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Stadtchronik 1900


Bemerkenswertes, Kurioses und Alltägliches

 Pferdeschlittenrennen in Haidhausen

14. Januar: Der Rennverein Haidhausen veranstaltete ein Pferdeschlittenrennen auf den Maffei'schen Grundstücken zwischen Rosenheimer- und Friedensstraße. Die besondere Aufmerksamkeit von Hunderten von Zuschauern fand das zweite Rennen, das sog. "Internationale Fahren", das über vier Runden ging. Gewinner wurde "Lord Cavery", ein Pferd aus Wien. Die Preisverleihung fand in der Unionsbrauerei statt.

Bertha von Suttner spricht

5. Februar: Auf Einladung der Münchner Friedensvereinigung hielt Bertha von Suttner im Kaimsaal einen "Vortrag über Krieg und Frieden". Laut Chronist dankte das Publikum mit Bravorufen, die "jedoch angesichts der zahlreichen Theilnehmer schwach zu nennen waren".

Masernepidemie

13. Februar: Unter Münchens Schulkindern grassierte eine Masernepidemie. Seit Beginn des Halbjahres mussten 187 Klassen der Werktagsschule geschlossen werden. Verschont blieben die Schulen an der Schwanthalerstraße und am Dom-Pedro-Platz sowie das Städtische Waisenhaus.

Gründung des "Münchner Kellnerinnenvereins"

9. März: Im großen Saal des Schrannenpavillons fand die konstituierende Sitzung zur Gründung des "Münchner Kellnerinnenvereins" statt. Teilnehmer waren nicht nur zahlreiche Damen aus höheren Schichten, sondern auch 200 Kellnerinnen sowie viele Stellenvermittlerinnen. Der Verein hatte das Ziel, die meist katastrophalen Arbeitsbedingungen im Gastgewerbe zu verbessern. Kellnerinnen um 1900 hatten nicht selten eine tägliche Arbeitszeiten von 19 Stunden zu bewältigen, ihr Verdienst bestand meist nur in der Einnahme von Trinkgeldern.

Künstlerhaus-Einweihung  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Chronik

Künstlerhaus eröffnet

29. März: Feierliche Einweihung des Künstlerhauses am Maximiliansplatz (heute Lenbachplatz) durch Prinzregent Luitpold. Zwei Tage später trafen sich die Honoratioren der Stadt in dem von Gabriel von Seidl erbauten Gebäude zu einem Festbankett.

Braucht München einen Hundemarkt?

8. April: Im Gasthaus Zur Schranne versammelten sich "Hundehändler und Interessenten, Hundezüchter und Hundefreunde", um über die Wiedereinrichtung eines Hundemarktes zu diskutieren. Neben geschäftlichen Argumenten führte man an, dass ein solcher Markt auch für Studien, namentlich für Tiermaler, ein Gewinn wäre. Ein Hundemarkt lässt sich in München seit 1782 nachweisen; er fand sonntags auf dem heutigen Marienplatz, später vor der Schrannenhalle statt. Da angeblich häufig gestohlene Hunde angeboten wurden und es nach Meinung des Magistrats ohnehin zu viele Hunde in der Stadt gab, wurde der Markt mehrfach verboten.

Papa Schmids Marionettentheater  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Chronik

Ein neues Haus für Papa Schmid

9. April: Papa Schmids Marionettentheater verabschiedete sich mit dem Schauspiel "Fridolin" sowie dem Schwank "Kasperls Abschied vom Publicum" aus seinem bisherigen Theatergebäude an der Marsstraße; die hölzerne Bretterbude genügte den feuerpolizeilichen Vorschriften nicht mehr. Das Theater bezog ein von Theodor Fischer errichtetes Gebäude an der Blumenstraße. München erhielt damit den ersten festen Puppentheater-Bau der Welt. Die Eröffnungsvorstellung fand am 4. November 1900 statt.

Feiern zum 1. Mai

1. Mai: Der Chronist berichtet: "Der Morgen des heutigen Arbeiterweltfeiertages war vom Wetter wenig begünstigt [...] In Folge dessen war die Physiognomie des Werktages, obwohl diesmal noch mehr Arbeitgeber als in den Vorjahren den 1. Mai freigegeben hatten, wenig gestört und das Straßenleben nur unbedeutend gestört." Im Lauf des Tages fanden elf, abends weitere acht große öffentliche Versammlungen statt. Besonderen Grund zu feiern hatten die Schneider, die sich im Kreuzbräu versammelten, "weil sie vorher gestreikt und gesiegt hatten".

Reger Ausflugsverkehr

6. Mai: Der erste Sonntag im Mai lockte die Münchner in Scharen ins Grüne. Der Verkehr auf den Bahnhöfen war laut Chronist "äußerst lebhaft". Allein im Hauptbahnhof wurden 75.000 Reisende registriert. "Die größte Wanderung fand nach Holzapfelkreuth statt, woselbst die Sozialdemokraten ihre Maifeier hielten, zu welcher sich ca. 40.000 Theilnehmer einfanden. Die rothe Farbe war zwar in der Kleidung nicht besonders zahlreich vertreten, dagegen wurden fast allgemein rothe Blumen getragen." 24 Schänken, mehrere Steckerlfisch-Bratereien und ein Tanzpavillon mit Walzermusik sorgten u.a. für leibliches Wohl und Vergnügen.

Starke Männer

19. Mai: Im Münchner Kindl-Keller kämpften Georg Lettl aus Pfarrkirchen und Anton Haderecker aus München um die Weltmeisterschaft im Heben von Gewichten mit dem Rücken sowie um eine Siegesprämie von 1.000 Mark. Obwohl Lettl "beinahe schmächtig" wirkte und man das "Knacken des Knochengerüstes" hörte, gelang es ihm, die Last von 25 Zentnern 74 Pfund einen Zentimeter hochzuheben. Sein "weitaus robusterer" Münchner Gegner musste sich geschlagen geben.

Mit dem Fahrrad um die Welt

25. Mai: Der "Velocipedist" James Hetzel aus St. Louis und seine in München geborene Ehefrau, die sich aufgrund einer Wette mit dem Fahrrad auf einer Reise um die Welt befanden, passierten München. Gelang es ihnen, die Reise innerhalb von zwei Jahren abzuschließen, sollten sie 5.000 Dollar erhalten. Für jeden Tag, den sie früher ankommen würden, war eine Prämie von 25 Dollar versprochen. Eine weitere Bedingung war, dass sich die beiden ohne jegliche finanzielle Mittel auf die Reise zu begeben hatten und "vollständig auf die Gaben der Radfahrvereine und von Privatpersonen" angewiesen sein sollten.

Sonnenfinsternis 1900

28. Mai: Obwohl ein bewölkter Himmel zunächst befürchten ließ, dass die angekündigte partielle Sonnenfinsternis nicht zu sehen sein würde, öffneten sich die Wolken überraschend doch und machten eine Beobachtung möglich. Der Chronist berichtet: "Als kurz nach 5 Uhr die Verfinsterung ihre größte Phase erreicht hatte, war eine nicht unbeträchtliche Abnahme der Helligkeit zu bemerken und es gelang, Venus hoch oben am Himmel mit unbewaffnetem Auge zu sehen."

Ärztliches Bulletin über das Befinden König Ottos

1. Juni: Der Chronist zitierte das ärztliche Bulletin über das Befinden des geisteskranken König Ottos, der in Schloss Fürstenried gepflegt wurde: "Das Befinden seiner Majestät ist im Allgemeinen befriedigend. Ein größerer Furunkel, der an der rechten Wade vor einigen Tagen entstanden ist, zeigt entschieden Tendenz zur Heilung. Von Seite der Nieren und der Blase zur Zeit keine krankhaften Erscheinungen. Majestät macht wieder Versuche, selbständig zu stehen und zu gehen."

Zweifelhafte Vorstellung

3. Juni: Die "Luftschifferin Fräulein Käthchen Paulus" veranstaltete im Volksgarten zu Nymphenburg eine Ballonfahrt, zu der sich angeblich 25.000 Zuschauer einfanden. Die Frau wollte mit ihrem Ballon "Polarstern" emporschweben und "dann denselben als Fallschirm zum Absturz benützen." Der Sturz musste allerdings unterbleiben, weil der Ballon gerade über dem Bahngeleise stand; Fräulein Paulus landete schließlich bei Aubing. Auch bei einem zweiten Versuch am 14. Juni sprang die Pilotin nicht, obwohl ihr bedeutet worden war, "daß sie jedes Honoraranspruches verlustig gehe, wenn sie wieder nicht abstürze."

Öffentliche Speisehalle eröffnet

6. Juni: In der Tulbeckstraße eröffnete der "Verein für öffentliche Speisehallen" eine neue Filiale. Der erste Speisezettel bot Nudelsuppe, Rindfleisch mit Linsen oder Salat, Rindsbraten mit Makkaroni und Griesschmarren mit Zwetschgenkompott. Die Volksküche war von 12 bis 14 Uhr geöffnet. Wie in allen anderen Volksküchen kostete die Suppe 5 Pfennige, ein "kleines Fleisch mit Gemüse" war für 15 Pfennige zu haben.

Exotischer Besuch

12. Juni: Der Araberscheich Soliman Ben Nasr el Lemcki, Vali von Dar-es-Salaam, der tags zuvor in Begleitung des Forschungsreisenden Eugen Wolf in München angekommen war, stattete "in seiner kostbaren und vornehmen Pracht" Bürgermeister von Borscht einen Besuch im Rathaus ab. klicken für eine vergrößerte Darstellung

Soldaten für China.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Fotosammlung

Freiwillige Soldaten für China

27. Juni: Aus München gingen die ersten Freiwilligen der Münchner Garnison nach Wilhelmshaven ab, um sich dort nach China einzuschiffen, wo die sog. "Boxeraufstände" zu erheblichen Unruhen führten. Allein beim 1. Infanterie-Regiment hatten sich 160 Mann gemeldet.

Geisterspuk in der Au aufgeklärt

10. Juli: Gegen ein Dienstmädchen aus der Au, das Urheberin eines "Geisterspuks" war, fand ein Prozess statt. Das Mädchen hatte aus einem Nebenzimmer, von dem aus ein Fenster zum Wohnzimmer ihrer Herrschaft ging, heimlich Kohlenstückchen geworfen und diese in Schrecken versetzt. Besonders die Hausfrau ängstigte sich, weil sie befürchtete, die kürzlich verstorbene Großmutter gehe um. Die Spukgeschichte hatte sich rasch herumgesprochen, so dass immer mehr Leute den Geist sehen wollten ... Der Richter sprach das Dienstmädchen frei.

Die "Elektrische" nimmt den Betrieb auf

16. Juli: Die Trambahnlinie vom Ostbahnhof über das Hoftheater (heute Nationaltheater) nach Nymphenburg wurde auf elektrischen Betrieb umgestellt. Bei der Eröffnungsfeier gab es Böllerschüsse, Musik und Hoch-Rufe. Schaffner wie Fahrer trugen Rosen an den "properen Uniformen".

Hochzeitsgeschenke des Kronprinzenpaars öffentlich ausgestellt

20. Juli: Im alten Rathaussaal wurden drei Tage lang die Geschenke - "130 an der Zahl" - ausgestellt, die Kronprinz Rupprecht und seine Braut Marie Gabriele anlässlich ihrer Hochzeit am 10. Juli erhalten hatten. Laut Chronist war "der Besuch der Ausstellung von Seiten des Publikums ein äußerst lebhafter".

Öffnung der Kaisergräber in Speyer genehmigt

16. August: Seine Kgl. Hoheit der Prinzregent gestattete auf Antrag des Kultusministeriums die Öffnung der Kaisergräber in Speyer. Aus München wurde eine Kommission entsandt, die die wissenschaftliche Untersuchung vornehmen sollte. Ihr gehörten u.a. der Bibliothekar des Bayerischen Nationalmuseums sowie ein Assistent der prähistorischen Staatssammlung an.

Neue Attraktion im Botanischen Garten

18. August: Im Botanischen Garten wurde als neue Attraktion eine "Hymenophyllum-Grotte", eine konstant feuchte, dämmrige Grotte für Farne, eröffnet. Sämtliche Pflanzen dafür hatte Direktor Prof. Göbel auf einer Australienreise gesammelt.

Strenge Vorschriften für den ersten Autoverkehr

5. September: Die Polizeidirektion erließ ortspolizeiliche Vorschriften für den damals noch sehr ungewohnten Verkehr mit "Automobils und Motorwägen". Die Fahrgeschwindigkeit durfte nicht mehr als 12 Stundenkilometer betragen. Die Fahrzeuge mussten Vorrichtungen haben, welche das Überschreiten der Geschwindigkeit unmöglich machten. Während man durch die Stadttore Isartor, Sendlinger Tor und Karlstor sowie den Rathausbogen nur im Schritttempo fahren durfte, waren die Adalbert-, die Dürnbräu-, die Heiliggeist-, die Kuchlbäcker, die Singlspieler- und Sterneckerstraße u.a. gesperrt. Das Fahren in der Residenz, über die Rampe des Hoftheaters, auf dem Max-Joseph-Platz, im Hofgarten sowie im Englischen Garten war ebenfalls verboten. Erst im Jahr zuvor, im April 1899, hatte in München die erste Fahrprüfung der Welt für Autofahrer stattgefunden. Zwar hatten alle zehn Prüflinge bestanden, doch waren zwei Wägen nicht zugelassen worden. Die anderen Gefährte waren registriert worden und hatten die ersten Auto-Zulassungsnummern der Welt erhalten.

(Bayerisches) Nationalmuseum eröffnet

Am 29. September fand die Eröffnung des (Bayerischen) Nationalmuseums in der Prinzregentenstraße statt. Der von dem Architekten Gabriel von Seidl entworfene Bau hatte durch den Künstler Rudolf von Seitz eine mit den Objekten stilistisch korrespondierende Ausstattung erhalten. Die Reaktionen des (Fach)Publikums waren gemischt. Immerhin gab es nun erstmals ein ausschließlich öffentliches, von einem Historiker geleitetes Museum in München.

Reger Wochenendverkehr

Am 31. September berichtete der Chronist: "Trotz des Oktoberfestes war der Verkehr nach Auswärts ein erheblicher. Es wurden Samstags im Münchener Zentralbahnhof 21.000 und Sonntags 25.000 Fahrkarten abgesetzt." Außerdem kamen 50.000 Reisende am Samstag und 25.000 am Sonntag in München an. Die Münchner Trambahn beförderte allein am Sonntag 273.804 zahlende Fahrgäste. Zur Bewältigung dieses außergewöhnlichen Ansturms waren 274 Wägen sowie 388 Schaffner, 263 Führer, 11 Kontrolleure und 30 Stationsmeister im Einsatz.

Hochzeitstag auf dem Oktoberfest

Am 6. Oktobernotierte der Chronist: "Das in einer Schaubude des Oktoberfestes befindliche Aztekenpaar beging den Jahrestag seiner 25-jährigen Ehe. Es war 1875 in Texas von dem dortigen Bürgermeister in das Trauregister eingetragen worden und fortan als rechtmäßig verbundenes Ehepaar betrachtet worden, hatte aber die kirchliche Weihe des Bundes erst viele Jahre später im k. Schlosse zu Windsor auf speziellen Wunsche der Königin Viktoria erhalten. Aus Anlass des Festes hielten sie nach heimatlicher Sitte diesen Tag als Buß- und Bettag."

Frauenstudien

16. Oktober: Im Vortragssaal des Schulhauses an der Von-der-Thann-Straße fand die Eröffnungsfeier der vom Volksbildungsverein eingerichteten vier neuen wissenschaftlichen Unterrichtskurse für Damen statt. Zu den Kursen in deutscher und englischer Literatur, Kunstgeschichte und deutscher Geschichte hatten sich 120 Teilnehmerinnen angemeldet.

Zirkus Barnum & Bailey.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Chronik

Gastspiel eines amerikanischen Zirkus

25. Oktober: Mit vier Sonderzügen, aus deren Wagen Elefanten, Kamele und Pferde heraussahen, traf der amerikanische Zirkus Barnum & Bailey am Münchner Centralbahnhof ein. Sämtliche Züge, insgesamt acht Schlafwägen, ein Gepäckwagen, 22 gedeckte und 35 Plattformwagen, wurden in nicht ganz drei Stunden ausschließlich vom Zirkuspersonal entladen. Für den großen, 126 Zentner schweren Elefanten gab es einen Spezialwagen mit einer Bodenvertiefung für die Füße, damit sich der Koloss aufrichten konnte. Der Chronist beschreibt nicht nur die Ankunft des Zirkus', sondern auch den gut organisierten Aufbau der Zeltstadt auf der Theresienwiese, der "einen großartigen Einblick in das amerikanische Arbeitssystem gewährt".

Neubau oder Umbau?

7. November: Die "Subkommission zur Beratung der Frage, ob der Neubau eines Landtagsgebäudes oder ein Umbau des jetzigen anzustreben sei", diskutierte äußerst kontrovers. Die Mehrheit der Räte vertrat den Standpunkt, dass von einem Neubau abzusehen sei, obwohl im jetzigen Landtagsgebäude verschiedene Missstände bestünden. Man beschloss schließlich, die Klärung der Frage einer späteren Beratung vorzubehalten. Dr. Orterer bemängelte an diesem Ergebnis, dass man die Regierung nicht auffordere, einen Kostenvoranschlag für den Neubau zu machen. Erst wenn man die Größenordnung der notwendigen Ausgabe kenne, könne man entscheiden, welche Lösung sinnvoller wäre. Oberbaurat Reuter erwiderte darauf, es sei zwar sehr schwer, die Kosten zu schätzen. Er bezifferte den Neubau ohne Grundstück aber auf "rund fünf Millionen Mark, indem er den Kubikmeter mit 40 M. berechne".

Neue Telegramm-Annahmestelle eingerichtet

10. November:Das Telegraphenamt richtete ein neues Büro ein, in dem acht Sprechstellen zur Annahme von Telegrammen zur Verfügung standen. Das alte "Telefon-Nachrichten-Bureau" mit sechs Anschlüssen hatte den "Anforderungen des gesteigerten Verkehrs" nur mehr "unvollständig" genügt. klicken für eine vergrößerte Darstellung

Fünf vor Zwölf!  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv - Fotosammlung

31. Dezember 1900 - "Jahrhundertwende" oder nicht?

Der letzte Eintrag Ernst von Destouches' in der Chronik des Jahres 1900 ist "Jahrhundertwende (?)" überschrieben. Er lautet: "Als das Jahr 1899 seinem Ende entgegenging, bewegte die ganze Welt, soweit sie dem Gregorianischen Kalender Gültigkeit zuerkennt, die Frage, ob sie vor dem Beginn des neuen Jahrhunderts stünde oder nicht? Sowohl der Papst als der deutsche Kaiser hatten sich für die Bejahung dieser Frage entschieden, und so wurde denn von den Katholiken im Allgemeinen und von den deutschen Reichsangehörigen im Besonderen der Übergang vom 31. Dezember 1899 zum 1. Januar 1900 als Jahrhundertwende für das XX. Jahrhundert offiziell begangen. Auch die Stadt München hat, wie Solches ihre Chronik am Schlusse des Jahrgangs 1899 und am Beginn dieses Jahrgangs verzeichnet, ihre Jahrhundertswende bereits vor Jahresfrist gefeiert. Obwohl die nicht offiziellen und die bürgerlichen Kreise bezüglich der Jahrhundertwendefeier eigentlich freie Hand hatten, haben dieselben doch, trotzdem in wissenschaftlichen und in der Fach- und Lokalpresse die Frage der Jahrhundertwende während des Laufes des Jahres 1900 wiederholt aufgeworfen und zum großen Theil für den Neujahrstag 1901 sich aussprechend behandelt worden war, am heutigen Silvesterabend in der überwiegenden Mehrzahl von der Veranstaltung einer solchen Feier Abstand genommen." Der Beitrag schließt mit der Überlegung, "ob wohl der Chronist, welcher die nächste Jahrhundertwendefeier in Münchens Annalen einzutragen hat, eine allseitig anerkennende Lösung dieser Frage vorfinden wird?" Tatsächlich wird die Chronik der Stadt München bis heute fortgeführt, allerdings wurde die von Destouches aufgeworfene Frage auch an der Wende des Jahres 1999 wieder heftig diskutiert.