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Stadtchronik 1921


Bemerkenswertes, Kurioses und Alltägliches

Protest gegen Studiengebühren

21. Januar: Eine gut besuchte Protestversammlung der Münchner Studenten sprach sich gegen die geplante Erhöhung der Kollegiengelder aus. Man könne nicht nur keine Erhöhung der Kollegiengelder ertragen, so die Teilnehmer, „sondern müsse vielmehr auf einem Abbau der bisherigen Sätze bestehen". In einer Entschließung wurde betont, „daß die Münchner Studentenschaft schon seit Kriegsende die schwersten Opfer gebracht habe, um die Studien durchführen zu können".

Ein Plädoyer für Hochhäuser

1. Februar: Vor dem Stadtrat sprach sich Oberbaurat Beblo für die Errichtung von Hochhäusern, sog. Turmbauten, im Stadtgebiet aus. Als Begründung führte er an, der Bau großer Bürohochhäuser sei geeignet, „zur Belebung der Bautätigkeit beizutragen und durch die Schaffung von Räumen für Handel und Industrie ein wichtiger Faktor zur Hebung des Wirtschaftslebens zu werden". Der Hauptausschuss des Stadtrates schloss sich dieser Auffassung an.

Umstrittenes Schnitzler-Stück

5. Februar: Während die Erstaufführung von Arthur Schnitzlers umstrittenen Stück „Reigen" im Schauspielhaus am 22. Januar vom Publikum „kühl aufgenommen" worden war, kam es bei der zehnten Aufführung des Stücks zu erregten Reaktionen des Publikums: „Wie auf ein Signal geht von den Demonstranten, die auf die verschiedenen Plätze verteilt waren, ein Schreien, Johlen und Pfeifen los, daß es den Schauspielern unmöglich ist, sich weiterhin verständlich zu machen. Faule Eier fliegen auf die Bühne, Stinkbomben werden geworfen. Auf den Hilferuf der Direktion räumen 10 Schutzleute das Theater."

Verbot für „rote“ Zeitungen

Am 28. März untersagte der Staatskommissar für München Stadt und Land den Vertrieb der in Berlin herausgegebenen kommunistischen Zeitung „Rote Fahne". Einen Tag später wurde „wegen verschiedener aufreizender Artikel der letzten Tage" auch das Erscheinen der sozialistischen „Neuen Zeitung" verboten.

Neuorganisation der Lebensmittelverteilung

1. April: Das während des Krieges geschaffene Lebensmittelamt wurde aufgelöst. Die Bewirtschaftung und Verteilung von Lebens- und Futtermitteln übernahmen ab sofort ein Mehl- und Brotamt, ein Milch- und ein Krankenversorgungsamt.

Eröffnung einer neuen Flugpost-Linie am Flughafen Schließheim, 11. April 1921.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Fotosammlung FS-ZBE_U0041 (Foto: Reiser)

Flugpost aus München

"Vom 11. April ab werden im Flugverkehr München - Konstanz täglich Flugpostsendungen mitgenommen."

Hausfrauen sollen einheimische Produkte kaufen

7. Mai: In einer Versammlung der Berufsorganisation der Hausfrauen, in der sich eine Referentin gegen den Konsum ausländischer Luxuswaren wandte, wurde eine Entschließung angenommen, die alle Hausfrauen zum Boykott ausländischer Waren aufforderte und einen Herkunftsstempel für deutsche Waren verlangte.

Günstige Eier

24. Mai: Auf dem Viktualienmarkt wurden 24.000 Eier zu einem Stückpreis von 1 Mark verkauft, die vom Kriegswucheramt bei Händlern beschlagnahmt worden waren. Diese hatten die Eier bewußt zurückgehalten.

Streik nach Fememord

10. Juni: Die drei sozialistischen Parteien riefen angesichts „einer systematischen Hetze gegen die Arbeiterschaft in Bayern durch Mordanschläge auf führende Genossen" zu einem dreitägigen Generalstreik auf. Anlass der Aktion war die Ermordung von Karl Gareis (geb. 1889) am 9. Juni 1921; der USPD-Landtagsabgeordnete war vor seiner Wohnung in Schwabing niedergeschossen worden. Garais hatte sich vehement für die Auflösung der anlässlich der Revolution 1918/19 entstandenen nationalistischen Einwohnerwehren engagiert. Der Mord an Garais wurde nie aufgeklärt; die Indizien sprechen jedoch für eine Fememord.

Die Chronik 1921 enthält keine Einträge für den Juli (Kriegsverlust 1944).


Sommergewitter

3. August: Nach wochenlanger Hitzeperiode brach ein heftiges Gewitter über München herein. Zwar war der Regenfall nicht bedeutend, die elektrischen Entladungen waren jedoch „von unheimlicher Stärke. Innerhalb 10 Minuten wurden nicht weniger als 5 Brände, teils durch Blitzschlag verursacht, gemeldet, darunter ein Großfeuer in Laim". Der Sachschaden war erheblich.

Fremdenlegion wirbt mit kriminellen Mitteln

10. August: In München trieben Werber der französischen Fremdenlegion ihr Unwesen. Ihr Trick bestand „gewöhnlich darin, junge Leute mit dem Versprechen, daß sie „äußerst lohnende Arbeit bekommen ins besetzte Gebiet zu locken. Dort werden sie von den französischen Militärbehörden verhaftet und in die Fremdenlegion gesteckt."

Die in der Ludwigskirche aufgebahrten Särge von König Ludwig III. und Königin Marie Therese, 5. November 1921  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Fotosammlung FS-Per-Wittelsbacher-Kg-Ludwig-III-01 (Foto: Heinrich Hoffmann)

Der letzte bayerische König ist tot

Am 18. Oktober starb auf Schloss Nádasdy in Sárvár/Ungarn starb Ludwig III. von Bayern (* 7. Januar 1845 in München), der letzte bayerische König. Er wurde gemeinsam mit seiner bereits 1919 verstorbenen Ehefrau Marie Therese am 5. November 1921 in München beigesetzt.

Ludwig III. war ein Sohn des Prinzregenten Luitpold. Er folgte 1913 seinem Vater in der Regentschaft. Da er den geisteskranken König Otto (1886-1916) durch eine Verfassungsänderung entthront hatte, war er bei der Münchner Bevölkerung nicht hoch angesehen. Nachdem am 8. November 1918 Kurt Eisner Bayern zur Republik („Volksstaat” / „Freistaat”) und die Herrschaft des Hauses Wittelsbach für beendet erklärte, entband Ludwig am 13. November seine Beamten und Truppen vom Treueeid; er verzichtete aber nicht auf den Thron. Mit seiner Absetzung 1918 endete die 738 Jahre währende Herrschaft der Wittelsbacher Dynastie.

Residenzapotheke in neuen Räumlichkeiten

Am 7. November eröffnete die bis heute bestehende Apotheke in der Residenz, vormals Kgl. Leib- und Hofapotheke, in ihren neuen Räumen. „Die Verlegung der bisher in dem östlichen Teil der Residenz untergebrachten Apotheke geschah mit Rücksicht auf die Sicherheit des Residenzmuseums, die einen lebhaften Durchgangsverkehr durch die Höfe der Residenz nicht gestattet. Der Eingang zur Apotheke befindet sich unter dem Dache der alten Residenzwache, links vom Haupteingang (Kapellenhofe). Auf wenigen Stufen gelangt man rechts in die Apotheke, dem ehemaligen Wachlokal der Leibgarde der Hartschiere, durch die im Empirestil gehaltene Einrichtung in einen Verkaufs- und einen Arbeitsraum geteilt.“

Neue Bestimmungen zur Münchner Börse

Für den Verkehr an der Münchner Wertpapierbörse hat die Börsenvorstandschaft durch Beschluß vom 8. November folgende Bestimmungen getroffen:
1. Die schriftlichen Anträge der Kursmakler müssen bis längstens 10 Uhr vormittags in deren Sammelkästen hinterlegt sein.
2. Der Börsensaal wird um 12 Uhr Mittag geöffnet.
3. Die amtliche Kursnotiz beginnt um 12 ½ Uhr mittags.
4. Nach der vorläufigen Festsetzung der Kurse durch die Makler können noch mündliche Anträge hineingegeben werden. Der dann vom Makler errechnete Kurs gilt als endgültig, wenn nicht durch den amtierenden Börsenvorstand Ausnahmen zugelassen werden.

Straßenreinigung auch an Sonn- und Feiertagen

8. November: „Der Stadtrat beschloß nach lebhafter Aussprache gegen die Mehrheit der Stimmen der USP und der Kommunisten, künftig an Sonn- und Feiertagen von 4 – 7 Uhr früh die Hauptverkehrsplätze und Straßen reinigen zu lassen.

Stadt macht neue Schulden

2. Dezember: „Der städtische Finanzausschuss hat in geheimer Sitzung beschlossen, dem Stadtrat zu empfehlen, von der Bayerischen Vereinsbank in München ein mit 4 ½ Prozent zu verzinsendes und mit 1 Prozent zu tilgendes, für die Bank während der ganzen Dauer der Tildgungsperiode unkündbares Schuldscheindarlehen im Betrage von 50 Mio. Mark aufzunehmen und ferner an ein unter Führung der Deutschen Effekten- und Wechselbank in Franfurt a. Main stehendes Konsortium eine mit 4 ½ Porzent verzinsliche, mit 1 Prozent zu tilgende, beiderseits bis zur Tilgung unkündbare Inhaberanleihe im Betrage von ebenfalls 50 Mio. Mark zu begeben. Beide Schuldaufnahmen dienen der Finanzierung des nächstjährigen Anlehenshaushaltsprogramms.

Teurer Bürobedarf

3. Dezember: „Früher erhielten die städtischen Beamten im Rathaus für den Bedarf an Federn, Bleistiften usw. eine Entschädigung. In diesem Jahre wurde der Bedarf um ersten Male in Regie abgegeben. Bisher wurden 101.184 Mark verbraucht und zwar für Schreibstoffe wie Federn, Bleistifte, Federhalter usw. 60.000 Mark, für Zeichenstoffe für die Techniker 24.000 Mark, für besonderen Bedarf wie Reißzeug, Tusche usw. 16.407 Mark. Der Hauptausschuß beschloß, auch für das nächste Jahr die Regieabgabe beizubehalten, obwohl den Beamten die Entschädigungsbeilage im allgemeinen lieber wäre und hinsichtlich der Federn usw. zahlreiche Sonderwünsche bestehen.“

Hohe Lebensmittelpreise

Im Dezember 1921 kosteten nach Angaben in der Münchner Stadtchronik:
Margarine (Pfund)         30-35 Mark
Molkereibutter (Pfund)   32 Mark
Spinat (Pfund)                 2,50 - 3 Mark
Zwiebeln (Pfund)              1,50 - 2 Mark
Bayerische Rüben (Pfund) 1,20 Mark
Gelbe Rüben (Pfund)        1,20 - 150 Mark
Sellerie (Stück)                1,50 - 3 Mark
Endiviensalat (Stück)        1,20 - 2 Mark
Knoblauch (Stück)             0,70 - 1,50 Mark
Sauerkraut (Pfund)            2 Mark
Brot (Pfund)                     2,05 Mark 

Sturmschaden, 1921  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Postkarten-Sammlung Pk_ERG_03_0012

Sturm zerstört Achterbahn

12. September: Gegen Mittag stürzte die Achterbahn des Zimmermeisters Rupprecht auf der Theresienwiese infolge eines heftigen Windstoßes ein. Mit der Aufstellung der Bahn, an der etwa seit drei Monaten gearbeitet wurde, hatte man vor acht Tagen begonnen. Der Holzbau war schon nahezu fertig, dem mittleren Teile fehlte noch das Verbindungsstück, das erst später eingesetzt werden sollte. In diesem Teile erfaßte der Sturm den Bau und drückte ihn nieder; ein Verbindungsstück nach dem anderen wurde von der Wucht des Sturzes mitgerissen und so stürzte in etwa 10 Minuten fast der ganze Bau zusammen, wobei die Verankerungen aus der Erde gerissen wurden. Ein Zimmermann und ein Hilfsarbeiter trugen leichte Verletzungen davon; sie waren, als der Bau ins Wanken geriet, aus ziemlicher Höhe abgesprungen."


München besteuert Liftanlage

Ab 1. Oktober erhob die Stadt eine „Personenaufzugsteuer“. Dieser Abgabe unterlagen "alle Personenaufzüge, die mit elektrischer, hydraulischer oder anderer Kraft betrieben werden. Der Steuer unterliegen auch Personenaufzüge in Reichs- oder Landesgebäuden, soweit sie nicht öffentlichen Zwecken dienen."

Abbildungen zur Chronik 1921

Eröffnung einer neuen Flugpost-Linie am Flughafen Schließheim, 11. April 1921. Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Eröffnung einer neuen Flugpost-Linie am Flughafen Schließheim, 11. April 1921.

Münchens Erster Bürgermeister Eduard Schmid und andere Festgäste werfen Post in den Briefkasten ...

Sturmschaden, 1921 Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Sturmschaden, 1921

Die eingestürzte Achterbahn auf der Theresienwiese.

Die in der Ludwigskirche aufgebahrten Särge von König Ludwig III. und Königin Marie Therese, 5. November 1921 Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Die in der Ludwigskirche aufgebahrten Särge von König Ludwig III. und ...