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Stadtchronik 1986


Bemerkenswertes, Kurioses und Alltägliches

Preisvorteil

1. Januar: „Ab heute ist bleifreies Benzin an den Tankstellen um einen Pfennig billiger als der Liter Normalbenzin. Umweltschützer erwarten sich davon eine vermehrte Verwendung bleifreien Benzins. In München gibt es an 121 von insgesamt 367 Tankstellen den umweltfreundlichen Treibstoff."

Deutsch für ausländische Kindergartenkinder

30. Januar: „Das Schulreferat hat in Zusammenarbeit mit dem städtischen Fremdspracheninstitut das Sprachfördermodell 'Deutsch für ausländische Kindergartenkinder' eingeführt. In dieser Art ist das Modell einzigartig in der Bundesrepublik. 'Das ist eine sehr wichtige Sache, denn ausländische Kinder ohne Probleme mit der deutschen Sprache haben die gleichen Chancen wie deutsche Kinder', sagt Stadtschulrat Loichinger. In München befinden sich zur Zeit rund 8.000 Kinder in Kindergärten, davon kommen über 2.000 aus dem Ausland." Langfristiges Ziel war es, in allen München Kindergärten mit hohem Ausländeranteil Sprachstunden von eigens ausgebildeten Erzieherinnen geben zu lassen.

Winterschlussverkauf

1. Februar: „Zur Halbzeit im Winterschlußverkauf haben die Kaufhäuser die Preise noch einmal kräftig heruntergesetzt. Für 50 Mark können Damen ein komplettes Abend-Outfit aus Seidenbluse und dazu passender Hose erstehen. Markenhemden für Männer gibt es bereits für 10 Mark. Die Kaufhäuser melden ein gutes Geschäft."

Fremdenverkehrs-Statistik

13. Februar: Das Fremdenverkehrsamt gab die Zahlen für den Tourismus 1985 bekannt. Demnach hatten rund 350.000 japanische Touristen München besucht, darunter 55.000 als Übernachtungsgäste. Unter den außereuropäischen Besuchern der bayerischen Landeshauptstadt waren sie damit die zweitgrößte Gruppe nach den Amerikanern." Ab Juli 1986 begann die Lufthansa mit dem Direktflug Tokio-München. Die Strecke sollte zunächst zweimal pro Woche beflogen werden.

Kampf dem Hausmüll

21. Februar: „Beim Kampf der Stadt gegen die bedrohlich anwachsenden Müllberge wollen auch die Münchner SPD-Landtagsabgeordneten Schützenhilfe. Manfred Jena, Hans Kolo und Hans Günther Neumann appellieren an Bund und Freistaat, die Landeshauptstadt bei der Abfallvermeidung und Wiederverwertung tatkräftig zu unterstützen. Beim Hausmüll schlagen sie eine Sortierung vor, die dem Bürger wenig Aufwand, dem Umweltschutz dafür einen großen Nutzen bringt. 100.000 t Müll könnten in München jährlich eingespart werden, wenn sich alle abfallbewußter verhielten.“

Gedenken an jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger

13. März: Der Stadtrat beschließt, beim Kloster der Barmherzigen Schwestern in Berg am Laim ein Denkmal zu errichten, das an das Schicksal der jüdischen Bürger Münchens erinnert. 1941 mussten die jüdischen Einwohner München ihre Wohnungen verlassen, sie wurden in Sammellagern untergebracht. Auch im Klosterbau der Barmherzigen Schwestern hatte sich während der NS-Zeit eine solche Unterkunft befunden. Viele Schwestern des Klosters zeigten aber große Hilfsbereitschaft mit den hier Untergebrachten. Else Behrend-Rosenfeld, die ihren Aufenthalt im Kloster Berg am Laim in einem Buch beschrieb, schildert diese Solidarität. Abb. s. unten

Faschingsbilanz

1. April: „Die Faschingssaison 1986 im Deutschen Theater war ein voller Erfolg. Wie das Theater meldet, kamen innerhalb von sechs Wochen über 55.000 Besucher zu den 36 Schwarz-Weiß-Bällen und Kostümfesten. Außerdem hätten auch die Angebote eine neue Dimension errreicht. Höhepunkt sei der 'Carneval in Venedig' gewesen."

Frauenförderung

15. April: „Der Verwaltungsausschuß des Stadtrats beschließt, daß die Stadt künftig jedes Jahr einen mit 10.000 Mark dotierten Förderpreis für Frauenforschung und Frauenkultur verleihen wird. Mit diesem Preis sollen auf Initiative der SPD-Fraktion herausragende wissenschaftliche, journalistische oder kulturelle Leistungen gewürdigt werden. Heftig debattiert wird, ob in der Jury ausschließlich Frauen über die Vergabe des Preises entscheiden sollen. Energisch wendet sich die FDP gegen den Ausschluß der Männerwelt sowohl bei den Preisträgern [sic!] als auch in der Jury. Sie bezeichnet die Einschränkung als 'Steinzeitkonservatismus'. Man habe geglaubt, daß die Zeit, in der es eigene Schulen und Schwimmbäder für Frauen und Mädchen gegeben habe, längst überwunden sei."

Grundsteinlegung für Reinraum-Labor

23. April: „Auf dem Siemens Gelände an der Ecke St. Martin-/Balanstraße feiert Siemens die Grundsteinlegung für die neue Technologie-Halle, in der sich bestimmte Sparten der Mikrochip-Entwicklung konzentrieren werden. Die Halle wird eine Bruttofläche von 16.500 qm umfassen, davon mehr als 2.000 qm sog. Reinsträume, die für die Herstellung der hochempfindlichen Chips notwendig sind."



Reaktor-Unglück in Tschernobyl

29. April: „Die gestern bekannt gewordene Nuklear-Katastrophe im Atomkraftwerk von Tschernobyl in der Nähe von Kiew führt auch in der Bevölkerung Münchens zur Beunruhigung. Viele stellen sich die Frage, was wäre, wenn die radioaktive Wolke sich auf München zu bewegte. Fachleute erklären, für München bestehe nach Lage der Dinge überhaupt kein Grund zur aktuellen Beunruhigung. [...] Für den Fall einer ähnlichen Katastrophe in einem bayerischen Atomkraftwerk, die allerdings von Fachleuten wegen der höheren Sicherheitsanforderungen deutscher Atommeiler für ausgeschlossen gehalten wird, hat das Bayerische Umweltministerium Pläne in der Schublade."



Angst vor erhöhter Radioaktivität

5. Mai: „Die zahlreichen widersprüchlichen Stellungnahmen von Experten und Politikern zum Ausmaß und zu den Folgen der Atom-Katastrophe von Tschernobyl führen zu einer großen Verunsicherung in der Bevölkerung. Dies zeigt sich in tausenden von Anrufen bei den von den Behörden eingerichteten Informationsstellen. So werden Fragen nach Radioaktivität von Frischfleisch gestellt, ob man mit Wasser noch Kartoffeln oder Nudeln kochen kann, ob Hunde gefährdet sind, die im Garten herumlaufen, ob bestimmte Krankheitssymptome auf Strahlung zurückzuführen sind." In München wurden am 5. Mai 1986 34 Becquerel in der Luft registriert. Das Innenministerium warnte erstmals vor dem Verzehr von frischem Grünzeug.

Schutzmaßnahmen gegen Radioaktivität gefordert

5. Mai: Anlässlich des Reaktor-Unglücks von Tschernobyl forderte die CSU-Stadtratsfraktion, „der von SPD und Grünen vor eineinhalb Jahren beschlossene Baustopp für weitere Schutzräume in München sei umgehend aufzuheben. Die Ereignisse hätten gezeigt, daß der Schutzraum-Bau in München nicht nur aus dem Blickwinkel von kriegerischen Auseinandersetzungen zu sehen sei, sondern auch bei möglichen zivilen Katastrophen ein Schutz der Bevölkerung notwendig werden könne."

Unverkäufliches Obst und Gemüse

7. Mai: „Die Lebensmittel- und Gemüsehändler in München leiden schwer unter den Folgen des Reaktor-Unglücks in der UdSSR. Am Viktualienmarkt klagen Händler über einen Rückgang des Geschäfts bis zu 80 Prozent. Die Leute sind durch verschiedenartige Ausrufe weitgehend verunsichert und trauen sich selbst nicht mehr, Gewächshausgemüse zu kaufen. Von seiten der Großmarkthalle wird betont, daß 'verstrahltes' Gemüse nicht in den Handel komme."

Demonstration von Atomkraftgegnern auf dem Marienplatz kurz nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl, 10. Mai 1986  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Foto: Stadtarchiv

Bayerische SPD fordert Atom-Ausstieg

12. Mai: „Die Folgen des schweren Atomunfalls in Tschernobyl veranlassen die bayerische SPD zu der Forderung, schnellstmöglich aus der Kernenergie auszusteigen. Auf einer Pressekonferenz spricht sich Hans Kolo, der umweltpolitische Sprecher, dafür aus, als ersten Schritt „die zur Zeit wegen Revisionsarbeiten ruhende Anlage in Grafenrheinfeld nicht mehr ans Netz anzuschließen. Die Arbeiten für das Werk Ohu II sollten eingestellt werden. Die SPD schlägt vor, mit den Milliarden, die für Ohu II verbaut würden, die bestehenden alten, umweltverschmutzenden Kohlekraftwerke umweltfreundlich zu sanieren."



Gefährdete Radfahrer

23. Mai: „In München gibt es 300.000 Radfahrer - und alle leben gefährlich. Allein in Jahr 1985 passierten in der Stadt 1.541 Radunfälle, bei denen elf Menschen starben. 75 Prozent dieser Unfälle mussten passieren, weil das Radwege-Netz so schlecht ausgebaut ist oder Verkehrszeichen für Auto- und Fahrradfahrer fehlen. Die Stadt will nun für 25 Mio. DM mehr Radwege und damit mehr Sicherheit schaffen."

Feierliche Fahnenweihe der Bäckerinnung bei einem Gottesdienst in der Frauenkirche, 14. Juni 1986  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Foto: Stadtarchiv

Bäckerinnung feiert 100. Geburtstag

30. Mai: „Nach vielen Jahren können sich die Münchner Bäcker bei festlichen Anlässen endlich wieder unter einem Banner vereinen. Sie haben sich zum 100. Gründungstag ihrer Innung selber ein Geburtstagsgeschenk gemacht und bei den Franziskanerinnen des Klosters Aiterhofen bei Straubing eine neue Fahne in Auftrag gegeben. Die alte, die von den Nonnen originalgetreu kopiert wurde, ist im Lauf der Jahre brüchig geworden; sie befindet sich seit einem halben Jahrhundert im Stadtmuseum." Die neue Fahne wurde am 14. Juni 1986 im Münchner Dom vor dem Alter des Hl. Nikolaus geweiht, der der Patron der Bäcker ist.



Für und wider WAA Wackersdorf

4. Juni: „In der Technischen Universität findet vor über 1.000 Zuhörern ein Streitgespräch über die Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf statt. Dabei erklärt der für das Genehmigungsverfahren zuständige Beamte vom Umweltministerium, die WAA sein notwendig, um eine direkte Endlagerung des Atommülls in Bayern zu verhindern. Salzstöcke wie in Gorleben seien für die direkte Endlagerung weniger geeignet als Granit, und Granitgestein gäbe es nur in Bayern. Der Kernkraft-Gegner Klaus Traube, früher Projektleiter des Schnellen Brüters in Kalkar, hält dem entgegen, für ihn sei die bayerische Regierung nur deshalb gegen eine direkte Endlagerung, um drohen zu können 'Wenn ihr gegen die WAA seid, müßt ihr mit einem Endlager in Bayern rechnen. [...] Die These, die WAA sei notwendig, um natürliche Energiequellen möglichst zu schonen, sei nicht zutreffend, da der Rohstoff Uran nicht knapp sei und es auch nicht werde. [...] Die WAA sei keine Entsorgung, sondern nur eine Zwischenstation auf dem Weg zum Endlager. Eine Entsorgung bleibe auch mit der WAA notwendig, man streue den Leuten nur Sand in die Augen und tue so, als ob da 'Zeug' nach einer Wiederaufbereitung weg wäre."



Polizei stoppt Film-Vorführung

26. Juni: „Auf der Mitgliederversammlung der Arbeitsgemeinschaft der Filmjournalisten am Filmfest-Treffpunkt Gasteig beschlagnahmen Polizeibeamte im Auftrag der Staatsanwaltschaft München I Originalmaterial zu der Dokumentation 'Günter Wallraff - Ganz unten'. Der Regisseur des Filmes wollte das Ausgangsmaterial vorführen, um zu beweisen, dass er nicht manipuliert habe. Wallraff hatte für das Projekt als 'Türke Ali' verkleidet die Praktiken der entwürdigenden Behandlung von Gastarbeitern in der Bundesrepublik zeigen wollen. Ein Kaufmann fühlte sich diffamiert und hatte Klage eingereicht. Diese war Anlaß für den Polizeieinsatz."



Physiker warnen vor dem Bau der WAA Wackersdorf

17. Juli: „Die Initiative 'Münchner Physiker gegen WAA' warnt in einer Erklärung vor dem Bau einer Wiederaufbereitungsanlage. Über 400 Physiker der Münchner Universitäten und Forschungseinrichtungen haben bereits am 16. Januar 1986 die Initiative gegründet und die Argumente gegen den Bau der WAA zusammengetragen. Sie sind der Auffassung, daß auch ohne Störfälle Radioaktivität durch eine Wiederaufbereitungsanlage freigesetzt werde." Ein Sprecher erklärte, „die Wiederaufbereitung von abgebrannten Brennelementen könne das Problem der Endlagerung nicht lösen, weil dadurch nur 10 Prozent der Radioaktivität verwertet werde. Die restlichen 90 Prozent müßten doch endgelagert werden."



Ein Museum für Mode

1. August: „Der erste Schritt für ein künftiges deutsches Modemuseum in München ist getan. Unter notarieller Aufsicht wurde ein Förderverein gegründet, dem u.a. Modewochen-Chef Karl-Dieter Demisch, Stadtdirektor Walter Grasser, der Leiter des Münchner Stadtmuseums, Christoph Stölzl, Wolfgang Ley von Escada, Bürgermeister Winfried Zehetmeier und Ludwig-Beck-Geschäftsführer Hermann Rückl angehören. Der Verein hat die Aufgabe, kulturhistorisch bedeutsame Kleidung, Accessoires, Textilien und Modeabbildungen zu erwerben und die Objekte konservatorisch zu betreuen. Darüber hinaus soll die umfangreiche Mode-Sammlung des Stadtmuseums laufend ergänzt werden. Nach geeigneten Räumlichkeiten wird noch gesucht."

Ausstellung "Welt mobil" auf dem Messegelände, August 1986.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München – Fotosammlung: ZBE_W0044 (Foto: Weinelt)

100. Geburtstag des Automobils

7. August: „Zum 100. Geburtstag des Automobils hat die Fa. Daimler-Benz eine Jubiläumsausstellung organisiert, die nach Stuttgart nun auch in München die Besucher begeistern soll. Mit einer Festveranstaltung wird „Welt mobil" von Ministerpräsident Franz Josef Strauß eröffnet. Auf mehr als 13.000 qm werden den Besuchern eine Fülle von Informationen zur Entwicklung der Kraftfahrtechnik geboten. Die Palette der Ausstellungsstücke reicht von den Veteranen der Autogeschichte aus dem Jahr 1886 bis zu futuristischen Plexiglas-Studien." Wenige Tage später gesellten sich dazu noch vier Solar-Autos, sie hatten sich soeben erfolgreich an der „Tour de Sol" beteiligt. Eine Ausstellung im Stadtmuseum befasst sich zeitgleich mit Problemen, die der zunehmende Verkehr geschaffen hatte. Ihr Titel lautete „Alptraum Auto".



Schützen wollen dem Oktoberfest-Zug fernbleiben

8. August: „Die bayerischen Gebirgsschützen – seit 1949, seitdem der Trachten- und Schützenzug alljährlich am ersten Oktoberfest-Sonntag durch die Stadt zieht – wollen heuer nicht mehr mitmachen. Die Schützen wollen sich vom Münchner Festring, der den Umzug zusammen mit dem Fremdenverkehrsamt organisiert, nichts mehr vorschreiben lassen. Der endgültige Verzicht wurde auf der Bundesversammlung der Gebirgsschützen beschlossen." Der Boykott-Aufruf des Gebirgsschützenbundes war eine Reaktion auf die vom Organisator des Oktoberfestzuges vorgegebenen Bedingungen, die u.a. auch Fragen der Kostümierung betrafen. 

Regenrückhaltebecken  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München – Fotosammlung: NLAng_1986_281_37 (Foto: Angermaier)

Ausflug in den Untergrund

4. September: „Auf dem Olympiagelände steigt der Oberbürgermeister, versehen mit Overall, Gummistiefel und Schutzhelm, in die Münchner 'Unterwelt'. Mit seinen Begleitern von der Presse besichtigt er das riesige Regenrückhaltebecken unter dem Olympiagelände, das 10.000 cbm Wasser aufnehmen kann. Bis jetzt gibt es 13 derartige Kammern mit zusammen 160.000 cbm Fassungsvermögen. Die Münchner Entwässerung, der 20 Umlandgemeinden angeschlossen sind, ist 2.000 km lang, dies entspricht Luftlinie München-Lissabon.



Geothermie als Alternative

16. September: „Der Werkausschuß des Stadtrats beschließt,das 1983 aufgrund der technischen und wirtschaftlichen Situation auf Eis gelegte 'Geothermie-Projekt' wieder in Angriff zu nehmen. Untersuchungen ergaben, daß im Münchner Raum in einer Tiefe zwischen 1.500 und 2.800 Metern Temperaturen von bis zu 90 Grad Celsius herrschen. Diese heißen Quellen will man versuchten, für Energiezwecke zu erschließen." Bis heute ist man in dieser Technik kaum über ein Versuchsstadion hinaus.



Stinkender Protest

30. September: „Vier Umweltschützer werfen unter dem Motto 'Endlager für Strahlenschlamm' einen Haufen Klärschlamm vor die Türen des Bayerischen Umweltministeriums. Die Mitglieder der Initiative 'David gegen Goliath' in weißer Schutzkleidung und mit Gasmasken wollen darauf hinweisen, daß die Benutzung von radioaktiv verseuchtem Klärschlamm als Dünger auf den Feldern nicht länger hingenommen werden könne. Messungen verschiedener unabhängiger Fachleute hätten alarmierende Werte ergeben." Nach Ansicht der Strahlenschutzkommission in Bonn ging man im Jahr 1986 davon aus, dass „selbst bei einer Größenordnung von 75.000 bQ/kg im Klärschlamm Konsequenzen nicht notwendig seien, die Belastungen, die in die Nahrungskette gelangten, seien minimal."



Investitionen in die Zukunft

10. Oktober: „Bis vor kurzem noch Zukunftsprognose – jetzt schon Praxis? Bald sollen Computer vollständige Flugzeugentwürfe, Notariatsverträge oder Krankheitsdiagnosen ausspucken. Dr. Wolfgang Bibel vom Institut für Informatik der Technischen Universität und Leiter der Forschungsgruppe ' Künstliche Intelligenz' in München hat für seine Projekte 4,8 Mio. DM bewilligt bekommen."



Ehrung für Bürgerprotest

10. Oktober: „Im Alten Rathaussaal wird erstmals der Münchner Großstadtpreis 'Löwenpfote' verliehen. Die einzige materielle Dotierung des Preises ist die Bronzepranke selbst. Die 7-köpfige Jury wollte 'Bremsklötze für den Rutsch der Stadt ins Tal satter Selbstzufriedenheit' entdecken und würdigen. Die Preisträger 1986 sind Traudl Bierler, eine Hausfrau, die die Pfote für 'Penetranz als Kunstform, als staatsbürgerliche Großtugend' erhält: Sie hat mehr als 40.000 Protestunterschriften gegen den Bau des Staatskanzleigebäudes am Hofgarten zusammengetragen. Des weiteren werden ausgezeichnet der Architekt und Graphiker Heinz Birg, 'der mit feinem Witz die Stadtlodengesellschaft Münchens zu ihrer wahren Größe aufgeblasen hat', Rosa Losengo-Ries für den Aufbau des italienisch-deutschen Jugendzentrums an der Waisenhausstraße, die Organisatorin der Alabamahalle, Conny Weiblen, und ihr Chef Wilfried Albrecht."



Historische Grabdenkmäler gerettet

27. Oktober: „Die 120 überwiegend aus dem 17. und 18. Jahrhundert stammenden Epitaphien an den Außenmauern des Liebfrauendoms, Zeugnisse der Bürger- und Adelsgeschichte der Stadt, konnten dank der Initiative der Messerschmitt-Stiftung konserviert und damit vor weiterer Zerstörung bewahrt werden."

Mangelhafte Organisation von Hilfe

21. November: "Seit Tagen herrschen im Kleiderlager des städtischen Sozialamtes an der Franziskanerstraße chaotische Zustände. Von 6 Uhr früh an stehen jeden Tag hunderte Bedürftige Schlange, um sich kurz vor Winterbeginn noch ein paar warme Sachen abzuholen. Wegen des Personalmangels bei der Kleiderausgabe und der beengten Räumlichkeiten können aber nur 50 Personen pro Tag versorgt werden. Mehrfach mußte bereits die Polizei einschreiten und die nach stundenlanger Wartezeit enttäuschten und zum Teil randalierenden Leute wieder nach Hause schicken."

Frauen protestieren gegen Atomkraft

23. November: "Mit Grablichtern, angeordnet zum 'Strahlensystem, protestiert die Aktionsgemeinschaft 'Mütter gegen Atomkraft' mit rund 300 Teilnehmern auf dem Odeonsplatz gegen die nicht sicher beherrschbare Energieversorgung durch Atomkraft. Die Frauen verweisen dabei auf die Atomkatastrophe von Tschernobyl."

Streit um die volle Maß Bier

1. Dezember: Das „Bier-Urteil" des Bundesverfassungsgerichts führte zu unterschiedlichsten Reaktionen. „Die Verbraucherzentrale, das Kreisverwaltungsreferat und der Verein gegen betrügerisches Einschenken begrüßen die Entscheidung der Richter, ein Ordnungsgeld bis zu einer halben Million Mark zu verhängen, wenn eine Maß Bier nicht tatsächlich einen vollen Liter umfaßt. Wirte sehen in dem Spruch das 'Todesurteil für die bayerische Wirtshaus-Tradition und Bierkultur'. Es bleibe nichts anderes übrig, meinen viele, als das Holzfaß durch den Container und den Schankkellner durch einen elektronischen Schankautomaten zu ersetzen."

Kampf dem Gallenstein

2. Dezember: „Das Uniklinikum Großhadern feiert die ersten 100 Gallenstein-Zertrümmerungen mit Stoßwellen. Was nach den ersten Versuchen im Januar 1985 allenfalls für einige Patienten geeignet schien, hat sich inzwischen als echte Alternative zur Operation entpuppt. Ein Viertel aller 80.000 Bundesbürger, die im Jahr wegen unauflösbarer, schmerzhafter Gallensteine operiert werden müssen, können künftig durch die berührungslose Methode der Stoßwellen-Schüsse von ihren Steinen befreit werden."

Abbildungen zur Stadtchronik 1986