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Stadtchronik 1922


Bemerkenswertes, Kurioses und Alltägliches

Neujahr 1922

1. Januar: In der Neujahrsnacht entwickelte sich „[...] teilweise sehr lebhaftes, tolles Treiben, besonders im Café Luitpold und morgens 4 Uhr auf dem Marienplatz, wo einige 1.000 Personen auf die Öffnung des 'Donisl' warten. Schließlich muß der Platz von Schutzmannschaft und Landespolizei geräumt werden".

Allzu teure Hundesteuer

9. Januar: Die starke Erhöhung der Hundesteuer machte vielen Hundebesitzern deren Bezahlung unmöglich und zwang sie zur Abschaffung der Hunde. „Um Rohheiten bei der Beseitigung von Hunden zu verhindern, erbot sich die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit deren Tötung unentgeltlich zu besorgen."

Kein öffentlicher Fasching

1. Februar: „In Anbetracht des Ernstes der Zeit hat die Polizeidirektion zur Hintanhaltung des Faschingstreibens auf öffentlicher Straße ortspolizeiliche Vorschriften erlassen. Masken, die in späten Morgenstunden auf öffentlicher Straße oder in Lokalen angetroffen werden, werden festgenommen."

Kriegergedächtniskirche

13. Februar: „Kronprinz Ruppert stiftet zum Andenken an König Ludwig III. und zu Ehren der im Weltkrieg gefallenen Bayern für den Fond der in Nürnberg zu erbauenden Kriegsgedächtniskirche zum heiligen Ludwig 30.000 Mark.“

Landung auf dem Schneeferner unterhalb des Zugspitz-Gipfels, 19. März 1922.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Fotosammlung FS-NL-HAIL12-001 (NL Hailer)

Erfolgreiche Landung auf der Zugspitze

19. März: Der am Flugplatz Schleißheim gestartete Fliegerhauptmann Gailer landete mit seiner Rumplertaube D 99 erfolgreich etwa 500 Meter unterhalb des Gipfels der Zugspitze. Es war dies die erste Flugzeuglandung auf der Zugspitze.

Konzertbetrieb in Finanznot

23. März: Die Vorstandschaft des Münchner Konzertvereins wandte sich in einem öffentlichen Aufruf an die Einwohner der Stadt. Man bat „um finanzielle Unterstützung, da infolge der immer schlechter werdenden Wirtschaftslage dem Verein die Erhaltung des Orchesters nicht mehr möglich und die Schließung der Tonhalle anders nicht zu verhüten sei."

Letzte Ruhe

Am 5. April wurde das Herz des letzten bayerischen Königs Ludwig III. (1845–1921) in die Gnadenkapelle Altötting verbracht. Auf der Westseite der Kapelle stehen in Wandnischen die silbernen Herzurnen bedeutender Persönlichkeiten aus dem Hause Wittelsbach, darunter sämtliche bayerische Kurfürsten und Könige.

Begehrtes Freibank-Fleisch

28. April: „An der städtischen Freibank stehen Tausende, meist schon ab abends 6 Uhr an, um am nächsten Tag billiges Fleisch zu bekommen.“ Auch tags zuvor, am Karsamstag, waren rund 10.000 Menschen stundenlang angestanden. Schon im Januar 1922 waren alle Lebensmittelpresie um das 15- bis 30-fache gegenüber dem Friedenspreis gestiegen, in den darauffolgenden Monaten trieb zunehmende Inflation die Preise immer weiter in die Höhe.

Hochherzige Spende

12. Mai: Der in New York lebende und aus Deutschland stammende Amerikaner August Heckscher stiftete 10 Millionen Mark zur Gründung einer „Nervenheil- und Forschungsanstalt", in der deutsche Kriegsteilnehmer, deren Nervensystem im Trommelfeuer zerrüttet bzw. geschädigt wurde, behandelt werden sollten. Das Heckscher-Klinikum ist heute vor allem auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendpsychiatrie tätig.

Die siegreiche Mannschaft des FC Wacker, 1920  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Postkarten-Sammlung Pk_ERG_10_0005 (Foto: Gerhard Graeber)

Münchner Fußball-Erfolg

15. Mai: Nach einem 1:2-Sieg über „Bornussa Neunkirchen“ wird „Wacker München“ wird erstmals ein Münchner Verein süddeutscher Fußballmeister. Tausende von Menschen empfangen begeistert am Hauptbahnhof die per Zug zurückkehrenden Fußballer.

Hitzerekord

Am 6. Juni wurde der heißeste Tag seit Beginn der Temperaturmessungen in München registriert: Das Thermometer zeigte 35,1 Grad Celsius – im Schatten!

Hoher Besuch

12. Juni: Reichspräsident Ebert hielt sich zu einem Kurzaufenthalt in München auf. Bei seinem Empfang im Hauptbahnhof „hatten sich einige 100 Leute eingefunden. Lautwerdende Hochrufe wurden von Pfiffen übertönt. Eine Anzahl junger Leute winkte mit roten Badehosen. Verhaftungen". Die Kleidungsstücke sollten auf eine damals als höchst degoutant empfundene Veröffentlichung eines Fotos von Friedrich Ebert anspielen, auf dem der Reichspräsident nur mit einer Badehose bekleidet zu sehen gewesen war.

Matratzenlager in der Luisenschule

15. Juli: Um den Wanderern und Sportvereinen preisgünstige Unterkunftsmöglichkeiten zu bieten, wurden während der Sommerferien in der Luisenschule 200 einfache Nachtlager zum Preis von 16 Mark pro Übernachtung angeboten.

Kampf dem Borkenkäfer

18. Juli: Hunderte von Studenten beteiligen sich im Planegger Forst an der Vernichtung der dort massenhaft eingefallenen Borkenkäfer.

Löwenbräu spendet für notleidende Münchner

24. August: Hermann Schülein, Generaldirektor der Löwenbräu-Brauerei, stellte 200.000 Mark zur Linderung der Not in München zur Verfügung. Schon sein Vater Josef, Bankier und Bierbrauer, hatte sich als großer Wohltäter einen Namen gemacht. Da die Familie jüdischer Herkunft war, emigrierte Herrmann Schülein 1936 nach New York.

Straßenbahner protestieren

28. August: Die Straßenbahnangestellten protestierten in einer Versammlung im Schwabinger-Bräu gegen die vom Stadtrat beschlossene Aufhebung ihres Freifahrtprivilegs auf den städtischen Straßenbahnen.

Antifranzösiche Stimmung

29. August: Antifranzösische Ressentiments führten zur Verhaftung der Dolmetscherin des französischen Generals Metz, der sich nach Auffassung der Behörden als Spitzel beim in München abgehaltenen Katholikentag eingeschlichen hatte. Die Dolmetscherin wurde wegen Verletzung der Fremdenvorschriften zu fünf Tagen Haft und 2.000 Mark Geldstraße verurteilt.

 Katholikentag in München 1922  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Postkarten-Sammlung Pk_ERG_03_0001 (Foto: Spiessl)

Freidenker verurteilen den Katholikentag

1. September: Eine Versammlung „Proletarischer Freidenker" nahm Stellung zum 62. Katholikentag, der vom 27. -30. August stattgefunden hatte. Als der Vorsitzende die Auffassung vertrat, „nicht nur der Katholizismus, das Christentum überhaupt sei ein Gift im deutschen Volke", führte dies zu lebhaftem Widerspruch und „aufregenden Szenen", wobei Andersdenkende „mit Fäusten geschlagen und hinausgeworfen wurden".

Auch der Katholikentag selbst war Schauplatz heftiger Diskussionen gewesen. In seiner Eröffnungsansprache rückte der Münchner Kardinal Michael Faulhaber die Revolution von 1918 und die dadurch möglich gewordene Gründung der Weimarer Republik in die Nähe von „Meineid und Hochverrat"; er forderte dazu auf, auch das öffentliche Leben nach den Gesetzen Gottes einzurichten. Der amtierende Katholikentagspräsident und damalige Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer (1876-1967) widersprach Faulhabers Auffassung hinsichtlich der Legitimität der Republik vehement.

Höhere Preise für Ausländer

5. September: Um Preissteigerungen zu vermeiden, beschloss der Verband Münchner Theaterleiter „von Angehörigen fremder Staaten (Deutsch Österreich ausgeschlossen)“ einen 200-prozentigen Zuschlag auf die Eintrittspreise zu verlangen. „Es empfehle sich daher Lichtbildausweise mit sich zu führen."

Fahne des Deutschen Museums erregt Missfallen

20. Oktober: Die Hausflagge des Deutschen Museums in den Farben schwarz-weiß-rot mit Eule und Zahnrad erregte den Unmut der KPD- und USPD-Mitglieder im Münchner Stadtrat. Sie forderten das Museum auf, auf die Flagge zu verzichten, da sie in den Farben des alten Kaiserreichs gehalten sei. Museumsdirektor Oskar von Miller erklärte dazu, dass sich diese Fahne als Hausflagge seit zwölf Jahren im Besitz des Museums befinde, man jedoch künftig auf eine eigene Fahne verzichten werde.

„Nie wieder Krieg!“

Der Gewerkschaftsverein organisierte unter dem Motto „Nie wieder Krieg!“ eine Gedenkfeier für die Toten des Weltkriegs 1914/18: „Die Feier beginnt am 10. November, 3 Uhr nachmittags. Der Aufmarsch der Arbeiterschaft erfolgt aus den Betrieben; die Angehörigen freier Berufe werden aufgefordert, sich rechtzeitig am Königsplatz einzufinden oder sich den nächsten aufmarschierenden Zügen anzuschließen. Der Arbeitersängerbund wird geschlossen mit umflorten Fahnen am Königsplatz eintreffen. Die Hauptfeier findet vor den Propyläen [...] statt. Die Feier wird eröffnet und geschlossen durch einen Massenchor.“ Reden sollten „ein Mann des öffentlichen Lebens, eine Frau und ein Kriegsteilnehmer“ halten.

Warnung vor einer „Regierung Hitler“

28. November: In der Bayerischen Staatszeitung nahm Arnold Rechberg Stellung zur aktuellen politischen Lage und warnte vor den Gefahren einer eventuellen Hitler-Regierung in Bayern. Eine derartige Regierung „könne sich nie lange halten, weil Hitler die Versprechungen, die er dem Volke gegeben habe, nie einlösen könne. Auch würde eine solche Regierung die Entente geschlossen gegen sich haben, weil Hitler sie in Reden häufig gereizt habe. Der zu erwartende Sturz einer 'Hitler-Regierung' werde aber alle antibolschewistischen Kräfte in Bayern und vielleicht sogar in ganz Deutschland in den Abgrund reißen. Der Weg zur Errichtung der Sowjetherrschaft werde dann freigemacht."

Brauereiarbeiter sprechen sich gegen Abstinenz aus

7. Dezember: In einer Versammlung der christlich organisierten Brauereiarbeiter wurde zur Abstinenzbewegung und zum Alkoholverbot Stellung genommen. Ein derartiges Verbot werde, so der Tenor der Erörterung, „amerikanische Zustände herbeiführen. Die Autorität vor dem Gesetze würde dadurch nicht gehoben, vielmehr nur dem Schleichhandel ein neues Tätigkeitsfeld geöffnet. Während die 'Großen' Wein und Likör trinken könnten, würden die Minderbemittelten durch Wegnahme des Bieres erbittert werden."

Rede von Friedensaktivist Quidde gestört

29. Dezember: In einer Versammlung der Friedensvereinigung referierte Professor Ludwig Quidde (1858–1941) über den Friedenskongress in Den Haag. Unter den etwa 40 Anwesenden waren jedoch rund 20 Anhänger der NSDAP, „welche plötzlich aufspringen und die Versammlung sprengen; dabei wird ein junger, jüdischer Kaufmann blutig geschlagen." Quidde erhielt 1927 den Friedensnobelpreis.

Abbildungen zur Chronik 1922

Landung auf dem Schneeferner unterhalb des Zugspitz-Gipfels, 19. März 1922. Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Landung auf dem Schneeferner unterhalb des Zugspitz-Gipfels, 19. März 1922.

Hauptmann Franz Hailer (Mitte) und seine Mitflieger, der Ingenieur Theodor Rockenfeller und der ...

Die siegreiche Mannschaft des FC Wacker, 1920 Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Die siegreiche Mannschaft des FC Wacker, 1920

 Katholikentag in München 1922 Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Katholikentag in München 1922

Gottesdienst auf dem Königsplatz, 27. August 1922