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Stadtchronik 1933


Bemerkenswertes, Kurioses und Alltägliches

Die ideologische und politische „Gleichschaltung“ wirkte sich schon unmittelbar nach der nationalsozialistischen Machtübernahme auch auf die Münchner Stadtchronik aus: Ihre Einträge orientierten sich nun inhaltlich und thematisch an der Tagespresse, die schon bald nur noch im Sinne der Nationalsozialisten berichtete. Zunehmend übernahm der Chronist die Rhetorik der NS-Propaganda. Ereignisse und Personen, die nicht in das gängige Propagandamuster passten, fanden somit keine Berücksichtigung in der Chronik. Aus heutiger Sicht sagen diese "Leerstellen" in der Chronik daher mindestens genauso viel über den Ungeist der Zeit aus wie die "gleichgeschalteten" Chronik-Einträge.

Hinweis: Für die "Stadtchronik im Internet" werden in der originalen Chronik fehlende, aber historisch wichtige Ereignisse ergänzt. Sie sind - ebenso wie erläuternde Erklärungen - in "Kursiv-Schrift" kenntlich gemacht.

Gebet für den Frieden

8. Januar: "Die in München seit dem vergangenen Jahre am ersten Sonntag eines jeden Monats stattfindende feierliche Messe zur Erhaltung des Friedens wurde als erste dieses Jahres von Kardinal Erzbischof Dr. von Faulhaber in der St. Bonifatiuskirche gelesen. Dem Gottesdienste wohnten mit prominenten Mitgliedern des Friedensbundes u.a. auch der französische Gesandte Graf d'Ormesson an."

 

Prinz Karneval zu Besuch im Rathaus

11. Januar: "Der heurige Prinz Karneval der Narrhalla, Franz Joseph von Halalili, Franz Schmid, wurde durch den Präsidenten der Narrhalla, Hans Sollfrank, dem Oberbürgermeister Dr. Scharnagl vorgestellt. Die Vorstellung des Faschingsprinzen soll nun jedes Jahr als erstes öffentliches Auftreten des Neugewählten stattfinden."

"SA" und "SS" marschieren

Am 15. Januar veranstalteten die Nationalsozialisten in München "einen Aufmarsch ihrer SA und SS von der Widenmayrstraße ausgehend durch einen Teil der Stadt bis zum Zirkusgebäude. Der Vorbeimarsch der wahrscheinlich 5.000 Teilnehmer, zum Teil vom Publikum mit Heilrufen begrüßt, dauerte ¾ Stunden."

Amtlich registrierte Not

20. Januar: "Die Stadt München zählt gegenwärtig 11.070 Empfänger von Arbeitslosenunterstützung. 19.250 Krisenunterstützungsempfänger, 37.500 anerkannte Wohlfahrtserwerbslose, 8.500 sonstige Erwerbslose, 5.000 ‚Dauerbefürsorgte' der allgemeinen Fürsorge, 10.600 Sozialrentner, 2.900 Kleinrentner, 340 unterstützungsbeziehende Kriegsbeschädigte und 10.000 Empfänger von Zusatzrenten. Über 105.000 Münchner leben also von öffentlicher Unterstützung, die Familienangehörigen nicht eingerechnet. Jeder siebente Münchner trägt demnach die Unterstützungskarte in der Tasche."

Hitler zum Reichskanzler ernannt

Anlässlich der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler improvisierten die Nationalsozialisten am 30. Januar eine "Siegesfeier" auf dem Königsplatz. Obwohl die unangemeldete Versammlung unter das Polizeiverbot fiel, nahm die Polizei davon Abstand einzugreifen.

Reichskanzler Hitler besucht München

5. Februar: "Reichskanzler Adolf Hitler traf [...] von Berlin kommend mit einem Sonderflugzeug der Lufthansa auf dem Flugplatz München-Oberwiesenfeld ein. Zur Begrüßung hatten sich Reichsinnenminister Dr. Frick und Landtagsabgeordneter Stadtrat Esser eingefunden."

Allerorten politische Kundgebungen

Am 12. Februar "veranstaltete das Reichbanner der Au, Haidhausen und Giesing einen größeren Propagandamarsch, während die Nationalsozialisten in Haidhausen, Bogenhausen und Denning politische Umzüge hielten. Die Polizei hatte umfassende Sicherheitsmaßnahmen getroffen [...]. Von kleineren Anrempelungen abgesehen kam es zu keinerlei Zusammenstößen. Die Kommunisten versammelten sich im Zirkus Krone zu ihrer Wahlversammlung. Das Zirkusgebäude war fast voll besetzt. Bei der Versammlung wurde eine polizeiliche Waffenkontrolle vorgenommen.

Ministerpräsident Held kritisiert Hitlers Politik

21. Februar: "Unter der Devise ‚Freiheit für Volk, Heimat und Glaube' veranstaltet die Bayerische Volkspartei im Hotel Union eine Wahlkundgebung [...]. Der Parteivorsitzende eröffnet die Kundgebung. Sodann spricht Ministerpräsident Held, der sich vor allem eingehend mit der ersten programmatischen Kundgebung der neuen Reichsregierung befaßt, die er einer historisch-kritischen Betrachtung unterzieht. In seinen Ausführungen verurteilt der Ministerpräsident die neuen Formen des politischen Kampfes, der nur noch auf Haß abgestellt sei. [...] Dr. Held erntet für seine Ausführungen stürmischen Beifall."

Kardinal ruft Christen auf, Verantwortung zu übernehmen

26. Februar: "Von den Kanzeln der Kirchen der Erzdiözese München-Freising wurde der Fastenhirtenbrief des Kardinal Erzbischofs Dr. von Faulhaber verlesen. [...] In den Ausführungen über die Pflichten des christlichen Staatsbürgers wird gesagt, für den Staatsbürger sei es eine Gewissenspflicht an den öffentlichen Wahlen teilzunehmen. [...] Die einzelnen Christen hätten als Staatsbürger die Pflicht, im öffentlichen Leben Farbe zu bekennen. Es gehe bei den Wahlen nicht bloß um politische Fragen, es gehe um die Wahrung christlicher Grundsätze im öffentlichen Leben, um die Freiheit der Kirche [...] und die christliche Kultur des Abendlandes. Die gewissenhaften Bürger dürften nicht teilnahmslos beiseite stehen und nicht tatenlos zuschauen, wenn dem Staatskörper Wunden geschlagen werden, an denen er mit der Zeit verbluten muß."

Vorsichtsmaßnahmen nach dem Reichstagsbrand

28. Februar: "Die Brandstiftung im Reichstag hat den Präsidenten des Bayerischen Landtags, Dr. Stang, veranlaßt [...] eine Reihe von Vorsichtsmaßnahmen anzuordnen. Die Bewachung und Kontrolle des Landtagsgebäudes wurde sofort verstärkt. [...] Zutritt haben nur die Abgeordneten und die im Hause tätigen Journalisten, dagegen werden fremde Personen [...] nicht mehr eingelassen."

Erstmals weht die Hakenkreuzfahne am Münchner Rathaus, 9. März 1933.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
Die NS-Fahne weht erstmals am Münchner Rathaus
© Stadtarchiv - Fotosammlung

Beginn der "Gleichschaltung" in München

9. März: "Der Reichsminister des Innern übernimmt die Befugnisse der Obersten Landesbehörde in Bayern. Er überträgt ihre Wahrnehmung dem General Ritter von Epp. Dieser beauftragt den Reichstagsabgeordneten und SS-Führer Himmler mit der kommissarischen Leitung des Polizeipräsidiums in München, setzt Kommissare zur besonderen Verwendung ein und ernennt als Beauftragten für das Ministerium des Innern den Landtagsabgeordneten Wagner." Bei einer Kundgebung vor der Feldherrnhalle sagten die Nationalsozialisten dem Kommunismus und dem Judentum den Kampf an. Gegner der neuen Regierung wurden in "Schutzhaft" genommen. Am Abend wurde am Turm des Neuen Rathauses die Hakenkreuzfahne gehisst. Erste Presseverbote wurden ausgesprochen.


Oberbürgermeister Scharnagl gibt unter Zwang sein Amt auf

Am 20. März trat Karl Scharnagl (BVP), der seit 1925 Erster Bürgermeister bzw. ab 1926 Oberbürgermeister gewesen war, von seinem Amt zurück. Er wies dabei ausdrücklich darauf hin, dass er "unter Vorbehalt aller seiner Rechte nur der Gewalt" weiche (Völkischer Beobachter vom 21. März 1933). Zwei Tage später, am 22. März, übernahm der bisherige NSDAP-Stadtrat Karl Fiehler zunächst kommissarisch das Amt des Ersten Bürgermeisters.


Turnerbund hofiert die neue Regierung

20. März: "In der Sitzung des Vorstandes des Bayerischen Turnerbundes wurde folgende Entschließung angenommen: Die Neugestaltung der politischen Verhältnisse in Deutschland hat im Vorstand eine Aussprache mit folgendem Ergebnis herbeigeführt: Die Leitung des Bayerischen Turnerbundes begrüßt die Einsetzung der nationalen Regierung in Deutschland, weil sie von ihr erwarten kann, dass sich nunmehr die in der historischen Entwicklung der Deutschen Turnerschaft gelegenen Aufgaben und nationalen Ziele durch die höchste Unterstützung des Regimes durchsetzen werden."

Ankunft eines Gefangenentransports im ersten Konzentrationslager bei Dachau, 21. März 1933  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
Ein Gefangenentransport erreicht das Konzentrationslager Dachau
© Stadtarchiv - Fotosammlung

Konzentrationslager Dachau eröffnet

Am 22. März wurde auf dem Gelände der ehemaligen Pulverfabrik Dachau ein "Konzentrationslager" in Betrieb genommen. Der Chronist berichtet, dass zunächst etwa 60 "linksgerichtete Personen" im Lager untergebracht worden seien.
Die ersten Lagerinsassen wurden provisorisch im ehemaligen Verwaltungsgebäude der Fabrik untergebracht. Sie mussten die übrigen verfallenen Gebäude instandsetzen, die langfristig der Unterbringung von bis zu 5.000 Häftlinge dienen sollten. Die Bewachung übernahm anfangs die Bayerische Landespolizei. Ab 11. April 1933 wurden der Wachdienst und ab 30. Mai auch die Leitung des Wachkommandos der "SS" übertragen.

NS-Boykott gegen jüdische Geschäfte am 1. April 1933.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Fotosammlung

 Boykott gegen jüdische Geschäfte

1. April: „Schlagartig werden mehr als 600 jüdische Firmen Münchens boykottiert, zum Schutze der Inhaber und zur Belehrung des Publikums durch Posten gesichert und durch Plakatierung der Schilder gekennzeichnet. Die Zulassung von Juden zu Mittel- und Hochschulen, zu Ärzte- und Rechtsanwaltschaft wird auf eine relative Zahl beschränkt.“
Die Chronik berichtet nicht, dass ein „Zentralkomitee zur Abwehr der jüdischen Greuel- und Boykotthetze“ unter Julius Streicher bereits Ende März 1933 von München aus dazu aufrief, einen Boykott gegen jüdische Geschäfte, Arzt- und Juristenpraxen zu organisieren. Obwohl die antisemitische Aktion in ganz Deutschland für Samstag, den 1. April 1933 angesagt, war, begann sie in München bereits am Vortag. Mitglieder der "SA" versuchten die Bevölkerung am Betreten jüdischer Geschäfte und Praxen zu hindern, kennzeichneten diese mit antisemitischen Parolen und schikanierten Leute, die den Boykott missachteten.
 

„Gleichschaltung“ von Stadtrat und Bayerischem Landtag

In der ersten Sitzung des "gleichgeschalteten Stadtrats am 26. April wurde Adolf Hitler und Franz Ritter von Epp das Ehrenbürgerrecht der Stadt München verliehen. Die SPD-Stadträte verließen aus Protest den Saal.

Am 29. April stimmte der Bayerische Landtag dem Ermächtigungsgesetz zu. Die Chronik berichtet nicht, dass die SPD-Abgeordneten die Zustimmung verweigerten.

Bücherverbrennung auf dem Königsplatz.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Fotosammlung

Bücherverbrennung auf dem Königsplatz

Die Chronik vom 10. Mai notiert in telegrammartigem Stil: „19.45 Uhr: Akademische Feier der NS-Revolution in der Universität. Ansprache der Rektoren Geh. Rat Prof. Dr. Leo Ritter von Zumbusch und Prof. Dr. Schacher (TH) zur Übergabe des von der Bayerischen Staatsregierung gegebenen Studentenrechts an die Führer der Studentenschaft [...] Festrede des Kultusministers Hans Schemm über die Entwicklung und Umwandlung des vergangenen Maschinen- und Verstandszeitalters in ein ‚Seelen-, Gemüts- und Rassenzeitalter‘. Appell an das Verantwortungsbewußtsein [...] 22.30 Uhr Fackelzug der gesamten Studentenschaft vorbei an der mit einer roten Flammenkette geschmückten Feldherrenhalle zur öffentlichen Feier auf dem mit Flaggen und girlandenbekränzten Pylonen festlich ausgestatteten Königsplatz. In Anlehnung an des ‚Wartburgfest‘ Verbrennung von volkszersetzenden Schriften kommunistischer, marxistischer, pazifistischer Haltung (vielfach aus jüdischer Feder stammend) als Symbol der Abkehr vom undeutschen Geist [...]“
Die Münchner Schriftsteller Lion Feuchtwanger, Oskar Maria Graf und Thomas Mann emigrierten noch im selben Jahr aus Deutschland.

SPD-Stadträte in Schutzhaft

Nachdem sämtliche Münchner SPD-Stadträte der am 17. Mai an sie ergangenen Aufforderung, auf ihre Mandate zu verzichten, nicht nachkamen, wurden sie am 22. Mai in Schutzhaft genommen. Das reichsweite Verbot der SPD am 22. Juni 1933 enthob sie endgültig ihrer Mandate.

„Gleichschaltung“

31. Mai: „Der Verband Münchener Eiergroßhändler und der Kampfbund des Münchener Eiergroßhandels beschließen in einer gemeinsamen Versammlung den Zusammenschluss.

Altbürgermeister Schmid gestorben

8. Juni: Der Altbürgermeister und Ehrenbürger Eduard Schmid (SPD) stirbt im Alter von 71 Jahren. Schmid war von 1919 bis 1924 Bürgermeister. Das Ehrenbürgerrecht hatte er anlässlich seines 70. Geburtstags bekommen. Schmid wurde am Ostfriedhof bestattet.

Die SPD-Politikerin Pfülf begeht Suizid

Die Chronik berichtet nicht darüber, dass die Politikerin Toni Pfülf (*1877) am 9. Juni 1933 ihrem Leben aus Verzweiflung über die Machtübernahme der Nationalsozialisten ein Ende setzte. Pfülf, aus einer Offiziersfamilie stammend, war zunächst Lehrerin geworden. 1918 wurde sie Mitglied im Landesarbeiterrat und Vorsitzendes des Bundes sozialistischer Frauen sowie des Lehrerrats in München. 1919 wurde sie Abgeordnete der Deutschen Nationalversammlung in Weimar, später Reichstagsabgeordnete der SPD. Toni Pfülf wurde 1963 mit einer Straßenbenennung in der Fasanerie-Nord geehrt.

Psychiater Prinzhorn gestorben

14. Juni: Im Alter von 47 Jahren stirbt in München der Arzt, Philosoph und Reiseschriftsteller Hans Prinzhorn an den Folgen einer Typhuserkrankung. Prinzhorn, der als Psychiater an der Heidelberger Klinik wirkte und dort eine nach ihm benannte Sammlung künstlerischer Arbeiten von Psychiatriepatienten aufbaute, wurde auf dem Waldfriedhof beerdigt.

Neuorganisation der Jugend

17. Juni: Im Museumssaal (= Saal der Gesellschaft Museum im ehemaligen Palais Porcia in der heutigen Kardinal-Faulhaber-Straße) findet die erste große Hitlerjugend-Führertagung statt. Zugleich wird bekannt, dass Reichsjugendführer Baldur von Schirach als „Jugendführer des Deutschen Reiches“ künftig an der Spitze aller Verbände der männlichen und weiblichen Jugend sowie der Jugendorganisationen von Erwachsenen-Verbänden steht.

„Gleichschaltung“

17. Juni: Der Bayerische Landesverband für Vogelzucht und -schutz e.V. sowie die Weltbundesgruppe für Vogelzucht vollzogen „die Gleichschaltung und nehmen einstimmig eine diesbezügliche Entschließung an“. Zwei Tage später hielt die Zwangsinnung für das Tapezierer-, Polsterer-, Dekorations- und Linoleumgewerbe hält im Kreuzbräusaal ihre erste Innungsversammlung nach der „Gleichschaltung“ ab.

Beamten sind Auslandsreisen untersagt

20. Juni: „Auslandsreisen der bayerischen Beamten bedürfen in Zukunft der Genehmigung der vorgesetzten Dienststelle. Die Staatsbeamten sollen dadurch, dass sie ihren Erholungsurlaub in Deutschland verbringen, zur Hebung des Fremdenverkehrs beitragen.“

NS-Frauenpolitik

20. Juni: „Auf einer Kundgebung der NS-Frauenschaft führt Kultusminister Schemm u.a. aus, Frauen sollten nicht Berufe in Anspruch nehmen, „die dem Wesen des Mannes entsprächen. Was dem Wesen der Frau entspricht, werde ihr zugebilligt, aus der Erkenntnis heraus, dass die Frau große ethische, politische, wirtschaftliche und kulturelle Aufgaben zu vollbringen hat. Das ureigenste Frauentum sei aber immer im Muttertum verankert. Die Mutter müsse wieder ihren Kindern zurückgegeben werden.“

Grabstätten der Revolutionäre werden beseitigt

22. Juni: Der städtische Hauptausschuss fasst einstimmig den Beschluss, „der wohl in allen Kreisen der Bevölkerung völlige Zustimmung finden wird, nämlich die sofortige Entfernung von Grabdenkmälern der Revolutionsmacher von 1919, Kurt Eisner und Gustav Landauer, aus den christlichen Friedhöfen.“

Katholische Feldgeistliche bekennen sich zu Hitler

5. Juli: „Die Vereinigung ehemaliger bayerischer katholischer Feldgeistlicher hielt in München ihre Jahresversammlung ab. Polizeioberpfarrer Schneider erklärte, wenn heute der Frontsoldat wieder an der Spitze des Staates marschiere, so marschiere auch der Frontgeistliche mit ihm. Der katholische Geistliche sei durch seine politische Tätigkeit in der Vergangenheit in Mißkredit gekommen. Jeder Katholik müsse jedoch selbstverständlich national und christlich sein. Die Versammlung, die ein Bekenntnis zum Führer Adolf Hitler darstellte, genehmigte die Änderung des Vereinsnamens in ‚Vereinigung katholischer geistlicher Kriegsteilnehmer‘.“

"Gleichschaltung" der Theaterbesucher

25. Juli: „Die bisherigen Theaterbesucher-Organisationen Kampfbund Bühne, Theatergemeinde und Volksbühne werden zu einer einzigen Organisation verschmolzen, die den Namen ‚Deutsche Bühne München‘ führt.“

NS-Stadtrat 1933  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
Erste Sitzung des nur mehr mit Nationalsozialisten besetzten Münchner Stadtrats.
© Stadtarchiv - Fotosammlung

Festakt des NS-Stadtrats

25. Juli: „Die nationalsozialistische Stadtratsfraktion feierte im Rathaus die Übernahme der alleinigen Macht im Stadtrat mit einem Festakt im geschmückten Großen Sitzungssaal, dem Vertreter der Staatsregierung, des Polizeipräsidiums, der Reichswehr, des evangelischen Landeskirchenrats u.v.a. beiwohnten. Oberbürgermeister Fiehler, der die 17 neuen Stadtratsmitglieder verpflichtete, rühmte München als die Heimat Hitlers und das Herz der nationalsozialistischen Bewegung. Der Kampf um die Macht sei beendet, jetzt habe die Aufbauarbeit zu beginnen.“Italienische Jungfaschisten besuchen München

Italienische Fashisten besuchen München.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
Italienische Jungfaschisten besuchen München.
© Stadtarchiv München - Fotosammlung

Italienische Jungfaschisten besuchen München

26. Juli: „Im Hauptbahnhof treffen 411 Jungfaschisten aus Italien ein [...]. Unter Führung eines Musikzuges marschieren die Gäste zur Residenz. Im Ballsaal findet [...] ein feierlicher Empfang statt, bei dem nach den Begrüßungsworten des Botschafters Cerutti Adolf Hitler zu den Gästen spricht. [...] Sodann begeben sich die Jungfaschisten zur Besichtigung ins Braune Haus.“


Willfähriger Rundfunk

1. August: „Der neue Leiter des gesamten Deutschen Rundfunks Eugen Kadamovsky nimmt in einer Pressebesprechung [...] zu den grundlegenden Aufgaben des Deutschen Rundfunks Stellung. Er rügt die bis dahin wirksame Überorganisation und die übertriebene Spezialisierung der Programme, sodann die von den marxistisch jüdischen Elementen unterstützte Pfründen- und Bonzenwirtschaft. Eine Säuberung des Rundfunks soll bis 1. September vollzogen sein.“

Bombenattrappe vor dem Tor zum Hofgarten.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv - Fotosammlung

Luftschutzübung - Probe für den Kriegsfall

Am 5. August „wurde vom Abschnitt Hochland des Reichsluftschutzbundes eine groß angelegte Luftschutzübung durchgeführt, um der gesamten Bevölkerung der Stadt die Gefahren eines Luftangriffes vor Augen zu führen und ihr damit die Bedeutung der Luftschutzbewegung eindringlich klar zu machen. Die Veranstaltung fand denn auch das größte Interesse der Bevölkerung. [...] Der Luftangriff erfolgte in der Weise, daß die „feindlichen“ Flugzeuge die Stadt mit insgesamt 8.000 Papierbomben [...] bewarfen. Zur Warnung heulten auf dem Karlsplatz und Marienplatz 3 Minuten lang Sirenen.“

Vorrang für Männer

7. August: „Der Stadtrat, der eine Prüfung der wirtschaftlichen Verhältnisse der verheirateten städtischen Beamtinnen durchführte, hat daraufhin 84 Beamtinnen entlassen. Es handelte sich um solche, die im Bürodienst tätig waren – diese werden durch männliche Arbeitskräfte ersetzt – und um Beamtinnen, die als Lehrkräfte, Kindergärtnerinnen, Wohlfahrtspflegerinnen usw. Dienst taten, wofür geeignete andere weibliche Beamte berufen werden.“

Hoegners Mobiliar beschlagnahmt

Am 8. August berichtet die Chronik: „Der vormalige sozialdemokratische Abgeordnete Landgerichtsrat Dr. Wilhelm Hoegner ist nach dem Sieg der nationalen Revolution ins Ausland geflüchtet und hält sich nun in Innsbruck auf. Von dort aus machte er den Versuch, die Einrichtung seiner Münchner Wohnung an der Tengstraße zu verschieben. [...] Die Bayerische Politische Polizei kam jedoch noch rechtzeitig hinter diese Schiebung und beschlagnahmte die schon abfuhrbereite Wohnungseinrichtung.“
Der Jurist Wilhelm Hoegner war 1920 Mitglied der SPD geworden. Seitdem er Mitberichterstatter im Untersuchungsausschuss über den "Hitler-Putsch" 1923 gewesen war, war er zu einem der engagiertesten Gegner der Nationalsozialisten geworden. Von 1924–1930 war er Landtagsabgeordneter, danach Reichstagsabgeordneter. Nach der „Machtergreifung“1933 wurde er aus dem Staatsdienst entlassen und floh zunächst nach Österreich, später in die Schweiz. Nach seiner Rückkehr 1945 wurde er Senatspräsident des Oberlandesgerichts München, 1945/46 bayerischer Ministerpräsident und Justizminister. Hoegner gilt als „Vater“ der 1946 geschaffenen bayerischen Verfassung.

Redakteur Fechenbach „auf der Flucht“ erschossen.

Am 8. August wurde der Schriftsteller Felix Fechenbach (geb. 1894) bei seinem Transport in ein Konzentrationslager erschossen. Nach offizieller Version befand er sich „auf der Flucht“.
Fechenbach war 1912 Mitglied der Sozialdemokratischen Partei geworden. Während der Revolutionszeit 1918/19 war er Kurt Eisners Sekretär gewesen.

Gulbransson-Ausstellung geschlossen

10. August: Der Stadtrat stimmte einem Dringlichkeitsantrag der nationalsozialistischen Stadtratsfraktion einstimmig zu, der die Schließung einer Ausstellung mit Werken des norwegischen Zeichners und Malers Olaf Gulbransson (1873–1958) in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus forderte: „Der Führer der nationalsozialistischen Fraktion wies bei der Begründung des Antrags darauf hin, daß Gulbransson Adolf Hitler auf das Unflätigste in Wort und Bild verhöhnt habe. Die SA finde es unbegreiflich, daß Gulbransson, der die SA jahrelang als Mordbestien und Idioten hingestellt habe, eine solche Ausstellung gestattet werde."
Gulbransson war seit 1902 Mitarbeiter der Münchner Satirezeitschrift „Simplicissimus“.

„Deutsche“ Speisekarten

15. August: „Die Reichspresse- und Propagandastelle des Einheitsverbandes des Deutschen Gaststättenverbandes veröffentlicht eine Mahnung, die sich gegen die Verwendung von Fremdwörtern in den Speisekarten verwendet. Mit Recht, so heißt es, wird vielfach darüber Klage geführt, daß in den Gaststätten nach wie vor zu viele Fremdwörter benutzt werden.“

Erste Maßnahmen zur Ausgrenzung jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger

16. August: Durch eine Verfügung der Gemeindeordnung wurde mit sofortiger Wirkung „Personen nichtarischer Abstammung“ der Besuch der städtischen Badeanstalten mit Ausnahme der Brause-, Wannen- und medizinischen Einzelbäder untersagt.

Lichtspieltheater-Besitzer schwören NS-Eid

Im Kleinen Festsaal der Münchner Tonhalle fand am 20. September die Vereidigung der „Verbandszelle bayerischer Lichtspieltheaterbesitzer“ statt. Der Eid lautete: „Ich gelobe hiermit, meine ganze Kraft in den Dienst des Vaterlandes zu stellen, im Geiste Adolf Hitlers zu wirken und zu schaffen und mich den Anordnungen meines Führers zu fügen.“

Hoher Besuch aus Japan

15. September: „Exzellenz Kano, der frühere Erzieher und jetzige Berater des japanischen Kaisers, hat anläßlich eines zur Zeit in München unter dem Protektorat des Reichssportführers zur Durchführung gelangenden Jiu-Kurses dem bayerischen Ministerpräsidenten Besuch gemacht und ihm dabei die besondere Freude und Anerkennung über die Verhältnisse in Deutschland, Bayern und München zum Ausdruck gebracht mit der Versicherung, daß er nachdrücklich dazu beitragen werde, die falschen Gerüchte, die im Ausland über Deutschland verbreitet werden, zurückzuweisen.“

Grundsteinlegung zum „Haus der Deutschen Kunst“, 15. Oktober 1933.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
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Grundsteinlegung für das „Haus der Deutschen Kunst“

Am 15. Oktober legte Adolf Hitler den Grundstein zum „Haus der Deutschen Kunst“, das den 1931 abgebrannten Glaspalast ersetzen sollte. Das Ereignis war Anlass für verschiedene Ehrungen: Die Akademie der Bildenden Künste verlieh dem Reichskanzler „für Verdienste um die Kunst“ die Goldene Ehrenmedaille und ernannte den Architekten des Gebäudes, Paul Ludwig Troost, zu ihrem Ehrenmitglied.

Günstige Angebote

22. Oktober: „Die Bürstenfabrik Pensberger & Co AG kündigte den Ausverkauf ihrer Bestände an. Das im Jahr 1873 gegründete und „Weltruf genießende Unternehmen sah sich durch die wirtschaftlichen Verhältnisse [...] gezwungen, die Fabrikation einzustellen. „Der Einwohnerschaft Münchens bietet sich die sehr günstige Gelegenheit, gute Toilettenbürsten, Garnituren, Wandbretter mit Bürsten u. dergl. zu außerordentlich vorteilhaften Preisen für das kommende Weihnachtsfest zu kaufen.“

Ein Denkmal für die „Befreier Münchens 1919“

Auf Einladung von Oberbürgermeister Fiehler versammelten sich am 27. Oktober Vertreter der Wirtschaft, der Kunst, der Presse u.a., um „einem Beschluss des Stadtrats auf Bildung eines Arbeitsausschusses für die Errichtung eines Denkmals für die Befreier Münchens von den kommunistischen Horden nachzukommen.“
Das Denkmal sollte an die Beendigung der kommunistischen Räterepublik durch Freikorps-Gruppen und die Reichswehr erinnern. In Giesing, wo besonders heftige Kämpfe getobt und die "Befreier" sogar teilweise zurückgeschlagen worden waren (was als "Schmach von Giesing" ins Gedächtnis der Nationalsozialisten einging) sollte ein demonstratives Zeichen des Sieges im Jahr 1919 gesetzt werden. Das von Ferdinand Liebermann gestaltete Freikorps-Denkmal wurde vor der Schule an der Ichostraße in Giesing aufgestellt. Es wurde am 3. Mai 1942 eingeweiht, dem 23. Jahrestag der Kämpfe in Giesing. Das Denkmal zeigte einen 10 m hohen nackten Mann, der mit bloßen Händen eine Schlange erwürgt. Auf Anordnung der amerikanischen Militärregierung wurde es entfernt. Heute befindet sich an der Mauer eine abstrakte Skulptur.

Fugger-Bibliothek kommt unter den Hammer

6. November: „Im Auktionsgeschäft Karl und Faber gelangt die 450 Nummern umfassende Büchersammlung des Augsburger Patriziers Markus Fugger, eine der wertvollsten deutschen Bibliotheken aus dem 15./16. Jahrhundert, zur Versteigerung. Das Ergebnis der Auktion, an der sich viele Vertreter ausländischer Buchantiquariate beteiligen, beträgt über 160.000 Mark.“

Feierliche Wiedereröffnung der erweiterten Schwanthalerstraße.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
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Verbreiterung der Schwanthalerstraße

15. November: „Die Übergabe des nach großzügigen Verkehrsgesichtspunkten neu erbauten Teiles der Schwanthalerstraße gestaltete sich in Anwesenheit von Vertetern städtischer und staatlicher Behörden sowie einer großen Zuschauermenge zu einem festlichen Ereignis. Staatsminister Adolf Wagner übergab nach einleitenden Worten des Oberbürgermeisters Fiehler die neue Straße dem öffentlichen Verkehr. In seiner Ansprache verwies er darauf, daß man früher um solche Projekte deshalb jahrelang gestritten habe, weil die Persönlichkeit fehlte, die seinerzeit den Streit durch ein Machtwort beendete. Die Nationalsozialisten stritten nicht untereinander, sondern arbeiteten und deshalb gelängen ihnen auch die übernommenen Aufgaben.“

Geistliche berichten über Greuel im Konzentrationslager Dachau

29. November: Nachdem katholische Geistliche aus München über Greueltaten im KZ Dachau berichtet hatten und festgenommen worden waren, teilte die Bayerische Politische Polizei mit, die Berichte seien „offenbar in der Absicht, Empörung und Unruhe zu erregen“, verbreitet worden. Weiter hieß es, die „Bayerische Politische Polizei habe in Verfolgung ihrer Bestrebungen, den durch den Abschluß des Konkordats angestrebten Religionsfrieden zu wahren, die notwendigen Erhebungen durchgeführt, in deren Verlauf mehrere Geistliche festgenommen worden seien.“

„Gleichschaltung“ der bayerischen Richter

Am 3. Dezember beschloss der Bayerische Richterbund seine Auflösung und die Überführung seiner etwa 1.600 Mitglieder in den Bund Nationalsozialistischer Deutscher Juristen (BNSDJ).

Weihnachtsmarkt

9. Dezember: In den Anlagen beim Sendlinger-Tor-Platz fand der Weihnachtsmarkt statt: „An Lebens- und Genußmitteln gelangen Feinkost, warme Würste, Pferdefleisch, Rauch- und Zuckerwaren, Früchtebrot und alkoholfreie Getränke zu Verkauf, ferner werden Woll-, Weiß-, Partie- und Schuhwaren, Herrenkonfektion, Hüte, Schürzen, Unterwäsche, Berufskleider, Krawatten und Spitzen zu finden sein. Besonders reich ist selbstverständlich die Auswahl an Christbaumschmuck, Holzspielwaren und sonstigen Spielwaren aller Art.“

Erste Bauarbeiten für die Reichsautobahn München-Salzburg, Ende 1933.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
Bauarbeiten an der Reichsautobahn München-Salzburg
© Stadtarchiv - Fotosammlung

Bau der Reichsautobahn München-Salzburg beginnt

Am 11. Dezember berichtete der Chronist, der Bau der Reichsautobahn München-Salzburg sei „in aller Stille“ begonnen worden. „Schon seit einigen Wochen sind umfangreiche Erd- und Forstarbeiten in der Nähe Münchens im Gange. Hunderte von Arbeitern sind bereits beschäftigt. [...] Man rechnet mit einer Gesamtbauzeit bis zu drei Jahren.“

Prinzregentenstadion eröffnet

Zur Eröffnung des neu erbauten Eisstadions an der Prinzregentenstraße am 16. Dezember fanden sich fast 2.500 Menschen ein. Direktor Behr vom Stadtamt für Leibesübungen übermittelt den Glückwunsch der Stadt für den Bau des Stadions und schließt mit einem „Sieg Heil auf den Förderer desselben, unseren Volkskanzler Adolf Hitler.“ Aus Anlass der Eröffnung fanden „sportliche Vorführungen“ statt.

Volkskunst aus dem Erzgebirge

17. Dezember: „Im Weißen Saal des alten Polizeigebäudes wird in Anwesenheit zahlreicher Ehrengäste die Wanderausstellung 'Erzgebirgische Volkskunst' eröffnet. Der Leiter der Ausstellung M. Kirbach legt den kulturellen und wirtschaftlichen Zweck der Ausstellung dar, in der Spielwaren, Erzeugnisse der Heimindustrie im Notstandsgebiet des Sächsischen Erzgebirges und erzgebirgische Klöppelspitzen gezeigt werden. Mittelpunkt der Ausstellung, die für die darniederliegende Heimindustrie werben will, ist der Erzgebirgische Weihnachtsberg, eine Wunderschau schlichter Holzschnitzerkunst, an welcher ein Menschenalter gearbeitet worden ist.

Weihnachtsfeier der „Hitler-Jugend“

Am 23. Dezember veranstaltete die Gauleitung München-Oberbayern der NSDAP eine Reihe öffentlicher Weihnachtsfeiern an den in den Straßen und Plätzen der Stadt aufgestellten Weihnachtsbäumen. An diesen Feiern nahm die gesamte „Hitler-Jugend“ Münchens mit ihren Spielmannszügen teil, ferner die Musikkapellen der "SA" und "SS", der Polizei und der Angestellten der Städtischen Straßenbahnen. „Im Scheine der Lichter und Fackeln sprachen vor den Fahnen der Deutschen Freiheitsbewegung Redner des Gaues über den Sinn des Deutschen Weihnachten.“

Abbildungen zur Stadtchronik 1933