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Stadtchronik 1935


Bemerkenswertes, Kurioses und Alltägliches

Die ideologische und politische „Gleichschaltung“ wirkte sich schon unmittelbar nach der nationalsozialistischen Machtübernahme auch auf die Münchner Stadtchronik aus: Ihre Einträge orientierten sich nun inhaltlich und thematisch an der Tagespresse, die schon bald nur noch im Sinne der Nationalsozialisten berichtete. Zunehmend übernahm der Chronist die Rhetorik der NS-Propaganda. Ereignisse und Personen, die nicht in das gängige Propagandamuster passten, fanden somit keine Berücksichtigung in der Chronik. Aus heutiger Sicht sagen diese "Leerstellen" in der Chronik daher mindestens genauso viel über den Ungeist der Zeit aus wie die "gleichgeschalteten" Chronik-Einträge.

Hinweis: Für die "Stadtchronik im Internet" werden in der originalen Chronik fehlende, aber historisch wichtige Ereignisse ergänzt. Sie sind - ebenso wie erläuternde Erklärungen - in "Kursiv-Schrift" kenntlich gemacht.

Stimmberechtigte Saarländerinnen und Saarländern reisten zur Abstimmung in die Heimat.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv - Fotosammlung (Foto: Nortz)

 

Saar-Abstimmung

6. Januar: Im festlich geschmückten großen Wagnersaal veranstalteten die Münchner Stimmberechtigten eine Kundgebung für die Rückkehr der Saar zum Deutschen Reich.
Saar- und Ruhrgebiet waren 1923 von Frankreich besetzt worden. Am 13. Januar 1935 wurde im Saargebiet über die Rückkehr „zum deutschen Vaterland“ abgestimmt. 90,5 Prozent der Wahlberechtigten wollten wieder „heim ins Reich“.

  

Widerstand gegen die Partei

18. Januar: Die Politische Polizei nahm einen Hausbesitzer wegen unsozialen Verhaltens in Schutzhaft. Er hatte sich geweigert, Erwerbslose und Kinderreiche in sein Haus aufzunehmen und Parteigenossen „mit außergewöhnlichen Schikanen bedacht.“

  

Kölner Jecken zu Besuch in München

19. Januar: „Der Besuch der Kölner Karnevalsgesellschaften in München gestaltete sich zu einem ganz großen Erlebnis. Hunderte und aber Hunderte Münchner fanden sich am Münchner Hauptbahnhof ein, um die ankommenden Gäste zu begrüßen. U.a. waren vertreten die große Kölner Karnevalsgesellschaft, die Prinzengarde, die Funken-Infanterie 'Rut Wies', die Ehrengarde der Stadt Köln, die Kölner Narrenzunft, die Fidelen Altstädter, die Funken-Artillerie 'Blau Wies' und seiner Tollität 'Luftflotte'. Im Fürstensalon hieß Oberbürgerrmeister Fiehler die Gäste herzlich willkommen, dann wurden die Kölner von der Narrhalla im festlichen Aufzug in ihre Standquartiere geleitet.“ Am folgenden Tag hatten die Münchner Gelegenheit, „eine ähnze Kölner Karnevalssitzung mit ihrem Raketenfeuer von sprühendem Witz und schlagfertigem Humor zu erleben“.

  

Flugpionier Junker gestorben

Am 3. Februar starb in Gauting 76-jährig Prof. Hugo Junkers. Junkers war der bedeutendste Industrielle des deutschen Verkehrsflugzeug- und Flugmotorenbaus seiner Epoche und einer der wegweisenden Luftfahrt-Pioniere weltweit.

  

Einer der letzten Kammmacher gestorben

20. Februar: „Kammmacher-Meister August Häuslein ist im Alter von 93 Jahren gestorben. Er war einer der letzten seiner Profession in Deutschland und der letzte in München.“ 1870 hatte er sein Geschäft gegründet, 1921 war er in den Ruhestand gegangen.

Ehemaliger Bürgermeister Küfner gestorben

24. Februar: „Kaum ein Jahr nach seinem Ausscheiden aus dem Amte als rechtskundiger 2. Bürgermeister der Stadt München ist Geheimrat Dr. Hans Küfner gestorben.“ Der 1871 bei Bayreuth Geborene hatte Jura studiert und sich dann der Verwaltungslaufbahn zugewandt. 1918 war er als Bürgermeister nach München berufen worden. Eine ausführliche Biografie Küfners findet sich in der 2008 erschienenen Publikation „Die Münchner Oberbürgermeister. 200 Jahre gelebte Stadtgeschichte".

Ball der Stadt München im Deutschen Theater, 1. März 1935  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv - Fotosammlung (Foto: Götz)

Ein Höhepunkt des Münchner Faschings

1. März: „Im Deutschen Theater fand der Ball der Stadt München statt, der „die Krone der großen Feste dieses Faschings und darüber hinaus seinem ganzen Charakter und seinen Ausmaßen nach ein einzigartiges Fest ist.“ Für die barocke Ausgestaltung des Theater war der Bildhauer Wackerle verantwortlich. Unter den Ehrengästen befand sich zahlreiche NS-Politprominenz, u.a. waren anwesend Reichsminister Göring, Reichsstatthalter Ritter von Epp, Ministerpräsident Siebert.

NS-Verleger Lehmann gestorben

Am 24. März starb 70-jährig der Verlagsbuchhändler Julius Friedrich Lehmann, der sich schon früh auf medizinische, naturwissenschaftliche Themen spezialisiert hatte. Ab 1933 verlegte er vorrangig völkisch-nationale und rassenkundliche Publikationen sowie zahlreiches nationalsozialistisches Schrifttum und wurde so zum bevorzugten Verleger der Nationalsozialisten.

Eine neue Gemeindeordnung

1. April: Im gesamten Reich trat die deutsche Gemeindeordnung in Kraft. Diese hatte u.a. zur Folge, dass verschiedene Änderungen in Amtsbezeichnungen eintraten. Der bisherige „Stadtrat München“ hieß ab sofort „Gemeinderat“, seine Mitglieder wurden als „Gemeinderäte“ bezeichnet. Bei der Amtsbezeichnung des Oberbürgermeisters entfiel der Zusatz „1. Bürgermeister“. Die berufsmäßigen Stadträte wurden zu „Beigeordneten“ im Sinne der deutschen Gemeindeordnung. Die Bezeichnung „Ratsherr“ trat erst für die bis spätestens 1. Oktober 1935 zu ernennenden Gemeinderäte in Kraft. Die erste ordentliche „Sitzung der Gemeinderäte Münchens (bisher Stadtratsvollversammlung)“ nach Inkrafttreten der deutschen Gemeindeordnung fand am 2. April statt.

Münchner Bach-Fest

Anlässlich des 250. Geburtstags des Komponisten Johann Sebastian Bach fand in München vom 4. bis 18. April 1935 ein großes Bach-Fest statt. „In acht großen Veranstaltungen, bei denen die bedeutendsten orchestralen und chorischen Ensembles der Stadt, das Staatsorchester und die Philharmoniker, der Chor des Lehrergesangvereins, der Philharmonische Chor und der Domchor [...] unter Leitung von Hans Knappertsbusch, Siegmund von Hausegger, Ludwig Berberich, Christian Döbereiner, Adolf Mennerich, Karl Marx und Ernst Riemann zusammenwirkten, wurde eine Anzahl der wertvollsten Werke des Thomas-Kantors aufgeführt.“

Filmpremiere

5. April: In Anwesenheit zahlreicher Prominenz der NSDAP, des Staates und der Stadt, der Wehrmacht und der Landespolizei wurde der von Leni Riefenstahl gedrehte Film „Triumph des Willens“, der den Reichsparteitag der NSDAP 1934 in Nürnberg dokumentiert, im Münchner Ufa-Palast erstmals aufgeführt.
Der Streifen zeigt die Paraden und Aufzüge sowie zahlreiche Redner-Auftritte des NSDAP-Parteitags 1934. Mit bewegten Kameras, Teleobjektiven, durch Laufaufnahmen, schnelle Schnitte, raffinierte Bildmontagen und suggestive Musik gelang es Leni Reifenstahl einen Film zu schaffen, der – unabhängig von seinem zweifelhaften Inhalt – zu einem filmgeschichtlichen und ästhetischen Meilenstein wurde.

Werbung für das Ei

25. April: Der Eier-Verwertungsverband hatte anlässlich der Werbewoche für das Ei einen Schaufenster-Wettbewerb organisiert. Zugleich wollte man sich ein Bild über das Feilbieten der Ware innerhalb der Läden machen. „Die Güte der Ware wie die Aufbewahrung war befriedigend, die Preise zeigten nur geringe Schwankungen. Die Auslagen waren mit viel Mühen und Verständnis auf das Ei abgestimmt.“ 1. Preisträger des Wettbewerbs wurde ein Geschäft in der Glückstraße.

Festschmuck für die Feiern zum 1. Mai 1935 am Max-Joseph-Platz.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv - Fotosammlung

Tag der Arbeit 1935

1. Mai: „Über Nacht hat sich die Hauptstadt der Bewegung in ein einziges grünes Gewand gekleidet . Von Haus zu Haus spannen sich die kilometerlangen grünen Wimpel, die sich an den Plätzen zu einer Art Triumphbogen vereinigen. [...] Geschäft auf Geschäft hat mit voller Liebe und Nachsinnen die Schaufenster zum Ehrentag der Arbeit geschmückt. Die Autos tragen Blumenschmuck, die Straßenbahnwagen zieren vorne grüne Girlanden und Plakate weisen auf die Bedeutung des Tages hin und jeder schaffende Münchner trägt die Plakette des 1. Mai.“

Japanisch-deutsche Freundschaftsbekundung

Das Japanische Generalkonsulat in München veranstaltete am 4. Mai eine Feier, bei der der Münchner "Hitler-Jugend" im Auftrag der japanischen Botschaft in Berlin zwei Fahnen der japanisch-zwischenstaatlichen Freundschaftsbewegung „Koi-Nobori“ übergeben wurden. Prof. Haushofer, Präsident der Deutschen Akademie, sprach über die japanische Jugend und ihren nationalen Feiertag. Der Redner wies dabei auf die Wesenszüge der japanischen Nation hin, „deren Schicksal Ähnlichkeit mit unserem deutschen hat“. Anschließend überreichte Generalkonsul Kommerzienrat Schüssel die beiden „Karpfen-Fahnen“; der Karpfen gilt in Japan als Symbol der Kraft und des Glücks.

Grundsteinlegung zum Neubau der Ludwigsbrücke, 27. Mai 1935.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv - Fotosammlung (Foto: Kurt Huhle)

Grundsteinlegung zur Ludwigsbrücke

27. Mai: Auf dem festlich geschmückten Bauplatz findet die Grundsteinlegung zur Äußeren Ludwigsbrücke statt. Oberbürgermeister Fiehler gibt in seiner Ansprache einen Rückblick über die verschiedenen Vorgängerbrücken. Er wies ferner auf die historische Bedeutung der Ludwigsbrücke, über „die ja bekanntlich auch am 9. November 1923 der Zug der Freiheitskämpfer unter Führung Adolf Hitlers zur Feldherrnhalle marschiert sei“. Schließlich brachte der Polier „nach alter Sitte“ Hochrufe auf den „Führer“, auf Oberbürgermeister Fiehler, die Baufirma, das Stadtbauamt und die Arbeiterschaft aus.

Ausstellung zur Zahnhygiene

6. Juni: Im Ausstellungspark findet die Eröffnung der vom Reichsverband deutscher Dentisten veranstaltete „Zahnhygienische Ausstellung 'Unsere Zähne'“ statt, die in neun Abteilungen an Modellen, Präparaten und Röntgenaufnahmen die Fortschritte der Zahnbehandlung und ihrer Technik sowie die Ausbildung der Zahnärzte behandelt. Die Schau erweist sich als Publikumsmagnet.

Wiedereröffnung des Alten Rathauses

27. Juni: Das restaurierte und umgebaute Alte Rathaus wurde mit einer Feier im Großen Saal wiedereröffnet , bei der Stadtbaurat Beblo dem Oberbürgermeister Fiehler den Goldenen Schlüssel zum Alten Rathaus überreichte. Im Zuge der Straßenregulierung hatte man die schon bestehende Durchfahrt unter dem gotischen Bau vom Tal zum Marienplatz erweitert. Dabei war es nötig gewesen, auch einen großen Teil der inneren Bausubstanz zuverändern; u.a. wurde der Aufgang zum Saal neu gestaltet. 

Lehrer-Schulung

3. Juli: Im Bürgerbräukeller fand ein Schulungstag für die Münchner Erzieherschaft statt, an dem ca. 4.000 Erzieher und Erzieherinnen teilnahmen. Vormittags gab es ein Referat über "Weltanschauung und Rasse", nachmittags stand das Thema „Grundsätze der nationalsozialistischen Weltanschauung auf dem Programm.

Närrische Kontaktpflege

4. Juli: „Die Münchner Karnevalsgesellschaft Narrhalla empfing den Besuch von Vorstandsmitgliedern der Kölner Prinzengarde, darunter Präsident Thomas Lissen. Man war sich mit den Kölner Gästen darüber einig, dass „die Beziehungen zwischen München und Köln dauernd bestehen“ sollten. Als besonderes Zeichen der Verbundenheit wurde Narrhalla Präsident Hans Sollfrank zum Ehrenpräsident der Prinzengarde und Ferdl Bauch, Präsident der Jungelfer, zum aktiven Hauptmann des Korps Prinzengarde ernannt.

 
„SA“ marschiert durch München

Am Vormittag des 7. Juli marschierten mehr als 10.000 „SA“-Männer „mit klingendem Spiel, voran die siegreichen Zeichen und Fahnen durch sämtliche Stadtteile der Hauptstadt der Bewegung. Der Marsch währt bis zum Mittag und wo die brauen Bataillone hinkommen, werden sie überall von der Bevölkerung jubelnd begrüßt“.

„Jungmädel-Appell“

10. Juli: Im Bürgerbräukeller fand ein Appell sämtlicher Münchner "Jungmädel" statt. "Gauführerin" Hilde Königsberger erklärte den „zu Tausenden erschienenen Mädeln“ die Geschichte des Ortes und schwor sie dann auf ihre Aufgabe im Sinne des Nationalsozialismus ein: „Wenn Ihr des Führers Namen tragt, verlangen wir von Euch Treue dem Vaterland gegenüber. Kein Mensch hat das Recht sich deutsch zu nennen, wenn er nicht im Volk mitkämpft, also der Gemeinschaft nützt.“

Schutzhaft wegen Preiswucher

24. Juli: Die Polizeidirektion München nahm in allen Stadtbezirken Stichproben in Metzgerläden vor. Dabei stellte sich heraus, dass dreizehn Metzger überhöhte Preise forderten. Um eine „weitere Beunruhigung der Bevölkerung zu vermeiden“, wurden diese in Schutzhaft genommen. Die "Gauleitung München" nahm den Vorfall zum Anlass darauf hinzuweisen, dass auch die Preisgestaltung in anderen Gewerben in München wie im gesamten Gaugebiet überwacht würde.

Schild an einem von behördlicher Seite geschlossenen Laden; Aufnahme aus dem Jahr 1933.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv - Fotosammlung (Foto: Kurt Huhle)

Juden sind unerwünscht

25. Juli: Der städtische Nachrichtendienst wies auf eine bereits 1933 erlassene Verordnung der Stadtverwaltung hin, wonach Juden der Zutritt zu städtischen Bädern verboten ist.

„München – Hauptstadt der Bewegung“

2. August: Adolf Hitler verlieh in einer Besprechung mit Oberbürgermeister Fiehler der Stadt München offiziell die Bezeichnung „Hauptstadt der Bewegung“. Vier Tage später hielt der Münchner Stadtrat eine Festsitzung: „Die Mitglieder des Stadtrates nahmen, fast ausnahmslos im Ehrenkleid der SA und SS mit der goldenen Amtskette, an der Feier teil. Zum Dank für die Ehre beschlossen die Stadtväter, ein großes Hallenschwimmbad, das „Nordbad“, zu bauen. Es sollte Zeugnis vom „Gemeinschaftsgeist“ geben, „der unter dem Führer das deutsche Volk im Zeichen der körperlichen Ertüchtigung des Volkes und besonders im Zeichen der Wiedergewinnung der Wehrhaftigkeit beherrscht“.

Besuch aus Übersee

4. August: Zahlreiche Mitglieder der Steuben-Gesellschaft New York, einer 1919 gegründeten Vereinigung, die sich für die Interessen der Deutsch-Amerikaner auf kulturellem Gebiet einsetzte, besuchten München. Sie wurden im Großen Sitzungssaal des Rathauses von Bürgermeister Dr. Tempel empfangen und anschließend zu einem Mittagessen in die Ratstrinkstube eingeladen.

„Auskunftsroboter“ am Bahnhofsplatz, September 1935.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv - Fotosammlung (Foto: Georg Schödl)

Automatisierte Touristen-Information

8. August: Vor dem Hauptbahnhof wurde „der erste Auskunftsrobot der Welt“ aufgestellt. Der von dem Münchner Techniker Walter Engelhardt erfundene „eiserne Kasten“ hatte auf zwei Seiten beleuchtbare Felder. Die Vorderseite trug die Aufschrift „Wohin in München?“. Sie wies insgesamt 120 Tasten auf, die beim Niederdrücken den Weg vom Standort der Tafel zu den wichtigsten Verkehrsplätzen, Gebäuden, Museen, Kirchen, Hotels, Gaststätten, Banken etc. zeigten. Die Rückseite gab Auskunft über die 48 wichtigsten bayerischen Fremdenverkehrsorte.

Ungewöhnliche Dienstjubiläen

Am 8. September feierte die ehemalige königliche Hoftänzerin Ottilie Bichler ihren 90. Geburtstag. Sie war als Zwanzigjährige 1865 in das Balettkorps des Münchner Hoftheaters eingetreten und dort bis 1891 tätig gewesen. Anschließend erhielt sie einen Vertrag als „Hausstatistin“, den sie auch 1935 noch ausübte. Ottilie Bichler konnte somit auf 70 Jahre Bühnenpräsenz verweisen. Am 30. September vollendete Max Sedelmeier aus der Winzererstraße sein 80. Lebensjahr, zugleich feierte er sein 50-jähriges Dienstjubiläum als „Dienstmann 202“. Bichler, der schon für den Maler Franz Lenbach tätig gewesen war, hatte seinen Standplatz an der Ecke Luisen-/Gabelsbergerstraße.

Oktoberfest-Festzug, 29. September  1935  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv - Fotosammlung

Festzug zum 125-jährigen Oktoberfest-Jubiläum

29. September: Am mittleren Wiesn-Sonntag fand der in vier thematische Schwerpunkte gegliederte Oktoberfest-Festzug statt. Die erste Abteilung bildete der „Jubiläums-Oktoberfest-Landesschützenzug“ mit 10.000 Teilnehmern. Daran schloss sich der aus insgesamt 26 Gruppen bestehende „Historische Aufmarsch“, der vor allem historische Pferderennen und Schützentreffen thematisierte (künstlerische Leitung: Kunstmaler Albert Reich). Die Gruppen 25 und 26 waren der „Neuen Zeit“ gewidmet: „BDM“-Mädchen bildeten die Abteilung „Jugend und Freude“ (Entwurf: Rosa Bruck), gefolgt von der vom Arbeitsdienst gestellten Abteilung „Arbeit und Scholle“, bei der „Arbeitsmänner mit Spaten“ das allegorische Bild „Unser Spaten schafft Neuland und Brot“ begleiteten. Anschließend kamen einige Brauereiwagen sowie der Festwagen der Sondergruppe „Reichsnährstand“.
Waren die Oktoberfestzüge nach dem Ersten Weltkrieg vor allem von Schützen geprägt gewesen, so fand man für den Festzug zum 125-jährigen Jubiläum des Münchner Oktoberfestes eine neue, den politischen Zeitläufen entsprechende Form. Der Zug mit dem Motto „Stolze Stadt – Fröhlich Land“ war weit weniger ein auf München bezogener Jubiläumszug, sondern vielmehr eine „großdeutsche“ Veranstaltung, bei der – gemessen an der Gesamtteilnehmerzahl – nur noch die wenigsten Gruppen lokale Bezüge boten.

„Judenfreier“ Rundfunk

10. Oktober: Der Reichsverband der deutschen Rundfunkteilnehmer hielt eine Großversammlung ab, in der auch Reichssendeleiter Hadamovsky sprach. Er betonte, dass der deutsche Rundfunk eine nationalsozialistische Einrichtung und zudem das erste Kulturgut wäre, „das völlig judenrein geworden sei“.

Bank-Jubiläum

12. Oktober: Die Bayerische Hypotheken- und Wechselbank beging ihr 100-jähriges Jubiläum mit einem Festakt im Nationaltheater. Gäste waren „der größte Teil der Gefolgschaft und die Pensionäre der Bank, insgesamt gegen 2.500 Personen“. Ein Vertreter des Reichswirtschaftsministeriums überbrachte als Jubiläumsgabe die Information, das „dem Institut die Ausgabe von 4 1/2-prozentigen Jubiläums-Reichsmark-Pfandbriefen erlaubt worden sei. Die „Hypo-Bank“, die 1835 auf Initiative König Ludwigs I. von Bayern gegründet worden war, entwickelte sich rasch zur größten Hypothekenbank in Deutschland.
1998 fusionierten die Bayerische Hypotheken- und Wechselbank und die Bayerische Vereinsbank zur Bayerischen Hypo- und Vereinsbank AG, die wiederum im Jahr 2005 vom italienischen Finanzinstitut UniCredit übernommen wurde. Um einer Verwechslungsgefahr mit der maroden Hypo Real Estate Bank zu entgehen, wurde die HypoVereinsbank 2009 in UniCredit Bank AG umbenannt. Damit war der in München so traditionsreiche Name der Hypotheken- und Wechselbank endgültig verschwunden.

Gemeinsames Eintopf-Essen

13. Oktober: „Bei dem schon herkömmlichen ersten Eintopf-Essen im Bürgerbräukeller in München, an dem sich führende Persönlichkeiten der Bewegung, Vertreter des Reichsheeres, der Reichs-, der Staats- und städtischen Behörden beteiligten, hielt Gauleiter Wagner eine Ansprache. Er eröffnete den 'Kampf im Frieden' des Winterhilfswerkes und wies darauf hin, daß der Gemeinschaftsgeist, der in diesem Werk zum Ausdruck kommen, der wirkliche Geist positiven Christentums sei. 600 Arme aus allen Teilen der Hauptstadt der Bewegung waren aus diesem Anlaß die ersten Winterhilfswerk-Gäste.“

Dringend notwendige Verkehrserziehung

21. Oktober: „Die Verkehrserziehung nimmt ihren Fortgang. Jetzt kommen die Führer von Pferdefuhrwerken, Handkarren und Tiere an die Reihe. Die Verkehrserziehung, die im Frühjahr und Sommer des Jahres durchgeführt wurde, galt bisher den Fußgängern, Radfahrern und Kraftfahrern. Während die erste Woche bei geringeren Übertretungen der Belehrung und gebührenfreien Verwarnung dient, wird in der zweiten Woche jeder Verstoß gegen die Verkehrsdisziplin gebührenpflichtig verwarnt und zur Anzeige gebracht.“ Rund 3.500 Belehrungen, Verwarnungen und Anzeigen zeigten die Notwendigkeit, Fuhrwerkslenker und Handkarrenschieber mit den Verkehrsvorschriften vertraut zu machen.

Vierfaches Bau-Fest

Am 3. November wurde das Richtfest für die beiden „Führer-Bauten“ an der heutigen Arcis- bzw. Katharina-von-Bora-Straße gefeiert. Außerdem wurden an diesem Tag die neu gebaute Ludwigsbrücke und das Haus der deutschen Ärzte ihrer Bestimmung übergeben. Als viertes Ereignis stand die Einweihung des neuen Stadtparks am Alten Botanischen Garten im städtischen Terminkalender; das Areal war nach dem Brand des Glaspalasts im Jahr 1931 für eine neue Nutzung frei geworden.

Die sog. "Ehrentempel" am Königsplatz, im Hintergrund der Verwaltungsbau der NSDAP.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv - Fotosammlung (Foto: Kurt Huhle)

Gedenken an die „Alten Kämpfer“

Ab 1933 gedachten die Nationalsozialisten alljährlich am 9. November des faktisch misslungenen Putsches von 1923, der von ihnen mittlerweile zum Sieg und zum bedeutungsvollstem Tag der „Bewegung“ uminterpretiert worden war. Um die „Kampfzeit“ zu mythologisieren, hatte man ein quasi-religiöses Gedenkzeremoniell für die „Blutzeugen der Bewegung“ entwickelt.
Im Schweigemarsch zogen die „Alten Kämpfer“, in ihrer Mitte Adolf Hitler, mit der „Blutfahne“ vom Bürgerbräukeller zum Odeonsplatz. 1935 wurden die 16 Toten von 1923 in die „Ehrentempel“ am Königsplatz umgebettet, um dort „Ewige Wache“ zu beziehen. Der jährliche Gedenkmarsch vom Bürgerbräukeller zum Odeonsplatz wurde nun bis dorthin verlängert. Die Veranstaltung endete mit dem „Letzten Appell“, bei dem der „Führer“ die Namen der Toten einzeln aufrief und Tausende von Anwesenden einstimmig „Hier“ antworteten.
Das in dieser Form bis 1939 abgehaltene Ritual war nicht nur die bedeutsamste Totengedenkfeier des Reiches, sondern – wie Filmaufnahmen beweisen – zugleich eine Machtdemonstration mit großer Suggestivkraft auf die Anwesenden.

Rückkehr zur 48-Stunden-Woche

Mit Wirkung vom 11. November führten die Münchner Ratsherren in den städtischen Betrieben die 48-Stunden-Woche an Stelle der 42-Stunden-Woche ein, die im Februar 1932 wegen der Wirtschaftskrise beschlossen worden war. Die Arbeitszeitverkürzung hatte Entlassungen verhindern sollen, bedeutete jedoch massive Lohneinbußen. „Durch die Einführung der 48-Stunden-Woche erhöht sich das Einkommen eines städtischen Arbeiters monatlich um durchschnittlich 10 bis 14 Mark brutto und 7 bis 10 Mark netto. Dieses Mehreinkommen trägt seinerseits viel zur Stärkung der Kaufkraft bei und kommt in vollem Ausmaße der freien Wirtschaft zugute.“

Musik-Förderer Franz Kaim gestorben

17. November: Im Alter von 80 Jahren starb in Kempten Hofrat Franz Kaim: „Er hatte sich um das Münchner Musikleben die größten Verdienste erworben. Mit kühnem Wagemut ließ er 1893 von Architekt Martin Dülfer die 'Kaimsäle' (spätere 'Tonhalle') erbauen.“ Der Verstorbene hatte auch das 'Kaim-Orchester' und den 'Kaim-Chor' gegründet, Ensembles, die sich sowohl klassische Musik als auch zeitgenössische Kompositionen zur Aufführung brachten. Kaim war der Sohn eines Klavierfabrikanten. Er hatte Philosophie und Musik studiert und war anschließend als Dozent an der Stuttgarter Musikhochschule tätig. Nach München war er zunächst als Vertreter der väterlichen Fabrik gekommen.

Wertschätzung der deutschen Arbeiterschaft

7. Dezember: Der „Reichsleiter der Deutschen Arbeitsfront“, Dr. Robert Ley, besichtigte einige städtische Münchner Großbetriebe, nämlich das Gaswerk, die Betriebswerkstätten der Wasserversorgung und das Kraftwerk an der Isartalstraße. In einer Ansprache betonte Oberbürgermeister Fiehler die Verbundenheit der Stadt und ihrer Arbeiterschaft. Ley seinerseits gab seiner Befriedigung über das Gesehene Ausdruck und wies darauf hin, daß „das beste und wertvollste Kapital in den Betrieben der arbeitsame und schlichte deutsche Mensch“ sei.

Einweihung der verbreiterten Donnersberger Brücke, 18. Dezember 1935.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München – Fotosammlung: NSF-01637

Eröffnung neuer Straßenbauwerke

18. Dezember: Zwei für den zunehmenden Straßenverkehr Münchens wichtige Bauwerke wurden der Öffentlichkeit übergeben – die Heimeran-Unterführung und die Donnersbergerbrücke.

NS-Weihnachtsfeier

24. Dezember: „Reichskanzler Adolf Hitler lud zur Feier des Heiligen Abends rund 1.200 der ältesten SA- und SS-Männer zum gemeinsamen Mittagessen und zur Weihnachtsbescherung in das Hotel Wagner. Minister Wagner legte im Namen der Alten Kämpfer ein Treue-Gelöbnis ab.“

Abbildungen zur Stadtchronik 1935