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Stadtchronik 1908


Prosit Neujahr!  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
Glückwunschkarte der Telegraphenbeamten zum Neuen Jahr
© Stadtarchiv - Chronik

Bemerkenswertes, Kurioses und Alltägliches

Prosit Neujahr!

1. Januar: "Der Neujahrstag begann mit 5,6 Grad Kälte, nachdem die Silvesternacht ohne erhebliche Störung verlaufen war, wenn auch die Lustbarkeit bei einigen öffentlichen Silvesterveranstaltungen sich nicht immer in den erlaubten Formen bewegte."

Tierseuche breitet sich aus

2. Januar: "Die Maul- und Klauenseuche ist außer in den Viehhöfen zu München und Augsburg in den letzten Tagen auch im Stadtbezirk München, in Holzkirchen und Darching, Bezirksamt Miesbach, in Feilnbach und Großhelfendorf [...] ausgebrochen; zwei Kühe sind bereits an der Seuche verendet. Das plötzliche Auftreten der Seuche an verschiedenen Orten bisher völlig seuchenfreier Bezirke legt die Befürchtung nahe, daß vom Viehhof in München ausgehend noch weitere Verschleppungen der Seuche stattgefunden haben können [...]."

Anwesenheit eines Musikkritikers verstört die Ausführenden

2. Januar: "Der sonst nur der reinen Kunst gewidmete Saal der Tonhalle wurde Schauplatz eines bedauerlichen Skandals. Als sich der Konzertreferent der Münchener Neuesten Nachrichten Dr. Rudolf Louis in privater Eigenschaft zum Volkssymphoniekonzert einfand, erklärte ein Sprecher des Kaim-Orchesters, daß die Musiker sich weigern zu spielen, wenn Dr. Louis nicht zuvor den Saal verlasse. Diese Haltung des Orchesters rief eine gewaltige Erregung unter dem massenhaft erschienenen Publikum hervor, so daß Hofrat Kaim sich zu intervenieren veranlaßt sah [...]." Das Konzert fand schließlich trotz Anwesenheit des Kritikers statt. Der Chronist notierte allerdings, dass "die Aufregung, die sich aller Mitwirkenden bemächtigt hatte, keine erstklassigen Leistungen" entstehen ließ. Der Dirigent des Abends mußte um Nachsicht bitten.

Komfortable Straßenbahnfahrt

16. Januar: "Ein geheizter Straßenbahnwagen verkehrt auf der Linie 18 Sendlinger Tor-Platz - Holzapfelkreuth. Da die im vorigen Winter unternommenen elektrischen Heizversuche wegen der damit verbundenen hohen Kosten wieder aufgegeben werden mußten, ist die Straßenbahnverwaltung jetzt dazu übergegangen, die Heizung der Wagen mittels Öfen zu versuchen. Auf der Mitte einer Sitzbank wurde ein kleiner Füllofen installiert, der mit Anthrazitkohlen geheizt wird. [...] Das im Wagen angebrachte Thermometer zeigte 100 Wärme."

Münchens erste Taxifahrerin: Est nomen omen?

7. Februar: "Die erste Fahrt mit einer Berufs-Chauffeuse, einem Fräulein Schnell, hat heute stattgefunden. Dieselbe hat in Breslau Studien, namentlich mechanische, gemacht und sich dort und in Dresden theoretisch und praktisch für den gewählten Beruf ausgebildet. Ihr Kostüm besteht in einem Automantel und blauweißer Mütze mit dem Abzeichen der Münchener Automobildroschkengesellschaft."

Somnambule und Krämerin

9. Februar: "Eine einst viel genannte Münchner Persönlichkeit schied aus dem Leben, die seinerzeit so viel bewunderte Somnambule Kreszentia Wolf. In der aufregenden Zeit des ‚Tischrückens' und geheimnisvollen ‚Tischklopfens', Ende der (18)50er Jahre, erregte sie durch ihr Sprechen und Schreiben im somnambulischen Schlaf [...] großes Aufsehen. Das Volk, nicht minder die Gelehrtenwelt, waren in größter Aufregung ob dieser geheimnisvollen Naturwunder. Kreszentia Wolf lebte später, nachdem sie zum Hl. Vater nach Rom gereist, in stiller Zurückgezogenheit und führte die ihr von ihrem Vater hinterlassene Krämerei in der Vorstadt Au fort. Sie schied im Alter von 71 Jahren aus dieser Zeitlichkeit."

Streik-Drohung  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Chronik

Im Schneidergewerbe drohen Streiks

26. Februar: "Auf einer Versammlung der Maßschneider wurde einstimmig folgende Resolution angenommen: Die Mitgliederversammlung des Deutschen Schneider- und Schneiderinnen-Verbandes nimmt mit Bedauern von dem bisherigen Verhalten des Arbeitgeberverbandes in der gegenwärtigen Tarifbewegung Kenntnis. Die Versammlung stellt fest, daß, obwohl diesem bereits am 1. Januar die Gehilfenforderungen unterbreitet wurden, bis zur Stunde keinerlei Verhandlungen über die Frage stattgefunden haben. Die Versammlung ist der Auffassung, daß die vom Arbeitgeberverband bis jetzt beliebte Taktik auf eine Verschleppung der ganzen Angelegenheit gerichtet ist, die die friedliche Beilegung der schwebenden Differenzen gefährdet." An die Kunden wurde wegen möglicher drohender Streiks deshalb die Bitte gerichtet, "Bestellungen schon jetzt betätigen zu wollen".

Aus der Polizeilichen Bekanntmachung zum Faschingstreiben, Februar 1908:

"Teilnehmer an öffentlichen Maskenzügen sowie einzelne Personen, welche öffentlich maskiert gehen, sind verpflichtet, den zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe, Ordnung und Sicherheit ihnen zugehenden Weisungen der Polizeiorgane sofort Folge zu leisten.

Auf öffentlichen Straßen und Plätzen ist das Tragen von Holz- und Papierprischten sowie die Belästigung des Publikums mit Schweinsblasen, Pfauenfedern, Federwedeln, Juck- und Niespulver, das Werfen von Knallerbsen, Orangen und Äpfeln sowie überhaupt von Gegenständen, durch welche Personen verletzt werden können, verboten. Es ist untersagt, auf öffentlichen Plätzen mit anderen als einfarbigen Konfettis zu werfen."

"Papa" Geis  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Fotosammlung

"Papa Geis" wird beerdigt

4. März: "Im Moosacher Friedhofe wurde Singspieldirektor Jakob Geis - "unser Papa Geis" - zur letzten Ruhe bestattet. Es war selbstverständlich, dass die Münchner in großen Massen kamen, um dem allbeliebten, hoch geschätzten und verehrten Manne, ihrem auserkorenen Liebling, das ehrende Geleit zum Grabe zu geben." Der Komiker und Direktor einer Schauspielgruppe trat im vornehmen Hotel Oberpollinger auf. Er gilt als Erfinder der Salvatorrede. Abb. s. unten


Haben Dienstmädchen Anrecht auf einen halben Ruhetag?

15. März: "Eine öffentliche Dienstmädchen-Versammlung hatte der Verband der Hausangestellten in den Saal des Großen Wirts in Schwabing einberufen. Frau Lachenmeyer referierte über die Frage: Haben die Dienstmädchen an jedem Sonntag Nachmittag ein Anrecht auf einen halben Ruhetag? Frau Dr. Sänger, die eine 30jährige Hausfrauen-Praxis hinter sich hat, erklärte, daß sie mit der Gewährung des freien Sonntag-Nachmittags an ihre Dienstmädchen nur gute Erfahrungen gemacht habe; nur hilflose, unselbständige Hausfrauen scheuen sich, ihren Mädchen einen freien halben Tag zu gewähren; sie forderte die Dienstmädchen auf, durch tadellose Pflichterfüllung sich die Achtung ihrer Herrschaften zu erringen und dann durch Abschluß eines Dienstvertrages sich den freien halben Tag zu verschaffen."


Moderne Malerei zu Gast in München

15. März: "Eine von Gogh-Ausstellung ist heute in der Modernen Kunsthandlung Brackl eröffnet worden. Sie bringt mehr als 90 Gemälde und Zeichnungen aus allen Schaffensperioden dieses in seinem Wesen so schwer zu fassenden Künstlers."

Salvatorsaison 1908  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Chronik

Starkbierzeit

"Die heurige Salvatorsaison begann herkömmlicherweise am Sonntag vor Josephi, also am 15. März."

Aufforderung zu effektivem Vogelschutz

4. April: Das Innenministerium gab eine Entschließung zum Vogelschutz heraus: „Wie im übrigen Deutschland, so macht sich auch in Bayern vielfach eine fortschreitende Verminderung der einheimischen Vogelwelt bemerkbar. Diese ist nicht nur vom Standpunkte des Naturfreundes aus sehr zu bedauern, sie hat auch in land-, garten- und forstwirtschaftlichen Betrieben, für welche die Vertilgung von Insektenschädlingen durch nützliche Vögel von ganz außerordentlicher Bedeutung ist, unmittelbare schädliche Folgen.“ Es wurde deshalb u.a. die Erhaltung bestehender und die Neuanpflanzung zerstörter Vogelschutzhölzer, die Anbringung künstlicher Nistgelegenheiten, die Errichtung von Futterplätzen im Winter sowie die Bekämpfung von Feinden der Nutzvögel empfohlen.

Tarifverhandlungen abgeschlossen

4. April: Die Tarifverhandlungen im Baugewerbe kamen zu folgendem Abschluss: Die Einheitslöhne der Maurer erhöhten sich demnach bei den

  • Kanalmaurern auf 70 und 72
  • Feuerungsmaurern auf 67 und 69
  • Fassadenmaurern Kategorie A auf 67 und 69
  • Fassadenmaurern Kategorie B auf 62 und 64
  • Rabitzmaurern auf 59 und 61 Pfennige.“

„Der jeweilige Samstagslohn wird als Sicherheit gegen etwaige Tarifbrüche zurückbehalten und gelangt erst in der folgenden Woche zur Auszahlung.“ Pasing, damals noch ein eigenständiger Ort, wurde in den Tarifabschluss einbezogen.

Im Paradies für Raucher

7. April: „Prinz Ludwig besichtigte in Begleitung seines Adjutanten Freiherrn von Leonrod die Verkaufsräume und Lager der Zigarrenimportfirma Max Zechbauer, k.b. Hoflieferant, Odeonsplatz 17. Der Prinz brachte dem reichhaltigen Lager Havannas eingehendes Interesse entgegen, umso mehr, als er ein verhältnismäßig starker Raucher und Kenner ist. Der Prinz zeigte aber auch dasselbe rege Interesse für deutsche Zigarren und besichtigte ferner die im ersten Stock des Geschäftshauses gelegenen Lagerräume, wo die inländischen Fabrikate von der billigsten 3-Pfennig-Zigarre bis zu den teuersten Erzeugnissen aufgestapelt sind.“

Münchens Straßen werden immer grüner

17. April: „Die Zahl der Alleebäume in München, die sich alljährlich um über 1.000 Stück vermehrt und am Schlusse des Jahres 1907 auf rund 26.000 Stück bezifferte, erfährt in diesem Frühjahr wieder eine Vermehrung um 1.100 Stück. Insgesamt werden 556 Goldlinden [...], 234 Blutahorne, 189 Spitzahorne, 84 Kastanien, 40 Kugelahorne und Pappeln und acht Ulmen ausgepflanzt.“

Zügige Abwicklung von Straßenbauarbeiten

Am 21. April berichtete die Chronik, dass in der Diener- und Residenzstraße „anstelle des ruinösen Holzpflasters“ asphaltiert werden sollte. „Zu diesem Zwecke wurde die insgesamt 3.765 qm umfassende Straßenfläche aufgerissen. Zur möglichst raschen Bewältigung dieser Arbeiten wurden 200 Arbeiter aufgeboten, die schichtweise von früh 5 Uhr bis 8 Uhr abends tätig waren.“

Tag der Arbeit

Der 1. Mai nahm in München wenigstens während des Vormittags einen durchaus ruhigen Verlauf. Das Versammlungsprogramm wurde mittels Plakat an den Straßenecken angeschlagen. Vor den Versammlungslokalen bildeten Blumenverkäuferinnen mit Bündeln roter Nelken Spalier; vor den Saaleingängen stand je ein Doppelposten, der den Verkauf der Mai-Marken betrieb. In den Lokalen selbst wurde Handel mit Postkarten, Krawatten und Busennadeln mit den Porträts der Parteigrößen betrieben. Am stärksten waren die Versammlungen der Bauhandwerker und der Holzarbeiter besucht.“

Sonderangebot

4. Mai: In der Theatinerstraße gab es einen gewaltigen Menschenauflauf. Wo man hinsah, überall Frauen und Mädchen, Mädchen und Frauen. Das Trottoir war vollständig unpassierbar geworden, in langen , dichten Reihen stand Frau an Frau und sechs Schutzleute hatten zu tun, um die Stürmischen im Zaume zu halten. Das Seidenhaus Gerlach hatten einen Ausverkauf angekündigt und dies hatte genügt, das weibliche München mobil zu machen.“

Das erste Münchner Nachtcafé

7. Mai: Die erste Konzession für ein Nachtcafé ist Brauereibesitzer Hans Wagner für sein Hotel-Restaurant Wagner, vormals Trefler, an der Sonnenstraße erteilt worden. Damit ist die vielbesprochene Polizeistunden-Angelegenheit in ein neues Stadium getreten. Die Polizei hatte als Schlußzeit für die Restaurants die 2. Morgenstunde angesetzt und auf strenge Einhaltung dieser Stunde bestanden.“

Eröffnung des neuen israelitischen Friedhofs an der Ungererstrasse

17. Mai: „Als Einleitung der Feier erklang die Weise des Psalms ‚Der Herr ist mein Hirt‘, vom Synagogenchor unter Leitung des Kantors Frei vierstimmig gesungen. Hierauf richtete der Erste Vorsitzende der israelitischen Kultusgemeinde, Justizrat Ofner, an die Versammelten eine Ansprache. Er gab einen geschichtlichen Rückblick über die Entstehung von israelitischen Friedhöfen in München [...] wie über den Bau des neuen Friedhofes und gedachte in dankbarer Anerkennung der Behörden, die alle, insonderheit die städtischen Kollegien, das Unternehmen nach Kräften fördern halfen.“

Festmahl in London

18. Mai: „Zu Ehren der süddeutschen Bürgermeister fand in London ein Bankett statt, welchem Sir John Gorst präsidierte und an dem 195 Gäste teilnahmen. Gorst brachte die Gesundheit des deutschen Kaisers aus und sagte, der Kaiser vertrete stets die berechtigten Interessen seines Volkes, er habe aber erkannt, daß das größte Interesses seines Volkes der Frieden sei. Nach seinen Besuche in Deutschland, so fuhr Gorst fort, sei er stets mit der Überzeugung zurückgekehrt, daß nicht die deutsche Panzerschiffe, sondern die deutschen Schulen eine ernste Gefahr für England seien. Die Bürgermeister von München und Frankfurt betonten in ihren Erwiderungen mit Wärme den hohen Wert der in den letzten Jahren stattgehabten gegenseitigen Besuche für die Sache des Friedens.“

Tonkünstler-Treffen

1. Juni: „Das Tonkünstlerfest anläßlich der 44. Jahresversammlung des Allgemeinen Deutschen Musikvereins nahm heute seinen Anfang. Abends fand im Prinzregententheater die Aufführung der dramatischen Symphonie ‚Ilsebill‘ von Friedrich Klose statt und hierauf die offizielle Begrüßung der Fest-Teilnehmer im alten Rathaussaale durch die Stadt München.“ Die Teilnehmer waren in festlich geschmückten Trambahnen vom Prinzregententheater bis vor das Portal des Alten Rathauses gefahren worden.

Künstlerfest  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Chronik

Kellerfest im Augustiner

Zu Ehren des Künstlertages der Allgemeinen Deutschen Künstlergenossenschaft fand am 4. Juni im Augustinerkeller ein Fest statt. Ein Wegweiser mit folgendem Text empfing die Gäste:

„ Auf, ihr deutschen Kunstgenossen,
kommt mit Droschken und Karossen,
Kommt im Auto von Mercedes,
oder schließlich auch per pedes, -

Kränze schweben an den Stangen,
lustig winden sich die langen
bunten Bänder hoch im Winde.
Keine Stockung! Nur geschwinde

Frohen Herzens eingezogen
Durch der Pforte grüne Bogen!"
Abb. s. unten

Pfingstverkehr  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Grafiksammlung

Enormer Pfingstverkehr

8. Juni: „Der heurige Pfingstverkehr hat schon am Freitag kräftig eingesetzt und nahm am Samstag einen noch größeren Umfang, obschon die Witterung ziemlich ungünstig war. Es mußten fast alle der für den Samstag vorgesehenen 31 Entlastungs- und Sonderzüge gefahren werden. Da auch der Verkehr von auswärts nach München sehr bedeutend war, so ergab sich die Notwendigkeit , auch von auswärts hieher zahlreiche Züge doppelt zu fahren.“ Am Hauptbahnhof wurden 32.000, am Ostbahnhof 9.800 Fahrkarten verkauft Gegenüber dem Vorjahr ergab sich eine „Mehrung“ der Zugreisenden um fast 10.000.

Sportliches Pferdefuhrwerk-Fahren

17. Juni: „In unseren Tagen, in denen das Benzin immer mehr zu dominieren beginnt, scheint das Automobil das herrschaftliche Gespann immer mehr und mehr zu verdrängen und für die Pferdefuhrwerke beginnt allmählich das sportliche Interesse eine hauptsächliche Bedeutung zu bekommen.“ Um den somit aufstrebenden Fahrsport zu befördern, veranstaltete der Münchener Reit- und Fahrverein einen „Concours Hippique“. Gestartet wurde u.a. in den Gruppen Herrschaftliche Tandems, Zwei- und Mehrspänner, Einspänner, Ein- und Zweispänner von Damen bzw. Herren gefahren, Zwei- und Mehrspänner von Herrschaftskutschern gefahren sowie Geschäfts- und Reklamewägen. Den Wettbewerb der Münchner Faßbierwagen gewannen die Gebrüder Sedlmayr zum Spaten mit zwei „kolossalen belgischen Rotschimmelhengsten“.

Geringverdiener wehren sich

Am 20. Juni wurde auf einer Versammlung der Staatsbeamten des unteren Dienstes folgende Resolution angenommen: „Die Versammlung der Staatsbeamten des unteren Dienstes bedauert, daß die Wünsche um eine einigermaßen fühlbare Aufbesserung ihres Einkommens durch entsprechende Erhöhung ihrer Gehälter nicht erfüllt wurde. Besonders enttäuscht sind sie , daß die Regierung die Petitionen der unteren Beamten so wenig berücksichtigte, während sie bei den höheren Beamten in bestimmtester Weise erklärte, daß Vorrückungen von 750 und 600 Mark in Rücksicht auf die Lebenserfordernisse unbedingt nötig seien. Angesichts der Aussichtslosigkeit der Erhöhung der Anfangsgehälter ist eine Verbesserung des Einkommens durch die Erhöhung der Vorrückungsquoten von nur 100 Mark notwendig.“

Gekürzte Mittagspause

1. Juli: „Das Kriegsministerium hat den Versuch mit der sog. englischen Arbeitszeit, den es bereits im Januar 1903 begonnen [...] hat, mit dem heutigen Tage beendet. Die Erfahrungen, die es während der 3 ½ jährigen Versuchszeit gemacht hat, sind nicht zu Gunsten der Einführung dieser neuen Arbeitszeit ausgefallen, denn es wurde verfügt, daß vom 1. Juli ab wieder die frühere Arbeitszeit eingeführt wird mit der Aenderung, daß an Stelle der früheren Mittagspause von drei Stunden fortan eine solche von zwei Stunden zu treten hat; dafür erfolgt dann der Schluß der Arbeitszeit um eine Stunde früher. Die Mittagspause wurde nunmehr von ½ 1 Uhr bis ½ 3 Uhr und der Schluß der Bureauzeit auf ½ 6 Uhr festgesetzt.“

Ein Garten für Hortkinder

1. Juli: „Der Verein Knabenhort e.V. [...] hat nunmehr an der Karlstraße einen Garten gemietet, der für den Knaben- und Mädchenhort an der Luisenschule bestimmt ist und den Kindern während der schönen Jahreszeit nicht nur zur Erholung in freier Luft, sondern auch Gelegenheit zu gärtnerischer Arbeit, zur Naturbeobachtung und zum Kennenlernen der verschiedenen Nutz- und Zierpflanzen geben soll, ein Ziel, das vom gesundheitlichen wie vom erzieherischen Standpunkt aus gleich begrüßenswert ist.“

Immer mehr Fahrrad-Diebstähle

7. Juli: „Die Raddiebstähle haben in den letzten Jahren in München so zugenommen, daß die Polizei den Raddieben größere Aufmerksamkeit schenken mußte und sogar eine eigene Sparte für sie errichtete, in der zwei Beamte zu tun haben. [...] In diesem Jahr scheint das Geschäft der Fahrraddiebe noch mehr zu blühen als sonst, denn schon bis Anfang Juli wurden 561 Diebstähle, bedeutend mehr als in der gleichen Zeit des Vorjahres, angemeldet.“

Sexualkunde für junge Männer

15. Juli: „Auf Veranlassung des Vereins zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten fand durch den Universitätsprofessor Dr. med. Karl Kopp im nördlichen Schrannenpavillon ein Vortrag über sexuelle Verantwortlichkeit statt. Eingeladen waren besonders die Abiturienten der Mittelschulen nebst deren Eltern, Schulvorstände und Reallehrer, welche auch in großer Zahl erschienen. Der Vortragende beleuchtete das sexuelle Leben an der Seite der Ethik und der Hygiene in dezenter Weise [...]. Er warnte aufs eindringlichste vor den sittlichen Gefahren, welche den der Mittelschule entwachsenen jungen Männern allenthalben drohen und zählte all die großen Schäden auf, die die geschlechtlichen Laster für Leib und Seele, für die Eltern und Geschwister, für die verführten Mädchen und besonders für die Nachkommenschaft bringen können. Durch den Vortrag zog sich der Satz: 'Die geschlechtliche Reinheit bis zum Tage der Ehe [...] sei der Stolz und das Ziel aller Jünglinge.' Ebenso energisch verwarf er aber auch die entsittlichenden Irrlehren vieler moderner Philosophen, besonders die Nietzsches über die Theorie des sich geschlechtlichen Auslebens.“

Schmetterlingsplage

31. Juli: „Eine auffallende Erscheinung macht sich in München und Umgebung seit einigen Tagen bemerkbar. Unmengen von Kohlweißlingen, oft in dichten Schwärmen, flattern über die Anlagen und durch die Straßen bis mitten in die Stadt hinein; sogar der Marienplatz war zeitweise der Tummelplatz zahlreicher dieser Schädlinge. [...] Heute Vormittag bot die Hackerbrücke ein Bild wie bei einem starkflockigen Schneefall.“

Tagung der „Badefachmänner“

6. August: „Die I. Sitzung der VII. Jahresversammlung des Vereins der Badefachmänner wurde im Parterresaal des Rathauses abgehalten. Rechtsrat Schlicht begrüßte die Kongreßteilnehmer namens der Stadt. [...] Hierauf hielt Wäschefabrikant Hinnenthal sen. (Bielefeld) einen Vortrag über die Wäschefabrikation unter besonderer Berücksichtigung der Badewäsche. [...] Nach einem gemeinsamen Mittagessen [...] besichtigten die Kongreßteilnehmer das städtische Männer-Frei- und Sonnenbad und das Müller'sche Volksbad mit der dort [...] arrangierten Fachausstellung.“

Zunehmende Motorisierung

6. August: „Die Zahl der selbstbeweglichen Fahrzeuge in München ist in stetem Steigen begriffen. Zur Zeit laufen 655 nummerierte Privatautomobile, 137 Automobildroschken, 98 Motorgeschäftswagen und 675 Motorzweiräder, zusammen 1.565 selbstbewegliche Vehikel innerhalb des Burgfriedens der Stadt.“

Planungen für das Walchensee-Kraftwerk beginnen

Das Kgl. Staatsministerium des Innern erließ am 15. August 1908 folgende Ausschreibung: Wettbewerb. „Zur Erlangung von ausführlichen Entwürfen mit Kostenanschlägen über die Gewinnung von Wasserkräften am Walchensee wird hiermit ein öffentlicher Wettbewerb ohne Beschränkung der Nationalität der Teilnehmer ausgeschrieben. Die Unterlagen sind gegen Einsendung von 20 Mark von der Obersten Baubehörde im K.B. Staatsministerium des Innern in München zu beziehen. Dieser Betrag wird bei Ablieferung eines Entwurfes zurückerstattet. Die Entwürfe sind bis zum 20. Januar 1909, Abends 6 Uhr bei der Kgl. Obersten Baubehörde in Vorlage zu bringen. Es sind Preise im Betrage von 20.000 M., 15.000 M. und 10.000 M. Zur Verfügung des Preisgerichts gestellt.“

Zusätzliches Wasser für den Auer Mühlbach

25. August: „Um den Interessenten des Auer Mühlbachs in der wasserarmen Zeit der Isar die erforderliche garantierte Wassermenge von 10 Kubikmetern zuführen zu können, mußte unterhalb des Turbinenkanals aus dem Wehrkanal ein Stollen gebaut werden, der unter der Isar zum Auer Mühlbach führt und nach Bedarf Wasser dorthin abgibt. Nach enormen Schwierigkeiten, so namentlich beim letzten Schlußstück von ca. 2 Metern Breite [...] ist es [...] gelungen, den Düker fertig zu stellen.“

Strassen- und Kleinbahnen-Kongress 1908  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Chronik

Strassenbahner-Kongress

7. September: „Die Beratungen des 15. Internationalen Straßen- und Kleinbahnkongresses nahmen [...] im Sitzungssaale des Gemeindekollegiums [heute: Kleiner Sitzungssaal des Neuen Rathauses] in Anwesenheit zahlreicher Regierungsvertreter und vieler Mitglieder des Internationalen Straßen- und Kleinbahnvereins ihren Anfang. Der Vorstand des Vereins, Janssen, eröffnete die Tagung [...]. Der Verein sei kräftig aufgeblüht und umfasse nun ungefähr 600 Mitglieder. Die als außerordentliche Mitglieder dem Vereine angeschlossenen Betriebe repräsentieren ein Kapital von über 4 Milliarden; in ihnen seien über 1 1/2 Millionen Personen beschäftigt. Die Zahl der auf städtischen Straßenbahnen beförderten Personen belaufe sich auf viele Hunderte von Millionen."

Oktoberfest 1908  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Zeitgeschichtliche Sammlungen

Oktoberfest 1908

Oktoberfest 1908 19. September: „Mit dem Glockenschlage 12 Uhr nahm das Oktoberfest 1908 seinen Anfang. Auf der Festwiese waren in diesem Jahre einige äußerliche Veränderungen vor sich gegangen. [...] Die Hühnerbraterei zwischen Schottenhamel und Winzerer Fähndl erscheint als schmucker Neubau. Im Winzerer Fähndl wurde der Akustik zuliebe das Garten und Halle zugleich beherrschende Musikpodium tiefer gelegt und beiderseits desselben zierliche Balkone angeordnet. [...] Dort, wo die Uhlandstraße den Bavariaring trifft, ist heute zum ersten Male eine in magistratischer Regie betriebene Radeinstellhalle errichtet worden. [...] Das Hippodrom erhielt eine völlig neue effektvolle Fassade. Weiter westlich am Rindeck hat eine Hollandia-Bar, die als holländische Windmühle gedacht ist, ihre Stätte gefunden. [...] Jahr für Jahr produzieren sich auf dem Oktoberfeste eine Reihe mehr oder minder selten vorkommender menschlicher Abnormitäten, die das weiteste Aufsehen erregen. Diesmal sind zwei hervorragende Naturphänomene da und zwar Lionel, der Löwenmensch, und Tabor, der Beherrscher der Muskeln. Beide treten zusammen im Indischen Tempel neben dem Hippodrom auf.“ Die Festwiese 1908 war „von 51 Schaustellern, 12 Wirtsbuden, 2 Weinbuden, 14 Wurstküchen, 19 Käseständen, 7 Fischbratereien, 13 Schießbuden, 5 Photographiebuden, 7 Schiffschaukeln und 3 Einstellhallen bezogen“.

Kronfleischküche in neuen Räumen

24. September: „Die Kronfleischküche, ein Stück Münchener Spezialität, die sich allgemeiner Popularität erfreute, verließ ihre bisherige Unterkunft unter der Durchfahrt des Alten Rathauses und siedelte in ihr neues Heim, das neue städtische Verwaltungsgebäude an der Sparkassenstraße über. [...] Den Eingang zu den Lokalen schmückt eine Malerei mit der Inschrift: ' A große Kron, a kloane Kron, a Herzl, a Bries, a Tellerfleisch, a Supp'n, was magst?'“.

Münchens höchster Schornstein

7. Oktober: „Der höchste Schornstein geht gegenwärtig seiner Vollendung entgegen. Er ist 75 Meter hoch, hat einen unteren Außendurchmesser von 6 Metern und am oberen Ende 3 Meter lichte Weite. Das in der Höhe deutlich wahrnehmbare Schwanken gibt einen Ausschlag von 20 bis 30 Zentimeter aus dem Lot und gilt dem Erbauer als Beweis, daß der Schornstein richtig konstruiert ist. Da in München ohne Gerüst 'über die Hand' gemauert wird, so müssen die Arbeitsleute auf den im Innern befindlichen Steigeisen zu ihrer Arbeit klettern, eine Mühe, der sie sich aber nur einmal zu unterziehen haben. Der Aufzug bringt nicht nur 'Material' zur Arbeit, sondern auch für die Pausen. Der Schornstein hat der elektrischen Station der Staatsbahn und der Fernheizzentrale für den Bahnhof nächst der Donnersbergerbrücke zu dienen.“

Besucherrekord in der Ausstellung „München 1908“

19. Oktober: „von den Straßenbahnfenstern schrien es Hunderte von roten Zetteln, von den Plakatwänden und Anschlagsäulen weiße Querstreifen in die Menge hinein: 'letzter Tag der Ausstellung München 1908!' Da ergriff noch einmal der Drang zur Theresienhöhe die Massen; schon um 8 Uhr früh war's lebendig in den Hallen, die am Schlußtag Besucher sahen wie noch nie zuvor.“ Die Gesamtbesucherzahl der Ausstellung übertraf alle Erwartungen – insgesamt waren 2.935.254 Personen gekommen. „Am Schlusstag bezifferte sich der Besuch auf 66.440 Menschen.“

Ein Gymnasium für den Münchner Osten

28. Oktober: „Mit der Frage der Einrichtung eines Gymnasiums im Osten Münchens beschäftigte sich eine vom Bürgerverein München-Ost einberufene, gut besuchte Versammlung [...]. Professor Hermann Sickenberger führte aus, die Vereinigungen des Ostens bemühten sich schon seit mehr als zehn Jahren, für die aufstrebenden Stadtteile des Ostens die Einrichtung eines Gymnasiums zu erreichen, da die Gesamteinwohnerzahl dieser Stadtteile schon bei der letzten Volkszählung mehr denn 115.000 bezifferte.“

Gründung der Narrhalla

Narrhalla 28. Oktober: „Der Einladung eines provisorischen Komitees zur Gründung der Karnevalsgesellschaft Narrhalla hatte [...] eine stattliche Korona Folge geleistet. Die Gesellschaft konstituierte sich einstimmig. Sie will nicht das Erbe der alten Münchener Karnevalsgesellschaft antreten, sondern gesellschaftliche Karnevals-Unterhaltungen vornehmen Stils ihren Mitgliedern und Gästen im Festsaal des Hotels Bayerischer Hof bieten. Zum Ehrenpräsidenten wurde Hofopernsänger Sieglitz gewählt, zum Präsidenten Schriftsteller Bruno Rauchenegger und zum Kanzler Schriftsteller Hermann Roth.“

Musik auf den Friedhöfen

1. November: „Von der Stadtgemeinde München sind für den Allerheiligentag Serenaden in den Friedhöfen angeordnet worden. Diese fanden statt durch die Kapelle Roßmann um ½ 11 Uhr im Auer Friedhof, um 2 ½ Uhr im Moosacher, um 3 Uhr im Wald- und um 4 ¼ Uhr im Schwabinger Friedhof. Der Gärtnerplatz-Theatersingchor sang im Ostfriedhof Nachmittags von 2-3 Uhr.“

Geschwindigkeitssünder wehren sich

5. November: „Gelegentlich der diesjährigen Rennen in Daglfing und Riem wurden zahllose Chauffeure wegen Schnellfahrens zur Anzeige gebracht und mit gerichtlichen Strafbefehlen bestraft. 126 von ihnen erhoben bisher Einspruch und betrauten den Rechtsanwalt Nußbaum mit ihrer Verteidigung. Auf dessen Antrag wurden Probefahrten an der Stelle, die seitens der Gendarmen zur Feststellung der Fahrgeschwindigkeit abgemessen war, vorgenommen. Eine Reihe von Automobilen durchfuhr die Strecke in verschiedener Geschwindigkeit, die Gerichtskommission, die Sachverständigen und die Gendarmen suchten das Tempo mit Stoppuhren festzustellen. Das Resultat war ungleich.“

Gefährliches Spielzeug

7. November: „Die k. Lokalschulkommission ließ an das Lehrpersonal den Aufruf ergehen, die Kinder auf das Gefährliche ihres neuen Spiels (Drachenflieger, Spanische Fliege, Fliegender Holländer) aufmerksam zu machen und sie ausdrücklich zu verwarnen, das Spiel auf Straßen und öffentlichen Plätzen zu gebrauchen. Wie durch das Diabolo so sind auch durch die Spanische Fliege eine Anzahl von Verletzungen von Spielern und Passanten veranlasst worden. Die Windflügel des Drachenfliegers sind nämlich aus ganz scharfem Blech geschnitten und können schwere Verwundungen herbeiführen. Auch die Fensterscheiben sind vor dem neuen Spielzeug nicht sicher.“

Bahnbrücke bei Unterföring geht in Betrieb

14. November: „Die im Zuge der neuen Bahnlinie München-Ostbahnhof-Ismaning-Schwabing liegende Brücke über die Isar ist nunmehr vollendet. Sie liegt unmittelbar unterhalb der vor einigen Jahren erbauten Staatsstraßenbrücke bei Unterföhring und ist aus Sparsamkeitsrücksichten im Gegensatz zu den anderen kleinen Brücken der Bahnlinie nur eingleisig ausgeführt, während die Fundation für eine Verbreiterung bereits vorgesehen ist.“

Protest gegen die drohende Elektrizitätssteuer

Am 16. November hielt „Fräulein Dr. juris Anita Augspurg“ einen Vortrag über die geplante „Elektrizitätssteuer und ihre Bedeutung für Bayern. Nach einer sehr erregten Diskussion, in der nur Herren sprachen, die hauptsächlich den politischen Ausführungen der Rednerin entgegentraten, kam folgende Resolution beinahe einstimmig zur Annahme: Die [...] Versammlung erklärt die drohende Elektrizitätssteuer als verhängnisvoll für den wirtschaftlichen Aufschwung des deutschen Südens und damit für dessen politische Bedeutung im Reiche. Sie fordert daher dringend von den Kammern des bayerischen Landtages, von der Regierung und den bayerischen Bundesrathsbevollmächtigten sowie vom Reichstag, daß sie mit aller Energie die Besteuerung der Elektrizität verhindern.“ Den Ausführungen der Referentin [...] wurde reicher Beifall gespendet.“

Nationalistisch dekorierte Hüte bei Münchnerinnen wenig beliebt

27. November: „Ein Beobachter des Straßenlebens betrachtete während einer Stunde die Damenhüte. Er zählte 57, davon waren acht ohne Abzeichen, fünf mit Phantasiefarben oder nicht zu enträtselnden Emblemen versehen. Unter dem Rest von 44 Bändern befanden sich 23 mit der amerikanischen, 14 mit der französischen, drei mit der englischen Flagge und endlich neben ein oder zwei norwegischen Wimpeln ganz verschämt ein schwarz-weiß-rotes Band.“

Münchens „erster weiblicher Rechtsanwalt“

3. Dezember: „Gelegentlich einer Beleidigungsklage, die vor dem Amtsgericht München I verhandelt wurde, trat - ¾ 12 Uhr war der denkwürdige Moment – der erste weibliche Rechtsanwalt in München, Frau Sophia Goudstikker als Verteidiger auf. Die Dame, die in eng anliegendem schwarzem Kleide, einen dreieckigen schwarzen Hut auf dem Kopfe, mit kurz geschnittenen Haaren erschien, entledigte sich ihrer Aufgabe in flotter, energischer, aber doch auch wieder gemäßigter Weise.“ Über den inhaltlichen Erfolg der Rechtsanwältin bzw. den Ausgang des Prozesses berichtet der Chronist leider nichts.

Die neue Turnhalle an der Häberlstraße

11. Dezember: „Deutschlands größte Turnhalle, der stattliche Neubau des Männerturnvereins wurde heute feierlich eingeweiht. Das mächtige Gewölbe des Saales in seinem blinkenden, von grünen Ornamenten durchbrochenen Weiß umspannte eine weit über 1.000 Herren zählende, festliche Versammlung.“

Münchens größte Kirchenorgel

24. Dezember: „Die neue Orgel von St. Paul ist im Äußern fertiggestellt und wurde in der heutigen Weihnachtsnacht zum ersten Male gespielt. Entworfen von dem Erbauer der Kirche, Professor von Hauberrisser, wurde die Orgel von der Orgelbaufirma M. März & Sohn ausgeführt, das Gehäuse von Architeken Elsner, und wird, wenn Ende Januar die vollen 60 Register fertiggestellt sind, die größte Kirchenorgel Münchens darstellen und zugleich einen Beweis geben, was die Orgelbaukunst innerhalb Münchens selbst zu leisten vermag.“

Weihnachtswerbung  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Chronik

Künstlerisch gestaltete Lebkuchenbilder

24. Dezember: „Die Münchner Künstlerlebkuchen der Hoflebzelterei Matthias Ebenböck, Sendlingerstraße, mehren durch neue Serien von Jahr zu Jahr den Ruhm ihrer Urheber und Erzeuger. Neben den alten wohlvertrauten Bildern und Gestalten brachte auch das heurige Weihnachtsfest wieder eigenartige, lustige Neuschöpfungen in duftigen, bunten Honigkuchen. Und die Spitztüte des Zuckermalers hat sie mit den köstlichsten Farben geschmückt. Drollig ist es anzusehen, wie aktuell die Künstler auf die Ereignisse des Jahres eingehen und wie pünktlich sie seine Großtaten und mehr noch seine unfreiwillig komischen Begebenheiten behandeln. Natürlich fehlt diesmal der meistgenannte Mann des heimgegangenen Jahres nicht: Graf Zeppelins kühnes Luftschiff schießt durch weiße Wolken dahin [...] Auch heuer hat Frau Gertrud Pfeiffer-Kohrt reizende Kindertypen beigesteuert. Neben den bekannten Lebkuchenkünstlern waren in diesem Jahr mittätig: August Geigenberger, P. Engelhardt, Josef Erlacher und Ludwig Hohlwein.

Abbildungen zur Stadtchronik 1908