Top
Münchner Kindl mit Schriftzug Landeshauptstadt München Landeshauptstadt München

Stadtchronik 1902


Bemerkenswertes, Kurioses und Alltägliches

Baumfällungen an der Fraunhoferbrücke und dem Muffatwehr

15. Januar: Der Chronist berichtet: "Die schönen alten Weidenbäume zwischen Fraunhoferbrücke und dem Muffatwehr wurden, da dieselben der Errichtung einer neuen Quaimauer im Wege standen, zum großen Theile gefällt [...]. Hunderte von Kinder, Männern und Weibern harrten auf den Fall eines jeden Baumes, um sich des Holzes und Geästes zu bemächtigen."


Ritter von Ziemssen gestorben

21. Januar: Der Universitätsprofessor und Direktor des Allgemeinen Krankenhauses, Hugo Ritter von Ziemssen, wurde laut Chronist "der Stadt und der Wissenschaft entrissen". Er starb im Alter von 72 Jahren.


Konzert in der Erlöserkirche

26. Januar: In der damals neuen protestantischen Erlöserkirche fand ein Konzert zu Gunsten des Kirchenbau-Vereins statt. Zu den ausführenden Künstlern gehörte u.a. Max Reger; der damals noch umstrittene Komponist sollte erst 1905 an der Münchner Akademie für Tonkunst einen Lehrauftrag für Orgel und Komposition bekommen.

Fasching 1902  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Chronik

Künstlerfasching

6. Februar: Im Künstlerhaus fand ein Maskenball mit dem Motto "Ein Fest im Schlosse des Ritters Don Juan" statt, an dem auch der Prinzregent teilnahm. Gabriel von Seidl hatte die Kulissen entworfen. Für die Kostüme war u.a. Franz von Lenbach verantwortlich. Das Festspiel mit dem Titel "Don Juans Maskenball" hatte Otto Falckenberg verfasst.

Herzog Karl Theodor als Augenarzt

Am 8. Februar nahm Herzog Karl Theodor in seiner Klinik an der Namphenburger Straße die 4.000ste Staroperation vor.

Karfreitag in der Residenz

27. März: "Die Hofkirchenfeierlichkeiten der Char- und Osterwoche nahmen heute ihren Anfang. Seine Kgl. Hoheit der Prinzregent wohnte zunächst mit dem großen Cortège dem Hochamt in der Allerheiligen-Hofkirche und sodann der Prozession nach der alten Hofkapelle, welche sich wegen der ungünstigen Witterung über die Korridore der Residenz bewegte, bei und nahm hierauf die Ceremonie der Fußwaschung im Herkulessaal vor."

Rohrpost feiert Geburtstag

1. April: Die Münchner Rohrpostanlage feierte ihr 25-jähriges Jubiläum. Nachdem im Jahre 1871 die Telegrafen-Zentralstation von der Hauptpost in das neue Telegrafengebäude am Bahnhofsplatz verlegt worden war, überlegte man, wie die Telegramme so rasch als möglich von der Hauptpost zur Zentralstation gebracht werden könnten. Die Handels- und Gewerbekammer setzte sich schließlich für eine "pneumatische" Beförderung ein. Die Anlage war 1877 in Betrieb gegangen und hatte anfangs nur die Zentralstation, die Börse und die Hauptpost miteinander verbunden.

Münchner Wach- und Schließgesellschaft gegründet

Am 3. April nahm die bis heute bestehende Münchener Wach- und Schließgesellschaft ihren Dienst auf. Ihr Firmensitz war in der Neuhauserstraße 7.

Gründung des Isartal-Vereins

11. April: Im Künstlerhaus wurde über das Thema "Auf welche Weise der Schutz besonders schöner Naturdenkmäler in unserem Lande bewirkt werden könnte, und speziell welche Schritte zu tun seien, um die Naturschönheiten des Isartales möglichst zu erhalten" diskutiert. Noch am selben Abend beauftragte die Versammlung - die maßgeblich auf Betreiben des Architekten Gabriel von Seidl zustande gekommen war - ein Komitee mit der Bildung eines entsprechenden Vereins, des "Isartalvereins".

Eröffnung Gabelsberger-Museum  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Chronik

Eröffnung des Gabelsberger-Museums

17. Mai: "Das vom Gabelsberger Museums-Verein gegründete Gabelsberger-Museum wurde heute Vormittags 9 Uhr im Hause No. 10 an der Gabelsbergerstraße eröffnet. Der Protektor des Landesverbandes der bayerischen Stenographenvereine, Prinz Franz, fand sich Mittags 12 Uhr zum Besuche der Ausstellung ein und sprach sich über dieselbe anerkennend aus."

Verschiebung der Reichenbachbrücke

3. Juni: "Um die 5. Abendstunde begann heute die eigentliche Arbeit der Fortbewegung und Verschiebung der Reichenbachbrücke. Unter jedem der zwölf Brückenjoche waren in sicherer Lage je drei starke Hebewinden angebracht, die bestimmt waren, die rollende Last durch kräftigen Hub nach oben zu verringern. Auf ein Pfeifensignal wurden zu gleicher Zeit alle Winden in Thätigkeit gesetzt, daß die alten, aber harten Balken der Brückenfahrbahn krachten. Dann ertönten von zwei Seiten Hupensignale und in gleichmäßigem, langsamem Zuge setzten sich die elf großen Winden auf der Brücke ein. Die starken Drahtseile wurden straff und zogen an den stabilen Rollen an, daß die rückwärtigen Drahtseilverankerungen sich tief in die Widerlagerbalken eingruben. Langsam, für das Auge kaum merkbar, kam die Brücke ins Rollen. Ein weiteres Signal, und die Winden stoppten. Die Brücke war um 6 cm aus der alten Lage gewichen [...]". Die Brücke wurde um insgesamt 25 Meter versetzt. Das schwierige Unternehmen gelang ohne Unfall.

München hilft beim Wiederaufbau des eingestürzten Campaniles in Venedig

22. Juli: Die Münchner Neuesten Nachrichten befragten "eine Reihe von Autoritäten auf dem Gebiete der Architektur und speziell der Städtebaukunst und Kunstgeschichte", darunter auch die Münchner Architekten Gabriel von Seidl und August Thiersch, ob ihnen der Wiederaufbau des Turmes "möglich und zweckmäßig" erscheine. Alle sprachen sich übereinstimmend dafür aus. Laut Chronik bildete "eine der ersten Spenden für diesen Wiederaufbau das Gerüst des Münchener Petersturms, das Kommerzienrat Georg Leib zu diesem Zweck geschenkt hat."

Streit um Einführung der Sonntagsruhe

Juli 1902: Um die Einführung der Sonntagsruhe in München wurde heftig gestritten. Eine Kommission für die Einführung wurde u.a. von der Vereinigung deutscher Buchhandlungsgehilfen, vom Deutschnationalen Handlungsgehilfenverband, vom Katholischen Kaufmännischen Verein und dem Verein "Maria Stella", dem Verein für katholische Handlungsgehilfinnen, unterstützt. Die Kommission gegen die Einführung der Sonntagsruhe vertrat dagegen die Sicht der Arbeitgeber. Sie argumentierte: "Allgemeine Sonntagsruhe klingt sehr schön und wäre auch allen Geschäftsinhabern sehr willkommen, da auch sie der Ruhe und Erholung bedürftig sind und zwar in höherem Maße als die Angestellten; aber etwas anderes ist es, ob sich die Sonntagsruhe so leicht durchführen läßt. Es soll zugegeben werden, daß viele große Detailgeschäfte ohne bedeutenden Schaden am Sonntag vollständig schließen könnten; anders verhält es sich jedoch mit denjenigen mittleren und kleineren Geschäftsleuten, die auf die Sonntagseinnahmen geradezu angewiesen sind [...]". Den Hinweis auf das Beispiel anderer Städte ließ man nicht gelten, "da die hiesigen Verhältnisse ganz anders gelagert sind. München ist als Fremden- und Vergnügungsstadt weltbekannt, und in dieser Beziehung mit anderen Städten nicht zu vergleichen [...]. Diejenigen Durchreisenden, die sich nur kurze Zeit hier aufhalten und Sonntags die Läden geschlossen fänden, würden weiter reisen und ihre Einkäufe anderwärts besorgen. Die Landbewohner benützen von jeher mit Vorliebe den Sonntag, um in die Stadt zu gehen und einzukaufen; diese würden bei Einführung der Sonntagsruhe ihren Bedarf entweder in den nächstliegenden Provinzstädten oder bei Hausierern decken und München ganz meiden [...]".

Feier des 100. Geburtstags von Ludwig Schwanthaler

26. August: Anlässlich des 100. Geburtstags des Bildhauers Ludwig Schwanthaler ließ die Akademie der bildenden Künste dessen ehemaliges Ateliergebäude schmücken: "Guirlanden zogen sich an den Straßenfronten des Gebäudes hin, Lorbeerbäume waren aufgestellt und gesellten sich zu den Bäumen des einfachen Gartens, der das Grundstück nach der Straße hin abschließt. Die weiß-blaue Flagge wehte von dem Hause und vor dem riesigen Modell des ‚Bavaria-Kopfes' war die lorbeergeschmückte Büste Schwanthalers [...] aufgestellt [...]. Auch die k. Erzgießerei, in welcher vor 51 Jahren die Kolossalstatue der Bavaria gegossen worden war, widmete zum heutigen Centenartage einen [...] Lorbeerkranz. Plakat der Richard-Wagner-Festspiele 1902Derselbe war durch eine Deputation, bestehend aus Erzgießer Ludwig von Miller und mehreren Arbeitern der Anstalt, darunter auch einen 82jährigen, der schon vor 51 Jahren beim Guß der Bavaria thätig war und nun in Pension lebt, am Sockel der Bavaria niedergelegt worden [...]".

Plakat für die Richard-Wagner-Festspiele 1902  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Plakatsammmlung

Richard-Wagner-Festspiele

Am 12. September berichtete der Chronist: "Mit einer Aufführung der ‚Meistersinger von Nürnberg' finden die diesjährigen Festvorstellungen im Prinzregententheater, welches bis auf den letzten Platz gefüllt ist, ihren glänzenden Abschluss."

Gastspiel eines Entfesselungskünstlers

13. September: "Harry Houdini, der ‚König der Fesseln', welcher gegenwärtig im Zirkus Carré auftritt, gab heute Abend in einem Nebenzimmer des Restaurants Kellergarten vor einem geladenen Publikum, das sich aus Münchener Ärzten, Polizeibeamten und Vertretern der Presse zusammensetzte, eine Separatvorstellung."

Oktoberfestzeitung 1902  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Chronik

Oktoberfest 1902

19. September: "Unter den Fanfaren der zahlreichen Musikkapellen und dem Gehämmer der Bierschlegel schwingenden Schenkkellner nahm heute [...] das Münchner Oktoberfest seinen Anfang [...]". Das Fest hatte sich in den vergangenen zehn Jahren optisch stark verändert: "An die Stelle der vormaligen Bretterhütten und Leinwandzelte traten transportable Prunkbauten, beladen mit vergoldeter, versilberter, verzinn-, aluminium- und polychromierter Gestaltenfülle in großartiger Holzschnitzerei mit Grazien, Venüssen und Amoretten, geharnischten Rittern mit und ohne Drachen, Tänzerinnen, Pagen, lichtbringenden Sonnengöttern, Negern und allegorischen Persönlichkeiten aller Art mit einer Architektur, die ein Gemisch von Rokoko und Indisch darstellt, mit schreiender, blitzender, sinnenverwirrender Glühlämpchendekoration. An keiner Bierbude fehlt irgend eine ölbemalte Leinwandfläche, jede Wurstbraterei strebte eine noble Silhouette an; das ganze Oktoberfest steht im Zeichen der angewandten Kunst [...]". (Abb. s. unten)

Hochwasser

13. Oktober: "Nachdem die Isar noch am gestrigen Abend einen Wasserstand von 60 cm unter Null gehabt hatte, ist über Nacht plötzlich Hochwasser eingetreten, so daß der Pegel 2,10 m zeigte. Die Fluten richteten sofort bei den Brücken- und Wasserbauten erheblichen Schaden an. 3 Notstege an der Fraunhofer- und Corneliusstraße über dem Hauptarm der Isar wurden schon während der Nacht weggerissen [...]".

Eröffnung der Trabrennbahn Daglfing  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Fotosammlung

Eröffnung der Trabrennbahn in Daglfing

19. Oktober: Der Chronist berichtet: "Bei Zamdorf fand heute die Eröffnung einer dortselbst durch den Münchener Trabrenn-Verein hergestellten Rennbahn für Trabersport statt. Trotz ungünstigen Wetters erschien [...] Prinz Ludwig in Zivil im Viererzug [...]. Die Rennen verliefen ohne Unfall und brachten viele hochinteressante Momente."

Telefonanschlüsse für München

28. Oktober: Der Chronist berichtet: "Mit der Ausführung der unterirdischen statt der oberirdischen Telephon-Leitung für die Geschäftsstraßen der Altstadt mit den einmündenden Nebenstraßen (excl. der Neuhauserstraße) , für das Villenquartier in Bogenhausen, einen Teil der Herzogspital, der Arco-, Sophien-, Mozart- und Herzog-Heinrich-Straße wurde heute begonnen. Die Gesamtlänge der zu verlegenden Leitung beläuft sich auf 20 000 Meter, die Kosten sind auf 700 000 Mark veranschlagt."

Hoftafel in der Residenz

1. November: Zur Feier des Namenstags von Prinzregent Luitpold fand nachmittags um 16 Uhr in der Residenz eine Tafel von 36 Gedecken statt. "Da der Kreis durch den Besuch auswärtiger hoher Gäste erweitert war, hatte man dieses Mal das Kapitelzimmer der kgl. Residenz als Festsaal ausersehen. Dieser glich, geschmückt mit Orchideen, Anthurien, Lilien, Nelken und Maiglöckchen, einem Blumenhain. Auf der Tafel prangte der Augsburger Schwanenaufsatz. Der Regent hatte zur Rechten die Herzogin Adelgunde von Modena, zur Linken die Prinzessin Ludwig. Gegen ½ 6 Uhr zogen sich der Regent und seine Gäste zum Kaffee in die Reichen Zimmer zurück [...]".

Einweihung der neuen Aussegnungshalle am Westfriedhof

1. November: Zum Allerheiligentag wurde die vom städtischen Baurat Hans Grässel erbaute Aussegnungshalle auf dem Westfriedhof feierlich eröffnet.

Zeitschrift "Die Kellnerin"  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Chronik

Münchner Kellnerinnen kämpfen um bessere Arbeitsbedingungen

28. November: Im Wirtshaus "Kollergarten" fand eine Versammlung der Münchner Kellnerinnen statt. Verschiedene Referenten schilderten die schwierige soziale und wirtschaftliche Lage der Kellnerinnen. Einer erwähnte besonders die "bemerkenswerte Tatsache, dass die Kellnerinnen von dem ihnen neuerdings eingeräumten halb- bzw. ganzfreien Wochentage vielfach gar keinen Gebrauch machen [...]". Aus Gründen der Gesundheit sowie einer geordneten Lebensführung sei aber ein Ruhetag der Kellnerin unentbehrlich.

Kultur für Arbeiter

1. Dezember: Im Hoftheater fand eine Aufführung von Lessings "Minna von Barnhelm" speziell für die Münchner Arbeiterschaft statt. Der Eintritt betrug nur 40 Pfennige, der Theaterzettel war gratis. Laut Chronist enthielt dessen Rückseite eine "in volkstümlicher Gemeinverständlichkeit gehaltene Belehrung" über den Dichter und das Werk. Der Chronist bemerkte, dass es 100 Jahre zuvor "wohl nicht für möglich gehalten worden wäre, daß ein Hoftheater sich den Arbeitern als geschlossener Körperschaft" erschließen könnte.

Straßenhändlerinnen zur Ruhe gemahnt

5. Dezember: Die Polizei verbot Lumpensammlerinnen, Taubenweibern, Orangenhändlerinnen und Obstverkäuferinnen u.a. bei Strafe, durch Rufen in den Straßen auf sich aufmerksam zu machen. Da diese nun von Wohnung zu Wohnung gehen mussten, bedeutete diese Anordnung für die Betroffenen, meist ältere Leute, eine erhebliche Erschwernis in ihrer Berufsausübung. Eine von drei "Haderlumpensammlerinnen" bei der Polizei vorgetragene "Bitte um Milderung der Vorschriften" war erfolglos.

SPD verweigert Magistratswahl

18. Dezember: Unter Vorsitz von Bürgermeister von Borscht wählte das Gemeindekollegium zehn bürgerliche Magistratsräte. Die Sozialdemokraten verweigerten die Wahl, weil man sie nicht vorab über die aufgestellten Kandidaten informiert hatte.

Weihnachtswerbung der Wachszieherei Ebenböck  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Chronik

Weihnachtseinkäufe

24. Dezember: Der Chronist berichtet: "Als die Dämmerung am heutigen Christabend allmählich hereinbrach, entwickelte sich auf den Hauptverkehrsstraßen ein reges Leben. Vor den teilweise mit brennenden Christbäumen geschmückten Auslagen der Läden drängten sich Scharen von Leuten [...] Auch die Weihnachtsdult, welche wiederum auf der Kohleninsel abgehalten wurde, war von Käufern zahlreich besucht [...]. Während im Jahr 1901 der Münchner Markt mit Christbäumen so schwach besetzt war, daß am Christabend nicht einmal zu hohen Preisen solche zu haben waren, wurden in diesem Jahre dieselben in genügender Weise zu Markte gebracht. Die Preise bewegten sich [...] von 1 bis 1.50 Mark für die einzelnen Bäume."