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"Zusammenstehen gegen Antisemitismus": Kundgebung am 8. Juni 2018


Kundgebung und Solidaritätsaktion "Zusammenstehen gegen Antisemitismus"
OB Reiter spricht vor rd. 2000 Veranstaltungsbesuchern auf dem  St.-Jakobs-Platz
(08.06.2018, Foto: Presseamt / Michael Nagy)  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
OB Reiter spricht auf dem St.-Jakobs-PLatz vor 2000 Besucherinnen und ...

Zusammenstehen gegen Antisemitismus

Rede OB Reiter zur Kundgebung am Freitag, 8. Juni, auf dem St.-Jakobs-Platz

(Es gilt das gesprochene Wort)

Liebe Münchnerinnen und Münchner,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

der 8. Juni 1938 zählt zu den dunkelsten Tagen der Münchner Stadtgeschichte. Heute vor genau 80 Jahren teilte die nationalsozialistische Münchner Stadtverwaltung der Israelitischen Kultusgemeinde mit, dass bereits am nächsten Morgen die schändliche Zerstörung der damaligen Hauptsynagoge an der Herzog-Max-Straße beginnen würde.

Erst gut 50 Jahre zuvor – am 16. September 1887 – war die prächtige Synagoge im Herzen der Stadt eingeweiht und eröffnet worden.

Die Zerstörung einer der schönsten Synagogen Europas – im Zentrum Münchens, mit eifriger Mithilfe der Stadtverwaltung und vor den Augen der Münchner Bevölkerung – war Ausdruck der bereits weit fortgeschrittenen Entrechtung der jüdischen Bevölkerung.

Sie war zugleich Vorbote der noch folgenden beispiellosen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik, die zur Ermordung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden führen sollte.

Der 8. Juni 1938 hat sich darum in besonderer Weise ins kollektive Bewusstsein der Münchner Jüdinnen und Juden eingebrannt.

Nicht zuletzt auch deshalb, weil die jüdische Gemeinschaft der Ausgrenzung, den Schikanen und Angriffen damals allein und schutzlos gegenüberstand.

Die beschämend große Mehrheit der Münchner Bevölkerung nahm die grausamen Verbrechen an ihren jüdischen Nachbarn und Kollegen gleichgültig hin – oder stimmte ihnen gar ausdrücklich zu.

Dieses Gefühl der Einsamkeit und Schutzlosigkeit, das die Münchner Jüdinnen und Juden heute vor 80 Jahren erfahren und erleiden mussten, darf sich nie mehr wiederholen. Das ist das Zeichen, das von der heutigen Veranstaltung ausgehen soll.

Ich freue mich, dass ein so breites Bündnis aus der Münchner Stadtgesellschaft meinen Aufruf unterstützt hat und dass so viele Münchnerinnen und Münchner ihm heute auf den Jakobsplatz – das neue Zentrum jüdischen Lebens in München – gefolgt sind.

Die Initiative zu der heutigen Veranstaltung ging ganz entscheidend auch von der Münchner Zivilgesellschaft und den Kirchen aus. Stellvertretend für das Bündnis, das heute hier solidarisch zusammensteht, möchte ich mich daher bei Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler bedanken.

Viel zu oft mussten die jüdischen Gemeinden in der Vergangenheit nach antisemitischen Vorfällen selbst Anteilnahme und Solidarität einfordern. Es kann jedoch nicht sein, dass die Leidtragenden von Ausgrenzung, Hass, Hetze und Gewalt auch noch selbst dafür sorgen müssen, dass der Rest der Gesellschaft Empathie und Widerstand zeigt.

Vielmehr ist es die Aufgabe einer verantwortungsbewussten und demokratischen Stadtgesellschaft, von sich aus gegen Antisemitismus aufzustehen und sich solidarisch an die Seite der Münchner Jüdinnen und Juden zu stellen.

Deshalb steht München hier und heute zusammen gegen Antisemitismus.

Dass dies gerade in diesen Tagen wieder – oder immer noch – notwendig ist, bestürzt uns alle. Die antisemitischen Vorfälle und Angriffe, über die in den vergangenen Wochen und Monaten verstärkt berichtet wurde, kommen jedoch nicht aus dem Nichts. Sie sind vielmehr Ausdruck eines gesellschaftlichen Klimas, in dem sich menschenfeindliche Einstellungen immer häufiger in Form menschenverachtender Parolen und Taten entladen.

Wie weit antisemitische Einstellungen bis heute und bis weit hinein in die Mitte der Gesellschaft verbreitet sind, zeigen wissenschaftliche Studien seit vielen Jahren. Und die mediale Aufmerksamkeit, die das Thema Antisemitismus in diesen Tagen erfährt, bildet einen gesellschaftlichen Zustand ab, auf den unmittelbar Betroffene schon seit längerer Zeit mit großer Sorge hinweisen.

So gab vor gut einem Jahr in einer Umfrage unter Jüdinnen und Juden in Deutschland fast jeder dritte Befragte an, im Vorjahr antisemitisch beleidigt, belästigt oder gar körperlich angegriffen worden zu sein. Über 60 Prozent der Befragten berichteten über versteckte antisemitische Andeutungen im Alltag. Und 83 Prozent der Befragten äußerten Ängste über eine weitere Zunahme des Antisemitismus in den kommenden Jahren.

Es ist unerträglich, dass Jüdinnen und Juden in Deutschland wieder bzw. immer noch in Angst vor Beschimpfungen und Beleidigungen, vor Ausgrenzung oder sogar vor gewalttätigen Übergriffen leben müssen. Und wir alle sind dazu aufgefordert, jede Form von Antisemitismus klar und unmissverständlich in die Schranken zu weisen.

Antisemitismus hatte schon immer viele Gesichter. Und auch aktuell beobachten wir, wie aus ganz unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und politischen Richtungen antisemitische Ressentiments bedient und geschürt werden – manchmal ganz direkt und unverhohlen, häufig jedoch auch versteckt und codiert.

Wir müssen uns daher gleichermaßen entgegenstellen,

  • wenn von rechtsaußen ein rassistisch und völkisch aufgeladener Judenhass propagiert wird,
  • wenn durch Verschwörungstheorien über die vermeintliche „Macht der Juden“ antisemitische Stimmungen angeheizt werden,
  • wenn Jüdinnen und Juden zum Sündenbock für gesellschaftliche und politische Fehlentwicklungen erklärt werden,
  • wenn durch Holocaust-Leugnung und Angriffe auf die Erinnerung an die Shoah die deutschen Verbrechen an den europäischen Juden in Frage gestellt oder relativiert werden,
  • oder wenn sich in den sozialen Medien, auf Demonstrationen und in Form von Boykottkampagnen der Hass auf Israel äußert.

Wer einzelne Formen des Antisemitismus ausblendet, verharmlost oder gar bewusst relativiert, verliert nicht nur seine Glaubwürdigkeit im Kampf gegen Antisemitismus – sondern ist Teil des Problems.

Diejenigen, die sich als vermeintliche „Freunde Israels“ aufspielen, den nationalsozialistischen Massenmord an den europäischen Juden gleichzeitig aber als „Vogelschiss deutscher Geschichte“ banalisieren, sind deshalb im Einsatz gegen Antisemitismus ebenso wenig geeignete Partner, wie all jene, die zwar den historischen Antisemitismus im Blick haben, sich in ihrem Hass auf Israel aber gleichzeitig antisemitischer Argumentationsmuster bedienen.

Diejenigen, die den gegenwärtigen Antisemitismus in Deutschland allein als ein „importiertes Problem“ darstellen – und dadurch die Mehrheitsgesellschaft von einer Auseinandersetzung mit dem Problem Antisemitismus entlasten –, machen sich in ihrem vermeintlichen Kampf gegen Antisemitismus unglaubwürdig. Ebenso wie all jene, die sich der Erkenntnis verweigern, dass Antisemitismus in den Herkunftsländern vieler Geflüchteter zur Staatsräson gehört.

Die Kontinuität, Wandlungsfähigkeit und fortwährende Gefahr des Antisemitismus zeigt sich auch in der jüngeren Geschichte unserer Stadt auf erschreckende Weise. Lassen Sie mich dies anhand von drei Ereignissen verdeutlichen:

  • Am 13. Februar 1970 – nur gut 25 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz – steckten bis heute unbekannte Täter das Wohnheim der Israelitischen Kultusgemeinde in der Reichenbachstraße in Brand. Dabei kamen sieben jüdische Hausbewohner – darunter auch Holocaust-Überlebende – ums Leben.
  • Nur zwei Jahre später ermordete ein palästinensisches Terrorkommando während der Olympischen Spiele in München elf israelische Sportler.
  • Und erst vor 15 Jahren planten Münchner Neonazis – die heute bei Pegida mitmarschieren – einen Anschlag auf die Grundsteinlegung der neuen Münchner Synagoge, vor der wir gerade stehen.

Diese Ereignisse zeigen, wohin antisemitische Einstellungen und Stimmungen in letzter Konsequenz führen – und wie wirkmächtig Antisemitismus auch nach 1945 geblieben ist.
So wie der 8. Juni 1938 und die verheerende Rolle Münchens als ehemalige „Hauptstadt der Bewegung“ ganz maßgeblich zum historischen Gepäck dieser Stadt gehören, so gehört auch die jahrhundertealte antisemitische Traditionslinie bis heute zum kulturellen Gepäck Deutschlands und Europas.

Und wir alle sind dazu aufgefordert, uns mit diesem kulturellen Gepäck auseinanderzusetzen!

Denn so wichtig das heutige Zeichen der Geschlossenheit und Solidarität auch ist, so wenig ist es damit getan.

Gerade weil der Antisemitismus – nicht nur bei anderen, sondern auch in unseren Familien, Freundeskreisen, Milieus, Parteien und Institutionen – so tief verwurzelt ist, müssen wir genau dort anfangen.

Auch wenn dies an mancher Stelle schmerzhaft sein wird: Solange wir uns nicht in allen gesellschaftlichen Gruppierungen mit den antisemitischen Ressentiments in unserem kulturellen Gepäck auseinandersetzen, werden wir diesen so alten, wandlungsfähigen und unheilvollen Dämon namens Antisemitismus nicht bändigen.

Antisemitismus ist – egal in welchem Gewand – immer auch ein Angriff auf unsere liberale Gesellschaft, auf die Demokratie und die Grundwerte unseres Zusammenlebens. Wir alle sind deshalb dazu aufgefordert, Antisemitismus in jeder Form und in allen gesellschaftlichen Bereichen – gerade auch in unserem direkten Umfeld – entschieden entgegenzutreten.