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Münchner Kindl mit Schriftzug Landeshauptstadt München Landeshauptstadt München

Selbstbeschreibung vs. "Migrationshintergrund"


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Selbstbeschreibung vs. "Migrationshintergrund"

Ein Beitrag zur Debatte um die Erhebung von (repräsentativen) Daten zu Gleichstellung, Teilhabe und Diskriminierung in vielfältigen (Stadt-) Gesellschaften (Stand: 21. Januar 2021)

Kurzzusammenfassung

Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen gesellschaftlichen Debatte um die Erfassung von Daten zu Gleichstellung und Diskriminierung hat die Landeshauptstadt München erstmals versucht, ein Kon-zept umzusetzen, das neben der „klassischen“ Erfassung des „Migrationshintergrundes“ die Selbst-beschreibung der Befragten in die soziodemographische Erhebung einer Repräsentativbefragung aufnimmt. Untersucht werden sollte so, ob und inwieweit sich der „Migrationshintergrund“ als statistische Größe eignet, um Teilhabe/ Gleichstellung/ “Integration“ sowie Diskriminierung in vielfältigen (Stadt-)Gesellschaften zu messen und ob die Selbstbezeichnung ein möglicherweise adäquates Instrument ist, um hier präzisere Antworten zu erhalten.
Drei wesentliche Erkenntnisse konnten so gewonnen werden:

  1. Die befragten Münchner*innen haben die Möglichkeit, sich selbst in ihrer Zugehörigkeit zu beschreiben, umfänglich wahrgenommen. Die Responsivität auf eine solche Bitte um Selbstbezeichnung scheint damit hinreichend (ohne größeren Datenverlust) gewährleistet. Ein „Item-Non-Response“ von rund 5% bewegt sich im Rahmen dessen, was man häufig auch bei anderen Fragen beobachtet, die vermeintlich einfach zu beantworten sind (Alter) oder schon in vielen Befragungen erfasst wurden (Haushaltsnettoeinkommen).
  2. Deutlich wird, dass es sinnvoll ist, die Möglichkeit zur Selbstbezeichnung auch in Repräsentativbefragungen aufzunehmen, da unsere Untersuchung nicht unerhebliche Diskrepanzen zwischen der Zuordnung zur statistischen Kategorie „Migrationshintergrund“ (wie auch immer die Erfassungsstrategie diesbezüglich gestaltet ist) und der gewählten Selbstbezeichnung offenlegt. Bereits ab der zweiten Generation (und noch stärker ab der dritten Generation) wird die Erfassung der Kategorie „Migrationshintergrund“ zu einem Exklusionsfaktor, da Menschen, die sich selbst als „Deutsche“ beschreiben, über die statistische Erfassung der Herkunftsländer ihrer Eltern (bzw. bei der dritten Generation – ihrer Großeltern) statistisch (und damit faktisch) wieder ausgeschlossen werden, indem ihnen beispielsweise automatisch ein erhöhter Förder- bzw. „Integrationsbedarf“ (z.B. durch Sprachförderung) unterstellt wird. Bedarfe und Teilhabe sollten in vielfältigen Gesellschaften also nicht über den „Migrationshintergrund“ abgeleitet werden, sondern indem man tatsächliche Bedarfe bezüglich einzelner Fördermaßnahmen und -angebote konkret erfragt.
  3. In der Debatte um die Loslösung vom „Migrationshintergrund“ als statistischer Kategorie wird unter Statistiker*innen und Sozialwissenschaftler*innen häufig das Argument vorgebracht, dass bei der Erfassung von spezifischen Selbstbeschreibungsdimensionen im Endergebnis zu geringe Fallzahlen vorhanden sind. Dies ist zum Teil richtig, sollte aber nicht bedeuten, dass auf die Erfassung der Selbstbeschreibung verzichtet wird. Es besteht auch in diesem Fall die Möglichkeit der Zusammenfassung in Subgruppen (z.B. anhand spezifischer Rassismuserfahrungen), die auch in anderen Zusammenhängen der Datenanalyse genutzt wird. In jedem Fall wird auch durch die weitere Zusammenfassung der Selbstbeschreibungskategorien der Informationsgehalt breiter als er mit der reinen Kategorie „Migrationshintergrund“ im Moment ist. Des Weiteren ist es bei der statistischen Kategorie „Migrationshintergrund“ nicht möglich, in Bezug auf (gleichberechtigte) Teilhabe bzw. Diskriminierungserfahrungen spezifische Auswertungen vorzunehmen.
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Wie wir künftig Antidiskriminierungs- und Gleichstellungsdaten erfassen können

Dokumentation des Fachgesprächs am 11. September 2019 in München

Die Münchner Stadtgesellschaft ändert sich rasant: Sie wird immer pluraler und vielfältiger. In wenigen Jahren werden mehr als der Hälfte der Menschen, die hier leben, einen sogenannten „Migrationshintergrund“ haben.

Verwaltung verwaltet Gesellschaft nicht nur, sie gestaltet diese auch. Dies beginnt bereits mit der Erhebung von Daten über die in unserer Stadt lebenden Menschen. Mit der Art und Weise der Datenerhebung durch die Verwaltung prägen wir den Blick auf die Stadtgesellschaft und deren Selbstwahrnehmung.

Daher stellt sich heute mit erheblicher Dringlichkeit die Frage: Wie erfassen wir Daten für die vielfältige Gesellschaft? Konkret geht es darum, wie künftig Antidiskriminierungs- und Gleichstellungsdaten erfasst werden können, insbesondere wenn man davon ausgeht, dass der „Migrationshintergrund“ für die Zukunft keine ausreichend präzise, aussagekräftige und tragfähige Kategorie ist, um unsere plurale Stadtgesellschaft angemessen abzubilden.

Die Broschüre soll diese Reflektionsprozesse innerhalb der Verwaltung begleiten und praktische Anregungen geben, wie man Prozesse der Datenerhebung rassismus- und diskriminierungskritisch angehen kann.