"München lebt Vielfalt":
Der 1. interkulturelle Integrationsbericht zeigt, wie Menschen mit Migrationshintergrund bei der Bildung, auf dem Arbeitsmarkt oder in wichtigen gesellschaftlichen Bereichen integriert sind und wo es Defizite gibt. Ziel ist Chancengleichheit und gleichberechtigte Teilhabe von allen Menschen in der Stadt, egal woher sie kommen.
„München lebt Vielfalt“ ist der Titel des 1. Münchner Integrationsberichtes. Er belegt, wo Integration in München gut gelingt und benennt auch klar die Defizite. Die Stadt hat den Auftrag, auf Grundlage dieser Zahlen Chancengleichheit herzustellen und Teilhabe bei Bildung, Gesundheit, Arbeit, Wohnen und politischen Entscheidungen zu sichern. Integration heißt nicht einseitige Anpassung, sondern erfordert Engagement von beiden Seiten.
In München leben Menschen aus über 180 Ländern, 36% der Münchnerinnen und Münchner haben einen Migrationshintergrund, davon sind 22,6% Ausländerinnen und Ausländer und 13,3 % Deutsche mit Migrationshintergrund.
Die ausländischen Bürgerinnen und Bürger verteilen sich über viele Nationalitäten, am stärksten ist die Gruppe der Türkinnen und Türkinnen. Die meisten Zuzüge sind in den letzten Jahren aufgrund der EU-Ostweiterung aus Polen, Rumänien, Bulgarien und Ungarn zu verzeichnen.
Integration ist ein langer Prozess, der nicht ad hoc gelingen kann. Aktive Integrationspolitik der Bundesregierung gibt es erst seit 2005, als das Zuwanderungsgesetz u.a. mit einer Verpflichtung für Neuzuwanderer zur Teilnahme an Integrationskursen in Kraft getreten ist. Diese Kurse wurden sehr stark von Menschen nachgefragt, die seit Jahren in Deutschland leben und nicht zur Teilnahme verpflichtet sind. Die Zahlen beweisen einen starken Integrationswillen und widerlegen das Vorurteil der Integrationsverweigerung. In München haben 16.965 Menschen von 2005 bis 2009 Integrationskurse besucht, 8.852 von ihnen waren dazu nicht verpflichtet.
In München gibt es seit Februar 2008 das Interkulturelle Integrationskonzept als Rahmenvorgabe für alle Aktivitäten. Leitprojekte zeigen konkrete Wege zu mehr Chancengleichheit und Teilhabe. Federführung für die Umsetzung des Integrationskonzepts wie auch für den Integrationsbericht hat die Stelle für interkulturelle Arbeit im Sozialreferat.
Der Integrationsbericht hat 27 Indikatoren in sechs Handlungsfeldern, an denen die Entwicklung der letzten drei Jahre gemessen wird. Es sind die Bereiche interkulturelle Öffnung, Förderung gesellschaftlicher Teilhabe, Bildung und Weiterbildung, Ausbildung und Arbeitsmarkt, Sprachförderung und Abbau von Diskriminierung.
Die Landeshauptstadt München richtet sich mit ihren Leistungen auf die Bedürfnisse von Menschen mit Migrationshintergrund aus. Die interkulturelle Öffnung wird als Führungsaufgabe von den Referentinnen und Referenten wahrgenommen. Mit 30.000 Beschäftigten ist München eine der größten Arbeitgeberinnen in der Stadt. In den letzten drei Jahren besuchten 2.000 Beschäftigte interkulturelle Fortbildungen.
Die Fortbildungen erleichtern den Arbeitsalltag in allen Bereichen -bei der Feuerwehr, im Sozialdienst oder im Baureferat. Fehlender Blickkontakt wird beispielsweise oft als unehrlich interpretiert. Die Situation entspannt sich, wenn man weiß, dass dieses Verhalten auch Ausdruck von Respekt sein kann.
2012 werden Rettungsassistenten der Feuerwehr geschult, wie sie in Notsituationen beruhigen können und wie der Umgang mit größeren Gruppen von Angehörigen ist.
Gute Erfolge gibt es auch bei der städtischen Ausbildung: Die Stadt versucht verstärkt Auszubildende und Beschäftigte mit Migrationshintergrund einzustellen. In der Ausbildung ist es gelungen, den Anteil von 11% im Jahr 2006 auf 16,2 % im Jahr 2009 zu steigern, bis zum Jahr 2013 sollen es 20% sein. Insgesamt ist der Anteil an ausländischen Beschäftigten in der Landeshauptstadt bei 9,9 %. Im gehobenen und höheren Dienst allerdings nur bei 2 %. Wegen des Fachkräftemangels im Erziehungsbereich, bei Ingenieuren und Informatikern wird die Stadt versuchen, verstärkt Fachkräfte mit Migrationshintergrund zu gewinnen.
Auch politische Parteien sind gefragt, Möglichkeiten der aktiven politischen Gestaltung zu ermöglichen. Derzeit haben nur 13% der Münchner Stadtratsmitglieder einen Migrationshintergrund, noch weniger sind es bei den Bezirksausschüssen.
Der Münchner Arbeitsmarkt ist relativ stabil durch die Krise gekommen. Die Befürchtungen, dass ausländische Arbeitnehmer stärker betroffen sein könnten, hat sich nicht bewahrheitet. Dennoch sind überproportional viele Menschen mit Migrationshintergrund im Niedriglohnsektor beschäftigt und doppelt so häufig von Arbeitslosigkeit betroffen wie Deutsche ohne Migrationshintergrund.
Grund für die schlechten Chancen am Arbeitsmarkt sind sprachliche Defizite, eine nicht vorhandene Ausbildung und die Nichtanerkennung der ausländischen Bildungsabschlüsse, so dass Handwerker, Erzieherinnen oder Akademikerinnen und Akademiker mit einem ausländischen Abschluss oft nur schlecht bezahlte Hilfsjobs annehmen können.
Der Arbeitsmarkt entzieht sich der direkten Gestaltung durch die Stadt. Doch mit dem Münchner Beschäftigungs- und Qualifizierungsprogramm in Höhe von 27 Mio. Euro werden langzeitarbeitslose Menschen für den 1. Arbeitsmarkt qualifiziert, damit sie mit existenzsichernden Einkommen unabhängig von staatlichen Leistungen leben können. Wichtig sind berufsbezogene Sprachkurse oder Anpassungsqualifizierungen, um das Fachwissen auf die aktuellen Anforderungen anzupassen. Die Maßnahmen sind wichtig, denn in Bayern fehlen nach aktuellen Schätzungen bis zum Jahr 2030 etwa 1,1 Millionen Fachkräfte.
Das Sozialreferat hat eine Servicestelle zur Erschließung ausländischer Qualifikationen eingerichtet, damit Zuwanderer ihr Know How, das sie im Ausland erworben haben, auch am Münchner Arbeitsmarkt einsetzen können. Die Beratungsstelle zeigt Wege, wie ausländische Qualifikationen für den Arbeitsmarkt genutzt werden können. Im ersten Jahr wurden 276 Personen beraten, 40% hatten eine pädagogische Ausbildung.
Erfreulich ist der starke Unternehmergeist von Ausländerinnen und Ausländern. Während die Zahl deutscher Gewerbeanmeldungen seit Jahren sinkt, stieg die Zahl der ausländischen Gewerbeanmeldungen fast um das Doppelte. 22 % aller Münchner Gewerbe sind von Ausländern angemeldet. 18% der Münchner Beschäftigten arbeiten in Unternehmen ausländischer Selbständiger. Leider haben sich 34 % der ausländischen Unternehmer innerhalb eines Jahres wieder abgemeldet. Hier müssen Stadt und die Kammern eine zielgerichtete Beratung anbieten.
Integration durch Bildung: Von früher Kindheit und Schule in den Beruf
Der wichtigste Schlüssel zur Integration sind Bildung und Sprachförderung. Der interkulturelle Integrationsbericht und der Bildungsbericht zeigen ganz deutlich, dass das Bildungssystem weit davon entfernt ist, allen Kindern gleiche Bildungschancen zu bieten. Das deutsche Bildungssystem setzt eine aktive Rolle der Eltern für den schulischen Erfolg ihrer Kinder voraus – eine Rolle, die nicht alle Eltern – ob mit oder ohne Migrationshintergrund – erfüllen können. Schlechte Bildungschancen wirken nachhaltig, schlechte Chancen auf dem Ausbildungsmarkt sind die Folge.
Jedes zweite Kind in München, hat einen Migrationshintergrund. Umso wichtiger ist es, so früh wie möglich den Kindern Zugang zu Förderung zu geben. Dies beginnt sehr früh mit dem Besuch von Krippe und Kindergarten. Gerade für Kinder mit Migrationshintergrund aus sozial benachteiligten Familien erhöhen sich dadurch die Bildungschancen, so dass später der Übergang ins Schulsystem leichter ist.
Fast alle drei- bis sechsjährigen Kinder mit Migrationshintergrund besuchen einen Kindergarten, ihr Anteil liegt mit knapp 47 % nur wenige Prozentpunkte unter ihrem Anteil von 54 % an der gleichaltrigen Bevölkerung. Künftig müssen wir aber noch mehr dafür tun, dass alle Kinder, deren beide Eltern eine andere Muttersprache haben, mindestens drei Jahre einen Kindergarten besuchen. Nach dem letzten Bildungsbericht besuchen aber nur 70% dieser Kinder drei Jahre lang den Kindergarten. Der dreijährige Kindergartenbesuch soll für alle Kinder möglich sein.
Neben dem Ausbau der Kindertagesbetreuung ist es deswegen wichtig, dass die Stadt genügend Angebote wie OSTAPJE oder HIPPY zur Unterstützung der individuellen Entwicklung breit stellt. HIPPY ist ein Hausbesuchsprogramm, in dem Eltern lernen, ihre Kinder anhand von Bilderbüchern und Spielmaterial sprachlich und kognitiv zu fördern. Die am Programm teilnehmenden Eltern treffen sich zum regelmäßigen Austausch.
Auch auf Sprachförderung von Anfang an ist zu achten. Hier ist in den letzten Jahren einiges passiert: Der Freistaat hat die Erhebung des Sprachstands der Kinder verbindlich vorgegeben und die Vorkurse Deutsch für Vorschulkinder auf inzwischen 240 Stunden in den letzten eineinhalb Kindergartenjahren erhöht. Der Vorkurs wird in Zusammenarbeit von Kindergarten und Schule durchgeführt. Bisher ist allerdings noch nicht evaluiert, ob die Maßnahmen gleiche Startbedingungen bei Schuleintritt erreichen.
Die Benachteiligung im Schulsystem wird sichtbar daran, dass Kinder mit Migrationshintergrund verglichen mit Kinder ohne Migrationshintergrund überproportional oft an Förderschulen und doppelt so häufig an Hauptschulen sind. Kinder bekommen bei gleicher Leistung seltener eine Empfehlung für eine weiterführende Schule. Besser geworden sind jedoch die Übertrittsquoten ans Gymnasium. Im Schuljahr 2004/2005 gingen 18% der ausländischen Schüler ins Gymnasium, zwei Jahre später waren es schon 28 %.
Eine Verbesserung gibt es auch bei den Schulabschlüssen: Die Zahl der ausländischen Jugendlichen ohne Schulabschluss ging von 20 Prozent im Schuljahr 2003/2004 auf 15 Prozent im Schuljahr 2007/2008 zurück. Im gleichen Zeitraum hat sich die Zahl beim mittleren Schulabschluss von 23,9 % auf 26 % erhöht, noch größer ist der Sprung bei der Hochschulreife. Der Anteil der ausländischen Schulabgänger mit Abitur ist von 9,5 auf 13,3% gestiegen.
Anteil der Schüler/innen nach Art des allgemeinbildenden Abschlusses und nach Staatsangehörigkeit (2003/04, 2006/07; 2007/08
Projekte für Bildungsgerechtigkeit
Diese Erfolge sind ein Ansporn, das Engagement im Bildungsbereich zu erhöhen. Die Landeshauptstadt versucht mit vielen Projekten und Kooperationspartnern die individuelle Benachteiligung auszugleichen, damit Kinder ohne häusliche Unterstützung nicht auf der Strecke bleiben.
» An allen städtischen Realschulen und Gymnasien gibt es Ganztagsangebote. Schulen mit hohem Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund haben die Deutschförderung intensiviert, an fünf städtischen Gymnasien werden in einem Pilotprojekt bei der 5. bzw. 6. Jahrgangsstufe die jeweiligen Deutschklassen geteilt.
» Das Pädagogische Institut unterstützt Maßnahmen der Sprachförderung durch die Zusatzqualifikation „Münchner Zertifikat – Deutsch als Zweitsprache“ in Kooperation mit der Ludwig-Maximilians-Universität München. 23 Lehrkräfte an städtischen Schulen haben diese Ausbildung abgeschlossen und sind beratend an ihren Schulen im Einsatz.
» Seit 2009 gibt es den Förderunterricht für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund der Stiftung Mercator an 20 Münchner Schulen. 122 Lehramtsstudierende fördern in Kleingruppen 420 Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund und Sprachförderbedarf.
Dem Stadtrat wird vorgeschlagen, ab 2012 nach Auslaufen der Stiftungsförderung das Projekt mit kommunalen Mitteln fortzuführen.
» Zudem gibt es eine Vielzahl von ehrenamtlichen Projekten, die versuchen, mit gezielter Förderung die Jugendlichen auf ihrem Weg zu begleiten.
Ausbildung ein Traum für zu wenige
Benachteiligung im Schulsystem wirkt sich direkt auf den Übergang ins Berufsleben aus. Zu wenig ausländische Schüler haben einen Ausbildungsvertrag und zu viele sind im Übergangssystem.
Verteilung der Schülerinnen und Schüler auf die drei Bereiche des Berufsbildungssystems nach Staatsangehörigkeit 2008/09
Die gemeinsamen Bemühungen der städtischen Referate, der Agentur für Arbeit, der Wirtschaftsverbände, der Betriebe, der freien Träger und nicht zuletzt der vielen ehrenamtlich Tätigen werden fortgesetzt.
Beispiele
» Jade - Jugendliche an die Hand nehmen ist ein Regelangebot an Hauptschulen und an Förderschulen ab der 7. Klasse. Möglichst alle Schüler sollen eine Perspektive für den Übergang ins Berufsleben haben.
» Berufsbezogene Jugendhilfe (BBJH): Das Stadtjugendamt richtet sich an die Jugendlichen, deren berufliche und gesellschaftliche Integration zu scheitern droht. 2009 waren 646 Personen in der BBJH, der Anteil junger Menschen mit Migrationshintergrund betrug 49%.