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Jugendstudie: "Da bleibt noch viel zu tun..."


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Befragung von Fachkräften der Kinder- und Jugendhilfe zur Lebenssituation von lesbischen, schwulen und transgender Kindern, Jugendlichen und Eltern

In München leben mit Stand von Jahresende 2009 194.514 Kinder und Jugendliche (Stat. Amt der Landeshauptstadt München).
Etwa 5 – 10 % der Heranwachsenden verfügen über eine schwule oder lesbische Identität.

Können lesbische und schwule Kinder, Jugendliche und Eltern heute problemlos(er) offen auftreten? Sind ihre Entwicklungschancen und Lebenssituationen mit Risiken versehen?
Finden sie in ihren Familien und in den Freundeskreisen / Gleichalterigengruppen Akzeptanz und Unterstützung? Wie verbreitet ist Homophobie an Schulen und anderen jugendtypischen Orten? Wie stellt sich die Kinder- und Jugendhilfe in München zu diesem Thema?

Mit diesen und weiteren Fragen ist die Koordinierungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen Ende 2010 an die Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe in München herangetreten.
Ziel der Befragung war es, eine fachliche Einschätzung zur Situation der homosexuellen Jugendlichen und Eltern zu erhalten und dadurch passgenauere Hilfen und Unterstützungsformen entwickeln zu können.

Immerhin fast 800 Fachkräfte haben sich an der mit Unterstützung des Sozialreferats durchgeführten Befragung beteiligt und damit dazu beigetragen, dass eine sehr differenzierte Einschätzung zu diesem Thema erarbeitet werden konnte.
Es handelt sich hierbei um die größte kommunale Studie zu dieser Thematik im deutschsprachigen Raum.

Die nun vorliegende Studie der Koordinierungsstelle zeichnet ein Bild, das der gerne verbreiteten These, Lesben und Schwule seien in der Mitte der Gesellschaft angekommen und hätten keine Probleme mehr, sehr deutlich widerspricht.

Die wichtigsten Ergebnisse, die die Koordinierungsstelle jetzt mit Oberbürgermeister Christian Ude im Rathaus vorgestellt hat, lassen sich unter drei Überschriften zusammenfassen:

1. Situation homo- und transsexueller Jugendlicher

Fast 90% der Fachkräfte betonen, dass diese jungen Menschen zusätzlichen spezifischen Belastungsfaktoren ausgesetzt sind, sie leiden also z.B. unter
- Angst vor Ausgrenzung und Diskriminierung
- Verheimlichungsdruck
- homosexuellenfeindlichen Erlebnissen
- Angst, die Freunde zu verlieren

Für homosexuelle Jugendliche stellt dies neben den allgemeinen Herausforderungen dieses Alters ein deutlich erhöhtes Risiko für ihre Entwicklung dar.

Ähnlich deutlich ist das Ergebnis zur Frage, ob ein Coming Out in der Gleichaltrigengruppe problemlos möglich sei. Dies verneinen über 88% der Fachkräfte in der Gesamtauswertung. Die Fachkräfte aus der Schulsozialarbeit sehen ein problemloses Coming Out sogar mit 97% nicht möglich.
Bedenkt man, welche zentrale Funktion die Gleichaltrigengruppe für das Wohlbefinden und die Entwicklung von Jugendlichen hat, kann man ermessen, mit welchen Schwierigkeiten die jungen Lesben und Schwulen hier zu kämpfen haben.

2. Jugendtypische Orte und Familien

Mit 90% attestieren die Fachkräfte den Schulen, dass dort ein unfreundliches soziales Klima für schwule und lesbische Jugendliche herrscht. Die Schulsozialarbeit sagt dies sogar mit 97% - die Aussagen dieser Fachkräfte haben durch den unmittelbaren Zugang an den Schulen hier besondere Bedeutung und Relevanz.
82% geben an, dass an den jugendtypischen Orten (Schulen, Jugendfreitzeitstätten usw.) homophobe Ereignisse verbreitet sind.
Und fast 80% der Fachkräfte gehen davon aus, dass Homosexualität in den Familien nach wie vor nicht problemlos akzeptiert wird.

3. Die Kinder- und Jugendhilfe

Zusammenfassend können die wichtigsten Ergebnisse der Befragung hier wie folgt dargestellt werden:
Die Lebenslagen schwuler und lesbischer Jugendlicher sind in der Kinder- und Jugendhilfe zu wenig bekannt, das spezifische Fachwissen fehlt.
Es fehlen ausformulierte Qualitätsstandards, Interventionsformen bei homophoben Ereignissen sind weitgehend nicht bekannt.
In der Kinder- und Jugendhilfe gibt es so gut wie keine Angebote für schwule, lesbische oder transgender Jugendliche, sie kommen in der Öffentlichkeitsarbeit der Einrichtungen nicht vor und sind stark von Unsichtbarkeit betroffen.
Die Fachkräfte scheinen dem Thema insgesamt jedoch recht positiv gegenüber zu stehen, die meisten haben persönliche Kontakte zu Lesben und Schwulen und halten diese Kontakte auch für sehr wichtig in Bezug auf ihren beruflichen Umgang mit der Zielgruppe.
Dennoch: Betrachtet man die sehr hohen Werte bei den Fragen nach Belastungen und Homosexuellenfeindlichkeit bedeuten die durchaus selbstkritischen Ergebnisse der Kinder- und Jugendhilfe, dass die schwierigen Lebenssituationen schwullesbischer Kinder und Jugendlicher mehr in den Blick genommen werden müssen.