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Wie wir werden, was wir sind: Das Coming Out


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Die Phasen des Coming-Out
Offen oder versteckt leben
Outing

Der Begriff „Coming Out“ bezeichnet den oftmals schwierigen Weg der Identitätsfindung als lesbische Frau oder als schwuler Mann. Heterosexuelle Menschen kennen diesen Prozess nicht, da ihre sexuelle Identität keiner gesellschaftlichen Abwertung unterliegt.
Ein gelingendes Coming Out verläuft in mehreren Phasen, von Unsicherheit und Selbstablehnung bis hin zu einer selbst akzeptierenden Haltung. Viele innere und äußere Entwicklungen sind notwendig, um schließlich ein selbstbewusstes und glückliches Leben mit der gleichgeschlechtlichen Identität führen zu können (Phasenmodell nach Birgitt Palzkill).
 

Die Phasen des Coming Out


Der englischsprachige Begriff Coming Out bedeutet übersetzt soviel wie „herauskommen“. Er bezeichnet den Prozess vom ersten Erahnen eines Andersseins bis hin zum bewussten Identifizieren mit einer schwulen oder lesbischen Identität. Dieser Prozess der Identitätsfindung verläuft in mehreren Phasen, die alle Betroffenen mehr oder weniger intensiv durchlaufen. Die Ausformungen dieses Prozesses können individuell sehr unterschiedlich sein, von einem sehr angstgeprägten Vorgehen bis hin zu einem offensiven oder demonstrativen Auftreten, von einem schnellen Durchlaufen aller Phasen bis hin zu jahrzehntelangem Verharren in einer Phase.

  • Prä-Coming-Out-Phase:
    Viele Betroffene berichten, schon sehr früh im Kindesalter eine Ahnung davon verspürt zu haben, „anders“ zu sein. Was dieses Anderssein genau ausmacht, kann in der Regel zu diesem Zeitpunkt noch nicht in konkretere Vorstellungen übergeleitet oder begrifflich benannt werden. Daher erfassen Kinder, die diese Ahnung verspüren, intuitiv, dass sie diese Gefühle Anderen nicht mitteilen können, auch nicht den Eltern. Die Folge davon können subtile Angst- und Schuldgefühle sein sowie das Gefühl, „falsch“ zu sein, ohne einen Grund dafür benennen zu können. Es wird unbewusst wahrgenommen, dass die gesamte Umwelt heterosexuell ausgerichtet ist, Homosexualität nicht vorkommt bzw. abgewertet wird und dies etwas mit dem eigenen Gefühl des Anderssein zu tun haben könnte.
    Diese Phase liegt vor dem eigentlichen Beginn des Coming Out und wird als Prä-Coming-Out-Phase bezeichnet. Da sie meist früh im Leben zu wirken beginnt, kann sie sehr lange andauern, bis eine erste Konkretisierung der diffusen Gefühle eintritt und der Prozess der Identitätssuche bewusster beginnt. Diese Suche startet oft zum Zeitpunkt der Pubertät, in der Jugendliche beginnen, sich für mögliche Liebespartnerinnen oder -partner zu interessieren.
  • Phase des inneren Coming Out
    Der Beginn des inneren Coming Out zeichnet sich durch die bewusstere Wahrnehmung der eigenen Sehnsüchte und Gefühle aus. Die Betroffenen spüren, dass sie sich eher zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlen und nehmen gleichzeitig wahr, dass sie sich dadurch von den Anderen unterscheiden. Zusätzlich sind zu diesem Zeitpunkt bereits Negativbilder von Schwulen und Lesben, die innerhalb der Gesellschaft vorhanden sind, bekannt. Zum Teil sind diese Vorurteile auch verinnerlicht, das heißt, sie werden nicht in Frage gestellt und die Betroffenen glauben selbst daran (internalisierte Homophobie). Eine Beziehung zwischen diesen Negativvorstellungen über Homosexuelle und den eigenen Gefühlen wird hergestellt und bewirkt zentrale Ängste. Viele Lesben und Schwule erleben ihr Anderssein in dieser Phase als bedrohlich und in der Gesellschaft unerwünscht. Sie fürchten, aus ihrem Umfeld ausgeschlossen zu werden, haben Angst vor Diskriminierung und vor einem Leben ohne soziale Anerkennung. Zudem verfügen sie meist über wenig positive Informationen zu schwulen oder lesbischen Lebensentwürfen und haben kaum Vorbilder.
  • Stigmavermeidung
    Oft folgt dann eine Phase der Stigmavermeidung. Die verschiedenen, meist negativen Bilder von Homosexualität, die fast allen Menschen bekannt sind, machen es nicht leicht, sich selbst als lesbisch oder schwul anzuerkennen. Wenn die eigenen Sehnsüchte und Bedürfnisse nun immer klarer werden, versuchen viele Betroffene, diese zu verdrängen. Zum Teil geht dies so weit, dass sie versuchen, heterosexuell zu „werden“, indem sie Beziehungen zum anderen Geschlecht eingehen und die homosexuellen Wünsche unterdrücken. Die Angst, abgelehnt zu werden, wenn andere von den homosexuellen Wünschen erfahren, kann zu einem erschütterten Selbstwertgefühl und zu Depressionen führen. Sozialer Rückzug, Flucht in Phantasiewelten oder Alkohol- und Drogenkonsum können eine Folge des Verheimlichungs- und Verdrängungsdrucks sein.
    Gerade bei Jugendlichen ist in dieser Phase das Suizidrisiko deutlich erhöht, Studien haben eine viermal höhere Selbstmordgefährdung als bei der heterosexuellen Vergleichsgruppe festgestellt.
    Ein Umfeld, das Vertrauen bietet und durch grundsätzlich tolerante Einstellungen gekennzeichnet ist, kann für die Betroffenen sehr hilfreich sein.
  • Phase der Selbstannahme
    Auf die Dauer setzen sich die inneren Wünsche mehr und mehr durch und ein Umdenken ist erforderlich, je klarer die eigene Homosexualität wird. Der steigende Leidensdruck und die immer stärker werdenden Wünsche führen dann zu einem Hinterfragen der bisher angenommenen Zerrbilder von Homosexualität und ein innerer Prozess der Selbstannahme beginnt. In dieser Zeit suchen die Betroffenen meist Informationen, positive Identifikationsmodelle und schließlich auch Begegnungen mit anderen Lesben und Schwulen.
    Dies ermöglicht, sich neu wahrzunehmen, eigene Vorstellungen an der Realität zu überprüfen und ein schwules oder lesbisches Leben konkreter in Erwägung ziehen und umsetzen zu können.
    In dieser Zeit ist Unterstützung von Außen besonders wertvoll: Informationen über gleichgeschlechtliche Lebensweisen und vertraute Menschen, die nicht abwerten, sondern die Suche nach der Identität wohlwollend begleiten, sind außerordentlich hilfreich. Auch Beratungsstellen, an die sich Lesben und Schwule mit ihren Fragen wenden können, bieten eine wichtige Unterstützung.
    Je mehr die innere Akzeptanz wächst, desto eher werden Versuche der Kontaktaufnahme mit anderen Lesben und Schwulen gewagt. Mit fortschreitender innerer Akzeptanz der eigenen Identität entstehen positive Gefühle von Befreiung und Erleichterung bis hin zu Euphorie, endlich zu sich selbst gefunden zu haben.
  • Phase des äußeren Coming Out
    Die letzte Phase des Coming Out beinhaltet die Konfrontation mit der heterosexuellen Umwelt. Es stellt sich für die Betroffenen die Frage, wem davon erzählt werden kann, wo die eigene Homosexualität bekannt sein darf. Neben dem inneren Prozess ist dann also ein äußeres Coming Out notwendig.
    Je erfolgreicher die inneren Prozesse durchlaufen wurden, desto leichter fällt die Auseinandersetzung mit der heterosexuellen Außenwelt. Freundliche Reaktionen von Anderen wiederum fördern die positive Bewältigung des Coming Out. Sich auch nach außen mit der eigenen Identität zeigen zu können und positive Rückmeldungen zu erhalten, wirkt sich stärkend auf eine positive Selbstwahrnehmung aus und ermöglicht eine umfassende gute Identifizierung mit dem eigenen Schwul- oder Lesbischsein.
    Diese soziale Dimension des Coming Out ist nicht auf eine bestimmte Zeit beschränkt sondern ist ein lebenslanger Prozess, da es im Leben von Lesben und Schwulen immer wieder Situationen gibt, in denen über Offenlegen oder Verschweigen der eigenen Lebensweise entschieden werden muss.

Die Suche nach der eigenen sexuellen Identität kann sehr unterschiedlich lange dauern und auch mit sehr unterschiedlichen Gefühlen verbunden sein. Für manche Menschen ist es leichter, sich und das eigene Anderssein zu akzeptieren, für andere ist es mit starken Ängsten verbunden.
Entscheidend für eine gelingende Identitätsfindung ist die Entwicklung von Bewältigungsstrategien und eine stabile psychische Grundverfassung, welche bereits durch ein entsprechendes Umfeld in der Kindheit gefördert wird.
Das Alter, in dem Menschen in eine bewusste Identitätssuche einsteigen und sich schließlich als schwul oder lesbisch annehmen können, ist ebenso unterschiedlich wie die Dauer, die sie für den Coming Out Prozess benötigen. Verschiedene Studien zeigen, dass zwischen der ersten bewussteren Wahrnehmung und der Gewissheit, lesbisch oder schwul zu sein, bei 41% der Betroffenen 1-2 Jahre, bei 26% immerhin 3-5 Jahre liegen.
 

Offen oder versteckt leben


Für Schwule und Lesben stellt sich immer wieder die Frage, wie offen sie ihre Lebensweise verwirklichen können und wo sie sie besser verbergen.
Offen aufzutreten ermöglicht, sich selbst als ganze und gesunde Persönlichkeit zu erleben und in sozialen Kontakten frei über das eigene Leben sprechen zu können. Dies wirkt sich positiv auf die Selbstwahrnehmung aus und unterstützt ein gesundes Selbstgefühl. Es erleichtert auch den Aufbau eines sozialen Umfeldes, in dem man als Lesbe oder Schwuler willkommen und akzeptiert ist.

Allerdings erfordert es auch Standfestigkeit und Selbstbewusstsein, mit den Reaktionen der Außenwelt gut umgehen zu können, da diese sehr unterschiedlich und nicht immer eindeutig vorhersehbar sind.
Lesben und Schwule, die offen auftreten, sehen sich nach wie vor oftmals Diskriminierungen ausgesetzt. Manchmal ist es sogar notwendig, sich nicht erkennen zu geben, um sich vor Gewalt oder negativen Folgen eines Coming Out z.B. am Arbeitsplatz zu schützen. Dies kann zu enormen Belastungen führen.

Lesben und Schwule, die versteckter leben, bleiben zwar von direkten Benachteiligungen eher verschont, leiden dafür aber unter einem enormen Geheimhaltungsdruck. Ein Teil der Persönlichkeit muss ständig abgespalten und kontrolliert werden, was zu einem zerstörerischen Prozess werden und in der Folge zu Depressionen und psychosomatischen Reaktionen führen kann. Den indirekten Formen von Diskriminierung und Ausgrenzung (z.B. abwertende Witze usw.) kann aber auch durch ein verstecktes Leben nicht ausgewichen werden.
 

Outing


Unter „Outing“ versteht man im Gegensatz zum Coming Out ein unfreiwilliges Offenlegen der Lebensweise durch andere Personen. Geschieht dies durch Vertraute, die ihr Wissen ohne Einwilligung weitergeben, bedeutet dies für die geoutete Person einen enormen Vertrauensverlust und bringt sie unter Umständen in äußerst schwierige Situationen. Auch gutgemeinte „Hilfestellungen“ dürfen deswegen nicht ohne Einwilligung der Betroffenen gegeben werden.
Ein Outing in den Medien bezieht sich in der Regel auf prominente Persönlichkeiten, von denen die Allgemeinheit bisher nicht wusste, dass sie schwul oder lesbisch sind. Die Folgen einer unfreiwilligen Veröffentlichung können auch hier für die Betroffenen sehr schädigend sein. Bekannte Persönlichkeiten, die sich von sich aus öffentlich zu ihrer Homosexualität bekennen, können dagegen eine sehr positive Vorbildfunktion einnehmen.