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Münchner Kindl mit Schriftzug Landeshauptstadt München Landeshauptstadt München

Stadtchronik 1930


Bemerkenswertes, Kurioses und Alltägliches

Die Stadt verordnet sich Bescheidenheit

9. Januar: Der Stadtrat nimmt einen Antrag des Oberbürgermeisters an, "durch den das Direktorium beauftragt wird, bei repräsentativen Veranstaltungen größtmögliche Beschränkung in Art und Maß der Durchführung walten zu lassen".

Hindenburg wird Münchner Ehrenbürger

16. Januar: "Oberbürgermeister Scharnagl und zweiter Bürgermeister Dr. Küfner überreichen im Auftrage des Stadtrates dem Reichspräsidenten von Hindenburg in seinem Palais in Berlin die Ernennungsurkunde zum Ehrenbürger der Stadt München. Das Ehrendiplom wurde von Frau Professor Anna Simons-München ausgeführt. Es bezeichnet Hindenburg als Vorbild treuer Pflichterfüllung in der Not des Vaterlandes und gedenkt mit Freuden des alljährlichen Aufenthalt des Reichspräsidenten in Bayern." Der Stadtrat hatte Hindenburg das Ehrenbürgerrecht bereits im November 1929 verliehen.

Rauschgift-Prozess

11. bis 13. Februar: "Vor dem Amtsgericht in der Au wird [...] ein Strafprozeß wegen Vergehens gegen das Opiumgesetz durchgeführt. Angeklagt sind [...] insgesamt 16 Angeklagte [...]. Geladen sind etwa 30 Zeugen und mehrere medizinische Sachverständige. Die Angeklagten sind beschuldigt, teils ohne Genehmigung unter das Opiumgesetz fallende Stoffe erworben, veräußert und aufbewahrt zu haben, teils sich durch Anfertigung falscher Rezepte, auf denen Rauschgift verschrieben war, der Urkundenfälschung schuldig gemacht zu haben. Die Angeklagten werden teils zu Gefängnis oder Geldstrafen verurteilt, teils freigesprochen."klicken für eine vergrößerte Darstellung!

Münchner Faschingszeitung  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Zeitgeschichtliche Sammlung

Fasching allerorten

26. Februar: "Im Bayerischen Hof findet ein ‚Italienisches Fest auf Capri' statt. Die Liga Miramundum hält im Odeonskasino ein Faschingsfest ‚Alladies Zaubergarten' ab. Im Cherubinsaal findet eine Faschingsveranstaltung des Kaufmannskasino unter dem Motto ‚Eine Fahrt in der Weltraumrakete' statt. In den Luitpoldlichtspielen findet bei zahlreicher Beteiligung der große Kappenabend der Narrhalla statt." Abb. s.a. unten

Rattenfänger gesucht!

4. März: "Der städtische Nachrichtendienst gibt bekannt, dass eine möglichst scharfe Verfolgung der Bisamratte während der Frühjahrsmonate von ausschlaggebender Bedeutung ist, weil in dieser Zeit die neue Vermehrung und die Frühjahrswanderung einsetzt, von deren Verlauf die Weiterverbreitung des Schädlings abhängt." Um die Fangtätigkeit möglichst anzuregen, erhöht die Landesanstalt für Pflanzenbau und Pflanzenschutz [...] die ausgesetzte Prämie für erlegte Bisamratten in den Monaten März und April auf 1 Mark "für jedes eingelieferte Belegstück".

Woche für Neue Musik

6. bis 13. März: "Die Vereinigung für zeitgenössische Musik e.V. veranstaltet unter Mitwirkung der Staatsoper, der Philharmoniker, des Rundfunks und der Kammerspiele eine Woche Neuer Musik." Aufgeführt wurden das "Lehrstück" von Bert Brecht und Paul Hindemith, die "Gotische Musik" und "Die Geschichte vom Soldaten" von Igor Strawinsky, außerdem Werke von Zoltan Kodaly und Leo Janacek u.a.

Valentin-Film ist "volksbildend"

18. März: "Walter Jervens erfolgreicher erster Valentin-Film ‚Der Sonderling', der unlängst auch in München gelaufen ist, wurde von der amtlichen Bayerischen Filmstelle als ‚künstlerisch und volksbildend' erklärt. Der Film war Ende 1929 in drei Münchner Kinos gleichzeitig uraufgeführt worden. Hatten Valentins Stummfilme bisher stets dessen erfolglosen Kampf gegen die Tücke des Objekts gezeigt, so wurde Valentin als Briefmarken sammelnder Außenseiter in seinem ersten langen Spielfilm Opfer eines sozialen Melodrams.

Protest gegen Finanzausgleich zwischen den Kommunen

18. März:"Nach den Bestimmungen über den Ausgleichsstock, der zur Unterstützung leistungsschwacher Gemeinden bei der Aufwertung von Sparguthaben gebildet wurde, hätte die Stadt München als leistungsstarke Gemeinde 1.038.400 M [an diesen] abführen müssen. Der städtische Hauptausschuß beschließt einstimmig, gegen diese Leistung zum Ausgleichsstock bei der Reichsregierung Protest zu erheben, da die Stadt [...] nicht mehr als besonders leistungsfähige Gemeinde betrachtet werden kann."

Handgreifliche Diskussionen im Gemeinderat

25. März:"Im Münchner Gemeinderat kam es heute zu Prügelszenen. Die Deutschnationalen wollten die Änderung der Verdingungsordnung vertagen, blieben aber dabei mit der Bayerischen Volkspartei in der Minderheit, vor allem weil die Nationalsozialisten mit den Sozialdemokraten und Kommunisten stimmten. Als deswegen ein Mitglied der Bayerischen Volkspartei den Nationalsozialisten Vorwürfe machte, drangen diese in die Bayerische Volkspartei vor [...] bald erhitzten sich die Gemüter von neuem [...]. Als nämlich ein Kommunist die Nationalsozialisten ‚organisierte Arbeitermörder' nannte, stürmten die Nationalsozialisten unter Leitung des Stadtrats Esser gegen die Linke, und ein Nationalsozialist schlug dem Kommunisten Huber ins Gesicht, worauf er einen metallenen Aschenbecher an den Leib geworfen erhielt. In dem allgemein werdenden Kampfe wurden auch Stühle als Waffen verwandt. [...] Auch auf der Galerie kämpften unterdessen Nationalsozialisten und Kommunisten. Der Oberbürgermeister ließ die Galerie räumen und schloß die Sitzung, bis die Kämpfer wieder ihre Plätze bezogen hatten. Nach Wiederaufnahme der Sitzung wird die Verdingungsordnung [...] unverändert nach den Beschlüssen des Sozialen Ausschusses angenommen."

Plakat zum "Alterstag" im Jahr 1931  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Plakatsammlung

Sammlung zugunsten bedürftiger Senioren

13. April: "Die Gesellschaft der Altersfreunde veranstaltet in München den 2. Alterstag. Durch eine Straßensammlung sollen Geldmittel zur Unterstützung notleidender alter Leute gewonnen werden. Außerdem werden eine große Anzahl alter Leute in Gaststätten und in Privathäusern gespeist. Ferner werden an besonders Bedürftige 400 Lebensmittelpakete verteilt. [...] Die Straßensammlung ergibt den Betrag von 19.683, 15 M." Abb. s.a. unten

Arbeitslose müssen auf ihre Unterstützung warten

19. April: "Am Karsamstag gibt es vor dem Arbeitsamt eine Massenansammlung von Arbeitslosen, da der Geldschrank, in dem sich das zur Auszahlung der Erwerbslosenunterstützung bestimmte Geld befand, nicht geöffnet werden konnte. Es mußte ein Arbeiter einer Geldschrankfabrik zu Hilfe gezogen werden, dem es gelingt, nach zweistündiger Arbeit den Schrank mit einem Schweißapparat zu öffnen. Um ½ 2 Uhr ist die Auszahlung der 10.000 Arbeitslosen beendet."

Toscanini und die New Yorker Philharmoniker gastieren in München

16. Mai: "Kurz vor 8 Uhr morgens treffen der Komponist und Dirigent Arturo Toscanini mit seiner Familie und dem aus 116 Mann bestehenden Neuyorker [sic!] Philharmonischen Orchester auf ihrer Wanderfahrt durch die europäischen Großstädte zu einem Gastkonzert in München ein. [...] Das Gastkonzert in der Tonhalle, das überaus stark besucht ist und von Toscanini dirigiert wird, trägt den Charakter eines ungewöhnlich bedeutenden künstlerischen und gesellschaftlich glanzvollen Ereignisses." Abb. s. unten

Israelitischer Frauenverein feiert rundes Jubiläum

18. Mai: "Der Israelitische Frauenverein München begeht mit einer schlichten Feier im Cherubinsaal sein 100jähriges Gründungsjubiläum. [...] Nach verschiedenen Ansprachen hält Rabbiner Dr. Bärwald einen Festvortrag über ‚Die Frau in der jüdischen Spruchdichtung und die Frau von heute'." Der Verein dürfte zu diesem Zeitpunkt nur mehr wenige Jahre vor sich gehabt haben, während des NS-Regimes wurde er wohl zwangsweise aufgelöst.

Münchner Männerwallfahrt

24. /25. Mai: "Am Samstag und Sonntag findet die 25. Münchner Männerwallfahrt nach Altötting statt, an der ca. 2.400 Männer teilnehmen. Unter ihnen befinden sich u.a. Kardinal Faulhaber, Oberbürgermeister Dr. Scharnagl, viele Landtagsabgeordnete und Stadträte."

Die NSDAP erwirbt das Palais Barlow

28. Mai: "Der ‚Völkische Beobachter' bringt einen Aufruf Adolf Hitlers zur Beschaffung der Mittel für den Ausbau des angekauften Barlowschen Palais in der Briennerstraße 45 zum Zentralparteiheim. Es soll einen Kongreßsaal für 2.000 bis 3.000 Personen erhalten. Hitler fordert dafür von seinen Mitgliedern einen außerordentlichen Pflichtbeitrag von mindestens 2 M pro Kopf. Dabei stellt er fest, daß die Mitgliederzahl der Nationalsozialistischen Partei nunmehr über 250.000 beträgt." Das Palais Barlow an der Briennerstraße 45 wurde 1930 von dem Münchner Architekten Paul Ludwig Troost umgebaut und war ab 1931 Sitz der Reichsgeschäftsstelle der NSDAP. Das "Braune Haus" wurde erst einige Jahre nach Kriegsende abgerissen; das Grundstück ist heute unbebaut.

Amerikanische Bayern-Vereine auf München-Besuch

31. Mai: "Die beiden größten amerikanischen Bayern-Vereinigungen, der Verband der Bayerischen Vereine von New York und der Bayerischen Nationalverbände Nordamerika, die sich auf einer Deutschlandreise befinden, statten München einen Besuch ab. Zur Begrüßung findet im Ausstellungspark ein Festzug statt, hierauf hält Oberbürgermeister Dr. Scharnagel eine Begrüßungsansprache. Den Abschluß bildet ein Festabend im Hauptrestaurant."

Staffellauf Grünwald-München

Am 1. Juni fand "in Gegenwart von Zehntausenden von Zuschauern der Staffellauf Grünwald-München statt, an dem 200 Mannschaften mit ca. 3.510 Läufern und Läuferinnen teilnehmen. Der Sportverein 1860 erringt zum vierzehnten Mal den Sieg in der Hauptklasse. Den Abschluß des Staffellaufs bildet ein Propagandalauf am Friedensdenkmal, der von ca. 2.700 Läufern durchgeführt wird."

"Verein zur Abwehr des Antisemitismus in München" feiert Jubiläum

2. Juni: "Anläßlich seines 40jährigen Bestehens hält der Verein zur Abwehr des Antisemitismus in München eine Jubiläumstagung ab, die im Bayerischen Hof mit einem Vortragsabend vor geladenen Gästen eröffnet wird."

Uniformierungsverbot bei öffentlichen Veranstaltungen

5. Juni: "Das Bayerische Staatsministerium des Innern erläßt [...] eine Anordnung, wonach mit sofortiger Wirksamkeit bis auf weiteres für das ganze Land alle diejenigen Versammlungen unter freiem Himmel, insbesondere Aufzüge, Aufmärsche, Propagandamärsche, Kundgebungen verboten sind, an denen sich Mitglieder von politischen Vereinigungen oder von Schutzeinrichtungen solcher Vereinigungen in einheitlicher Kleidung (Uniform, Bundeskleidung) beteiligen. Den Anlaß zu dieser Anordnung geben [...] die zahlreichen Zusammenstöße von Angehörigen verschiedener politischer Richtungen, die im Laufe der letzten Monate wie im Reich so auch in Bayern vorgekommen sind." Tags darauf veranstalten die Nationalsozialisten im Landtag eine Demonstration gegen das Verbot uniformierter Aufmärsche. "Im Verlauf der Beratungen erscheinen sechs nationalsozialistische Abgeordnete in ihren Partei-Uniformen. Ihr Auftreten führt zu kleineren Zwischenfällen, im Verlauf derer der Abgeordnete Grimm von Präsident Stang aus dem Saal gewiesen wird." Auch andere rechte Verbände protestieren.

NSDAP-Antrag auf Trauerbeflaggung zum Jahrestag der Unterzeichnung des Versailler Vertrags wird abgelehnt

24. bis 28. Juni: "Im Stadtrat wird ein Antrag der Nationalsozialisten behandelt, in welchen gefordert wird, dass der Stadtrat am 28. Juni, dem Tage der Unterzeichnung des Versailler Vertrages zu einer außerordentlichen Vollsitzung zusammentrete. In dieser soll nach einer Ansprache des Vorsitzenden eine Entschließung gefaßt werden, die die Gesamtbevölkerung zu gemeinsamer Abwehr gegen das Unrecht des Versailler Vertrages aufruft." Gefordert wird außerdem auch die Halbmastbeflaggung aller städtischen Gebäude. "Bei der Behandlung des Antrages verlassen die Sozialdemokraten bis auf einen Horchposten den Sitzungssaal. Stadtrat Esser (NSDAP) gegründet den Antrag." Bürgermeister Dr. Küfner schlägt vor, den Antrag als Anregung dem Bayerischen Städtebund zuzuleiten. Als der Antrag schließlich mehrheitlich abgelehnt wird, "setzt bei den Nationalsozialisten ein tobender Lärm ein".

Razzia gegen Prostituierte

6. Juli: "In der Nacht werden im Bahnhofsviertel polizeiliche Streifen auf Prostituierte vorgenommen. Insgesamt werden 89 liederliche Frauenspersonen sistiert und der Polizeidirektion vorgeführt und ihnen dort die Maßnahmen der Polizei gegen das Dirnenunwesen in den verbotenen Örtlichkeiten eröffnet."

Zugspitz-Bahn  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Fotosammlung

Zugspitz-Bahn ohne die am Bau Beteiligten eröffnet

8. Juli: "In Anwesenheit [...] zahlreicher Ehrengäste [...] wird die bayerische Zugspitzbahn auf der Strecke Eibsee bis zum Schneefernerhaus am Platt feierlich eröffnet und durch Kardinal Faulhaber eingeweiht." Nach der kirchlichen Handlung findet im Hotel am Schneefernerplatt für die Geladenen ein Frühstück statt.
Die am Bau der Bahn beteiligten Arbeiter mußten während der Eröffnungsfeierlichkeiten auf Anordnung der Bahnleitung in ihren Baracken verbleiben.

Gärtner feiern ihren Jahrtag

5. August: "Nach altem Brauch halten die Münchner Gärtnervereine am ersten Dienstag im August ihren schon seit 1639 [...] gefeierten Jahrtag ab. [...] Die Vereine sammelten sich vormittags im Kolosseum und zogen von da aus in einem stattlichen Festzug mit zwei Musikkapellen, einem Dutzend Fahnen, etlichen Wagen und blumengeschmückten Gewerbesymbolen über den Viktualienmarkt zur Peterskirche zum Gedächtnisgottesdienst für die gestorbenen und gefallenen Kollegen und Vereinsmitglieder." Der Brauch wird bis heute geübt

Tierfreundlichere Schlachtungen

14. August: "Der städtische Hauptausschuß genehmigt die neuen Schlachtvorschriften, die durch das am 1. Oktober in Kraft tretende Schlachtgesetz erforderlich wurden. Danach müssen alle Tiere, auch solche, die zum Schächten bestimmt sind, vor der Blutentziehung nachhaltig betäubt werden."

Ein Auftrag aus Übersee

25. August: "Die Erzgießerei von Miller erhält von der Regierung der Republik Kolumbien den Auftrag, ein Denkmal für den Befreier Bolivar für die Hauptstadt Bogota herzustellen. Die 3,5 m große Figur entwirft und modelliert Prof. Rupert von Miller." Símon Bolívar (1783-1830), nach dem der heutige Staat Bolivien benannt ist, befreite 1819 Kolumbien endgültig von der spanischen Herrschaft. Noch im selben Jahr wurde er zum Präsidenten gewählt. Die von ihm angestrebte Einigung von Kolumbien und Venezuela war nicht von Dauer. Das "Münchner" Denkmal für den lateinamerikanischen Nationalhelden befindet sich bis heute auf der Plaza Bolivar, dem zentralen Platz Bogotas.

NSDAP feiert Wahlerfolg

16. September: "Die Nationalsozialisten halten im Zirkus Krone ihre erste Versammlung nach der Reichstagswahl ab. Anwesend sind rund 10.000 Personen. Der Versammlungsleiter, Abgeordneter Wagner, verlangt [...] schnellstens Neuwahlen für den Bayerischen Landtag und den Münchener Stadtrat. Adolf Hitler behandelt dann mit dem Thema ‚Nach dem Sieg bindet den Helm fester' den Wahlerfolg seiner Partei und führt aus, daß es nun kein Ausruhen gäbe. Das Ziel sei aber nicht [...] Umsturz, nicht Putsch, sondern Eroberung der deutschen Seele [...]." Bei der Reichstagswahl 1930 hatte die NSDAP 18,3 Prozent der Stimmen (in Bayern 17,3 Prozent) erhalten, was zu einer Verneunfachung der Mandate seit 1928 (von 12 auf 107) führte und die NSDAP zur zweitstärksten Partei im Reichstag machte.

Oktoberfest 1930

Das Oktoberfest 1930 dauerte vom 20. September bis zum 5. Oktober: "Vertreten sind auf der Festwiese wieder auch die Hühner-, Fisch- und Wurstbratereien; weiter sind vorhanden die Molkereikosthalle, Kaffeebuden, Süßigkeitsstände, Kosthallen aller Art, Schießbuden, Tobogane, Flieger, Schiffsschaukeln, Krinolinen, Karussels, Wurfbuden und Schaustellungen aller Art. Karl Gabriel hat eine Riesenpolarschau mit einem Lappendorf errichtet. Ausserdem bringt er eine Völkerschau der ‚Lippen-Negerinnen', die ihre Lippen künstlich verunstalten und zu abnormen Gebilden ausweiten. Dazu kommen noch amerikanische Steilwand-Todesfahrer, die Lach-Attraktion ‚Die verhexten Leitern' und das Hippodrom. Der Wiesnveteran Haase hat neben seiner Achterbahn und seinem Autodrom die sog. Blitzbahn als Neuheit gebracht. Die Familie Stehbeck, die heuer zum 50. Male das Oktoberfest bezieht, hat wieder eine neue vergrößerte und verbesserte Achterbahn. [...] Der Bierpreis beträgt wie im Vorjahre 1 RM pro Liter. Der Andrang zu den Bierbuden ist so groß, daß diese zeitweise abgesperrt werden müssen." Abb. s. unten

"Während der Dauer der Festwiese ereignen sich eine Reihe von Unglücksfällen. In dem erstmals auf der Wiese zur Schau gestellten ‚Steilwandfahrern', das von Artisten mit Motorrädern ausgeführt wird, ziehen sich zwei Fahrer durch Sturz erhebliche Verletzungen zu. In einem Autokarussell brechen plötzlich die Träger unter der Last eines vollbesetzten Wagens. Das Auto springt aus den Schienen, die folgenden Wagen stoßen auf und verkeilen sich. Verletzt werden mehrere Personen [...]. Ein Gauner nützt den Unfall aus und stiehlt die gesamte Tageseinnahme des Karussellbesitzers. Ein weiterer Unfall ereignet sich auf einer Achterbahn dadurch, daß zwei junge Leute, die in einem Wagen während der Fahrt trotz strengen Verbots aufstehen, in einer Kurve herausgeschleudert werden. [...] Nach einer Zusammenstellung des polizeilichen Wiesenkommissars sind während der Festzeit auf der Wiese 246 Personen festgenommen worden, darunter 12 wegen Diebstahls, 5 wegen Betrugs, 10 wegen Körperverletzung [...]. Anzeigen wurden 140 erstattet, Verlust- und Fundanzeigen 237. Mit Betrunkenen hatte sich die Polizei in 17 Fällen zu beschäftigen." Abb.s.unten

Besuch von Henry Ford im Deutschen Museum, 20. September 1930.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Fotosammlung

Henry Ford besucht München

20. September: "Der Autoindustrielle Henry Ford, der [...] am Samstag in München eintraf, unternahm eine Spazierfahrt, um die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten kennenzulernen." Am kommenden Tag besuchte Ford das Deutsche Museum, wo er Oskar von Miller traf.

Besucherschwund in städtischen Bädern

21. September: "Die sechs städtischen Sommerbäder wurden in der Zeit von April bis Mitte September von insgesamt 865.610 Personen gegen 1.154.540 Personen im Jahre 1929 besucht."

Erdbeben

"In der Nacht vom 7./8. Oktober wurde in ganz Süddeutschland ein ziemlich heftiges Erdbeben wahrgenommen. Der Erdstoß war in München so stark, daß die Möbel wackelten und in einzelnen Stadtteilen Bilder und sonstige Gegenstände von den Wänden gerissen wurden sowie Schlafende aus den Betten fielen. In der Sternwarte wurden dem Seismographen die Aufzeichnungshebel aus den Gelenken gerissen, so daß weitere Aufzeichnungen über das Beben nicht mehr gemacht werden konnten. Der Herd des Erdbebens ist zwischen den Mieminger und Lechtaler Alpen bei Lermoos zu suchen."

Aufstellung von Radioantennen künftig gebührenfrei

9. Oktober: "In der öffentlichen Sitzung des städtischen Hauptausschusses [...] wird beschlossen, in Zukunft die Anbringung von Hochantennen auf städtischen Anwesen zuzulassen und ab 1.4.1931 Gebühren für die Anbringung nicht mehr zu erheben.

Gedächtnisgottesdienst für die Mitglieder des Militär-Max-Josephs-Ordens

13. Oktober: "In der Theatinerkirche findet der alljährliche Gedächtnisgottesdienst für die gestorbenen und gefallenen Inhaber des Militär-Max-Josephs-Ordens statt. Unter den Teilnehmern befinden sich u.a. Kronprinz Rupprecht, mehrere Generäle [...] sowie die Inhaber der Goldenen und Silbernen Tapferkeitsmedaille. Zu beiden Seiten des vor dem Hochaltar aufgestellten Trauerkatafalks sind die alten Fahnen und Standarten der bayerischen Armee aufgestellt."

Arbeitsamt gründet Arbeitslosen-Orchester

20. Oktober: "Das Arbeitsamt München gründet zur Linderung der Arbeitsnot der Berufsmusiker, von denen zur Zeit 350 Arbeitsunterstützung beziehen, eine Orchestergemeinschaft Münchner Berufsmusiker, die für volkstümliche Veranstaltungen aller Art, insbesondere für Konzerte in größeren Kaffeehäusern und Bierhallen, für Vereine, Wirtschaftsbetriebe und Saalbesitzer zur Verfügung steht und in sich so den Musizierenden Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten bietet. Die Orchestergemeinschaft, deren geschäftliche Oberleitung das Arbeitsamt innehat, besteht aus drei Orchesterarten: Klavierensemble, Streichorchester und Blasorchester." Das erste Konzert des Ensembles fand am 24. Oktober im Hofbräuhaus statt.

Städtischer Haushalt in Schieflage

22. Oktober: "Im städtischen Haushaltsausschuß macht der Finanzreferent Mitteilung, daß für das laufende Etatsjahr ein Einnahmeausfall von 4 ½ Millionen Mark zu erwarten sei; er schlägt vor, dieses Defizit aufgrund der neuen Steuerquellen zu decken. Der Haushaltungsausschuß beschließt, den ganzen Etat auf die Möglichkeit weiterer Einsparungen prüfen zu lassen."

Münchens Gerichtsvollzieher haben viel zu tun

5. November: "Nach Blättermeldungen haben die Vollstreckungsaufträge bei der Gerichtsvollzieherei München seit dem Jahre 1923 rund 25.800, 1929 hingegen 165.000 erreicht. [...] In den ersten zehn Monaten des laufenden Jahres 1930 hat die Zahl der Vollstreckungsaufträge bereits 162.000 erreicht. Rund 40 Prozent aller Pfändungen [...] sind erfolglos gewesen."

Hohe Ausgaben für Sozialhilfe

11. November: "Etwa 120.000 Menschen leben in München zur Zeit von Unterstützungen. Etwa ein Drittel davon bezieht Arbeitslosen- oder Krisenfürsorge. Zwei Drittel erhalten Unterstützung durch das Wohlfahrtsamt. Für diese etwa 80.000 Menschen werden täglich nahezu 100.000 Mark Unterstützung ausgegeben."

Strawinsky gastiert in München

11. November: "Der russische Komponist Igor Strawinsky dirigiert im überfüllten Odeonssaal das III. Meisterkonzert, bei dem seine eigenen Kompositionen aufgeführt werden. Die zahlreichen Zuhörer spenden stürmischen Beifall."

Nobelpreis für Münchner Chemiker

12. November: "Die Schwedische Akademie der Wissenschaften erkennt den Nobelpreis für Chemie 1930 dem Geheimrat Dr. phil. et med. Hans Fischer, Vorstand des Instituts für organische Chemie an der Technischen Hochschule, zu." Hans Fischer (1881-1945) erhielt die begehrte Auszeichnung für seine Forschungen über den strukturellen Aufbau der Blut- und Pflanzenfarbstoffe.

Einführung des Tonfilms bringt Kinobesitzer in Bedrängnis

13. November: Der Landesverband Bayerischer Lichtspieltheater hielt seine 20. Generalversammlung ab. Das Treffen "stand unter dem Zeichen des Pessimismus und besonders der Enttäuschung über das Geschäft mit den Tonfilmen. Seit dem vorigen Jahr [1929] ist das Kinogeschäft, wie man den Ausführungen der Redner entnahm, in katastrophaler Weise zurückgegangen. Schuld hieran hat neben der allgemeinen schlechten Wirtschaftslage das Aufkommen des Tonfilms. Lebhafte Klagen wurden geführt über die hohen Verleihkosten für Tonfilme und besonders über das niedere Niveau dieser Filme, von denen namentlich die Berliner Dialektfilme unverständlich seien."

Einführung einer "Schlachtsteuer" treibt Fleischpreise in die Höhe

13. November: "Aus Anlaß der Einführung der Schlachtsteuer wurden von verschiedenen Metzgern und sonstigen Wurstverkäufern unbegründet hohe Schlachtsteuerbeträge bei der Preisbestimmung in Rechnung gestellt. Das Finanzministerium wendet sich in einer Entschließung aufs Schärfste gegen diese Mißbräuche."

Tierpark AG wirtschaftet erfolgreich

13. November: "Die Münchener Tierpark AG hält ihre erste Generalversammlung ab. Nach dem Geschäftsbericht ergibt sich ein Gewinn von 106.485 M, hiervon werden 5 Prozent Dividende auf 200.000 M Vorzugsaktien und 4 Prozent Dividende auf 400.000 M Stammaktien verteilt. Die Generalversammlung beschließt, das Aktienkapital [...] auf 750.000 M zu erhöhen [...]. Nach längerer Aussprache wird der Vertragsentwurf mit der Stadtgemeinde genehmigt, wonach die Stadtgemeinde das Gelände des Tierparks an die AG um 600.000 M gegen eine Hypothek verkauft, die 30 Jahre unkündbar ist."

Gaskessel geht in Betrieb

Am 22. November wurde "die erste Füllung des neuen Gaskessels an der Dachauerstraße mit 30.000 Kubikmetern Gas vorgenommen."

Protest gegen Einführung einer "Bequemlichkeitssteuer"

26. November: "Die Tabakwarenhändler Münchens halten im Kreuzbräu eine Protestversammlung gegen die von der Reichsregierung beabsichtigte Tabaksteuererhöhung ab. Nach einem Referat des Verbandssyndikus wird der Reichsregierung in einer Entschließung die Einführung einer sog. Bequemlichkeitssteuer vorgeschlagen."

Fremdenfeindliche Ausschreitungen im Café Luitpold

2. Dezember: Im Café Luitpold "kommt es gegen Mitternacht zu einer erregten Auseinandersetzung zwischen der ungarischen Musikkapelle und ca. 30 Nationalsozialisten. Letztere protestieren dagegen, daß bei der heutigen Arbeitslosigkeit ausländische Musiker bevorzugt würden und verlangen, daß die Kapelle ihr Spiel einstellen soll. Es kommt zu erregten Kontroversen, an denen sich auch das Publikum beteiligt. Ein herbeigerufenes Polizeiaufgebot stellt die Ruhe wieder her." Tags darauf bedauert die Parteileitung in einem Schreiben an die Geschäftsleitung des Cafés den Vorfall.

Revolutionär Max Levien tot

7. Dezember: "In der römischen Sowjetbotschaft wird [...] der erste Sekretär Max Levien, ehemaliger Kommunistenführer in der bayerischen Rätezeit und Mitschuldiger am Münchener Geiselmord, gerichtet und erschossen."

Diskussion über Preissenkungen für Gas, Strom und Wasser

9. Dezember: "Im Großen Sitzungssaal des Rathauses fand eine Besprechung von Vertretern aus Kreisen des Handels, der Erzeuger und Verbraucher statt [...]. Oberbürgermeister Scharnagl legte [...] die Gründe dar, die zur Forderung des Preisabbaues führten und nahm dabei auch Stellung zu der Frage der Tarifpolitik der städtischen Werke. Ob die Gaswerke eine Senkung des Durchschnittserlöses pro Kubikwerke [...] auf Grund der Kohlenpreissenkung durchführen könnten, lasse sich heute noch nicht sagen. Der Durchschnittspreis für den elektrischen Strom sei bereits niedriger als im Jahre 1913. Hinsichtlich der Gestaltung des Wasserpreises könne nicht verkannt werden, daß eine nicht unbeträchtliche Teuerung stattgefunden habe, die aber hauptsächlich durch notwendige Neuanlagen bedingt gewesen sei. Der Leiter des Städtischen Statistischen Amtes [...] legte dar, was auf dem Gebiete des Preisabbaus bei den Artikeln des notwendigen Lebensbedarfs in den letzten beiden Jahren geschehen sei. Übertriebene Hoffnungen auf das Tempo der Preissenkungen dürfe man sich nicht machen. Die im Gang befindlichen Lohnkürzungen müßten sich in Senkungen der Produktionskosten und Handelskosten auswirken [...]."

Ehemaliger Ministerpräsident Hoffmann gestorben

15. Dezember: "In [...] Berlin stirbt [...] der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Johannes Hoffmann. Er war am 3. Juli 1867 in Ilbesheim bei Landau in der Pfalz geboren, widmete sich dem Volksschuldienst, mußte aber aus diesem im Jahre 1908 ausscheiden, nachdem er als Mitglied der Sozialdemokratischen Partei in den bayerischen Landtag gewählt worden war. [...] Kurt Eisner berief ihn als Kultusminister in sein Kabinett. Nach Eisners Tod wurde Hoffmann zum bayerischen Ministerpräsidenten gewählt und er bekleidete diesen Posten bis zu dessen Übernahme durch Dr. v. Kahr im Jahre 1920."

Weihnachtsgeschäft mit Einbußen

21. Dezember: "Im großen und ganzen ist die Geschäftswelt mit dem Ergebnis des Goldenen Sonntags zufrieden. Fast durchwegs wird ein Rückgang der Einnahmen um etwa 30 Prozent gegenüber dem Vorjahre festgestellt. [...] Meistens wurden die billigeren Waren bevorzugt, eine Auswirkung der gegenwärtig drückenden Wirtschaftslage."

Abbildungen zur Chronik 1930