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Münchner Kindl mit Schriftzug Landeshauptstadt München Landeshauptstadt München

Stadtchronik 1957


Bemerkenswertes, Kurioses und Alltägliches

"Kleinschreibkünstler" gestorben

9. Januar: "In einem Münchner Krankenhaus ist im Alter von 65 Jahren der Kleinschreibkünstler und Inhaber des Weltrekords im Kleinschreiben, Valentin Kaufmann, gestorben. Ungewöhnlich hohe Summen wurden ihm für seine Bücher in Kirschkerngröße geboten. Das kleinste Werk hat 120 Seiten mit ungefähr 10.000 Wörtern und eine Schriftfläche von nur 2 x 3 mm."

Protestanten in München

10. Januar: " 'Ich glaube nichtsdestoweniger!' ist der umfangreiche Jahresbericht überschrieben, den Bischof Dekan Dr. Theodor Heckel zu Beginn des neuen Jahres über die Entwicklung der evangelisch-lutherischen Gesamtkirchengemeinde München gibt. Ernste Probleme bringe die Seelsorge in der Großstadt. Dazu komme, dass die Zahl der Siedlungen und der Neuhinzuziehenden fortgesetzt wächst. Rund 220.000 evangelische Bürger leben in und um München. Allein in den letzten sechs Jahren ist die evangelische Gesamtgemeinde um über 40.000 Menschen gewachsen."

Zunehmende Luftverschmutzung

12. Januar: "Rund 20 Beschwerden wegen Belästigung durch Russ, Staub und Abgase laufen täglich bei der Stadt ein. Die zunehmende Industrialisierung, die unsachgemäße Bedienung von Kohlen- und Ölöfen in den Wohnungen und die Zunahme des Kraftverkehrs lassen die Plage von Monat zu Monat schlimmer werden. Die Dunstglocke, die über München lagert, wird immer dichter, die Luft wird ungesünder, alle Wäsche verschmutzt rasch, genauso wie die frisch getünchten Hauswände."

Richtfest für Garchinger Reaktor

12. Januar: "In der Garchinger Heide wurde heute das Richtfest für den ersten Versuchs-Atomreaktor der Bundesrepublik gefeiert. Neben Bayerns Ministerpräsident Wilhelm Hoegner nahmen auch Landtagspräsident Hans Ehard, Vertreter des Atomministeriums sowie eine Reihe von Wissenschaftlern an der Feier teil. Kultusminister Rucker sprach die Hoffnung aus, ‚dass Persönlichkeiten den Reaktor befehligen werden, die sich der Größe der Verantwortung und der Gefahr, welche die Erforschung der Natur bringen kann, bewußt sind.'" Interessant ist aus heutiger Sicht der Umgang mit dem sich ergebenden Abfall des Reaktors. Am 28. Mai heißt es dazu in der Chronik: "Alle radioaktiven Abfälle, die sich bei Betrieb des Garchinger Atommeilers ergeben werden, kommen in Kisten und werden nach Amerika versandt." (Foto s. unten)

Erfolgreiche Adoptionsvermittlung

14. Januar: "169 Buben und Mädchen wurden im Jahr 1956 durch das Städtische Jugendamt an Adoptiveltern vermittelt. 244 waren angemeldet worden. Verschiedene Mütter zogen die Adoptivgenehmigung jedoch wieder zurück. Rund zehn Prozent der Kinder waren farbig, fast alle waren unter drei Jahren. In der Mehrzahl stammen die neuen Eltern aus dem Mittelstand: Kaufleute, Beamte und Handwerksmeister. 96 amerikanische und 73 deutsche Adoptiveltern wurden registriert."

Flughafen Riem im Aufwind

15. Januar: "Flughafen-Direktor Graf zu Castell ist mit seiner Jahresbilanz 1956 zufrieden. In den zwölf Monaten des vergangenen Jahres landeten auf dem Flughafen München-Riem 23.026 Maschinen, das sind um fast 77 Prozent mehr Landungen als im Jahr 1955. Ebenfalls 1956 wurden 349.571 Fluggäste (Steigerung um 29 Prozent), 3.604.958 kg Luftfracht und 775.144 kg Luftpost registriert. Mit diesen Zahlen ist München-Riem in die Reihe der wichtigsten deutschen Verkehrsflughäfen aufgerückt."

Mathäser-Bierstadt eröffnet

24. Januar: "'Auf geht's, in der Mathäser-Bierstadt', rief heute der Generaldirektor der Löwenbrauerei, Karl Meßner, allen Münchnern und Zuagroasten zu. Nach einjähriger Bauzeit konnte in der ‚Vergnügungsstadt' an der Bayerstraße das mit 1.200 Sitzplätzen größte Kino Münchens und der Weißbierkeller für 500 Gäste eröffnet werden."

Letzte Flüchtlingslager werden aufgelöst

26. Januar: "Seit 1950 ist die Zahl der Menschen, die noch in staatlichen Flüchtlingslagern leben müssen, im Stadtgebiet München von 5.882 auf 633 gesunken. Während damals noch 19 Lager bestanden, verwaltet die Stadt München heute nur mehr vier. [...] Bis zum Jahresende sollen auch die restlichen Flüchtlingslager innerhalb Münchens aufgelöst sein.

Fasching 1957.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Fotosammlung (Foto: Fischer)

Rauschendes Faschingsfest

30. Januar: "Das Haus der Kunst mit seinen bizarr, hitzig bunt und skurril phantastisch dekorierten Räumen drohte aus den Nähten zu platzen beim Schwabinger Modellball mit der Mitternachtsparade der Malermodelle. Unzählbar waren die Masken und Kostüme, heiss und ungeheuer ausdauernd in einer durch Stunden nicht nachlassenden scharf und schärfer rhythmischen Lärmproduktion heizten die Kapellen Ernst Jäger und Max Greger dem Volk gewaltig ein."



Krankenhauskost für Schweine

31. Januar: "Einen originellen Sparvorschlag machte Krankenhausreferent Stadtrat Dr. Hamm. Zur Verwertung der vielen Küchenabfälle werden die Krankenhäuser bei den städtischen Gütern gemeinsam Schweine halten. Durch diese Schweinezucht können im Jahr 40.000 DM erzielt werden, die dann wieder zur Verbesserung der Kost in den Krankenhäusern verwendet werden. Der Vorschlag wurde einstimmig gebilligt."



Sorge um schwierige Jugendliche

9. Februar: "Die Jugend soll von der Straße weg in Jugendheime und auf Sportplätze. Bei der ersten Sitzung des neugegründeten Jugendwohlfahrtsausschusses der Stadt wurden Hilfsmaßnahmen für die Großstadtjugend besprochen. Aufsehen erregend ist die Denkschrift, die der Leiter des Stadtjugendamtes, Direktor Seelmann, über ‚Das Halbstarkenproblem in München' ausgearbeitet hat. Bei einer Zusammenfassung kommt Seelmann zu dem Ergebnis: ‚Die heutige Jugend ist nicht daran schuld, dass sie so geworden ist.' Der Pädagoge zeigt dann in vielen Einzelpunkten den Weg auf, wie man der Jugend näherkommen kann. ‚Mit dem Gummiknüppel geht es nicht, nicht unnötig dramatisieren, nicht unnötig reizen', heißt es abschließend."



Ausreichende Erdgas-Vorkommen

9. Februar: "Das Bayerische Oberbergamt kommt in einem Gutachten zu dem Ergebnis, dass die Erdgasvorkommen bei Isen so ergiebig sind, dass die vertragliche Tageslieferung von 50.000 Kubikmeter Erdgas nach München innerhalb der vorgesehenen 20 Jahre garantiert werden kann. Die nutzbare Erdgasreserve wird auf Grund umfangreicher geophysikalischer Untersuchungen auf 417 Mio. Kubikmeter geschätzt. Das entspricht etwa 1,2 Mio. Kubikmetern Stadtgas."



Hertie-Mitarbeiter feiern Fasching

11. Februar: "Von den 1.000 Betriebsangehörigen des Kaufhauses Hertie hatte jeder zweite noch einen Gast oder Freund zum diesjährigen Firmenball im Deutschen Theater mitgebracht, so dass bereits um 7 Uhr fast 2.000, zum grössten Teil maskierte Gäste das Traumreich bevölkerten. Den Auftakt bildete der Einzug der Dekorateure, die als Menschenfresser verkleidet auf einem riesigen Elefanten mit Rädern hereingeschoben wurden. Dann kam die Modeabteilung des Hauses, die als Schulklasse in Matrosenanzügen verlockend anzusehen, und engagierte die ganz Kapelle Hugo Strasser vom Fleck weg. Bis um 4 Uhr wurde getanzt, geflirtet und getrunken."



Beliebter "Blauer Dunst"

12. Februar: "Kürzlich ging eine Meldung durch die deutsche Presse, nach der im Wirtschaftsjahr 1955/56 ein absoluter Rekord des Tabakverbrauches erreicht worden sei. Für 45 Milliarden Zigaretten gaben die Bewohner der Bundesrepublik 5,2 Milliarden Mark aus. [...] Insgesamt sind etwa 300 Sorten Zigaretten auf dem Markt, 40 Prozent aller verkauften Zigaretten sind heute mit Filter versehen. Früher gab es in München allein 21 Betriebe, die Zigaretten herstellten. Heute wird der Raucher nur noch von fünf großen Firmen beliefert. 300 registrierte Fachhändler sind in München ansässig."



Schlecht bezahlte staatliche Krankenpfleger

12. Februar: "Die Krankenpfleger in den staatlichen Kliniken und Krankenhäusern sind zur Zeit auf Vater Staat nicht gut zu sprechen. Einige haben ihrer Arbeitsstelle den Rücken gekehrt, andere für die nächsten Monate gekündigt. Die Stadt hat nämlich seit einiger Zeit die Tarife für ihre Krankenpfleger wesentlich erhöht und die 48-Stunden-Woche eingeführt. Der Staat dagegen verlangt von den Krankenpflegern nach wie vor, dass sie bei schlechterer Bezahlung wöchentlich 54 Stunden arbeiten."

Musterung der Wehrpflichtigen  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Fotosammlung (Foto: Rudi Dix)

Erstmals Wehrdienstverweigerer in München

14. Februar: "In diesen Wochen, in denen die Musterung für die Bundeswehr stattfindet, wird sich auch zum ersten Mal zeigen, wie die Behandlung von Wehrdienstverweigerern in der bundesdeutschen Praxis aussieht. Nach grober Schätzung stellt von jeweils 100 Wehrpflichtigen einer den Antrag auf Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer. In München rechnet man mit 20 bis 30 solchen Antragstellern. [...] Das Gesetz erlaubt die Verweigerung nur aus religiösen oder Gewissensgründen."



Ehrung für Gabriele Münter

18. Februar: "Der Malerin und Kunstpreisträgerin Gabriele Münter zu ihrem Geburtstag zu gratulieren, ist dem kunstliebenden München ein Herzensbedürfnis. Ihr verdankt die Stadt das einzigartige Geschenk der Gabriele-Münter-Stiftung, jene 120 Ölbilder, 100 Aquarelle und Zeichnungen und Skizzenbücher und bisher noch ungezählte graphische Blätter Kandinskys aus den Jahren 1901-1916/21. Nicht besser konnte man daher die Jubilarin und Spenderin ehren, als ihre Stiftung vom heutigen Tag an der Öffentlichkeit zugänglich zu machen." Gabriele Münter (1877-1962), die gemeinsam mit Wassily Kandinsky, Franz Marc und Alfred Kubin die Künstlergruppe " Blauer Reiter" gegründet hatte, schenkte aus Anlass ihres 80. Geburtstag 1957 die noch in ihrem Besitz befindlichen eigenen Werke sowie die von Kandinsky und anderen Mitgliedern des "Blauen Reiter" der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in München.



Münchner Butler gesucht

2. März: "Seit 50 Jahren versorgt Johann Keidel herzögliche, freiherrliche und hochherrschaftliche Häuser aller Art mit perfekten Kammerdiener. Absolventen seiner Schule, die im Kofferpacken, Putzen, Dienern und Servieren mustergültig sind, gehen weg wie warme Semmeln. Prinzen reißen sich um Keidels Nachwuchs-Diener, Fürsten stehen sozusagen bei ihm an. Jüngst hat der englische Gesandte seinem Gefolge einen Keidel-Lehrling einverleibt."



Faschingsbilanz

6. März: "Die Wirte sind mit dem finanziellen Ergebnis der närrischen Zeit äußerst zufrieden. Ganz allgemein wurde mehr gegessen und getrunken als in den vergangenen Jahren, und am meisten waren nicht die billigsten Weine, sondern die mittleren Preislagen gefragt, pro Flasche 8 bis 10 Mark. Es wurden insgesamt rund 70.000 Flaschen Sekt, 150.000 Flaschen Wein, 120.000 Maß Bier und eine astronomische Zahl von Weißwürsten vertilgt."



Vorarbeiten zur Landesgartenschau

20. März: "Im Ausstellungspark beginnen die Gärtner mit den Vorbereitungen für die große Landesgartenschau, die größte ihrer Art sei 30 Jahren in München. Der ganze Ausstellungspark wird in eine Blumen- und Blütenparadies verwandelt. Zur feierlichen Eröffnung der Schau am 19. Juli werden neben den Vertretern der Staatsregierung auch die ausländischen Konsulate in München eingeladen."



Keine Wohnungen mehr beschlagnahmt

21. März: 'Das Problem der beschlagnahmten Wohnungen ist mit dem heutigen Tag für München gelöst', sagte der Referent für Verteidigungslasten im Bayerischen Finanzministerium, Oberregierungsrat Mack, bei der offiziellen Übergabe von 120 Wohnungen an der Chiemgaustraße. Zu der Feier waren zahlreiche Vertreter staatlicher und städtischer Dienststellen sowie hohe Offiziere der US-Armee gekommen. Mack erinnerte daran, dass in unserer Stadt nach dem Kriege bis zu 2.000 Wohnungen beschlagnahmt waren. Von den amerikanischen Streitkräften und der Bundesregierung seien 2.298 Ersatzwohnungen gebaut worden, von denen die letzten 120 an der Chiemgau- und Traunsteiner Straße jetzt bezogen werden könnten."



Wohnungsnot

2. April: "In drei Jahren dürften die Wohnungsämter überflüssig sein, meinte Bundeswohnungsminister Preusker kürzlich. Von diesem Zeitpunkt an würden Angebot und Nachfrage den Wohnungsmarkt regeln. Im Baureferat der Stadt München und an den Schaltern des Wohnungsamtes, vor denen täglich 1.000 bis 2.000 Männer und Frauen nach einer Wohnung fragen, ist man nicht so optimistisch. Immerhin sind dort augenblicklich 77.000 Wohnungssuchende vorgemerkt."



Münchner Auswanderer

8. April: "In diesen Tagen traten wieder einige hundert Münchner Bürger eine Fahrt ins Unbekannte an. Betreut von der australischen Botschaft und zwei großen Reisebüros wanderten sie nach Australien und Kanada aus, um eine neue Heimat zu finden. Neben den Vereinigten Staaten sind diese beiden Länder zur Zeit die Hauptanziehungspunkte für Auswanderer. Der Känguruh-Kontinent und das Land der Getreidefelder und ewigen Wälder bieten die günstigsten Einwanderungsbedingungen und gleichzeitig die besten Berufsaussichten."

Zirkus Krone - Werbepostkarte.   Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Fotosammlung

Zirkusprinzipalin beigesetzt

10. April: "An der Seite ihres Mannes, der schon 1943 gestorben ist, wurde Ida Krone, die Seniorchefin des Circus Krone, in der Familiengruft im Waldfriedhof beigesetzt. Ein schier unübersehbares Trauergefolge gab der Verstorbenen das letzte Geleit." 1902 hatte Carl Krone seine Jugendliebe Ida Ahlers (geb. 1879) geheiratet, die ebenfalls aus einer Schaustellerfamilie stammte. Als sie 1904 von ihrem Mann die Dressur der Löwen übernahm, wurde sie bald zur Haupt-Attraktion des jungen Circus-Unternehmens. Als "Miss Charles" präsentierte sie 24 ausgewachsene Berberlöwen. 1915 kam als einziges Kind des Paares die Tochter Frieda zur Welt.

Architekt und Kunstgewerbler Richard Riemerschmid gestorben

14. April: "Im Alter von 88 Jahren ist [...] der Münchner Architekt, Maler und Kunstgewerbler Professor Richard Riemerschmid gestorben. Er darf mit Bruno Paul und Wilhelm Obrist als Schöpfer des deutschen Jugendstils gelten." Richard Riemerschmid (1868-1957), dessen berufliche Laufbahn als Maler begann, wurde 1898, beeinflusst von der englischen Arts and Crafts-Bewegung, Mitbegründer der Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk in München und gestaltet seine ersten Inneneinrichtungen. 1902 war er Mitbegründer der Deutschen Gartenstadtgesellschaft und 1907 des Deutschen Werkbundes. Von 1907 bis 1913 leitet er die Gesamtplanung der ersten deutschen Gartenstadt in Hellerau bei Dresden. Ab 1913 war Riemerschmid Direktor der Kunstgewerbeschule in München, von 1926 bis 1931 Leiter der Kölner Werkschulen. Galt Riemerschmids Interesse als Maler dem Spätimpressionismus und dem Pointilismus, so ist er als Innenausstatter, Möbeldesigner und Architekt einer der wichtigsten Vertreter des deutschen Jugendstils. Mit seinen Möbeln und Inneneinrichtungen aus der Jugendstilzeit ebenso wie mit seinen Gartenstadtprojekten wirkte er Anfang des 20. Jahrhunderts maßgeblich auf eine Erneuerung in den Bereichen Architektur, Design und Innenausstattung hin. (Foto s. unten)



Neue Ritter vom Heiligen Grab ernannt

1. Mai: "Die Theatinerkirche war gestern Schauplatz einer einzigartigen Zeremonie. Vierundzwanzig Männer des öffentlichen Lebens, die treu zur Kirche stehen, wurden durch Kardinal Erzbischof Dr. Joseph Wendel feierlich zu Rittern vom Heiligen Grab geschlagen. Drei Frauen wurden zu Damen vom Heiligen Grab ernannt. Eine andächtige Menschenmenge wohnte der feierlichen Handlung bei. Der seit den Kreuzzügen bestehende Ritterorden hat nun auch eine bayerische Ordensprovinz gegründet." Der Orden "Ritter vom Heiligen Grab" entstand im 14. Jahrhundert in Jerusalem. Seine Hauptaufgabe war der Schutz des Hl. Grabes und die Verteidigung des christlichen Glaubens im Heiligen Land. Unter Papst Pius XIX. erhielt der seit 1848 dem lateinischen Patriarchiat von Jerusalem unterstehende Orden eine neue Konstitution; seit damals können auch Frauen Mitglieder werden. Seit 1949 befindet sich die Zentrale des Ordens in Rom. Ordenszeichen ist ein rot emailliertes Jerusalemkreuz an einem Band aus schwarzer Seide.

Maibock-Anstich 1957.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Fotosammlung (Foto: Rudi Dix)

Kellnerinnenstreik beim Maibock-Ausschank

1. Mai: "Die offizielle Maibockprobe, zu der sich gestern über 2.000 Gäste im Hofbräuhaus am Platzl versammelten, begann damit, dass der Ansager Dr. Vierlinger auf der Bühne über den Kontrabass der Hauskapelle fiel und damit als erster vor dem mindestens 18prozentigen Gerstensaft in die Knie ging. Dann zapfte Hofbräuhauswirt Franz Trimborn an [...]. Als am Nachmittag die ersten 5.000 Maß von den durstigen Kehlen geschluckt waren, streikten die Kellnerinnen."



Stadtrat unterstützt Albert Schweizers Anti-Atom-Engagement

1. Mai: "Der Münchner Stadtrat beschloss einmütig, Dr. Albert Schweitzers Appell an die Großmächte zu unterstützen. Die SPD-Fraktion hatte in der letzten Hauptausschusssitzung erklärt: 'Albert Schweitzer weist darauf hin, dass es Gedankenlosigkeit und Torheit ist, durch immer neue Atomexplosionen die Radioaktivität zu steigern, und spricht davon, dass dieses Unglück unter allen Umständen verhindert werden muss. Dafür sieht er nur noch einen Weg, die Öffentlichkeit wachzurütteln.'"



Münchner Heimkinder

7. Mai: 3.000 Münchner Kinder, die ihre Eltern verloren haben oder in misslichen häuslichen Verhältnissen lebten, wohnen gegenwärtig, durch das Jugendamt der Stadt vermittelt, in Heimen. 1.500 weitere Buben und Mädel sind vom Stadtjugendamt in Pflegefamilien gegeben worden. Rund vier Mio. Mark wendet München alle Jahre dafür auf, diesen verlassenen und bedrohten Kindern eine Heimstätte und eine gute Erziehung zu vermitteln."



Eisheilige lassen Blüten erfrieren

10. Mai: "Der seit zwölf Jahren kälteste Mai-Anfang hat schwerste Schäden hinterlassen. Eine bittere Bilanz zieht der Bayerische Gärtnerverband: in unserem Gebiet dürften fast alle Obstbaumblüten vernichtet sein. [...] Das gilt in erster Linie für Kirschen und Pflaumen, aber auch für Äpfel und Birnen. Verheerend war die Auswirkung der Kälte bei Stachel- und Johannisbeeren." Am 29. Mai ergänzte der Chronist: "Wenn nicht in den letzten beiden Maitagen noch eine Hitzewelle kommt, was kaum zu befürchten ist, dann ist der Monat Mai 1957 der kälteste Wonnemonat seit 156 Jahren [...]. Die Meteorologen des Münchner Wetteramtes haben eine Mitteltemperatur von 10 Grad errechnet."



Eröffnung des Amerika Hauses

13. Mai: Das Amerika Haus, in den elf Jahren seines Bestehens zu einem festen Bestandteil des kulturellen Lebens unserer Stadt geworden, musste seit seiner Gründung fünfmal umziehen. Nun hat es in dem heute feierlich eröffneten Neubau am Karolinenplatz eine endgültige Heimstatt gefunden." Im Oktober 1945 hatte die amerikanische Militärbehörde in der Medizinischen Lesehalle am Beethovenplatz ein "American Reading Room" eröffnet, die erste Einrichtung dieser Art in der Welt, die jedoch erst ab Januar 1946 für die Allgemeinheit geöffnet war. Ab Juli 1948 fand die stetig wachsende Bibliothek im ehemaligen "Führerbau" an der Arcisstrasse (heute Musikhochschule) eine Heimstatt. Hier standen dem "Amerika Haus" - seit Oktober 1947 der offizielle Name der amerikanischen Informationszentren im deutschsprachigen Raum - eine Bibliothek mit 36000 Bänden, ein Zeitschriftenlesesaal, eine Kinderbücherei, eine Schallplatten- und eine Filmabteilung zur Verfügung, außerdem ein Konzertsaal, mehrere Vortrags- und Unterrichtsräume sowie großzügige Ausstellungsflächen. Das Amerika-Haus wurde rasch eine wichtige Institution des Münchner Kulturlebens. Im Rahmen der Spar- und Rationalisierungsmaßnahmen der US-Regierung wurden im Juni 1997 die USA-Aktivitäten im Amerika Haus eingestellt, ein Teil davon im Amerikanischen Generalkonsulat fortgeführt. Im Januar 1998 wurde das Bayerisch-Amerikanische Zentrum im Amerika Haus München e.V. ins Leben gerufen, dessen Ziel es ist, den Austausch und die Begegnung mit den Menschen und Institutionen in Nord- und Südamerika anzuregen und zu unterstützen und die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Amerika zu stärken.

Internationale Handwerksmesse 1957.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Fotosammlung

DDR-Plakat erregt Anstoß

16. Mai: "Auf der Handwerksmesse ist es zu einem Zwischenfall mit den Ausstellern aus der Deutschen Demokratischen Republik gekommen [...]. Die Messeleitung ließ nämlich ein auf der Gemeinschaftsschau der ostzonalen Aussteller angebrachtes Plakat "Das Handwerk der DDR grüßt die Besucher der 9. Deutschen Handwerksmesse" entfernen. Der Schritt wurde damit begründet, es sei mit den Handwerkskammern der Ostzone [...] vereinbart worden, die Buchstaben 'DDR' nicht mit in die Beschriftung des Plakates aufzunehmen. Die mitteldeutschen Aussteller haben inzwischen gegen die Maßnahme [...] protestiert."



Kongress der Widerstandkämpfer

17. Mai: "Ein dreitägiger Kongress ehemaliger deutscher Widerstandskämpfer während des Dritten Reiches beginnt heute in München. Eingeladen hat die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN). Zu dem Bundeskongress werden etwa 260 Delegierte sowie zahlreiche Abordnungen aus west- und osteuropäischen Ländern erwartet. Im Mittelpunkt des Treffens steht das Gedenken an die in den Konzentrationslagern gestorbenen und hingerichteten Widerstandskämpfer."



Markuskirche muss sich umliegenden Häusern optisch anpassen

23. Mai: "Mit der Umgestaltung der Fassade der evangelischen Markuskirche soll nun ernst gemacht werden. Der Baurechtsausschuss hiess die Pläne, die Regierungsbaumeister Gustav Gsaenger, der Erbauer der Matthäuskirche vorlegte, gut. Danach wird die Backsteinmauer der Kirche von den neugotischen Zierarten befreit und verputzt. Der Turm wird völlig verändert. Er verliert seine Spitze und bekommt eine zeltförmige Haube. [...] Die Modernisierung soll die Markuskirche den neu entstandenen Geschäftsbauten am Oskar-von-Miller-Ring anpassen." Die Markuskirche wurde auch in ihrem Innern so stark überarbeitet, dass von ihrer neugotischen Gestalt kaum mehr etwas übrig blieb. Dass sich die Kirchenfassade optisch ihrer profanen Umgebung anpassen musste, darf wohl als geradezu ungeheuerlicher Vorgang gewertet werden.

Wilhelm Hausenstein (1882-1957).  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Fotosammlung

Kulturkritiker Hausenstein gestorben

Am 3. Juni starb im Alter von 74 Jahren Prof. Dr. Wilhelm Hausenstein (geb. 1882 in Hornberg); er wurde auf dem alten Bogenhausener Friedhof beerdigt. Der Kunstschriftsteller und Kulturkritiker lebte ab 1913 in München. Nach 1953 wurde er der erste deutsche Botschafter in Paris. 1972 wurde ein Münchner Gymnasium nach Hausenstein benannt.

Wiedereröffnung der Alten Pinakothek, 7. Juni 1957.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Fotosammlung (Foto: Rudi Dix)

Wiedereröffnung der Alten Pinakothek

7. Juni: "Mit der feierlichen Eröffnung der Alten Pinakothek in Anwesenheit des Bundespräsidenten erlebte München einen der schönsten und glanzvollsten Tage seiner Nachkriegsgeschichte. Ministerpräsident Hoegner übergab die wiedererstandene Galerie der Öffentlichkeit in der Hoffnung, ‚dass damit die alten Werke der europäischen Malerei wieder zum Eigentum des deutschen Volkes werden mögen'. Mit sichtbarer Ergriffenheit durchwanderten die Ehrengäste nach dem Festakt das nach 18 Jahren aus den Trümmern auferstandene Haus. Durch die Trennung Deutschlands ist uns der Dresdner Zwinger unerreichbar. Die Zerstörung der überwiegenden Schätze des Berliner Kaiser-Friedrich-Museums macht die Pinakothek heute zu der einzigen deutschen Galerie von internationalem Rang, die dem Andenken der großen Zeit der europäischen Malerei gewidmet ist."



Erfolgreiche "Schundheftl"-Sammlung

14. Juni: "Buben und Mädchen zwischen 11 und 18 Jahren können ihre Schundheftl-Bibliothek gegen spannende gute Bücher eintauschen. Das Stadtjugendamt hat dieses gute Angebot an den Anschlagsäulen auf gelben Plakaten bekannt gemacht. Für zehn bis zwanzig Heftl gibt es einen Gutschein im Wert von einer Mark, der bei bestimmten Buchhandlungen mit einem umfangreichen Jugendbuch-Sortiment in Zahlung gegeben werden kann [...] Vor drei Jahren hatte die damalige Leiterin des Jugendamtes, Frau Dr. E. Bamberger, in der Jugendschutzwoche den ersten Heftl-Tausch unter dem Motto "Schundheftl auf den Scheiterhaufen" organisiert. Die Kinder trugen ihre Schmöker damals rucksackweise zu den Kiosken." Über das Fazit der Aktion berichtet der Chronist: "Gestern machten Jugendamt, freie Fürsorge und Buchhändler Bilanz. 32.000 Schmöker wurden nach erster grober Schätzung erbeutet. Etwa 2.000 Kinder, fast ausschließlich Buben zwischen elf und dreizehn Jahren, lieferten sie ab. Der Schund wird in den nächsten Tagen eingestampft [...] Das Jugendamt spricht von einem vollen Erfolg der Aktion."



Stadt führt 45-Stunden-Woche ein

In der Stadtratssitzung vom 19. Juni gab Personalreferent Walther Wüstendörfer bekannt, dass "am 1. Oktober die Stadtverwaltung München zur 45stündigen Arbeitszeit in der Woche für die Arbeiter und Angestellten übergeht. Für die Beamten wurde keine neue Regelung getroffen. Durch die Verminderung der wöchentlichen Arbeitszeit um drei Stunden ergibt sich rechnerisch ein Personalmehrbedarf von 6 2/3 Prozent. Nach genauer Berechnung der Einsparungsmöglichkeiten wird sich der Personaletat der Stadt jedoch nur um 1,7 Prozent steigern. Das macht im Jahr genau 3.591.172 Mark aus."



Schlechte Koordinierung der Straßenbauarbeiten

22. Juni: Immer wieder beklagen sich die Münchner darüber, dass sich die verschiedenen Behörden beim Straßen-Aufreißen nicht genügend aufeinander abstimmen. Der Hauptausschuss des Stadtrates beschloß deshalb, einen eigenen Diplomingenieur zu berufen, der, von einigen Hilfskräften unterstützt, künftig dafür sorgen soll, dass alle Unterpflasterarbeiten soweit irgend möglich, in einem Zug erledigt werden."



Start ins Düsenflug-Zeitalter

24. Juni: "Wenn Ende des Jahres die ersten Düsenflugzeuge planmäßig im Liniendienst eine neue Phase des Luftverkehrs einleiten, wird Deutschland eines der modernsten Radarnetze Europas besitzen. Drei Radar-Riesen werden den Luftraum [...] überwachen [...]. Neben Hannover und Frankfurt wird auch München eine derartige Super-Radar-Anlage bekommen. Sie wird am Südende des Flugplatzes München-Riem bei der Kolonie Gronsdorf aufgestellt."



Sorge um die katholische Ehe und den fehlenden Nachwuchs

1. Juli: "Etwa 53 Prozent der in letzter Zeit in München geschlossenen Ehen seien konfessionelle Mischehen, von denen nur noch die Hälfte kirchlich getraut werde, erklärte der CSU-Landtagsabgeordnete Dr. Alois Hundhammer [...]. Diese Entwicklung könne man nur mit ‚großer Sorge' betrachten. Auch träfen in der bayerischen Landeshauptstadt auf zehn Ehen nur noch neun Geburten. Diese niedrige Zahl reiche aber zur Erhaltung des Bevölkerungsstandes nicht aus."



Stadt führt 5-Tage-Woche ein

2. Juli: "Der Münchner Stadtrat beschloss mit grosser Mehrheit, gleichzeitig mit der Einführung der 45-Stunden-Woche im städtischen Dienst auch zur Fünf-Tage-Woche überzugehen. Diese Regelung soll am 1. Oktober 1957 wirksam werden." Von der Neuregelung waren 6.200 Angestellte und über 13.500 Arbeiter betroffen. Die städtischen Beamten hatten weiterhin 48 Stunden pro Woche zu arbeiten.



Fußgänger-Erziehung

2. Juli: "Der Feldzug, den die Polizei seit einiger Zeit gegen Fußgänger führt, ist augenblicklich auf einem Höhepunkt angelangt. Zu dem 100 Mann starken Sonderkommando, das sich bereits seit etwa acht Tagen der Fußgänger-Erziehung widmet, ist nun eine Spezialtruppe von 15 ausgesuchten Polizeibeamten gekommen. Bisher wurden etwa 500 Fußgänger gebührenpflichtig verwarnt. Etwa die gleiche Zahl wurde zum Sonntagsunterricht vorgeladen."

Bruno Gröning (1906-1959).  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Fotosammlung

"Wunderheiler" Gröning freigesprochen

1. August: "Das Schöffengericht München-Land unter Vorsitz von Amtsgerichtsrat Huber verurteilte heute Bruno Gröning wegen eines fortgesetzten Vergehens der unerlaubten Ausübung der Heilkunde zu 2.000 DM Geldstrafe. Von der Anklage der fahrlässigen Tötung wurde Gröning freigesprochen. Die angeblich wundertätigen Stanniolkugeln, die Gröning an seine Gläubigen verteilte, wurden von Gerichts wegen eingezogen. Nach der Urteilsverkündigung stürmten viele Frauen die Anklagebank, um den Wunderdoktor zu streicheln, ihm die Hand zu küssen und ihn zu beglückwünschen."

  

Chemiker Wieland gestorben

Am 5. August 1957 starb der Chemiker Heinrich Wieland (geb. 1877 in Pforzheim). Wieland hatte seit seinem Studium bis 1921 und dann wieder seit 1925 in München gelebt. 1927 hatte er für seine Forschungen über die Zusammensetzung der Gallensäure und verwandter Substanzen den Nobelpreis für Chemie erhalten. Eine berühmte Schülerin Wielands ist die Politikerin Hildegard Hamm-Brücher. (Foto s. unten)

Immer mehr Pendler

9. August: "Seit 1950 hat sich die Zahl der sog. Pendler, die täglich aus oberbayerischen Orten nach München zur Arbeit fahren, um 28.000 erhöht. Das Statistische Amt der Stadt zählte 1956 rund 71.000 Männer und Frauen aus diesem Personenkreis. Dazu kommen noch etwa 8.000 Schüler und Studenten, außerdem fast 7.000 Arbeiter aus Schwaben und Niederbayern, die einmal wöchentlich von ihrem Münchner Arbeitsplatz nach Hause fahren. Die Zahl der Pendler ist jetzt fünfeinhalbmal so groß wie in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg, in denen der Berufsverkehr nach München noch keine große Rolle spielte."

Ferien von der Ostzone

13. August: "In München treffen täglich etwa 200 Jugendliche aus der Ostzone ein. Sie kommen mit Interzonenzügen, mit Fahrrädern und Motorrädern, haben meist kein oder nur sehr wenig Westgeld in der Tasche und wollen in Bayern ihre Ferien verbringen. Um den Buben und Mädchen diesen Wunsch verwirklichen zu helfen, hat der Bayerische Jugendring [...] eine ‚Kontaktstelle für jugendliche Wanderer aus der SBZ [sowjetischen Besatzungszone]' eingerichtet. Es werden Wandergutscheine ausgegeben, die zum Übernachten und Essen in den westdeutschen Jugendherbergen berechtigen."

Alarmierender Anstieg von Radioaktivität

19. August: "Nach den letzten Atombombenversuchen konnte das Physikalische Institut der Universität München im Leitungswasser eine Radioaktivität nachweisen, die hundertmal höher als normal sein und weit über der international anerkannten Toleranzgrenze liegen soll." Prof. Walther Gerlach erklärte dazu, es seien keine akuten Schäden und spontane Erkrankungen zu befürchten, "man dürfe jedoch die Gefahr der sich im menschlichen Körper ablagernden Mengen von Strontium 90, die eine ständige Strahlungsquelle seien, nicht unterschätzen".

München und das Fernsehen

28. August: Die Fernsehdirektion des Bayerischen Rundfunks teilte mit, dass der Sender vom April 1956 bis zum März 1957 insgesamt 441 Stunden und 31 Minuten Fernsehen ausgestrahlt habe, das in den eigenen Studios in Freimann produziert worden war. Damit lag der Sender hinter dem Nordwestdeutschen Rundfunk bundesweit an zweiter Stelle. Eine Befragung des fernsehenden Publikums hatte ergeben, "dass der Anteil der Arbeiter, die ein Fernsehgerät besitzen, seit 1955 von 8 % auf 20,3 % aller Fernsehteilnehmer stieg. Ebenso stieg der Anteil von Beamten und Angestellten. 1955 waren es 29 %, 1957 bereits 40 %.

Ab 1. September 1957 galt in geschlossenen Ortschaften eine Geschwindigkeitsbegrenzung., hier an einer Münchner Ausfallstraße  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Fotosammlung (Foto: Rudi Dix)

Tempo 50 in Ortschaften senkt Verkehrsunfälle

Am 1. September traten im gesamten Bundesgebiet Vorschriften über die Höchstgeschwindigkeit von Kraftfahrzeugen in Kraft. In geschlossenen Ortschaften galt - wie vor 1953 - generell Tempo 50. Enorm hohe Unfallzahlen hatten diese Regelung notwendig gemacht. In München etwa hatte es beispielsweise in der letzten August-Woche 482 Verkehrsunfälle mit drei Toten und 227 Verletzten gegeben. "Bei den Verletzten handelte es sich um 35 Radfahrer, 36 Fußgänger, 23 Kraftwagenlenker, 18 Kraftwageninsassen, 58 Motorradler, 17 Mitfahrer, 37 Mopedfahrer und drei sonstige Verkehrsteilnehmer. An den Unfällen waren insgesamt 746 Kraftfahrzeuge beteiligt." Das Tempolimit wirkte sich umgehend aus. Zwischen dem 1. September 00 Uhr und dem 4. September nachmittags 14 Uhr musste das Verkehrsunfallkommando nur 13 Mal ausrücken; es gab während dieser Zeitspanne keinen Toten. Die Bilanz der gesamten ersten Woche, die bereits als Erfolg galt, lautete jedoch noch immer: 418 Unfälle, zwei Tote und 179 Verletzte.



"Bräutekurse" - ein Garant für eine gute Ehe?

5. September: "Junge Mädchen, die kurz vor der Hochzeit stehen, können sich das Rüstzeug für ihr künftiges Aufgabengebiet als Hausfrau, Gattin und Mutter in fünfwöchigen Bräute-Kursen erwerben, die von der Katholischen Mütterschule, Kazmeirstrasse 62, durchgeführt werden. Die Idee dieser Vorbereitungskurse kommt aus der sachlichen Überlegung, dass die Ehe nur dann harmonisch und von Bestand sein kann, wenn die junge Frau eingehend mit den vielfältigen Aufgaben und Pflichten, die vor ihr liegen, vertraut gemacht worden ist." Überlegungen, was ein junger Mann zum Gelingen der Ehe beitragen könnte, wurden wohl nicht angestellt.

Ausstellung "Unbegrenzter Raum", September 1957.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Fotosammlung (Foto: Meyer)

Faszinierende Technik

7. September: "Im Ausstellungspark wurde die amerikanische Ausstellung ‚Unbegrenzter Raum' eröffnet. Sie gibt einen Überblick über die Geschichte und Errungenschaften der Raketen- und Weltraumforschung."



Lkw-Wettbewerb

9. September: "Zwei Tage lang hatte die Königinstraße ihre gemächliche Eleganz verloren. Die breite Fahrbahn war mit raffiniert ausgetüftelten Hindernissen für die 156 Lastwagenfahrer versehen worden, die am 2. Deutschen Lastwagenfahrer-Wettbewerb des ADAC und des Münchner Fachverlags Heinrich Vogel teilnahmen." Wettbewerbsleiter Wanner erklärte: "Wir wollen mit der Meinung aufräumen, dass Fahren eine Frage des Schneid ist. Wir sind vielmehr der Ansicht, dass es ausschließlich auf verantwortungsvolles Können und Vorsicht ankommt."

Trachten- und Schützenfestzug 1957.   Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Fotosammlung (Foto: Georg Schödl)

Trachtenzug begeistert die Münchner

22. September: "Wer zählt die Völker, nennt die Namen, die staunend hier zusammenkamen, als heute der gut 5 km lange Oktoberfest-Trachten- und Schützenzug durch ein Spalier von 500.000 Zuschauern von der Maximiliansstraße zur Wiesn zog. Über 4.000 Trachtler und Schützen marschierten zu den Klängen von 35 Musikkapellen durch die winkenden Gassen. Sieben Dackel verliefen sich und 935 Zuschauern wurde vor Freude und Aufregung schlecht."

Das Altenheim München-West (heute: Alfons-Hoffmann-Altenheim) an der Agnes-Bernauer-Straße anläßlich der Betriebsübergabe im Oktober 1957  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Fotosammlung (Foto: Johann Meyer)

Altersheim München-West eingeweiht

9. Oktober: "Das Altersheim München-West an der Agnes-Bernauer-Straße wurde von Bürgermeister Hieber mit einer kleinen Feier offiziell eröffnet." Das später Alfons-Hoffmann-Heim genannte Haus bot 125 Doppelzimmer für Ehepaare und 233 Einzelzimmer. Es gab 5.000 Bewerber. Im Jahr 2006 wurde beschlossen, den mittlerweile sanierungsbedürftigen Komplex abzubrechen und an seiner Stelle ein neues Heim zu errichten; die Kosten für eine heutigen Ansprüchen genügende Renovierung hätten die eines Neubaus überstiegen.

Patrona Bavariae kehrt zurück

12. Oktober: "Das Standbild der Patrona Bavariae an der Westfassade der Residenz wurde enthüllt und von Kardinal Wendel neu geweiht. Der Präsident der Bayerischen Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen, Dr. Wunschel, bezeichnete es als einen Freudentag für München und ganz Bayern, dass Hans Krumpers Monumentalstandbild der Schutzfrau Bayerns wieder an den alten Platz zurückkehren kann, den es mehr als 300 Jahre lang innehatte, ehe es während des Krieges in Sicherheit gebracht werden musste."

Stachus-Pavillon wird abgebrochen

16. Oktober: "Der alte Verkehrspavillon am Stachus wird in den nächsten Tagen abgebrochen. Stehen bleibt allerdings die Bedürfnisanstalt, die dem Straßenverkehr nicht im Wege ist. Die gewonnenen Flächen vor dem Restbau werden zum neuen Bürgersteig, der jetzige Bürgersteig vor dem Pavillon wird Straßenfläche. Ohne Verengung soll in Zukunft der Strom der Fahrzeuge aus der Bayerstraße über den Stachus fließen können.

Dirigentenstreik

16. Oktober: "Generalmusikdirektor Prof. Hans Knappertsbusch hat der Bayerischen Staatsoper mitgeteilt, dass er von Januar bis Dezember 1958 keine Oper in München dirigieren werde." Er wollte damit "der Lethargie begegnen, die sich in der Angelegenheit des Wiederaufbaus des Nationaltheaters aller Instanzen bemächtigt hat".

Rüde Antwort auf Trambahnunfälle

23. Oktober: "Oberbürgermeister Wimmer forderte den Leiter der Verkehrsbetriebe, Oberbaudirektor Baumeister, [...] auf, zu den Unfällen mit automatischen Trambahntüren eine Erklärung abzugeben. Da dieser sich jedoch noch nicht sehr damit beschäftigt hatte, übernahm Werkreferent Dr. Riemerschmid die Antwort: ‚Das Publikum muß sich daran gewöhnen, daß wir nicht mehr mit der Pferdetrambahn fahren', sagte er."

Spezialkompositionen für das misstönende Rathaus-Glockenspiel?

23. Oktober: "Das Glockenspiel tönt unrein, sagen viele Münchner. Bei einer Besprechung bei Bürgermeister Hieber mit Domkapellmeister a.D. Prof. Berberich wurde jetzt auf Abhilfe gesonnen. Prof. Berberich erklärte, man könne eine unreine Glocke nachstimmen. [...] Für die Abstimmung müßten die Glocken ausgebaut werden, was insbesondere bei den großen Glocken auf erhebliche Schwierigkeiten stieße. Eine Verbesserung der Klangreinheit könne im übrigen auch dadurch erreicht werden, daß Stücke gewählt werden, die sich für das Glockenspiel besonders eignen. Unter Umständen müsse man versuchen, Stücke eigens zu komponieren." (Zum Thema s.a. Oktober 1907)

Taxifahrer plädieren für Todesstrafe

31. Oktober: "Zusammen mit den Taxifahrern in allen Großstädten des Bundesgebietes stellten auch die 659 Münchner Taxichauffeure von 12 bis 12.15 Uhr die Arbeit ein. Mit dieser Demonstration gedachten die Fahrer ihres in Hamburg ermordeten schwerkriegsbeschädigten Kollegen. Der Streik sollte gleichzeitig auf die Notwendigkeit hinweisen, die Todesstrafe im Bundesgebiet wieder einzuführen."

Schulkinder ohne Betreuung

15. November: Das Stadtschulamt befragte alle Münchner Volksschulkinder, "ob ihre Mütter tagsüber zu Hause sind oder einen Beruf ausüben. [...] Das Ergebnis war erschütternd: 27,3 Prozent, d.h. 18.409 Kinder, werden mittags daheim nicht von ihrer Mutter erwartet. 4.833 davon verbringen den Nachmittag im Hort. 13.576 Buben sind sich selbst oder einer Nachbarin überlassen. Sie treiben sich auf der Strasse herum. Sie haben ihren Hausschlüssel in der Tasche wie Erwachsene, und wenn sie heimkommen, sitzen sie allein am Tisch."

Carolin Reiber wird Faschingsprinzessin 1958

25. November: "Einstimmig wählte der Elferrat der Narrhalla die 18-jährige Carolin Reiber zur Münchner Faschingsprinzessin des Jubeljahres 1958. Fräulein Reiber ist gebürtige Münchnerin, wuchs in der Schwanthalerstraße auf und kam später in ein englisches und ein spanisches Internat. Sie arbeitet heute als Auslandskorrespondentin bei einer bekannten Münchner Firma. Ihr Steckenpferd: Skilaufen und Tennisspielen." (Foto s. unten)

Countdown läuft: Wann wird München Millionenstadt?

5. Dezember: "Nach dem neuesten Ergebnis des Statistischen Amtes der Stadt zählt München nun 998.963 Einwohner. Jeden Tag nimmt die Bevölkerung durchschnittlich um 70 Bürger zu. Kurz vor Weihnachten wird somit die Millionengrenze erreicht. [...] Der Endspurt zur Millionenstadt beginnt."

Das Stadtwappen wird modernisiert

14. Dezember: "Die Stadtverwaltung München wird in Zukunft nur mehr ein einheitliches, modernisiertes Stadtwappen führen. Alle übrigen Wappen und Münchner Kindl - es gab etwa zwei Dutzend verschiedene Ausführungen - werden abgeschafft. Der städtische Kulturausschuss genehmigte gestern [...] die von Prof. Ege erarbeiteten Entwürfe des großen und des kleinen Stadtwappens." (Abb. s. unten)

München ist Millionenstadt.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Fotosammlung (Foto: Johann Meyer)

München ist Millionenstadt!

15. Dezember: "Bayerns Landeshauptstadt ist in die Reihe der etwa 70 Millionenstädte der Erde aufgerückt. Als 1.000.000ster Münchner stellte das Statistische Amt den am Sonntag, 15.45 Uhr geborenen Thomas Helmut Seehaus fest, Sohn des Kaminkehrermeisters Hubert Seehaus aus Pasing und seiner Frau Brigitte. Der kleine Erdenbürger, der München als dritter Stadt Deutschlands nach Berlin und Hamburg über die Millionengrenze verholfen hat, wird ein Geschenk der Stadt erhalten." Auch das 1.000.001. Münchner Kindl, das in der Frauenklinik in der Maistraße zur Welt kam, wurde freudig empfangen. "Oberbürgermeister Thomas Wimmer besuchte dessen Mutter Claudia Müller und überreichte ihr ein Sparbuch mit 300 Mark Einlage." Den Namen des Kindes nennt die Chronik nicht.

Abbildungen zur Chronik 1957