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Münchner Kindl mit Schriftzug Landeshauptstadt München Landeshauptstadt München

Stadtchronik 1958


Bemerkenswertes, Kurioses und Alltägliches

Stadtjubiläum: Ruhiger Start im Feierjahr

1. Januar: "Das 800. Jahr Münchens begann mit dem feierlichen Geläut der Kirchenglocken, dem Geknatter von vielen tausend Feuerwerkskörpern und starkem Föhn. [...] In der Innenstadt war vom Anbruch des Jubiläumsjahres wenig zu spüren."klicken für eine vergrößerte Darstellung!

Maronibrater 1958  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Fotosammlung

Neues Ladenschlussgesetz bringt Maronibrater in Bedrängnis

11. Januar: "Ein Maronibraterei besteht hauptsächlich aus dem Maronibratofen. Bis zum 1. Januar wußte kein Münchner, dass er ein Ladengeschäft ist. Erst das neue Ladenschlussgesetz machte ihn dazu. Demnach muss er zur selben Zeit schließen, wie die Kaufhäuser, Milchläden oder Kunsthandlungen." Mitte Januar entschied das bayerische Arbeitsministerium, dass Maronibrater zu jeder Tageszeit verkaufen dürften. Nach Überprüfung der Rechtslage war man zu der Überzeugung gelangt, dass Esskastanien als "zubereitete Speisen zum sofortigen Genuss" einzustufen seien.

Stadtjubiläum: Werbung contra Festschmuck

22. Januar: "'Es dürfte sicher im Interesse der festlichen Gestaltung unserer Stadt liegen, wenn zur 800-Jahr-Feier zumindest die Häuser in den Hauptgeschäftsstraßen besonders geschmückt würden', heißt es in dem Schreiben eines bekannten Münchner Bekleidungshauses an Oberbürgermeister Thomas Wimmer. Man sei bereit, zu dieser Verschönerung aus eigener Initiative beizutragen. Allerdings ergebe sich dabei das Problem, dass die Lokalbaukommission zum Teil wesentlich andere künstlerische Auffassungen von der Außendekoration habe als der Kaufmann, der auch auf Werbung bedacht sei." Man bat daher für die Zeit der offiziellen Feiern zum Stadtgeburtstag großzügigere Maßstäbe anzulegen.klicken für eine vergrößerte Darstellung.

WErbung für München.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Fotosammlung

Stadtjubiläum: Ehemaliger US-Soldat wirbt für München

23. Januar: "'Von München habe ich eigentlich überhaupt keine Meinung gehabt, als ich im April 1945 mit meiner Infanteriedivision einmarschierte, sagt Frank Gordon Feehan", der vom Kulturreferat verpflichtet wurde, gemeinsam mit seiner Frau in Amerika für den Besuch Münchens im Jubiläumsjahr zu werben. Als Werbegeschenke sollte der ehemalige Besatzer Münchner-Kindl-Abzeichen und Gutscheine für eine Weißwurst-Brotzeit verteilen.



Photograph Kester gestorben

Am 5. Februar starb in München der Photograph Philipp Kester. "Kester wurde stets der Chronist der guten alten Zeit Münchens genannt." Tatsächlich zählt der Bildjournalist Philipp Kester (1873-1958) zu den herausragenden Vertretern der frühen deutschen Pressefotografie, die nach 1900 in Berlin eine stürmische Entwicklung erlebte. Zu seinen bedeutendsten Aufnahmen gehören Porträts prominenter Künstler und Schriftsteller sowie Straßenaufnahmen aus dem Lebensalltag der kleinen Leute, die in Berlin und München entstanden.

Fasching 1958.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Fotosammlung (Foto: Georg Schödl)

Fasching

16. Februar: "In der Innenstadt schneite es Konfetti, Bonbons, Kekse und Schokolade. Über 300.000 Faschingszug-Zuschauer verrenkten sich die Arme nach diesen süßen Niederschlägen. 74 närrische Gruppen, darunter 25 Blaskapellen und Spielmannszüge sorgten für kräftige Musikuntermalung. Die dringende Bitte des Faschingsprinzen, maskiert zum Zuschauen zu kommen, wurde nur spärlich befolgt."

18. Februar: "Es machte den Giesingern nichts aus, dass ihnen von allen Dächern das Schneewasser ins Genick tropfte. Lachend und nörgelnd, lustig und grantig, wie es bei einem Vorstadtg'wachs eng beieinander liegt, warteten sie auf ihren Faschingszug. [...] Den Zug eröffnete nach der lustig maskierten berittenen Polizei der legendäre ‚Stangerlmo', der Laternenanzünder, der früher einmal in der Vorstadt eine alltägliche Erscheinung war."

Besorgniserregende Statistik

19. Februar: "In München gibt es zur Zeit rund 60.000 Gewerbetreibende. Diese Zahl hat sich in den letzten Jahren kaum verändert. Dagegen nimmt die Zahl der Handwerksbetriebe jedes Jahr um fast 1.000 ab. Rund 100.000 Münchner sind gegenwärtig im Handwerk beschäftigt. Im Gewerbeamt rechnet man damit, dass in den nächsten Jahren auch die Zahl der Einzelhandelsbetriebe abnehmen wird, nachdem auch in dieser Sparte die Gewerbefreiheit aufgehoben ist."

Stadtjubiläum: Schöne Fassaden erwünscht

21. Februar: "Die Stadtverwaltung ruft zum Jubiläumsjahr die Hausbesitzer auf, verwitterte und abgebröckelte Fassaden instand zu setzen. In dem Aufruf heißt es, die Landeshauptstadt habe zu ihrem 800. Geburtstag zahlreiche repräsentative Veranstaltungen und Feste vorgesehen, Straßen und Plätze sowie die Anlagen wurden hübsch hergerichtet, damit die Jubiläumsbesucher aus Deutschland und aus dem Ausland ihre Freude daran haben könnten. Auch der private Hausbesitz habe durch zahlreiche Neubauten und Umbauten zur Verschönerung des Stadtbildes beigetragen. Doch gebe es noch viele Häuser, die Spuren des Krieges, Putzschäden und verwaschenen Anstrich zeigten. Die Stadt bittet die betreffenden Hausbesitzer, Reparaturen vornehmen zu lassen."

Uni-Lichthof bekommt neuen Sinnspruch

22. Februar: "Der Streit um den lateinischen Sinnspruch im Lichthof der Universität ist jetzt entschieden. Der Akademische Senat hat beschlossen, die Worte ‚Mortuorum virtute tenemur - der Toten Opfermut verpflichtet uns' am Gitter anbringen zu lassen. Das alte Gitter mit der Inschrift ‚Dulce et decorum est pro patria mori' - Es ist süß und ehrenvoll für das Vaterland zu sterben" wird in den Semesterferien eingeschmolzen."

Dreierlei Blickwinkel

Am 23. Februar wurde ein im Auftrag des Kulturreferats entstandener Dokumentarfilm mit dem Titel "Streifzug durch eine Stadt" über München vorgestellt: "Der Film sieht München von den Standpunkten dreier ganz verschiedener Menschen aus - aus dem Blickwinkel eines nüchtern-sachlichen Geschäftsmannes, einer jungen Kunststudentin, die sich für Münchens musisches Gesicht begeistert, und aus dem Blickfeld eines Pensionisten, der durch die verträumten Altstadtwinkel spaziert." Von der Filmbewertungsstelle Wiesbaden erhielt der Streifen das Prädikat "wertvoll".

Polizei fotografiert jetzt in 3-D

26. Februar: "Polizisten des Verkehrsunfall-Kommandos werden zur Zeit mit einem neuartigen Photo-Gerät vertraut gemacht, das die Unfallaufnahme wesentlich vereinfacht und zeitraubende Handskizzen sowie Vermessungen überflüssig macht. Die Stadt München hat als erste deutsche Stadt für 80.000 Mark ein Schweizer Aufnahmegerät angeschafft, das [...] mit einem Schlag alle diese Probleme löst. Die Bilder sind plastisch - ähnlich der früheren dreidimensionalen Filme in Kinos, die man mit einer Stereobrille betrachten musste."

Winterliches München.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Fotosammlung (Foto: Rudi Dix)

Teure Schneeräumung

27. Februar: "Die Geldreserven der Städtischen Straßenreinigung sind bald aufgebraucht. 350.000 Mark wurden bisher für die Schneeräumung aufgewendet. Wenn die Schneefälle anhalten, müssen die Stadträte demnächst weitere Mittel genehmigen." Da es tatsächlich bis weit in den März hinein schneite, wurden schließlich mehr als 750.000 DM für den Winterdienst ausgegeben. Noch Ende März war es so kalt, dass man auf dem Nymphenburger Kanal Schlittschuh fahren konnte.

Kein Ort für Straftäter

27. Februar: "München ist ein heißes Pflaster für Verbrecher geworden. Räuber aus Berlin und Mannheim, internationale Betrüger und sogar ein Mörder aus Wien kamen hier in den letzten Monaten hinter schwedische Gardinen. Dies ist zum großen Teil ein Verdienst der Fahndungspolizei an der Ettstraße, deren Streifen Tag und Nacht die Stadt nach lichtscheuen Elementen absuchen. Rund 20 Personen werden täglich zur Vernehmung in das Polizeipräsidium gebracht. Etwa 70 Prozent davon sind steckbrieflich gesucht."

Ein Fleischskandal und seine Folge

Auch in München wurde Nitrit in Fleisch und Wurstwaren gefunden. Nach wochenlangen Vorbereitungen griffen Staatsanwaltschaft und Polizei am 8. März zu: "25 Kriminalbeamte begannen mit der Durchsuchung von Metzgereien. 33 Metzger, die alle von dem gleichen Gewürzvertreter verbotenerweise in kleineren und größeren Mengen das Nitrit zum Verschönern ihrer Fleischwaren bezogen haben, wurden im Polizeipräsidium verhört." Die Metzger-Innung zog eine überraschende Konsequenz aus der Affäre. Man beschloss, den im Programm zum Stadtjubiläum bereits angekündigten Metzgersprung wegen der im Zusammenhang mit der Nitrit-Affäre erhobenen Angriffe gegen die Münchner Metzger ausfallen zu lassen. Der Chronist notierte daraufhin: "Man will versuchen, die Metzger umzustimmen." Dies gelang jedoch nicht.

Kaufmann Max Uhlfelder gestorben

Am 9. März starb in München der ehemalige jüdische Großkaufmann Max Uhlfelder (*1884 in München), einst Inhaber des gleichnamigen Kaufhauses im Rosental. Das 1878 von Max Uhlfelders Vater Heinrich gegründete Kaufhaus Uhlfelder galt in den 1920er/30er Jahren als das modernste seiner Art. Unter der nationalsozialistischen Herrschaft war zwar zunächst die Arisierung des Unternehmens, zu dem 450 Angestellte gehörten, eingeleitet worden, doch setzte die Münchner NSDAP langfristig seine Liquidierung durch. In der Pogromnacht 1938 wurde das Kaufhaus geplündert und verwüstet. 1939 gelang Max Uhlfelder und seiner Familie über die Schweiz und Indien die Emigration nach den USA. 1953 kehrte Uhlfelder dauerhaft nach München zurück. Sein Versuch, das Kaufhaus wieder aufzubauen, scheiterte. Max Uhlfelder ist am Neuen Israelitischen Friedhof beerdigt.

Oskar Kokoschka (1886-1980).  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Fotosammlung (Foto: Huhle)

Kokoschka und die moderne Kunst

13. März: "Oskar Kokoschka sprach anlässlich seiner Ausstellungseröffnung im Haus der Kunst über seine Kunst: ‚Ich will kein moderner Maler sein, ich brauche die Tradition. Er nannte sich einen Gegner der üblichen -ismen und unterstrich: ‚Ich bin kein Expressionist.' Bei Malern, die unter ‚kosmischen Einflüsterungen' stünden, kämen immer nur ‚Krawattenmuster' heraus. Besonders ironisch äußerte er sich über seine jungen französischen Kollegen Bernard Buffet, den er einen ‚langweiligen Burschen' nannte.

Die Überzeugungskraft der Bratwurst

19. März: "Thomas Wimmer hatte in Bonn leichtes Spiel, als er ausländischen Diplomaten und Vertretern der Auslandspresse das Geburtstagskind München präsentierte. Nach dem zweiten Paar Schweinswürstel war jedermann überzeugt, dass es in diesem Jahr kaum ein lohnenderes Reiseziel gäbe, als die 800-jährige bayerische Landeshauptstadt." Wimmer konnte auch umgehend eine Überraschung mitbringen. "Die Sowjetregierung hat ihm durch ihren Kulturattaché ein Angebot übermitteln lassen, wonach die bedeutendsten Gemälde aus den Beständen der sowjetischen Galerien als Leihgabe zur 800-Jahrfeier nach München geschickt werden könnten. klicken für eine vergrößerte Darstellung!

Mode fürs Stadtjubiläum

28. März: "Das Modellkonfektionshaus Fischer zeigte bei seiner Modeschau gleich zwei Anzüge, die den Namen der Isarstadt führen. Da war ein weiter weißer Lodenmantel nebst keckem, grünem Trachtenhütchen ‚800 Jahre München' genannt und ein einfach zugeschnittenes, rotes Lodenkostümchen ohne weiteren Schmuck als zwei kleine Taschenklappen, das ‚München' hieß." (Abb. s. unten)

Auch die Polizei beteiligt sich am Stadtgeburtstag

31. März: Eine technische Überraschung bereitet das Amt für öffentliche Ordnung zum Stadtjubiläum vor: Im Polizeipräsidium wird zur Zeit eine Steuer-Hauptzentrale für die Lichtsignalanlagen an 80 Kreuzungen eingebaut. Ein einziger Polizeibeamter kann die Anlage überwachen. Da die Kreuzungen per Funk mit den Streifenwagen und der Kommandostelle verbunden sind, kann der Beamte bei Verkehrsstauungen oder anderen Pannen in kürzester Zeit Abhilfe schaffen."

Verkehrslösung für den Pasinger Marienplatz gesucht

2. April: „Mit der dringend notwendigen Lösung der immer schwieriger werdenden Verhältnisse am Pasinger Marienplatz beschäftigen sich der Bezirksausschuss und die verschiedenen städtischen Stellen schon seit längerer Zeit. Vor allem bereiten die Umkehrschleife der Straßenbahn und ein in die Landsberger Straße weit vorspringendes älteres Haus den Verkehrsbehörden große Sorgen.“ Auch im Jahr 2008 ist die Verkehrsproblematik noch nicht zufriedenstellend gelöst, derzeit (März 2008) werden wieder neue Planungen diskutiert.

Gebetsräume für Islamgläubige

Das Amt der Moslemflüchtlinge in der Bundesrepublik gab am 8. April bekannt, dass in einem Gebäude am St. Pauls-Platz ein Gebetsraum „für die Mohammedaner in München und Umgebung“ eingerichtet wurde.

Wohnungsbau

14. April: „Eines der letzten großen Siedlungsvorhaben in München geht seiner Verwirklichung entgegen. Am Durchblick in Obermenzing sollen rund 600 Eigenheime, meist im Reihenbau entstehen. Das Gelände, eine der wenigen zusammenhängenden Bauflächen der Stadt, konnte bisher nicht bebaut werden, weil es noch von mehreren geplanten Straßen durchzogen war.“

Münchner Wirte protestieren

22. April: „Mit einem geharnischten Brief beklagten sich die Münchner Wirte und Hoteliers bei Bürgermeister Adolf Hieber, dass er auf einem Empfang erklärt habe, die Münchner Wirte sollten im Jahr der 800-Jahr-Feier ‚besser kochen‘. Das Hotel- und Gaststättengewerbe in München dürfe bei aller Bescheidenheit immerhin für sich in Anspruch nehmen [...], zum guten Ruf der Stadt wesentlich beigetragen zu haben. Die gute bayerische Küche und ihre Preiswürdigkeit gehe auch auf die Arbeit von Münchner Betrieben zurück. Gegen Äußerungen, die den Eindruck erwecken, als hätte die Münchner Gastronomie in der Betreuung ihrer Gäste einiges gutzumachen, müsse man sich entschieden zur Wehr setzen.“klicken für eine vergrößerte Darstellung!

Basteln zum Stadtjubiläum.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Fotosammlung (Foto: Rudi Dix)

Schulkinder basteln fürs Jubiläum

22. April: „An der 800-Jahr-Feier der Stadt werden auch die Münchner Schulen lebhaften Anteil nehmen. Eine Ausstellung von Zeichen- und Bastelarbeiten wird bereits am 27. Mai in den Räumen des neu erbauten Gebäudes der Gewerbeschule an der Luisenstraße eröffnet.“

Kampf dem Blumendiebstahl

23. April: „In der Vollversammlung des Stadtrates wurde festgestellt, dass an den gärtnerisch ausgestalteten Plätzen immer häufiger Blumendiebstähle und mutwillige Beschädigungen beobachtet werden. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, besonders heuer im Jubiläumsjahr den Blumendieben auf die Finger zu sehen.“

Den Toten des Zweiten Weltkriegs zum Gedächtnis

Am 3. Mai wurde auf dem Schuttberg beim Luitpoldberg ein großes Kreuz feierlich eingeweiht. „Es wurde von der Stadt München errichtet und soll an die vielen Opfer des Luftkrieges erinnern“.

Stadtjubiläum: Auch die Frisur muss stimmen

22. Mai: „Der Friseur Robert Schorn entwarf eine Phantasiefrisur ‚800 Jahre München‘. Außer Perlen sind auch die Frauentürme aus rosa Haaren in die kunstvolle Haartracht eingebaut. Gisela Sager wird sie als Münchner Kindl mit zurückgeschlagener Kapuze am 13. Juni im Festwagen des Oberbürgermeister im Festzug tragen.“klicken für eine vergrößerte Darstellung!

Der Tod nahm ihm den Hobel aus der Hand

Am 25. Mai starb der Theater- und Filmschauspieler Gustl Waldau (eigentlich Gustav Freiherr von Rummel; *1871). Berühmt wurde seine Interpretation des "Hobellied" aus dem Theaterstück "Der Verschwender" von Ferdinand Raimund. Waldau wurde auf dem Friedhof Bogenhausen unter Anteilnahme vieler Hunderter Menschen beerdigt. (Abb. s. unten)

Konkurrenz für klassische Musik

30. Mai: „Im Kulturausschuss unterbreitet Generalmusikdirektor Fritz Rieger das Konzertprogramm 1958/59 der Münchner Philharmoniker. Er machte kein Hehl daraus, dass es immer schwieriger werde, die richtige Zusammenstellung zu finden. Im letzten Jahr, so Rieger, wurde – der allgemeinen Kritik folgend – ein mehr fortschrittliches Programm gewählt; das kostete die Philharmoniker viele Abonnenten: „Was nützt ein fortschrittliches Programm, wenn ich es mit meinem Orchester vor zwanzig Leuten aufführen muss.“ Dr. Hohenemser sprach von einer kritischen Situation im kulturellen Leben, wenn im Gegensatz dazu die Jazzkonzerte buchstäblich gestürmt würden. Er sei allerdings der Meinung, dass viele zur ernsten Musik zurückkehren werden, wenn der Jazz den Reiz der Neuheit verloren habe.“

Kultureller Ehrenpreis erstmals vergeben

3. Juni: „Keine Gegenstimme gab es in geheimer Sitzung des Stadtrates, als über die Verleihung des neu geschaffenen Kulturellen Ehrenpreises 1958 der Stadt München entschieden wurde. Die Wahl fiel auf den Nobelpreisträger Prof. Werner Heisenberg. Der Preis, mit 15.000 DM dotiert, der an bedeutende Persönlichkeiten aus Kunst und Wissenschaft vergeben wird, wurde erstmals verliehen.“

Stadtjubiläum: Die Stadt putzt sich heraus

Ab 9. Juni wurde das Rathaus an der Hauptfront für die 800-Jahr-Feier geschmückt. „Vier Männer der Rathausverwaltung haben alle Hände voll zu tun, die Fahnen und Schabracken zu befestigen. Etwa 200 farbige Schabracken leuchten allein auf der Seite zum Marienplatz, insgesamt wird das Rathaus nahezu 400 geschmückte Fenster aufweisen.. In den letzten Tagen hat in den Geschäften endlich die längst erwartete Massennachfrage nach den Fahnen und Wimperln für den Schmuck der privaten Häuser eingesetzt.

Begehrte Jubiläumsbriefmarke

10. Juni: Die Sonderbriefmarke 800 Jahre München scheint ein Bestseller zu werden. Beim Postamt 37 in der Dachauer Straße ist ein Sonderpostamt eingerichtet, an dem die Postler von früh bis spät den Sonderstempel mit dem Münchner Kindl auf Jubiläumskaren und vorbereitete Briefe drücken.“

Kranke dürfen am Festessen teilhaben

11. Juni: „Die Stadt will in diesen festlichen Tagen auch die Mitbürger nicht ausschließen, die in den städtischen Krankenhäusern liegen. Krankenhausreferent Dr. Hamm hat angeordnet, dass den Kranken zur selben Zeit, in der das Festbankett der Stadt im Alten Rathaus stattfindet, ein Essen mit der gleichen Speisenfolge serviert wird. Das sonst so sparsame Stadtoberhaupt Thomas Wimmer hat dazu seine Zustimmung gegeben. Das Festessen besteht aus Pfannkuchensuppe, Forelle in Aspik, glaciertem Kalbsrücken mit Beilagen, Bayerischer Creme und Bohnenkaffee.“

Ein Denkmal für das Taubenmutterl

12. Juni: „Seit 1940 liegt das Münchner Taubenmutterl Frau Therese Schedlbauer im Waldfriedhof. Nun steht ihr Bild aus glasiertem Ton über einem kleinen Brunnen in der Passage der Bayerischen Vereinsbank in der Maffeistraße. Wie leibhaftig hat Professor Henselmann im Auftrag der Bank eine Plastik geschaffen, mit ihrer gestrickten Rüschenhaube und dem weiten Schurz, in dem die Futtervorräte für ihre Lieblinge nie ausgingen.“ Der Brunnen befindet sich heute im sog. Amirahof der Einkaufspassage Fünf Höfe.

Die Feierlichkeiten zum Stadtjubiläum beginnen

- Aus dem Grußwort des Oberbürgermeisters „ Das Jubiläumsjahr 1058 stellen einen bedeutsamen Abschnitt in der Geschichte der bayerischen Landeshauptstadt dar. [...] Die Münchner Bürger betrachten das Jubiläum ihrer Stadt nicht als eine behördliche, sondern als ihre ureigenste Angelegenheit; haben sie doch vielfach schon seit zwei Jahren – mit dem Kulturreferat zusammen – im Festverein und im Bürgerausschuss mit seinen Fachausschüssen diese Monate kräftig gerüstet [...] Der Rückblick auf die Geschichte der bayerischen Landeshauptstadt soll den Einheimischen und den Gästen Anlass zu gemeinsamer Freude werden.“

Familien- und arbeitnehmerunfreundliche Bedingungen

14. Juni: E rstmals ist das frisch renovierte Cuvilliés-Theater zu besichtigen. „In Scharen drängen sich die Münchner in die Residenz, um das neue Alte Residenztheater zu sehen.“ Der Chronist berichtet: „Leider verwandelt sich für viele Besucher die Erwartung in Enttäuschung. Zwar wird das Theater im Rahmen der (ebenfalls zum Stadtjubiläum veranstalteten) Rokoko-Ausstellung gezeigt, doch kostet der Eintritt 2,50 DM, außerdem ist ein Katalog zur Erklärung der Bilder und Gegenstände notwendig, er soll noch einmal 5 DM kosten. Und das ist für einen Familienvater eine sehr hohe Ausgabe. Zudem können sich die wenigsten erwerbstätigen Münchner über Tag die Ausstellung ansehen, die nur bis 18 Uhr geöffnet ist. Hier offenbart sich ein Dilemma.“

Freiluft-Serenade

Am Abend des 13. Juni fi nden sich rund 200 Sänger des Münchner Sängerkreises und des Münchner Sängerbundes zu einer Serenade auf dem Marienplatz ein. Die Münchner Petersturmmusik unter Friedrich Sertl eröffnet das Freiluft-Konzert mit einer von Paul Winter eigens für das Stadtjubiläum komponierten Fanfare.

Entwurf zum nächtlichen Festzug anlässlich des Stadtjubiläums 1958.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Grafiksammlung

Nächtlicher Festzug

Am Abend des 13. Juni bewegte sich der Festzug durch die Straßen der Stadt. Der Chronist erwies sich als ebenso kritischer wie begeisterungsfähiger Zuschauer: „Niemand kann genau die Hunderttausende schätzen, die die Straßen des Festzuges säumten, aber das es Hunderttausende werden würden, stand wohl von Anfang an für alle fest – nur nicht für die Herren im Polizeipräsidium. Die dort erarbeiteten Absperrmaßnahmen scheinen dem Reglement für die 700-Jahr-Feier entnommen zu sein [...] Der Festzug übertraf, von einigen dünnwandigen und dünn beleuchteten Stellen abgesehen, alle Erwartungen. Die Idee, sich der Nacht zu bedienen, wird Schule machen.“ Der Festzug, an dem etwa 2.000 Menschen aktiv beteiligt waren, zeigte Darstellungen aus der Geschichte und dem Stadtbild Münchens. In monatelanger Arbeit hatten Künstler dafür Kostüme und Gegenstände entworfen und hergestellt. Der Zug, an dem keine Musikgruppen und keine motorisierten Wägen oder Pferdegespanne teilnahmen, wurde nur mit Fackeln beleuchtet; die Straßenbeleuchtung blieb ausgeschaltet. Die künstlerische Leitung hatte Hans Minarik, die technische Durchführung oblag Hannes König.

Feierlicher Festzug des Stadtrats zur Festsitzung im Deutschen Museum, 14. Juni 1958.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Fotosammlung (Foto: Johann Meyer)

Festsitzung des Stadtrats

Am 14. Juni fand ein weiterer Festzug zum Deutschen Museum statt; im Kongreßsaal fand eine Festsitzung des Stadtrates mit zahlreichen Ehrengästen statt. „2.000 Schulkinder bildeten im Tal und an der Ludwigsbrücke Spalier. Herolde mit Fanfaren empfinden den Zug vor dem Kongreßsaal. Thomas Wimmer eröffnete die Festsitzung und begrüßte die vielen Gratulanten mit dem „hier üblichen Hausgruß: Grüaß Gott alle beieinand!“ [...] Ministerpräsident Hans Seidel gab in seiner Ansprache einen kurzen Rückblick auf die politische Entwicklung der Landeshauptstadt: „Trotz ihres konservativen Charakters habe die Stadt ihre Tore weit offen gehalten und damit zum Werden eines neuen bayerischen Staatsgefühls beigetragen.“ Nach einer von den Münchner Philharmonikern gespielten Festmusik ergriff Nobelpreisträger Prof. Dr. Heisenberg das Wort zu einer liebenswürdigen Festansprache.“

Enttäuschte Hoteliers

18. Juni: „Nachdem sich der Schwarm von einer halben Million Festzugsbesucher verlaufen hatte, machten Münchens Fremdenverkehrsfachleute eine peinliche Entdeckung: Das Stadtjubiläum ist bisher kein gutes Geschäft. Gut die Hälfte aller Hotelbetreibe wartet noch auf Gäste, die Campingplätze sind gar nur zu 15 Prozent belegt. Aus Furcht vor überhöhten Preisen und Quartiermangel fahren die Touristen schnurstracks von Autobahn zu Autobahn durch die Stadt. Man macht bestenfalls einen Abstecher ins Hofbräuhaus, kauft eine Handvoll Postkarten oder benutzt einen kurzen Aufenthalt zum Besuch des Tierparks.“

Oskar Maria Graf besucht München

2. Juli: „Um 13.20 Uhr kommt Oskar Maria Graf auf dem Flughafen München-Riem an. Die Stadt hat den bei Starnberg geborenen und seit 1933 im Exil lebenden Schriftsteller zur 800-Jahr-Feier eingeladen. Graf lebt seit genau zwanzig Jahren in New York.“ Der am Starnberger See geborene Oskar Maria Graf (1894 – 1967) kehrte 1933 von einer Lesereise nach Wien nicht mehr nach Deutschland zurück. Nach der „Bücherverbrennung“ der Nazis im Mai 1933, bei der seine Werke nicht dabei waren, veröffentlichte Graf in der Wiener Arbeiter-Zeitung seinen Protest „Verbrennt mich!“. 1938 emigrierte Graf in die USA, wo er bis zu seinem Tod leben sollte. Bei seinem München-Besuch 1958 kam es zum Eklat, weil er bei seiner Lesung im Cuvilliéstheaterin der Lederhose auftrat. (Foto s. unten)

Münchner Cowboy Siegfried Sommer gestorben

3. Juli: „An der Ranch des Münchner Cowboy-Clubs am Nockherberg weht die Fahne auf Halbmast. Im Krematorium des Ostfriedhofs wurde der 70-jährig Siegfried Sommer, Vater des Schriftstellers, eingeäschert. An Sommer verlor der Cowboy-Club seinen Präsidenten und sein letztes Gründungsmitglied.“ Als junger Handwerker aus Sendling hatte er 1913 mit Gleichgesinnten, „die damals ebenfalls nach Amerika auswandern wollten, den Stammtisch ‚Wildwest‘ gegründet. Der Weltkrieg vereitelte ihre Pläne und so wurde aus dem Stammtisch der Cowboy-Club.“

Gedenken an die Mitglieder der Weißen Rose

12. Juli: „Die Universität München feiert die Wiederherstellung des großen Lichthofs und die Enthüllung eines Mahnmals für Prof. Kurt Huber, die Geschwister Scholl und ihren studentischen Widerstandskreis. Romano Guardini hält die Festansprache. Er hat sich unter das Leitwort ‚Es lebe die Freiheit!‘ gestellt“. Der Philosophieprofessor Kurt Huber, der das letzte Flugblatt für die Widerstandsgruppe „Die Weiße Rose“ entworfen hatte, war am 13. Juli 1943 hingerichtet worden.

Erfolgreicher Kampf gegen Prostitution

17. Juli: „Der Münchner Sittenpolizei gelang es, einen Callgirl-Ring zu zerschlagen, der insgesamt fünf Zweigstellen im Stadtzentrum und in Schwabing hatte. [...] Rund 50 Mädchen im Alter von 16 bis 30 Jahren standen dem Ring täglich von 11 bis 20 Uhr zur Verfügung. Bei fünfen handelte es sich um verheiratete Frauen, die herumluderten, während ihre nichtsahnenden Männer arbeiteten.“

Stadtjubiläum: Misslungene Veranstaltung

18. Juli: „Um neben repräsentativen Veranstaltungen für die anspruchsvollen Gäste des Stadtjubiläums auch etwas Zünftiges für den kleine Mann zu bieten, hatte der Festverein zu einem Bunten Abend in den Löwenbräukeller geladen. Das Motto des Abends hieß ‚Klingendes lachendes München‘. Allerdings waren bis zur Pause mehr ‚zuagroaste‘ als einheimische Melodien zu hören. Enttäuscht waren die Zuhörer weil das angekündigte Jubiläumslied ‚800 Jahre alt und noch so jung und schön‘ sowie das ‚Münchner Stadtlied‘ kurzerhand vom Programm gestrichen wurden. Auch die Premiere des Schunkelwalzers ‚Das goldene Münchner Herz‘ missglückte, da der Interpret nach mehreren falschen Einsätzen mitten unter dem Stück eiligst die Bühne verließ. Wahrlich, ein Festabend für den kleinen Mann!“ (Abb. s. unten)

Deutsches Turnfest 1958  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Fotosammlung (Foto: Hetz)

Deutsches Turnfest 1958

Am 20. Juli begann das Deutsche Turnfest 1958, zu dem man über 70.000 aktive Teilnehmer erwartete. „66 verschiedene Einzelveranstaltungen sind vorgesehen. Höhepunkte sind das Feuerwerk am 26. Juli und der große Festzug der Turner am 27. Juli mit anschließender Kundgebung auf der Theresienwiese, bei der Bundespräsident Theodor Heuss anwesend sein wird.“ Das Fest wurde am Königsplatz mit der feierlichen Übergabe des schwarzrotgoldenen Bundesbanners des Deutschen Turnerbundes an Oberbürgermeister Thomas Wimmer feierlich eröffnet.

Grüße aus Berlin

4. August: „Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Willy Brand, liess Oberbürgermeister Thomas Wimmer als Zeichen der Verbundenheit zwischen München und Berlin das Wahrzeichen der ehemaligen Reichshauptstadt, einen Bären, überreichen. Das Tier wurde von der Bildhauerin Renee Sintenis geschaffen und ist ein Geschenk des Berliner Senats an die Jubiläumsstadt. Der Sockel trägt eine Widmung: 'Zum achthundertjährigen Bestehen der Stadt München mit den Wünschen Berlins für eine glückliche Zukunft überreicht!'“

Wiederaufbau des Münchner Hauptbahnhofs wird konkret

21. August: Die monatelangen Verhandlungen zwischen der Stadt und der Bundesbahn über einen möglichst raschen Wiederaufbau des Hauptbahnhofs haben nun zu einem ersten Erfolg geführt. Die Stadt erklärte sich bereit, vorerst ein Darlehen in Höhe von 5 Mio. DM zur Verfügung zu stellen.“

Stadtjubiläum: Offizielles Ende der Feierlichkeiten

"Nach dem offiziellen Festkatalog zur 800-Jahr-Feier enden die Festwochen am 31. August. Bei der Stadt hat man sich jedoch in aller Stille zu einer Verlängerung der Feierlichkeiten entschlossen. Auch im September und Oktober werden noch zahlreiche beachtenswerte Veranstaltungen geboten.“

Wiesnwirte leisten ihren Beitrag zum Stadtjubiläum

10. September: „Die unerfreulichen wochenlangen Auseinandersetzungen um den Bierpreis auf der Wiesn wurden jetzt endgültig beigelegt. Übereinstimmend haben die Festwirte ihre Absicht bekannt gegeben, in diesem Jahr noch einmal am alten Preis von 1,55 DM, mit Trinkgeld 1,70 DM für die Maß festzuhalten. Die Festwirte weisen darauf hin, dass sie mit dieser Zusage einen Beitrag zur 800-Jahr-Feier der Stadt leisten wollten.“

Festzug „800 Jahre Münchner Verkehr“, 14. September 1958.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Fotosammlung (Foto: Georg Schödl)

800 Jahre Münchner Verkehr

800 Jahre Münchner Verkehr „Eine Revue auf Rädern, wie sie München noch nicht erlebt hat, verspricht der Festzug ‚800 Jahre Münchner Verkehr‘ am 14. September zu werden.“ Mehr als 100 Pferde zogen Frachtwagen, Kutschen, Kaleschen und Gala-Coupés aus früheren Jahrhunderten durch die Straßen der Stadt. 250 historische Räder, Motorräder und Automobil-Veteranen, die älteste und schwerste Eisenbahnlokomotive und viele andere sehenswerte Fahrzeuge schlossen sich an. Auch das teuerste Fahrzeug des Jahres, „das 40.000-Mark-Auto von 1958“ war mit von der Partie.

Stadtjubiläum: Zu Herzen gehendes Wiedersehen

15. September: „Mister Schustereder aus Ridgewood steht am Rednerpult und sagt: ‚Meine sakrischn Landsleit von Minga! Herrgott ist des a Freid, wenn ma wieder hoamkimmt zu seine Leit!‘ und dann muss er ganz fest schlucken. Besser, kürzer und herzlicher hat kein anderer Redner die Gefühle der rund 400 Amerika-Bayern beim Wiedersehen mit der alten Heimat ausgedrückt. Zum Stadtjubiläum waren sie, viele zum ersten Mal nach Jahrzehnten, für sechs Wochen zurückgekehrt und Ministerpräsident Hanns Seidel hatte ihnen nun einen Bayerischen Abend im Festsaal des Löwenbräukellers gegeben.“

Empfang der Stadt München für Brauereivertreter aus Mexiko, 18. September 1958.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München - Fotosammlung (Foto: Johann Meyer)

Besuch aus Mexiko

18. September: „So was hat die Ratstrinkstube wohl noch nie erlebt: glutäugige Mexikaner-Musikanten und einen Münchner Oberbürgermeister, der auf seinem Haupt einen goldbestickten Sombrero, Durchmesser 75 cm, trägt, einer rassigen mexikanischen Sängerin galant die Hand küsst und ihr hilfsbereit die Weißwürste vorschneidet. Es begann damit, dass einige mexikanische Großindustrielle, denen auch Brauereien angehören, zur 800-Jahr-Feier zu uns kamen, um alte Freundschaftsbande zu festigen. Sie brachten per Luftfracht 10.000 Flaschen mexikanisches Bier mit und wollten es auf dem Oktoberfest gratis ausschenken. Doch die Münchner Brauereien waren dagegen, so bekommen es nun die Altersheime. Der Oberbürgermeister verteilte Münchner Kindln und bekam neben dem Sombrero einen Umhang und eine acht Pfund schwere Silberschale überreicht.“

Oktoberfest 1958

20. September: „Das Jubiläumsoktoberfest Nr. 125 wurde pünktlich eröffnet. Beim ersten Böllerschuss zapfte Oberbürgermeister Thomas Wimmer an, prostete dem Schenkkellner zu und meinte dann: ‚D’Hauptsach is, dass mindestens guate drei Quartl einikemma!“ Dann ging er mit Vertretern der Regierung und der Stadt zum Hendlessen.“

Schach-Olympiade

22. Oktober: „Die XII. Schach-Olympiade ging im Münchner Kongreßsaal zu Ende. Mit großem Vorsprung holte sich die Mannschaft der Sowjetunion erneut den Weltmeistertitel.

Erste Landung eines Düsenflugzeugs

28. Oktober: „Nachdem der Ausbau der Startbahn des Flughafens München-Riem beendet ist, beginnt für München das ‚Düsenzeitalter‘, denn auf dem Flughafen wird erstmals ein Düsenverkehrsflugzeug vom Typ Caravelle landen und starten.“

Abschied von einem Münchner Kauz

29. Oktober: „Eines der letzten Münchner Originale, der 83-jährige Naturapostel Arthur Gräser, ist dieser Tage gestorben. Seit mehr als 50 Jahren trug er eine Art Kutte, die mit einem Strick zusammengehalten war, über die Schulter ein Netz mit gelben Rüben oder Blaukrautköpfen und an den Füßen römischen Gladiatoren-Sandalen. In den letzten Jahren sah man den bärtigen Mann mit dem wallenden Kopfhaar auch oft mit einer US-Khaki-Unterhose bekleidet, die er mit Schnüren umwickelt hatte, an denen seine Sandalen befestigt waren.“

Erfolgreiche Modepräsentation

4. November: „Zum 750. Mal stand dieser Tage Gustl Feldmeier auf dem Podium seines Modevorführraums und begrüßte mit einigen herzlichen Worten die Besucherinnen der Beck-Kurzmodenschau. Seit vier Jahren spazieren Verkäuferinnen des Textilhauses als Mannequins im Frühjahr und Herbst jeden Nachmittag über den roten Laufsteg und zeigen eine halbe Stunde lang das Neueste aus der Konfektionsabteilung von Ludwig Beck. Rund 121.000 Kundinnen und auch manche männliche Kunden haben diese Modenschau schon besucht.“

Kampf gegen den Bau einer Tankstelle

5. November: „Aus Protest über die Haltung des Münchner Stadtrats im Tankstellen-Krieg von Obermenzing ist die dortige Schulpflegschaft der Volksschule Obermenzing geschlossen zurückgetreten. Der bisherige Vorsitzende Dr. Stadler stellt in einer schriftlichen Erklärung fest, nachdem der klare und einmütige Wille von 735 Eltern und das aufrichtige Bemühen der Schulpflegschaft um das Wohl der Kinder keine Beachtung gefunden habe, sähen sich die Eltern- und Gemeindevertreter in der Schulpflegschaft nicht mehr in der Lage, ihren weiteren Verpflichtungen nachzukommen. Wie berichtet, soll in der Nähe der Volksschule eine Tankstelle gebaut werden, gegen die die Eltern der Schule monatelang Sturm liefen. Man befürchtet eine Gefährdung der Schulkinder durch die Autos, eine gesundheitliche Schädigung durch Lärm und Geruch und eine Verschandelung des Ortszentrums von Obermenzing.“

Zu wenig Krankenbetten

7. November: „Der Mangel an Krankenbetten in München wird immer bedrohlicher. Heuer waren die Krankenhäuser auch in den Sommermonaten überfüllt. Selbst im Juni, Juli und August mußte die Bettenverteilungszentrale täglich Kranke abweisen; in den Wintermonaten steigen die Abweisungen auf 100 bis 200 täglich. Der städtische Krankenhausreferent Dr. Erwin Hamm wird dem Stadtrat deshalb noch heuer den Bau eines neuen städtischen Krankenhauses vorschlagen.“

Verfrühte Weihnachtswerbung ist unerwünscht

20. November: „‘Die Münchner Geschäftswelt wird eindringlich darum gebeten, mit der Ausschmückung ihrer Schaufenster für die Nikolaus- und Weihnachtszeit nicht vor dem ersten Adventssonntag zu beginnen‘, heißt es in einem Bescheid, den der Stadtrat auf Antrag der CSU-Fraktion einstimmig fasste. ‚Leider kann man die Ausnützung der Weihnachtszeit zur Reklame nicht verhindern‘, bedauern die Antragsteller, ‚aber es verletzt den guten Geschmack in jeder Weise, wenn – wie in Münchner Geschäften zu beobachten war – mit dieser Art von Werbung schon kurz nach Allerheiligen gearbeitet wird.‘“

Plädoyer gegen Atombomben

1. Dezember: „Noch unter dem Eindruck einer Reise nach Hiroshima sagte der Vorsitzende des DGB-Landesbezirks Bayern, Ludwig Linsert, auf einer Mitgliederversammlung des Komitees gegen Atomrüstung: ‚Nach dem, was ich dort gesehen habe, müßte die Atombombe aus jedem menschlichen Denken verbannt werden.‘ Derjenige, der sage, er wolle mit der Atombombe die Kultur retten, habe die Kultur schon verraten, wenn er an die Anwendung solcher Bomben denke. Als Hauptredner setzte sich der Schriftsteller Erich Kuby mit den Ausführungen auseinander, die Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß vor wenigen Tagen im Deutschen Fernsehen während eines Diskussionsabends machte.“

Ilse Weitsch gestorben

Am 9. Dezember starb im Alter von 54 Jahren Ilse Weitsch, die seit 1945 Leiterin des „Frauenfunk“ beim Bayerischen Rundfunk war.

Das Jubiläumsjahr endet

15. Dezember: „Die Münchner 800-Jahr-Feier fand im Kongreßsaal des Deutschen Museums ihren offiziellen Ausklang. Die Stadt hatte dazu alle Münchner eingeladen, die zum Ablauf der Jubiläumsfeierlichkeiten beigetragen haben. Oberbürgermeister Thomas Wimmer sprach ihnen den Dank aus und wies besonders auf die durch Bürgerinitiative gegründete Spendenaktion ‚Alte Heimat‘ hin, die als Krönung der 800-Jahr-Feier Wohnungen für noch immer evakuierte Münchner bauen will. Kulturreferent Dr. Hohenemser gab einen Rückblick auf die Jubiläumsveranstaltungen und wandte sich gegen den Vorwurf, sie seien zu wenig volkstümlich gewesen. Allein an den großen Massenveranstaltungen Festzüge, Feuerwerk, Turnfest und Schäfflertanz hätten weit über 2 Mio. Menschen teilgenommen.“

Schriftsteller Lion Feuchtwanger gestorben

Am 23. Dezember starb in Los Angeles der 1884 in München geborene und 1933 ins Exil gegangene Schriftsteller Lion Feuchtwanger.

Abbildungen zur Chronik 1958