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Die Münchner Stadtchronik


Die Stadtchronik im 19. Jahrhundert

Nach einem schon 1827 geäußerten Wunsch König Ludwigs I. sollten alle bayerischen Städte und Gemeinden nach mittelalterlichem Vorbild eine Chronik führen. Die Anregung des Königs war eine Folge der populär werdenden Hinwendung zur Vergangenheit, der zeittypischen Entdeckung von Geschichtlichkeit. Die königliche Initiative war aber auch ein politischer Schachzug, um monarchiefeindliche Bestrebungen zu bekämpfen. Denn, so 1827 das freimütige Bekenntnis des späteren Innenministers Eduard von Schenk, "wer seinen Sinn ernst und würdig auf die Vergangenheit richte, sey nicht zu fürchten in der Gegenwart". Obwohl der Münchner Bürgermeister Josef von Teng die staatlichen Pläne im Juni 1837 befürwortete, dauerte es acht Jahre, bis der Münchner Magistrat 1845 tatsächlich die Einrichtung einer Stadtchronik beschloss.

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Noch im selben Jahr begann der Bibliothekar Ulrich von Destouches (1802-1863) die fortlaufende Chronik der Stadt München zu schreiben. Schon bald erhielt er aber auch die Order, die Chronik rückwirkend ab dem Jahr 1818 zu rekonstruieren. Man erwartete, dass sich der Chronist "diesem Geschäfte mit Fleiß und Eifer unterzieht". Bereits im September 1845 konnte Destouches dem Magistrat die ersten Jahrgänge der von ihm erstellten "Diarien" vorlegen. Ihr offizieller Titel lautete "Jahrbuch der Stadt München". Waren die rückwirkend erarbeiteten Bände noch reichlich dünn gewesen, so füllte ab 1836 jedes Jahr einen eigenen Band, so dass bei Destouches' Tod im Jahr 1863 die Stadtchronik bereits 38 Jahrgänge in 17 Bänden umfasste (der heutige Bestand umfasst insgesamt 74 Regalmeter).

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Nach seines Vaters Tod übernahm der damals erst 19-jährige Student der Rechte, Ernst von Destouches (1843-1916), die verwaiste Stadtchronik und perfektionierte sie immer mehr. Wie schon sein Vater fügte er den täglichen Eintragungen ergänzende Beilagen (Druckschriften, Flugblätter, Theater- und Konzertprogramme, Zeitungsartikel, Traueranzeigen, Fotos, Plakate usw.) an. Angeblich belustigten sich die Zeitgenossen über die Sammelwut des Chronisten - "sogar die Theaterbillettln sammelt er", hieß es.

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Die Stadtchronik im 20. Jahrhundert

Destouches brachte - wie übrigens alle Chronisten - in seiner mehr als fünf Jahrzehnte dauernden Amtszeit seine eigene "Handschrift" und seine subjektive Wahrnehmung des Zeitgeschehens bei der Chronikniederschrift ein. Die Chronik vermittelt somit nicht nur "objektiv" stadthistorische Ereignisse, sondern auch zahlreiche stimmungsvolle München-Eindrücke aus der Perspektive des jeweiligen zeitgenössischen Beobachters. Die von Destouches mit ungeheurem Fleiß zusammengetragene Beilagensammlung stellt eine stadtgeschichtliche Quelle von außergewöhnlichem Rang dar. Sie ist eine unschätzbare Fundgrube für lokalhistorische Forschungen, denn sie enthält zahlreiche Dokumente, die sich in keiner Bibliothek und in keiner Graphischen Sammlung erhalten haben. Als Ernst von Destouches im Jahr 1914 sein 50-jähriges Jubiläum als Stadtchronist feierte, war die Chronik bereits auf einen Bestand von rund 400 Bänden angewachsen. Bürgermeister Wilhelm Georg von Borscht sprach aus diesem Anlass einen Satz, der bis heute Gültigkeit hat: "Münchens Chronik ist eine Einrichtung, die keine andere Großstadt in der gleichen umfassenden Form aufzuweisen hat."

Konnte zu Destouches' Zeiten ein Berichterstatter das städtische Leben in seiner Gesamtheit noch einigermaßen erfassen, so war das um das Jahr 2000 völlig unmöglich geworden. Das Alltagsgeschehen in der Großstadt München ließ sich nicht mehr in seiner ganzen Fülle in einer Stadtchronik berichten. Die aktuelle Stadtchronik berichtete deshalb nicht mehr tagebuchartig, sondern sie versuchte, punktuell die Themen auszuwählen, die einerseits exemplarisch für das zeitgenössische München erscheinen und andererseits Relevanz für künftige Generationen haben könnten. Es galt, unter der Vielzahl von angebotenen Informationen die Ereignisse und Fakten auszuwählen, die Entscheidungen, Standpunkte, Entwicklungen oder vielleicht auch Tendenzen markieren. Auch wurde seit dem Jahr 2000 wieder damit begonnen wurde, die meist knappen Einträge durch Beilagen zu ergänzen. Dabei konnte es sich um ganz gezielte Ergänzungen handeln, aber auch um solche, die das jeweilige Thema assoziativ erweitern. Vorrangige Aufgabe dieser neuen Beilagensammlung war es, informationsorientiert "Überlieferung für morgen" anzulegen. Das Münchner Stadtarchiv versuchte auf diese Weise, im Moment verfügbares Material aller Art zu bestimmten Themenbereichen (stadtgeschichtlich relevante Ereignisse, Personen etc.) zusammenzutragen.

31. Dezember 2017 - Die Münchner Stadtchronik wird nicht mehr fortgeschrieben

Erschien das Medium „Stadtchronik“ bei seiner Einrichtung 1845 geeignet, langfristig eine systematische Überlieferung anzulegen, so konnte im 21. Jahrhundert die seit mehr als 170 Jahren geübte tagebuchartige Chronik-Führung in ihrer herkömmlichen Art kein Mittel mehr für die Dokumentation des Lebens in der bayerischen Landeshauptstadt sein. Das Alltagsgeschehen in der Millionenstadt München ließ sich in seiner ganzen Fülle in einer Stadtchronik nicht mehr erfassen. Angesichts der aktuellen Informationsflut war der Inhalt der Chronik mittlerweile zu punktuell und selektiv geworden, um später noch einmal als ernstzunehmende, aussagekräftige Quelle dienen zu können. Auch wegen der viel umfassenderen Recherchemöglichkeiten, die das Internet bietet, musste ein Weiterführen der Münchner Stadtchronik als Anachronismus gelten. Angesichts dieser Einsicht entschied sich das Stadtarchiv, die weitere Fortschreibung der traditionsreichen Münchner Stadtchronik zum 31. Dezember 2017 zu beenden.

Wenn die Münchner Stadtchronik mit ihren mittlerweile 74 Regalmetern nun auch ein als abgeschlossen geltender Bestand des Stadtarchivs München ist, so bleibt sie eine außergewöhnlich reiche Quelle zu 200 Jahren Münchner Alltagsleben, wie sie vergleichbar in keiner deutschen Stadt vorhanden ist. Es versteht sich von selbst, dass weiterhin an ihrer Erschließung für die breite Öffentlichkeit gearbeitet wird.

Das Stadtarchiv München wird sich zur Dokumentation des Münchner Alltagsgeschehens in Zukunft stärker auf seine zeitgeschichtlichen Sammlungen konzentrieren und hat dafür bereits ein zeitgemäßes Sammlungsprofil entwickelt, das – neben der kommunalarchivischen Überlieferungsbildung – die Abbildung politischer Prozesse sowie der lokalen Gesellschaft und deren Lebenswirklichkeit vorsieht. Künftig sollen Ereignisse, Phänomene, Strukturen und handelnde Personen im Großen wie im Kleinen sowie – und darin sieht das Stadtarchiv München eine besondere Verpflichtung – die jüdische Geschichte Münchens sowie die migrantischen Lebenswelten und die Auswirkungen des politischen, sozialen und kulturellen Wandels der Stadtgesellschaft seit dem 19. Jahrhundert durch die verstärkte Übernahme von Unterlagen nichtstädtischer Provenienz dokumentiert werden. In diesem Sinne arbeitet auch das bereits bestehende Projekt „Migration bewegt die Stadt“.

Die Stadtchronik im Internet

Seit 2004 werden jeden Monat Auszüge aus der Münchner Stadtchronik ins Internet eingestellt. Mittlerweile sind Einträge aus den Jahren 1900-1918, 1921-1943, 1945-1968 und 1975-1993 abrufbar.