaft universale Leitlinien von Lebens- und Denkweisen freilegt. Jarawan schickt seinen jungen Protagonisten, den bestmöglich in der Bundesrepublik integrierten Libanesen Samir, auf eine abenteuerliche, windungsreiche Spurensuche in die Heimat seiner Eltern. Was als biographische Rekonstruktion beginnt, entwickelt sich rasch zu einem berührenden Ineinanderführen der Erinnerungskulturen, zugleich aber auch zu einem bedrückenden Panorama von Repression und Identitätsverlust.
Bei Jarawan wird Heimatlosigkeit virtuos als Amnesie diagnostiziert: Heimat ist hier nie wirklich konkrete Verortung, sondern eine oft unzuverlässige Konstruktion des Erinnerns, ein hauchdünner Faden, der immer wieder von einer unberechenbar waltenden Gegenwart durchschnitten und mühsam neu verknüpft werden muss. Das alles lässt dennoch Raum für fein gesponnene Erzählstränge, die Fluchtpunkte ungewohnter Perspektiven bilden auf fundamentale Fragen der Integration, Interkulturalität und Identität.

Pierre Jarawan, geboren 1985 in Jordanien, lebt seit 1989 in Deutschland. Er studierte u.a. Germanistik und Anglistik, leitete Workshops zum Thema „Kreatives Schreiben“, ist Veranstalter und Moderator mehrerer Poetry Slams und Leseshows und tritt als Bühnenpoet bei zahlreichen Poetry Slams im deutschsprachigen Raum auf.

Sophia Klink: „Kakaoschichten menschlicher Unwissenheit“

Sophia Klinks Prosatext „Kakaoschichten menschlicher Unwissenheit“ erzählt von drei Abiturienten, die von zwei Leidenschaften angetrieben werden: von einer wissenschaftlichen Neugier, die sie zu ausgefallenen Forschungsprojekten treibt, und von dem dringenden Bedürfnis, andere Menschen für die Schönheit und die Zerbrechlichkeit der Natur zu sensibilisieren. Marion, Andreas und Benjamin könnten unterschiedlicher nicht sein: Benjamin, der gar nicht anders kann, als verschmitzt zu lächeln, rührend gewissenhaft, für nichts anderes Augen als für seine Herbarien. Andreas, viel zu ungeduldig, der große Reden schwingt, aber nichts riskiert. Und Marion, die Ich-Erzählerin, für die die Autorin eine ganz eigene Sprache findet, sinnlich und doch präzise, den Ton einer klugen, bedachten jungen Frau, in dem sie mit großer Sensibilität die wachsenden Beziehungen zwischen den Protagonisten schildert. So entsteht eine ungewöhnliche und eigenständige essayistische Prosa mit dem Mut zum Ungesagten, zum Unsagbaren und zum Abstrakten. Die Motivwelt aus der Biologie wird von der Autorin außergewöhnlich kundig eingesetzt und lenkt unseren Blick auf Zusammenhänge, die in der Regel unsichtbar für uns sind.

Sophia Klink, 1993 in München geboren, studiert seit 2012 Biologie an der LMU München, inzwischen im Masterstudium, und hat sich parallel zu ihrer naturwissenschaftlichen Laufbahn als Schülerin und Studentin an Kurzgeschichtenwettbewerben beteiligt, zuletzt auch am Studentenseminar der Bayerischen Akademie des Schreibens (2014) und mit einer Lesung beim „Großen Tag der jungen Münchner Literatur“ (2015).

Markus Ostermair: „Der Sandler“

Markus Ostermairs Romanprojekt ist eine Spurensuche mitten unter uns: Karl Maurer lebt sein obdachloses Dasein in München, immer geprägt von der Alkoholabhängigkeit. Ostermair nimmt uns mit auf die Spur seines Protagonisten, der neben den kleinen und großen Problemen eines Obdachlosen vor allem vor einer Weichenstellung in seinem Leben davontippelt: Er hat Schuld an dem Tod eines kleinen Jungen, verließ deshalb Frau und Kind, sein ganzes früheres Leben. Dieser Verlust zieht sich durch seinen Alltag, als diffuse Hoffnung, eines Tages wieder anknüpfen zu können. Und dann sorgt wieder der Tod für eine Wendung: Als ein obdachloser Freund stirbt, muss sich Karl Maurer entscheiden, ob er der Straße entfliehen und sich seinen Lebensthemen stellen will.
Markus Ostermair gelingt es in seinem hervorragend recherchierten und sprachlich überzeugend gestalteten Romanprojekt, den Obdachlosen Karl für den Leser zu entanonymisieren. Ein vielversprechendes literarisches Projekt!

Markus Ostermair, geboren 1981 in Pfaffenhofen a.d. Ilm, leistete seinen Zivildienst in einer Münchner Einrichtung für Obdachlose ab. Er studierte in München Germanistik, Anglistik, Psychologie und Pädagogik, nahm am Manuskriptum-Kurs sowie am Romanseminar der Bayerischen Akademie des Schreibens teil. Er unterrichtet freiberuflich Englisch und Deutsch als Fremdsprache.

Denijen Pauljevic: „Mimicria“

Vor den Häschern der Armee getürmt, kommt der junge Ich-Erzähler aus Belgrad nach München. Er findet Unterkunft in einem Asylheim, in dem auch seine Cousine Branka mit ihrer kleinen Tochter lebt. Es ist eine Gesellschaft der Gestrandeten, unter denen er auch sinistre Koalitionen eingeht, um das Bleiberecht in Deutschland zu erlangen.
Diese Geschichte, die einige Parallelen zur Biographie des Autors aufweist, hätte ein dunkles Rührstück mit eingebauten politischen Empörungsreflexen werden können. Stattdessen wird mit Denijen Pauljevic ein Autor ausgezeichnet, der sein Können vom Film nutzt, um uns in jeder Szene, in jedem Dialog mit einem ungewöhnlich frischen und unsentimentalen Erzählzugriff zu überraschen. Pauljevics Blick auf Menschen und Situationen ist genau, seine Darstellung beweglich und mit schnellem Strich gezeichnet. Der Protagonist verliebt sich in seine Cousine und gewinnt die Zuneigung ihrer fast blinden Tochter, eines kleinen Mädchens hinter dicken Brillengläsern. Ohne Abitur und ganz unten angekommen, plant er Großes, will Film studieren und lässt das tägliche Alltagschaos schon einmal als Film im Kopf ablaufen. Groteske und Humor transportieren Schweres auf leichten Bahnen, eine Kunst, die man sich für den Zeitroman nur wünschen kann.

Denijen Pauljevic, 1974 in Belgrad geboren, lebte nach der Flucht während der Balkankriege selbst vier Jahre in einem Asylheim. Er studierte Slawistik an der LMU, nahm an der Drehbuchwerkstatt an der HFF in München teil und arbeitet seit 2009 vorwiegend an verschiedenen Drehbuch- und Theaterprojekten. „Mimicria“ ist sein erster Roman.

Silke Kleemann: „Manic Road Movie“ (Jugendbuchprojekt)

Silke Kleemann erzählt in ihrem Buchprojekt „Manic Road Movie“ auf überzeugende Weise die Selbstfindung des vierzehnjährigen Doug. Geschickt verwebt sie die Geschichte des Jungen mit der seines manisch depressiven Vaters.
Was als Besuch bei den bislang nur von Weihnachtspostkarten bekannten Großeltern beginnt, endet für Doug in einem abenteuerlichen Trip nach Schottland, zu dem der Vater seinen Sohn in einer manischen Hochphase überredet hat: im wahrsten Sinne ein „Manic Road Movie“.
Der flapsige Erzählton des Ich-Erzählers passt sich dem ironisch-distanzierten Blick Jugendlicher auf Familie und Umwelt an. Die Leser hören Doug beim – wie er es selber nennt – „in-sich-Erzählen“ zu. Die Diskrepanz zwischen seinem schüchternen Auftreten und dem rebellischen Inneren findet sich spiegelverkehrt in der bipolaren Störung seines Vaters wieder: der setzt das in die Tat um, was Doug nie wagen würde. „Der Charme der Manie darf sich zeigen, ebenso aber das Elend dieser Erkrankung mit ihren intensiven Gefühlsschwankungen“, schreibt Silke Kleemann in ihrem Exposé. Das kontrollierte Umfeld, wie Doug es bei seiner Mutter und seinem wohlmeinenden, aber überkorrekten Stiefvater erlebt, verstärkt seinen Wunsch nach einem Ausbruch aus dieser Welt, in der er seine Halbgeschwister, fünfjährige Zwillinge, passenderweise „die Perfekten“ nennt.
Mit sensiblem Gespür für ihre Charaktere setzt Silke Kleemann das Thema Coming-of-Age sprachlich und dramaturgisch gekonnt um.

Silke Kleemann, 1976 in Köln geboren, ist literarische Übersetzerin aus dem Spanischen, Lektorin und Autorin, arbeitet im Bereich Literaturvermittlung, moderiert und schreibt Rezensionen, Reportagen und Autorenporträts für die „LiteraturNachrichten“.

Richard Barth (Übersetzungsprojekt)

Richard Barth erhält das Literaturstipendium für seine Übersetzung des Buches „Bach: Music for the Castle of Heaven“ von John Eliot Gardiner, das auf Deutsch im Hanser Verlag erscheinen wird. Es handelt sich dabei um ein umfangreiches musikwissenschaftliches Werk, das dem Übersetzer Sachverständnis und terminologische Präzision wie auch stilistische Flexibilität abverlangt. Gardiner analysiert die wichtigsten Werke Bachs mit einem Hauptaugenmerk auf der Vokalmusik. Als aktiver Chorsänger greift Richard Barth auch selbst zur Partitur, um die Ausführungen des Autors nachzuvollziehen. Argumentiert wird auf dem aktuellen Forschungsstand, doch durchaus subjektiv-interpretierend und zwischen Fach- und Umgangssprache wechselnd. Dies wie auch die metaphernreiche Sprache meistert Barth bravourös und übermittelt so einen schwungvollen und kenntnisreichen Text, der nichts Langatmiges hat. Besondere Erwähnung verdient die Geschmeidigkeit der Syntax. Erst dadurch, dass in der Übersetzung wieder alles seinen Platz findet, wirkt dieser dichte und vielschichtige Text bereichernd, bereitet seine Lektüre Vergnügen.

Richard Barth, geboren 1974, studierte Anglistik und Geschichtswissenschaft in Bamberg, Keele (GB) und München. 2005 absolvierte er den Aufbaustudiengang "Literarische Übersetzung aus dem Englischen" und konnte sich seither als Übersetzer vor allem von Sachbüchern für diverse renommierte Verlage etablieren. Für seine Arbeit wurde er mehrfach mit Stipendien des Deutschen Übersetzerfonds ausgezeichnet.

Jan Reinhardt: Elias und Elyathyne“ (Leonhard und Ida Wolf-Gedächtnispreis für Literatur)

Beeindruckend souverän erzählt das Buchprojekt „Elias und Elyathyne“ von dem Jungen Elias, der im Rollstuhl sitzt und genau weiß, was er will, aber eingeengt wird von der Fürsorge der Erwachsenen. So muss er seine Ferien mit der strengen Physiotherapeutin „Dorschel“ verbringen, die seine Tage mit einem ausgeklügelten Physio- und Trainingsprogramm belegt. Entgegenzusetzen hat Elias dem nicht viel – ein wenig wirkungslosen Protest, ein bisschen Spott für die ungeliebte Therapeutin, und: seine Schwärmerei für Superheldencomics. Bis er das wundersame Mädchen Elathyne trifft. Das Zusammensein mit Elathyne gibt Elias den Freiraum, den er braucht – um einen anderen Menschen und auch sich selbst wirklich kennenzulernen.
Jan Reinhardt hat einen Text geschrieben, dem auf ruhige Art etwas Rebellisches anhaftet. Auf unaufdringliche Weise erzählt er von der einschränkenden Vormundschaft des guten Willens und dem Recht eines jungen Menschen, er selbst zu sein – und von dem Willen, sich diese Freiheit zu nehmen. Das gelingt dem jungen Autor mit großer Stilsicherheit und ohne erzählerischen Rückzug ins Pathetische oder Floskelhafte. Stattdessen charakterisiert er seine Figuren durch gut beobachtete Details und transportiert so Stimmungen. Der Text ist ironisch und zart an den richtigen Stellen, humorvoll, aber nie klamaukig, und besticht durch seinen erzählerischen Rhythmus. Jan Reinhardt ist ein sehr guter Text gelungen, der zwischen Roadnovel, Liebesgeschichte und Coming-of-Age-Roman von genuin Menschlichem erzählt, und jüngere wie ältere Leser gleichermaßen ansprechen dürfte.

Jan Reinhardt wurde 1993 in München geboren, wo er derzeit Psychologie studiert. Er verfasste Texte fürs Theater, unter anderem für das „Junge Theater am Gärtnerplatz“, und arbeitete als freier Autor für die Süddeutsche Zeitung.

Jurymitglieder

Fachjury: Dr. Marco Böhlandt (Preisträger 2013), Oliver Brauer (Agentur Brauer), Laura Freisberg (BR / Zündfunk), Eva-Maria Kaufmann (Piper Verlag), Dr. Susanne Krones (Luchterhand Literaturverlag), Katrin Lange (Literaturhaus / Akademie des Schreibens)

Jury für die Kinder- und Jugendbuchprojekte: Katharina Lemling (Buchhandlung Lehmkuhl), Edith Offermann (Kuratorin Kinder-/Jugendprogramm Bücherschau), Silke Wolfrum (Stipendiatin 2013)

Jury für die Übersetzungsprojekte: Dr. Ursula Bergenthal (Random House / btb), Luis Ruby (Übersetzer, Stipendiat 2013)
Piero Salabè (Hanser Verlag)

Kommissionsmitglieder des Stadtrats: StR Marian Offman, StR Walter Zöller, StRin Julia Schönfeld-Knor, StR Christian Vorländer (i.V.), StR Thomas Niederbühl