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Stadtchronik 1905


Winterfreuden  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Chronik

Bemerkenswertes, Kurioses und Alltägliches

Strenge Winterkälte

3. Januar: "Die anhaltende grimmige Kälte hat bereits große Schäden im Gefolge: in vielen Werken, die mit Wasserkraft betrieben werden, müssen eigens Leute gehalten werden, die die Wasserräder von Eis frei machen, um das Eingefrieren zu verhindern. Der Magistrat hat zahlreiche Leute eingestellt, die insbesondere die zu den Fischbehältern an der Heiliggeistkirche führenden Bäche vom Eingefrieren frei zu halten haben. Die Isar, die mächtige Eisblöcke mit sich führt, hat sich bei der Wittelsbacherbrücke gestaut und ist der ganzen Breite nach zugefroren."

Kälte lässt Musikinstrumente einfrieren

15. Januar: "Die Kälte, die heute besonders stark einsetzte, hatte bei der Wachparade am Marienplatz eine von dem Dirigenten der Militärmusik nicht geahnte Folge. Wie immer hatten sich auf dem Marienplatz nach dem Aufzug der Parade viele Zuhörer eingefunden, um sich trotz des strengen Frostes den Genuß des Gratiskonzertes zu erlauben. Die Kapelle spielte anfangs ein Tonstück aus Kreuzers ‚Nachtlager von Granada'; der folgende Strauß'sche Walzer hub auch noch flott an, aber nach einigen Takten gings auf einmal nicht mehr; einzelne Musiker brachten keinen Ton mehr aus ihrem Instrument heraus. Der Dirigent mußte [...] abbrechen."

  

Großer Bedarf an Heizmaterial

31. Januar: "Im Januar gelangten nach München per Bahn und Wasser 2.826 Tonnen Steinkohlen, Koks und Steinkohlenbriketts, wovon 25.356 Tonnen aus Bayern und 14.186 Tonnen aus Rheinland, Westfalen stammten. Die Zufuhr an Braunkohlen und Braunkohlenbriketts betrug 20.180 Tonnen und wurde mit 19.078 Tonnen von Österreich-Ungarn eingeführt."

Arbeitslose demonstrieren

12. Januar: "Eine neuerliche Demonstration der Arbeitslosen fand heute Mittags statt. Es fanden sich gegen ½ 12 Uhr wieder zahlreiche Arbeitslose auf dem Sendlingertorplatz ein, zugleich aber auch eine Anzahl Kriminalbeamte, die sich unter die Menge mischten und diese durch Zureden veranlassen wollten, den Platz zu verlassen. Ebenso war der Kommissar des Bezirks anwesend, der seinerseits ebenfalls versuchte, durch Zureden die Leute auf die Zwecklosigkeit ihrer Ansammlung aufmerksam zu machen."

Fasching 1905   Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
Einladung zum Ball der Münchner Bühnenkünstler im Deutschen Theater ...
© Stadtarchiv München - Chronik

Faschingsbilanz

Die Faschingssaison 1905 dauerte bis zum 7. März. In den Münchner Neuesten Nachrichten zog der Schriftsteller Hermann Roth eine Bilanz: "Ein langer und ereignisreicher Fasching liegt hinter uns. Es war eine der längsten närrischen Perioden in den letzten Jahrzehnten, die fast zwei Monate [...] währte. Vieles hatte man in dieser Zeit genossen, entzückende Künstlerfeste halfen aufs Neue den Ruhm der Kunststadt München und zugleich des lebensfreudigen, immer festesfrohen Isarathen zu verkünden. Ja, wenn die Leute auswärts glauben sollten, daß wir in München überhaupt nichts anderes tun, als hier Bier trinken und Feste feiern, man dürfte sich nicht wundern!"

Werbeprospekt zur Eröffnung des Kaufhauses Oberpollinger  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Chronik

Eröffnung der Kaufhäuser Oberpollinger und Tietz

14. März:"Die beiden Warenhäuser ‚Oberpollinger' in der Neuhauserstraße und Tietz am Bahnhofsplatz sind heute für das Publikum eröffnet worden. Ersteres hat an einen großen Teil der Bewohner Münchens eine Einladung zum Besuche unter Beilage einer Rabattkarte übersendet [...]." Anlässlich der Eröffnung der beiden Warenhäuser Oberpollinger [in der Neuhauserstraße] und Hermann Tietz [heute Hertie am Bahnhofsplatz] ließ der Allgemeine Gewerbeverein München ein Flugblatt verteilen, in dem er vor den neuen Einkaufstempeln warnte, die zur "Vernichtung zahlloser Einzelexistenzen" und "Vermehrung von Konkursen" beitrügen, durch "maßlose Reklame" das Publikum blendeten und durch "prunkvolle Ausstellung" das Urteil über die Qualität der Waren erschwerten. "Insbesondere die Frauenwelt" wurde "dringendst und inständigst" gebeten, "ihren bisherigen Lieferanten, den reellen Spezialgeschäften, dem Kaufmann, Handwerker und Gewerbetreibenden treu zu bleiben, ihnen die Kundschaft und ihr Vertrauen nicht zu entziehen." (Abb. s. unten)

Ehrendoktorwürde für Gabriel von Seidl

22. März: "Die Technische Hochschule München hat auf einstimmigen Antrag der Architektenabteilung dem Architekten Gabriel Ritter von Seid, kgl. Professor und Ehrenkonservator des kgl. Bayerischen Nationalmuseums, ‚dem verdienstvollen Förderer der deutschen Baukunst, dem bahnbrechenden Künstler, welcher den Schatz altheimischer Kunst neu gehoben, dem Schöpfer zahlreicher bedeutungsvoller Bauwerke', die Würde eines Doktors der technischen Wissenschaften (Doktor Ingenieurs) ehrenhalber verliehen."

Eine Münchner Firma liefert das weltgrößte Objektiv an die Sternwarte Potsdam

24. März: "Einen Ruhmestag seltener Art hat Bayerns Hauptstadt, seit vielen Jahren ein Hauptsitz der optischen Industrie, zu verzeichnen. Heute gelangte in München ein Riesenwerk zum definitiven glänzenden Abschluß, dessen Ausarbeitung bis zur letzten Vollendung jahrelange, mühevolle Arbeit erforderte - das photographische Objektiv des großen Refraktors in Potsdam, das größte Objektiv Deutschlands und das größte photographische Objektiv der Erde. Der Durchmesser des aus zwei Linsen bestehenden Objektivs ist 81 cm, die Brennweite 12 m. Das Rohglas allein kostete 40.000 Mark." Die Sternwarte Potsdam hatte das Objektiv bereits 1896 bei der Münchner Firma Steinheil Söhne in Auftrag gegeben.

Generalversammlung der Münchner Kindergärten

15. April: "Der Münchener Kindergarten-Verein hielt heute seine Generalversammlung ab, die der zweite Vorstand, der k. Advokat und Landrat A. Wohlschläger, mit der Erstattung des Jahresberichtes eröffnete. Nach demselben unterhielt der Verein 20 Kindergärten, an denen 29 Tages- und 15 Abendkindergärtnerinnen wirkten. Die 20 Anstalten waren besucht von 7.205 Knaben und 6.849 Mädchen, zusammen von 14.054 Kindern, von welchen 4.270 Kinder halbe und 819 ganze Freiplätze innehatten. Die Pflichtbeiträge der Kinder betrugen 21.527 Mk. 50 Pf."

Eine Woche Haft für hungrigen Arbeitslosen

18. April: "Während der Arbeitslosenbewegung zu Anfang dieses Jahres erhielt auch der Maurer Lorenz Gabriel Speisebillette; am 22. Januar Mittags kam er in die Speisehalle III an der Augustenstraße und erhielt für sein Billett zwei Würste mit Kraut und Brot verabreicht. Eine von ihm geforderte Suppe wurde ihm nicht gegeben, weshalb er in der lautesten Weise zu schreien und schimpfen begann, die Wirtschafterin [...] mit Schimpfworten belegte und dieses Verhalten so lange fortsetzte, bis ihn ein Schutzmann aus dem Lokal entfernte. Er erhielt deshalb einen auf eine Woche Haft lautenden Strafbefehl wegen groben Unfugs, gegen den er Einspruch erhob. In der heutigen Verhandlung wurde der vorstehend geschilderte Sachverhalt erwiesen, weshalb der Amtsanwalt beantragte, die Strafe auf 14 Tage Haft zu erhöhen. Das Gericht ließ es jedoch bei der im Strafbefehl ausgesprochenen Strafe bewenden."

Streik in der Metallindustrie

28. April: "Die Tarifbewegung in der Münchner Maschinenindustrie hat nun in den Maschinenfabriken Landes, Maffei und Rathgeber zum Streik der Hammerschmiede, Kesselschmiede und Wagenbauer geführt. Nach den resultatlosen Verhandlungen vor dem Gewerbegericht haben diese Arbeiterkategorien heute die Arbeit nicht mehr angetreten. Einzelne Zusagen für Lohnerhöhung sind von den Firmen gegeben worden; das hauptsächliche Verlangen der Arbeiter nach einer tarifmäßigen Festlegung der Löhne wurde von den genannten Fabriken von vornherein als unerfüllbar erklärt. Aussperrungen sind angekündigt. Die der Zahl bis jetzt feiernden Arbeiter beträgt gegen 1.000."

Nachwuchs im Hause Wittelsbach

3. Mai: "Frau Prinzessin Rupprecht wurde heute Früh 6 ¼ Uhr von einem Sohne glücklich entbunden. Der Neugeborene ist das dritte Kind des Prinzenpaares. Sein älterer Bruder Luitpold ist am 8. Mai 1901 in Bamberg geboren. Das zweite Kind, die kleine Irmingard, ist im Alter von einem halben Jahr [...] gestorben. Prinz Rupprecht erstattete Vormittag seiner Königlichen Hoheit dem Prinz-Regenten persönlich Meldung von der Geburt eines Sohnes. [...] Der jüngste Wittelsbacher ist das 15. Urenkelkind des Prinz-Regenten und das 7. Enkelkind des Prinzen Ludwig. Die Familie des Prinz-Regenten besteht nunmehr aus 3 Söhnen, 1 Tochter und 3 Schwiegertöchtern, 20 Enkelkindern (10 Enkeln und 10 Enkelinnen) sowie aus 15 Urenkelkindern, im ganzen aus 42 Mitgliedern." Der Neugeborene erhielt den Namen Albrecht Luitpold Ferdinand Michael (1905-1996), seine Eltern waren der spätere Kronprinz Rupprecht von Bayern (1869-1955) und dessen Gemahlin Maria Gabriele, Herzogin in Bayern (1878-1912). Nachdem sein Bruder Luitpold schon 1914 starb, wurde Prinz Albrecht "Stammhalter". Nach dem Tod seines Vaters war er von 1955-1996 Chef des Hauses Wittelsbach.

München feiert Schillers 100. Todestag

8. Mai: "Der heutige Vorabend von Schillers 100. Todestag wurde in der Stadt München durch eine ganze Reihe von Gedenkfeierlichkeiten begangen. Vor allem war es die Technische Hochschule, welche dem selben einen Festakt widmete. Zu diesem Zwecke war die Aula mit der Kolossalbüste Schillers von Dannecker, umgeben von reichem Blumenschmuck, geziert. Professor Dr. Sulger-Gebing hielt die Festrede über Schillers Geistesentwicklung." (Abb. s. unten)

Reger Fährverkehr

28. Mai: "Die Fähre über die Isar, die den Englischen Garten in der Mitte zwischen der Bogenhausener und der Unterföhringer Brücke verbindet, ist am heutigen Sonntag von 700 Personen frequentiert worden."

Warenhäuser contra Fachgeschäfte

1. bis 5. Juni 1905: Anlässlich der Generalversammlung des Verbandes deutscher Eisenwarenhändler findet in der Schrannenhalle eine Ausstellung von Eisenwaren, Haus- und Küchengeräten statt. Der Vorsitzende des Verbandes Karl Schmahl aus Mainz begrüßt die Eröffnungsgäste und führt aus: "[...] Es sei eine irrige Meinung, daß das Spezialgeschäft seine Existenzberechtigung verloren habe und durch den Basar, das Warenhaus ersetzt werden müsse; es bleibe vielmehr dem Spezialgeschäft stets die bessere Ware und reichere Auswahl vorbehalten." Die Ausstellung, an der sich 150 Firmen beteiligten, war nur für Mitglieder des Verbandes zugänglich.

Sonnenschutz für Fiaker

5. Juni: "Zum Schutze gegen die Sonnenstrahlen haben mehrere Droschkenkutscher ein luftiges Zeltdach eingeführt, ähnlich wie es bei Automobilen angebracht ist, das auf vier eisernen Stäben ruht und je nach Bedürfnis weggenommen werden kann. Auch Strohhüte für die Pferde sind bereits wieder in Benützung genommen worden."

Ein Denkmal für Kaiser Ludwig

24. Juni: "Der Johannitag 1905 darf als ein besonders ereignisreicher in der Chronik dieser Stadt verzeichnet werden, fand an ihm doch die Enthüllung des Denkmals Kaiser Ludwigs des Bayern, dieses zweiten Gründers und großen Wohltäters Münchens, welches der patriotische Sinn eines Münchner Bürgers, des vormaligen Bierbrauers Mathias Pschorr seiner Vaterstadt gestiftet - auf dem Platze statt, der, einem Antrag des Verfassers dieser Chronik [Ernst von Destouches], schon seit April 1886 den Namen des großen Wittelsbachers trägt. Der Himmel, der in der Frühe zahlreiche Regenschauer herniedergesendet hatte, zeigte Einsehen und ließ die schöne patriotische Feier ungestört vor sich gehen." Das Denkmal wurde Ferdinand von Miller geschaffen.

Vortrag des Pazifisten Quidde

28. Juni: "Über die Friedensidee und ein neues Völkerrecht sprach heute Abend Prof. Dr. Quidde [...]. In seinen einleitenden Worten betonte der Vortragende, daß das Problem der Friedensidee, das in den letzten Jahren soviel die öffentliche Meinung beschäftigt hat, in keinem zivilisierten Lande mit so großer Zurückhaltung behandelt wird wie in Deutschland. Wir sind in Deutschland so außerordentlich skeptisch, realpolitisch geworden; während wir früher das Volk der Träumer gescholten wurden, zeichnen wir uns jetzt gerade durch das Gegenteil aus."

Milbertshofener Volksfest

"Auch das an Münchens Burgfrieden bereits anstoßende Milbertshofen wollte in der Veranstaltung eines Volksfestes gegen die übrigen Nachbargemeinden Münchens nicht zurückstehen." Das einwöchige Fest dauerte bis zum 2. Juli. Das Programm des letzten Tages sah vor: "Volksfest-Schlußfeier, nachmittags 4 Uhr Preisverteilung der Schützenpreise durch das Komitee, Abends Festball verbunden mit großem Schluß-Feuerwerk."

Sommerhitze

2. Juli: "Die Münchener meteorologische Zentralstation gab ziffernmäßig über die Hitze der letzten Tage folgenden Bescheid nach Temperatur-Messungen auf Celsius im Schatten: ‚In der Nacht von Freitag auf Samstag (29./30. Juni) wurden 18,2 Grad gezählt, am Samstag 7 Uhr Früh 22,1 Grad, 2 Uhr Mittags 31,2 Grad, 9 Uhr Abends 25,1 Grad, Maximum 32,3 Grad; in der Nacht auf Sonntag betrug die Temperatur 20 Grad; am Sonntag (1. Juli) 7 Uhr 22,4 Grad, 2 Uhr Mittags 30,6 Grad, 9 Uhr Abends 26,2 Grad, Maximum 31,9 Grad.'"

"Heil- und Pflegeanstalt Eglfing" eröffnet

12. Juli: "Zur Eröffnung der oberbayerischen Heil- und Pflegeanstalt Eglfing ging heute ein Sonderzug mit 150 Teilnehmern, welche einer Einladung der Regierung und des Landrates von Oberbayern folgten, nach Haar ab." Bei der Eröffnungsfeier "verbreitete sich Bürgermeister von Brunner über die Entstehung des Neubaus, zu dem die erste Anregung im Jahr 1893 die parteilose Vereinigung München-Ost gegeben hat. [...] Direktor Dr. Vocke antwortete hierauf und gab einen Ausblick in die Zukunft, die noch große Anforderungen an die Ärzte stellen wird." Das "Bezirkskrankenhaus Haar" ist heute eines der größten Fachkrankenhäuser für Psychiatrie, Psychotherapie, psychosomatische Medizin und Neurologie in Deutschland (ca. 1.200 Betten) und gleichzeitig Lehrkrankenhaus der Ludwig-Maximilians-Universität München. 

Abschied vom Maler Abé

8. August: Im Schwabinger Friedhof wurde heute der im Alter von 43 Jahren verstorbene Kunstmaler Anton Abé beerdigt. Eine große Künstlergemeinde hatte sich eingefunden, den Kollegen im Tode zu ehren. [...] Nach dem kirchlichen Akte bestieg Schriftsteller Edgar Steiger den Grabeshügel, um dem Freunde Worte des Abschiedes zu weihen, ihn, dem Menschen mit dem goldenen Herzen, [...] der als Lehrer in den Herzen von Hunderten und Aberhunderten die Flamme der künstlerischen Begeisterung entfachte und nährte, der zeitlebens der Kunst froher Zigeuner und einer jener Armen war, die das Letzte mit dem noch Ärmeren teilen. [...] Auch die Abé-Schule, die ‚Dichtelei', die Stammgäste, die Wirtin und das Personal des Restaurants ‚Simplicissimus' hatten Kränze zu dem Sarge niederlegen lassen." Anton Abé hatte 1891 eine private Malschule eröffnet, in der zeitweise bis zu 100 Schüler eingeschrieben waren. Seine bekanntesten Schüler waren Wassily Kandinsky und Alexej Jawlensky.

Ein neues Angebot für Touristen

10. August: "Der zunehmende Fremdenverkehr hat das Bedürfnis nach einem erweiterten Betrieb der Fremdenrundfahrten wachgerufen. Nachdem von der Polizeidirektion die Genehmigung hiezu erteilt wurde, eröffnete heute der Unternehmer Lohnkutschereibesitzer M. Holzmeier die Rundfahrten, die vom Hotel Bellevue [heute Königshof] abgehen. Abfahrtszeiten sind ¾ 10 Uhr Vormittags und 3 ¼ Uhr Nachmittags. Der vierspännig zu fahrende Wagen ist in den Münchner Farben gehalten. Er faßt 22 Sitzplätze, die mit Nummern versehen sind, sodaß jeder Überfüllung vorgebeugt wird."

Kesselberg-Rennen

12. August: "Dicht besetzt fuhr der heutige Morgenzug von München nach Kochel, um die Zuschauer zum Bergrennen am Kesselberg zu bringen. Der Start war dort von Kilometerstein 67 nach Kilometerstein 66 [...] verlegt worden, um die gefährliche Kurve des ersten Kilometers zu vermeiden. [...] In der Tribüne der Rennleitung sah man mit Professor Hubert von Herkomer eine Elite von Gästen, so Großfürst Kyrill, Fürst Ferdinand von Bulgarien, Prinz und Prinzessin Battenberg, die Erbprinzessin von Meiningen und den Prinzen von Ratibor. Der Start der Motorzweiräder begann nach 10 Uhr. Das Publikum, soweit es in der Nähe des Starts Zutritt gefunden hatte, konnte vieles Interessantes sehen, besonders beim Anlauf der siebenpferdigen Motorräder, der in der Regel etwas Aufregendes hatte. Der Start der Automobile zog sich infolge der Abstandspausen sehr in die Länge."

Jahn-Turnhalle eröffnet

Am 17. September fand "die Einweihung des Turnhallen-Neubaus Jahn in feierlicher Weise statt." In seiner Ansprache führte der 1. Vorsitzende des Vereins, Lehrer Friedrich Stützer, Folgendes aus: "1890 sei der Turnverein Jahn gegründet worden, der von damals 70 auf heute 820 Mitglieder [...] angewachsen sei [...]. Nach 15 Jahren ernsten Ringens habe sich der Verein nunmehr im Osten Münchens eine Heimstätte geschaffen. Und nun sehen Sie hinaus in die sonnige Landschaft, auf die rauschende Isar, die prächtigen Baumgruppen der Widenmayerstraße, des Englischen Gartens und der Maximiliansanlagen mit dem goldenen Friedensengel - rings Licht und Luft und Freiheit in verschwenderischer Fülle! Endlich davor als Krönung des Landschaftsbildes des Münchner Jahn-Denkmal, unseren Turnvater Jahn [...]."

‚Heiliger Stier' darf nicht auf die Wiesn

19. September: "Der Schausteller Malferteiner hatte sich für das diesjährige Oktoberfest einem ‚heiligen Stier' verschrieben, wie ihn die Religionsgebräuche einiger Hindustämme des Pamirhochlandes als anzubetendes Tier kennen. Derselbe, ein zwerghafter Albino mit roten Augen, zeichnet sich durch vielfache Tätowierungen aus [...]. Damit diese nun sichtbar bleiben, wird das Tier von Zeit zu Zeit rasiert. Der Stier hat einen Leibbarbier und außerdem noch eine Priesterin, ein Hindumädchen, das die Vorführung durch ein gewisses Zeremoniell beleben soll. Heute Vormittag jedoch erschien in dem bereits aufgestellten Schaustellungsgebäude ein Polizeikommissär und eröffnete Malferteiner, dass infolge einer Anzeige die öffentliche Vorführung des ‚heiligen Stieres' verboten sei."

Schauspieler von Possart verabschiedet sich von der Bühne

28. September: "Vor ausverkauftem Hause betrat heute Ernst von Possart zum letzten Male als Darsteller die Hofbühne, in einer seiner berühmtesten Rollen, die zugleich für seine künstlerische Gestaltungsweise besonders charakteristisch war: als Shylock im ‚Kaufmann von Venedig'. Er löste die Aufgabe [...] mit derselben Wirkungskraft und mimischen Elastizität wie vor zwanzig und mehr Jahren und bot so das seltene Beispiel eines Bühnenkünstlers, der dank zäher Energie und Selbstzucht imstande ist, trotz langer Tätigkeit im Vollbesitze seines Könnens den weltbedeutenden Brettern Lebewohl zu sagen."

Internationaler Besuch im Glaspalast

3. Oktober: "Exotische Gäste sah heute Nachmittag der Glaspalast. Der Maharadja von Gaikwar of Baroda, der gestern mit seiner Gemahlin und Gefolge im Hotel Continental abgestiegen ist, durchwandelte in mehr als zwei Stunden die Ausstellungsräume in Begleitung seiner Gemahlin, seines japanischen Leibarztes und zweier Sekretäre. Der Fürst ist ein kleiner Mann und trägt schlichte europäische Kleidung, während seine Gattin durch die bunten indischen Gewänder aus roher Seide auffällt, ein interessantes Hindu-Antlitz mit einer merkwürdigen Tätowierung auf der Stirne. Der indische Gast hat die Münchener Kunst auf sein Oktoberprogramm geschrieben [...]. Der zweite Punkt in seinem Münchener Programm dreht sich um eine Besichtigung von Volksschulen, Mittelschulen und der drei Hochschulen."

Freiherr von Leonrod gestorben

Am 6. Oktober starb Leopold Freiherr von Leonrod (geb. 1829), der von 1871 bis 1902 bayerischer Justizminister war. Der in Neuhausen liegende "Leonrodplatz" erinnert sowohl an ihn wie auch an seine beiden Brüder Franz Leopold und Karl August Heinrich. Ersterer war Bischof von Eichstätt gewesen, letzterer Generalleutnant. Darüber hinaus ist der Platz auch Ludwig von Leonrod gewidmet, der in die Staatsstreichpläne von Claus Schenk Graf von Stauffenberg eingeweiht war. Er wurde am Tag nach dem Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 von der Gestapo verhaftet und kurz darauf in Berlin-Plötzensee ermordet. An Ludwig von Leonrod erinnert auch eine Gedenktafel an der Bogenhausener Kirche.

Die Trambahnen erhalten Nummern

11. Oktober: "Die Bezeichnung der Trambahnlinien mit Nummern trat heute im Verkehr erstmals in Erscheinung. Einige Wagen der Ringlinie trugen bereits die auf eine weiße, rot umränderte Scheibe aufgemalte arabische Ziffer 2 in schwarzer Farbe, die auf ziemlich große Entfernung deutlich sichtbar war." Bisher waren die Straßenbahnen nur mit den Zielhaltestellen bezeichnet gewesen.

München tritt dem Deutschen Städtetag bei

17. Oktober: "Auf Antrag des Bürgermeisters Dr. von Borscht beschloß heute der Magistrat seinen Beitritt zum Deutschen Städtetag." Der Deutsche Städtetag vertritt heutzutage die Interessen der Städte gegenüber Bundesregierung, Bundestag, Bundesrat, Europäischer Union und zahlreichen anderen Organisationen. Er berät seine Mitgliedsstädte und informiert sie über alle kommunal bedeutsamen Vorgänge und Entwicklungen. Außerdem ermöglicht er den Erfahrungsaustausch zwischen seinen Mitgliedern. 1970/71 stand mit Hans-Jochen Vogel erstmals ein Münchner Oberbürgermeister an der Spitze dieses Gremiums. Seit Juni 2005 ist Münchens Oberbürgermeister Christian Ude Präsident des Deutschen Städtetags.

Reger Trambahnbetrieb an Allerheiligen

1. November: "In welch enormer Weise die Leistungsfähigkeit der Münchener Trambahn am heutigen Allerheiligentage in Anspruch genommen wurde, darüber geben nachstehende Zahlen den besten Aufschluß. Die Zahl der Fahrgäste hauptsächlich in den Nachmittagsstunden betrug rund 197.000, im Vorjahre 147.000, somit gegen das Vorjahr ein Mehr von ca. 50.000. Die Einnahmen betrugen 23.600 Mark, im Vorjahre 17.800 Mark, somit ein Mehr von 5.800 Mark. Der Wagenverkehr auf den verschiedenen Friedhofshauptlinien gestaltete sich folgendermaßen: Vom Hauptbahnhof [...] zum östlichen Friedhof verkehrten pro Stunde in einer Richtung 60 Wagen (normal 18 Wagen); Linie ab Großwirt Schwabing bis Friedhof Schwabing pro Stunde 60 Wagen (normal 26 Wagen); Linie Grünwaldpark bis Moosacher Friedhof 36 Wagen pro Stunde (normal 8 Wagen): Sämtliches Personal war ununterbrochen in Dienst gestellt. Dienstfreiheit gab es an diesem Tage nicht, auch nicht die sonstige regelmäßige Ablösung.

Statistische Erhebung zur Religionszugehörigkeit der Münchner Soldaten

Die Chronik vom 1. November enthält u.a. eine "Zusammenstellung der Religionsbekenntnis-Ausweise der Truppen des Standortes München". Demnach gab es etwa im Infanterie-Leibregiment 1.485 Katholiken, 566 Protestanten, 11 "Israeliten" und 2 "Andersgläubige". Insgesamt ergab sich folgende Statistik für Münchens Militärangehörige: 9.458 Katholiken, 2076 Protestanten, 74 "Israeliten" und 17 Mitglieder sonstiger Religionen. 

Protest gegen die Einrichtung von Läden im Hauptbahnhof

5. November: Die Einrichtung eines Zigarettenkioskes im Hauptbahnhof führte zu massiven Protesten von Münchner Händlern. Sie verabschiedeten am 5. November eine Resolution, in der es u.a. hieß: "Die [...] abgehaltene Versammlung legt hiermit entschieden Verwahrung ein gegen das Weiterentstehen und die Neueinrichtung von Verkaufsständen im hiesigen Bahnhof. Sie verneint das Bedürfnis nach jeder Richtung. Sie erblickt ferner in der Aufmachung von Verkaufsständen im Hauptbahnhof eine von Seiten des Staates unterstützte Konkurrenz der Ladeninhaber." 

Erste Planungen für eine Münchner U-Bahn

8. November: "Das Verkehrsministerium hat Auftrag erteilt, einen Entwurf für eine Untergrundbahn vom Münchner Hauptbahnhof zum Münchner Ostbahnhof und für eine unterirdische Schleifenbahn vom Münchner Hauptbahnhof über den Karlsplatz, Marienplatz nach Haidhausen und von dort zurück über den Odeonsplatz zum Münchner Hauptbahnhof auszuarbeiten. Diese Entwürfe sind bereits von der kgl. bayerischen Staatseisenbahn vollendet und dem Verkehrsministerium vorgelegt worden." Die Planungen blieben ohne weitere Folgen.

Vorläufiges Ergebnis der Volkszählung

1. Dezember: "Die Volkszählung, welche heute vorgenommen worden ist, hat vorläufig 539.167 Einwohner (gegen 499.932 am 1. Dezember 1900) für die Stadt München ergeben. Nach der vorläufigen Aufarbeitung der Wohnungszählung vom heutigen 1. Dezember ist die Gesamtzahl der leeren Wohnungen von 5.886 vor fünf Jahren nun auf 5.263 zurückgegangen."

Rohbau des Neuen Rathauses vollendet

4. Dezember: "Der über 80 Meter hohe Rathausturm erhielt eine Bekrönung in dem Wahrzeichen der Stadt, einem Münchner Kindl. Dasselbe wurde von Bildhauer Anton Schmidt modelliert und von Hygin Kiene in Kupfer getrieben. Es ist 1,65 Meter hoch, hat also die Größe eines erwachsenen Menschen, nimmt sich aber in der gewaltigen Höhe ziemlich klein aus. In das Postament unter dem Münchner Kindl war schon am 21. Oktober eine kupferne Kapsel eingelassen worden, die eine Pergamenturkunde mit dem Namen des Erbauers Professor von Hauberrisser, der den Bau leitenden Ingenieure und aller bei dem Werk beteiligten Poliere und Arbeiter enthält." Mit dem Aufsetzen des Münchner Kindls, für das Schmids Sohn, der spätere Volksschauspieler Ludwig Schmid-Wildy, Modell gestanden hatte, auf der Spitze des Turms war der (Roh)Bau des Neuen Rathauses beendet.

Münchner "Künstler-Lebkuchen" erfreuen sich großer Beliebtheit

22. Dezember: "Die München Künstler-Lebkuchen, deren Herausgabe Künstler der Münchener ‚Jugend' vor Jahren mit der Hoflebzelterei Matthias Ebenböck gemeinschaftlich begonnen haben, sind jetzt über alle Welt verbreitet. Nicht nur in natura treten sie ihre Weihnachtsreisen überall hin an, in- und ausländische Kunstzeitschriften beschäftigen sich mit ihnen und bringen Abbildungen dieser lachenden Ausgeburten Münchener Künstlerhumors."

Gedenken an die Opfer der Sendlinger Bauernschlacht 1705

24. Dezember: "Gleich wie an Weihnachten 1705 so sahen auch heute nach 200 Jahren die Straßen Sendlings das wehrhafte Volk der Oberländer in Waffen. Doch nicht zu blutigem Kampf und Streit waren die wackeren Gebirgsbewohner herbeigeeilt, sondern zur Ehrung ihrer Vorfahren, zur Huldigung für das angestammte Herrscherhaus Wittelsbach, für das jene auf blutiger Walstatt ihr Leben gelassen; kein Feldzug war es, sondern ein Festzug, der sich [...] durch die von einer unabsehbaren Zuschauermenge besetzten Straßen zum Festgottesdienst nach der neuen St. Margarethenpfarr- und Jubiläumskirche bewegte, die aber heute ihre historische Weihe erhalten sollte. Es war ein Festzug, wie ihn in seiner Art München noch nicht gesehen. Mehr als 10.000 Teilnehmer hat er enthalten, über 120 Vereine mit 103 Fahnen waren in demselben verteilt. Unter den einzelnen Gruppen desselben fiel besonders auf die historische Bauerngruppe Kochel mit der von der gräflich Arco'schen Familie gestifteten kostbaren Standarte [...], an deren Spitze als vorzüglicher Vertreter des Schmiedbalthes, Benedikt Heiritzi mit der Löwenfahne einherschritt." Nach dem Festgottesdienst fand gegenüber der Kirche die feierliche Grundsteinlegung des von der Stadt München errichteten Denkmals (Entwurf: Carl Ebbinghaus) für die "Heldenopfer der oberbayerischen Landeserhebung" statt. (Abb.s.unten)

  

Münchens Türme locken zahlreiche Besucher an

31. Dezember: "In der ehemaligen Türmerstube des nördlichen Frauenturms wies das aufliegende Fremdenbuch für das Jahr 1905 einen Besuch von 5.664 Personen auf, die sich auf alle Länder und Reiche der Erde verteilen und ihrer Freude über die weit umfassende Aussicht oftmals in poetischer Form Ausdruck verliehen. Der Petersturm, der seit alters her speziell den Münchnern ans Herz gewachsen ist, zählte dagegen nur etwas über 1.600 Besucher, die in der großen Mehrzahl sich aus München rekrutierten. [...] Die Paulskirche wurde von 425 Personen besucht [...]."e die zu den Fischbehältern an der Heiliggeistkirche führenden Bäche vom Eingefrieren frei zu halten haben. Die Isar, die mächtige Eisblöcke mit sich führt, hat sich bei der Wittelsbacherbrücke gestaut und ist der ganzen Breite nach zugefroren."

Abbildungen zur Stadtchronik 1905