Münchner Original: Rainer Maria Schießler

Ein Münchner Original in seiner Kirche: Rainer Maria Schießler im Video-Interview mit muenchen.de

Ein Pfarrer, der sich in seinem Gottesdienst teilweise um Fahrzeuge und Tiere kümmert, mag ziemlich ungewöhnlich klingen, aber das ist eben Rainer Maria Schießler! muenchen.de hat sich mit dem Stadtpfarrer über seine Heimatstadt München unterhalten.

Rainer Maria Schießler, Foto: Rico Güttich
Foto: Rico Güttich

Rainer Maria Schießler ist möglicherweise Münchens bekanntester Pfarrer. Durch seine unkonventionelle Art, seine besondere Seelsorge und sein Engagement rund um seine Heimatstadt sorgt er immer wieder für Aufsehen.

Geboren und aufgewachsen ist Rainer Maria Schießler in Laim. Ein paar Jahre später wurde aus einem Lausbub erst ein Ministrant und Abiturient am Wittelsbacher Gymnasium, später ein Theologiestudent.

Die ersten Jahre nach seiner Priesterweihe verbrachte er in Bad Kohlgrub und Rosenheim, 1991 kehrte er nach München zurück. Als Kaplan verbrachte er zwei Jahre auf Giesings Höhen in der Kirche Heilig Kreuz und erlebte dort hautnah den Aufstieg seiner Münchner Löwen in die Bundesliga.

Stadtpfarrer wurde Rainer Maria Schießler 1993 in St. Maximilian im Münchner Glockenbachviertel, seit 2011 ist er zusätzlich Pfarrer in der Heilig-Geist-Kirche am Viktualienmarkt.

Nicht nur mit seinen teilweisen provokanten Aussagen sorgt Rainer Maria Schießler immer wieder für Aufsehen, sondern auch mit seiner außergewöhnlichen Seelsorge. Der Pfarrer segnet in einem eigenen Fahrzeug- und Motorradgottesdienst auch motorisierte Gefährte. Im Juli findet die jährliche "Viecherlmesse" statt, zu der auch Tiere in den Gottesdienst kommen dürfen.

Seit neun Jahren arbeitet der Pfarrer nebenher als Bedienung auf dem Münchner Oktoberfest. Das verdiente Geld spendet er für wohltätige Zwecke.

Rainer Maria Schießler im Interview mit muenchen.de

, Foto: Rico Güttich
Foto: Rico Güttich

Ihr liebster Ort in München?

Vorsicht mit dem Lieblingsort, weil der Pfarrer ist ja mit der Pfarrei verheiratet. Wir sind jetzt hier seit 23 Jahren mit einander verbunden, verbandelt wie man in Bayern sagt. Es ist natürlich eine gewisse Form der Liebe! Als ich hier angefangen hab, habe ich mich den Leuten vorgestellt und habe gesagt: "Irgendwann werde ich gehen. Entweder aufrecht, weil ich die Stelle wechsle. Oder liegend, weil ich tot bin. Ich möchte dann, dass Ihr über mich sagt: Er war immer für uns da."

Ihre Münchner Lieblingsplätze sind…?

Ich möchte gerne im Abendrot oben am Friedensengel sitzen. Da, wo der Monaco Franze gesagt hat, das ist die Straße, da geht es hinein in diese wunderbare Stadt. Ich möchte im Hirschgarten sein, da bin ich aufgewachsen. Hinter den Bahngleisen, da wurde Fußball gespielt, da hat man mit Vierzehn seine erste Maß Bier getrunken. Beim Sonnenaufgang wahnsinnig gerne auf der Hochbrücke, da hat man einen ganz tollen Blick, auf diese, meine Kirche runter. Das ist perspektivisches Schauen. Ich mag am Mittag in irgendeiner lauschigen Ecke im Hofgarten sitzen. Ich möchte mich erinnern, dass wir nicht irgendeine Klitsche sind hier in München, sondern wir sind eine Residenzstadt. Ich mag zum Olympiagelände rausgehen. Ich war zwölf Jahre, ich habe meine erste Liebe erfahren und hier fanden die Olympischen Spiele statt.

Typisch München ist?

Am Viktualienmarkt im Biergarten sitzen - du sitzt keine drei Sekunden und du bist mit deinem Nachbarn im Gespräch. Ich als Wiesn-Bedienung, natürlich auch das Oktoberfest. Von meiner Grundüberzeugung als gläubiger Christ weiß ich und bin fest davon überzeugt: der liebe Gott hat diese Bestimmung für uns vorgesehen - wir sollen das Leben feiern! Wo erlebe ich das deutlicher als in einem wunderschönen, singenden, tanzenden, das Leben genießenden Bierzelt? Ich habe auch keinen getroffen, in Hamburg oder Berlin, der mein Gefühl bestätigt hat, dass da irgendwie, egal wo du in München hinkommst, du das Gefühl hast, den kennst du. Obwohl du ihn nicht kennst. In einem Dorf kennt man sich halt. Ich habe es selber erlebt am 11. September (2001), da ist mein Vater gestorben. Da war ich am Abend auf dem Marienplatz. Da war das Gebet für die Terroropfer und ich durfte da mittendrin stehen und mit tausenden von Menschen um meinen Vater trauern. Und ich habe gespürt, wie München mich trägt in meiner Trauer. Das war mein emotionalster Moment mit dieser Stadt.

Was würden Sie an München vermissen?

Vor allem die Sprache. Dieses leichte Bayerisch. Ich bin ja allen, die mir die bayerische Sprache nicht vorenthalten haben, vor allen Dingen meinen Eltern, unglaublich dankbar. Dieser dialektfreie Slang. Dieses Bayerische, was jeder versteht. Manche Dinge kann ich auch nur im Bayerischen ausdrücken. Und bin danach sofort in der Lage, dies in Schriftform oder Hochdeutsch umzuwechseln.
Auch der Duft dieser Stadt. Überall wo ich hinkomme, rieche ich zuerst. Ich nehme München am Duft wahr und damit meine ich nicht den Feinstaub.

Wie wäre Ihr perfekter München-Tag?

Auf jeden Fall am Morgen in einer meiner Kirchen in die Messe zu gehen, das ist ganz wichtig. Dann geschmeidig Frühschoppen am Viktualienmarkt. Dann ein geruhsamer Radl-Trip durch den Englischen Garten. Wir haben ein Erholungsgebiet mitten in der Stadt, da kann sich der Hyde Park oder der Central Park schleichen. Und dann am Abend in eines unserer wunderschönen, gemütlichen Gasthäuser zu gehen. Ob Bayerisch oder Griechisch ist völlig egal. Es sind ja alles Münchner. Wir haben alle mit offenen Armen aufgenommen und wir haben noch nie Assimilations-Schwierigkeiten gehabt.

Was und wen nehmen Sie mit in den Biergarten?

Ich möchte Gastronomen was verdienen lassen. Ich möchte die, die dort arbeiten, was verdienen lassen. Und das ist so lecker! Ich war letztens wieder in der Menterschwaige, immerhin ist Herr Schottenhamel mein Zweit-Chef und der hat so kreative Sachen, die man jetzt im Glas kaufen kann. Was soll ich da viel mitnehmen? Da nehme ich lieber ein bisschen mehr Geld mit. Ich bekomme alles, was ich brauche und habe dann beide Hände frei, wenn ich wieder heim radel.

Mit welchem Münchner würden Sie gerne ein Bier trinken?

Meine ganze Zuneigung gilt natürlich Helmut Fischer. Das habe ich als echt münchnerisch empfunden. Wie er sich sowohl im Privaten, als auch im Geschäftlichen, als Schauspieler, gegeben hat. Ich habe durch meine Mediensachen sehr viele Leute kennengelernt, auch beim Film natürlich. Und ich weiß, dass diese Leute einen ganz tollen Job machen. Und ich freue mich, wenn ich Ihn dann mal treffe und wir unsere München-Erfahrungen austauschen können. Das ist wie das Abendgebet: Lieber Gott, mach das ich in den Himmel komme, aber lass Dir Zeit!

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