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Bavariaring 15


Porträt von Albertine Neuland  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
Albertine Neuland (© Yad Vashem)

Albertine Neuland

geb. Lehmann,
geboren 30.01.1866
in Schornweisach,
deportiert 23.07.1942
nach Theresienstadt,
ermordet 19.01.1944
in Theresienstadt

 

„Großmutter verstand Würde und Haltung mit Herzenswärme, Fröhlichkeit und Großzügigkeit zu verbinden.“ Mit diesen Worten beschreibt Charlotte Knobloch liebevoll ihre Großmutter Albertine Neuland, die neben ihrem Vater die wichtigste Bezugsperson ihrer Kindheit war. Und, so fügt sie an, „Großmutter war jeder Zoll eine Dame.“

Die am 30. Januar 1866 in Schornweisach geborene Albertine und ihre Schwester Ida genossen als Töchter der Kaufleute Heinrich und Luise Lehmann eine sehr gute Erziehung. Albertine heiratete am 24. Januar 1888 im Alter von 22 Jahren in Nürnberg den Textilkaufmann Salomon Neuland, genannt Sali. Er war am 15. Mai 1863 in Kleineibstadt zur Welt gekommen und hatte drei Geschwister: Hannchen, Karoline und Simon.

Das junge Paar zog bald nach der Hochzeit von Neustadt an der Aisch in das hundert Kilometer entfernte Bayreuth. Dort führte Sali Neuland zusammen mit seinem Bruder Simon ein Modewaren- und Damenkonfektionsgeschäft in der Maximilianstraße. 1889 wurde Siegfried geboren, der von allen Fritz gerufen wurde. Zwei Jahre später erblickte der zweite Sohn Willi das Licht der Welt. Das Geschäft florierte und zog in größere und repräsentativere Räumlichkeiten in der Opernstraße um. Die Familie lebte in großbürgerlichen Verhältnissen in der Bayreuther Innenstadt zunächst am Luitpoldplatz, später in der Alexanderstraße. Sali Neuland, dem 1896 das Bürgerrecht verliehen wurde, avancierte schnell zu einem hoch angesehenen Mann in der Bayreuther Stadtgesellschaft und war Mitglied der Kaufmannskaste.

Die „prägende Figur des Hauses“ jedoch war Albertine Neuland, wie sich ihre Enkelin erinnert. Albertine Neuland und ihr Mann waren gläubig und lebten nach den jüdischen Religionsgesetzen. Sie engagierte sich in der Jüdischen Gemeinde Bayreuths. Von 1911 bis 1939 war sie im Vorstand des Israelitischen Frauenvereins aktiv.

Literatur und Musik hatte für die Familie Neuland eine wichtige Bedeutung. Fritz Neuland spielte Bassgeige und Klavier. Die Oper hatte es den Neulands besonders angetan, vor allem die Musik Richard Wagners. Sie besuchten regelmäßig die Aufführungen im Bayreuther Festspielhaus.

Fritz Neuland verließ 1908 Bayreuth, er studierte in München Jura und gründete dort eine Anwaltskanzlei am Stachus. Sein Bruder Willi studierte Medizin an der Berliner Charité und leitete später eine Kinderarztpraxis in Nürnberg.

Seit der Machtübernahme hatte sich das Leben von Albertine und Sali Neuland massiv verändert. Die Einnahmen des Modegeschäfts gingen zurück, im Januar 1936 zwangen die Nationalsozialisten Sali Neuland dazu, sein Geschäft aufzugeben. Es wurde von Karl Krämer und Karl Hacker „arisiert“, die es unter dem Namen Modehaus Krämer&Hacker weiterführten. Nach dem Novemberpogrom 1938 mussten Albertine und ihr Mann Sali Neuland aus ihrem Haus Alexanderstraße 4 in die Erlanger Straße 33 in die Wohnung ihrer Schwester Ida umziehen. Sali Neuland verkraftete die zahlreichen Demütigungen und Angriffe auf seine Existenz nicht. Am 24. Mai 1939 verstarb er. Seine Witwe war nun gezwungen, das Haus zu verkaufen. Als ihre Schwester kurz darauf nach England auswanderte, verließ Albertine Neuland Bayreuth und zog zu ihrem Sohn Fritz nach München. Sie kümmerte sich mit liebevoller Fürsorge um ihre kleine Enkelin Charlotte, die sie wie zuvor ihre Söhne in den jüdischen Traditionen unterwies.

Auch in München hatte sich die Situation der jüdischen Bevölkerung seit 1933 rapide verschlechtert. Die Nationalsozialisten hatten Dr. Fritz Neuland im Herbst 1938 die Zulassung als Rechtsanwalt entzogen. Als sogenannter „Konsulent“ war ihm fortan nurmehr die Vertretung jüdischer Klienten  erlaubt. Albertine Neulands Enkelin Charlotte durfte keine öffentliche Schule besuchen und musste auf die jüdische Schule wechseln. Ihre nichtjüdischen Spielkameradinnen wendeten sich von ihr ab. Schließlich musste die Familie erleben, wie die Nationalsozialisten ihren Besitz raubten und sie aus ihrem Haus am Bavariaring 15 in eine winzige Souterrainwohnung vertrieb.

Albertine Neulands zweiter Sohn Willi war in die USA geflüchtet und hatte Affidavits für seinen Bruder und seine Nichte zur Einreise in die USA beschafft. Für seine Mutter jedoch verweigerten die amerikanischen Behörden aufgrund ihres hohen Alters eine Bürgschaft. So ließen Vater und Tochter gegen den Willen von Albertine Neuland ihre Chance auf die Emigration in einen sicheren Zufluchtsort verstreichen.

Im Juli des Jahres 1942 erhielt Albertine Neuland den Deportationsbefehl. Fritz Neuland versuchte vergeblich seine Mutter zu retten. Am 23. Juli 1942 verschleppte die Gestapo Albertine Neuland in das Ghetto Theresienstadt, wo sie am 19. Januar 1944 leidvoll verhungerte. An sie erinnern eine Inschrift am Grab ihres Ehemannes auf dem Jüdischen Friedhof in Bayreuth und eine Page of Testimony in Yad Vashem in Jerusalem.

Fritz Neuland musste während des Zweiten Weltkriegs Zwangsarbeit leisten. Anfang 1945 tauchte er unter und überlebte, versteckt durch Freunde. Er gehörte zu den Mitbegründern des im Dezember 1946 neu gegründeten „Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern“ und war 18 Jahre lang Präsident der IKG München, an deren Wiedergründung er im Juli 1945 beteiligt gewesen war. Er war von 1952 bis 1963 Mitglied des Bayerischen Senates und erhielt den Bayerischen Verdienstorden. Er starb am 4. November 1969 in München.

Charlotte Neuland überlebte die NS-Zeit auf einem Bauernhof in Franken, getarnt als uneheliches Kind einer Tochter des Bauern. Nach dem Krieg heiratete sie den Geschäftsmann Samuel Knobloch, mit dem sie drei Kinder hat. Sie war Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland und Vizepräsidentin des Jüdischen Weltkongresses (WJC). 2005 erhielt sie die Münchner Ehrenbürgerwürde, 2010 das Große Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der BRD. Das Andenken an die von den Nationalsozialisten ermordeten Juden aufrecht zu erhalten ist ein elementarer Teil der Arbeit von Dr. h.c. Charlotte Knobloch als amtierende Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, ihre Großmutter Albertine Neuland seligen Angedenkens nimmt dabei eine für sie ganz besondere Rolle ein.

Text von Barbara Hutzelmann und Maximilian Strnad


Quellen:

  • Stadtarchiv Bayreuth, Gedenkbuch, Datenblatt Familie Neuland.
  • Stadtarchiv München,Einwohnermeldekarte.
  • Stadtarchiv München, Datenbank zum Biografischen Gedenkbuch der Münchner Juden 1933–1945.


Internetquellen:


Literatur:

  • Charlotte Knobloch (mit Rafael Seligmann), In Deutschland angekommen. Erinnerungen, München 2012.
  • Ellen Presser, In München geboren. Aus München vertrieben. In München zu Hause? Erinnerungen und Erfahrungen der Münchner Jüdin Charlotte Knobloch, in: Jüdisches Leben in München. Lesebuch zur Geschichte des Münchner Alltags. Geschichtswettbewerb 1993/94, hrsg. von der Landeshauptstadt München, München 1995, S: 237–244.

Re-Live zur Übergabe des Erinnerungszeichens