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Königinstraße 35 a


Porträt von Anna Louise Neumeyer  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Privatbesitz

Anna Louise Neumeyer

Anna Louise Neumeyer
geb. Hirschhorn,
geboren 14.11.1879
in Mannheim,
Suizid 17.07.1941
in München



 

Die Persönlichkeit von Anna Neumeyer ist bislang wenig gewürdigt. Am politischen Geschehen zu Beginn des 20. Jahrhunderts nahm die Ehefrau von Prof. Dr. jur. Karl Neumeyer aktiven Anteil und pflegte intensiven Austausch mit den Protagonistinnen der Münchner Frauenbewegung um Anita Augspurg und Luise Kiesselbach. Durch Anna Neumeyer wurde das Haus Königinstraße 35 a in München ein Mittelpunkt liberal-demokratisch engagierten Austausches. Anna Neumeyer, geboren am 14. November 1879 , stammt aus einer angesehenen jüdischen Mannheimer Familie. Ihr Vater war Inhaber einer Tabakgroßhandlung, Stadtrat und in der national-liberalen Partei aktiv. Im Jahr 1900 heiratet sie mit 21 Jahren den zehn Jahre älteren Karl Neumeyer, der seit 1901 Privatdozent an der Ludwig-Maximilians-Universität ist. Ihr Schwager Alfred Neumeyer schreibt über sie: „Anna war durch ihre heitere bewegliche, für alle geistigen Werte empfängliche Art die getreue Gefährtin meines Bruders. Sie nahm das lebhafteste Interesse an seiner wissenschaftlichen Laufbahn und seinen Arbeiten, sie pflegte die Geselligkeit und hatte stets ein offenes Haus für junge Leute, die sich wohl bei ihr fühlten. Sie war auch selbst schriftstellerisch tätig und arbeitete an ihren Geschichten und Gedichten“.

Alfred Neumeyer, geboren am 7. Januar 1901, der ältere ihrer beiden Söhne, charakterisiert sein Elternhaus: „Es war eine Prägeform des humanistisch erzogenen, monarchisch regierten und finanziell gesicherten Beamtentums bayrischer Art, das sich ... ähnlich ausgeformt hatte wie in unzähligen anderen Elternhäusern dieser Jahre. Einfacher Wohlstand und gesittete Ordnung haben es bestimmt.“

Der jüngere Sohn Fritz wird am 23. Februar 1905 geboren. Die durch die wissenschaftliche Arbeit Alfred Neumeyers „gesetzte Ordnung der Dinge“, lief mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks ab. Diesen von ihm gewünschten Rhythmus verwandelte Anna Neumeyer in „gelebtes Leben“. „Die leidenschaftliche, phantasievolle, zur Zerfahrenheit neigende Mutter hat die dem Vater zur Natur gegebene Ordnung auf sich genommen und das Leben der Familie darauf gegründet.“

Marianne Weber, die Witwe von Max Weber, zeichnet ein anrührendes Bild ihrer Freundin Anna Neumeyer:

„Anna war die ausstrahlende Kraft des Hauses. In allem was sie tat, waltete ... Begeisterung. Ihrer zierlichen Person entströmte außerordentliche geistige Beweglichkeit. ... Ihre kritische Denkfähigkeit, das Fragen, das Suchen, das Wissen- wollen war ebenso stark. Ihre geistige Intensität galt viel in ihrem Freundeskreis. Sie zog bedeutende Menschen an; junge Leute bauten sich an ihr auf. Anna stellt sich den Frauenvereinen als Mitarbeiterin zur Verfügung. Darüber hinaus verzehrt die politische Arbeit einen Teil ihrer Kräfte. Die reaktionären Strömungen in München und Bayern erregen sie. Es ist ihr sehr ernst um das Ringen für das neue demokratische Gemeinwesen.“

Bereits 1901 tritt Anna Neumeyer in den von Anita Augspurg 1899 gegründeten Münchner „Verein für Fraueninteressen“ ein, in dem sich die gesellschaftlichen Kräfte der Frauenbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts bündeln, um für Emanzipation, Gleichberechtigung, sozialen Ausgleich und Frauenwahlrecht zu kämpfen. Im Jahr 1917 wird sie in den Vereinsvorstand gewählt, dem sie bis 1928 angehört. Aus ihrem liberal-demokratischen Selbstverständnis heraus engagiert sie sich in der Deutschen Demokratischen Partei, deren Frauengruppe sie leitet. 1928 zieht sich Anna Neumeyer resigniert aus der offiziellen politischen Arbeit zurück.

Als ihrem Ehemann 1937 der Besuch öffentlicher Bibliotheken bereits verboten war, schreibt Anna Neumeyer an ihre Freundin Marianne Weber: „Niemand hat sich erboten, meinem Mann Bücher zu beschaffen. Er braucht sie im Moment nicht. Es ist nur charakteristisch für das Versagen in allem Menschlichen gerade unserer Kreise. Wieviel schöne Menschlichkeit haben die Einfachen gezeigt.“

Ebenso wie ihr Ehemann lehnt es Anna Neumeyer ab zu emigrieren: „Wir hätten die Möglichkeit, sowohl nach Schweden als auch nach den Vereinigten Staaten zu fahren. Mittellos geht das nicht an. Man muß in seinem Lebensstil bleiben, nicht in alten Tagen zum Bittsteller werden um des bloßen Lebens willen.“

Am 17. Juli 1941 begehen Karl und Anna Neumeyer in ihrem Haus in der Königinstraße 35 a gemeinsam Selbstmord. Der Tod ihrer Freunde hat Marianne Weber tief bewegt. Im Herbst 1941 schreibt sie: „Dass diese alten Freunde aus München sich das Leben genommen haben in der völligen Ausweglosigkeit ihrer Lage, hat mir einen schweren Schock gegeben. Zum Schwersten gehört überhaupt die Erkenntnis, dass es ein Irrtum war anzunehmen, eine bestimmte Stufe der Humanität – des Menschseins – könne nicht wieder verlassen werden. Nein, es ist alles so wie vor grauen Zeiten. Das Böse im Menschen ist radikal. Bestialität kann jeden Augenblick hervorgerufen und als Machtmittel genutzt werden.“

Text von Klaus Bäumler


Quellen:

  • Stadtarchiv München, Einwohnermeldekarte.
  • Stadtarchiv München (Hrsg.), Biographisches Gedenkbuch der Münchner Juden 1933-1945; (auch zu den im Haus Königinstraße 35 a ab 1939 einquartierten Mitbewohnern jüdischer Herkunft, die den Holocaust nicht überlebten, Gisela Hamburger, Berta und David Neumayer, Johanna und Justin Kohn und Otto Schwarz).

Gedruckte Quellen:

  • Rundschreiben und Mitteilungen der Israelitischen Kultusgemeinde München vom April 1940 bis November 1941 in: Wolfram Selig, Richard Seligmann. Ein jüdisches Schicksal, München 1983.

Memoiren:

  • Alfred Neumeyer (Sohn), Lichter und Schatten, eine Jugend in Deutschland, München 1967.
  • Alfred Neumeyer (Bruder Karl Neumeyers), Erinnerungen in: Alfred Neumeyer, Alexander Karl Neumeyer, Imanuel Noy-Meir, „Wir wollen den Fluch in Segen verwandeln“. Drei Generationen der jüdischen Familie Neumeyer: eine autobiographische Trilogie, Hrsg. Robert Schopflocher und Rainer Traub, Berlin 2007.
  • Marianne Weber, Lebenserinnerungen, Bremen 1948.

Literatur:

  • Heinrich von Bonhorst, Karl Neumeyer (1869-1941) in: Evamaria Brockhoff, Manfred Treml, Wolf Weigand (Hrsg.), Geschichte und Kultur der Juden in Bayern. Lebensläufe, München 1988.
  • Henriette von Breitenbuch, Karl Neumeyer – Leben und Werk (1869 – 1941), Frankfurt a. M. 2013.
  • Heinrich Habel, Johannes Hallinger, Timm Weski, Denkmäler in Bayern, Landeshauptstadt München. Denkmal-Topographie Maxvorstadt, München 2014 (Zum Baudenkmal Königinstraße 35 / 35 a).
  • Alfred Grimm, Silber für das Reich. Silberobjekte aus jüdischem Eigentum im Bayerischen Nationalmuseum, Hrsg. Bayerisches Nationalmuseum, München 2019.
  • Peter Landau, Juristen jüdischer Herkunft im Kaiserreich und in der Weimarer Republik
  • in: Hans-Jürgen Becker, Helmut Henrichs, Harald Franzki, Klaus Schmalz, Michael Stolleis (Hrsg.), Deutsche Juristen jüdischer Herkunft, München 1993.
  • Anna Neumeyer, Über Parteiprogramme: Ein Wegweiser für die Wahlen, (s.l., s.t. 1919).
  • Guenther Roth, Max Webers deutsch-englische Familiengeschichte 1800-1950, Tübingen 2001.
  • Lorenz Seelig, Die Zwangsablieferung von Silbergegenständen aus jüdischem Besitz in München 1939-1940. Kulturgutverluste, Provenienzforschung, Restitution. Sammlungsgut mit belasteter Herkunft in Museen, Bibliotheken und Archiven, München Berlin 2007.
  • Klaus Vogel, Karl Neumeyer (1869-1941), Ein Lebenswerk: Das „Internationale Verwaltungsrecht“, in: Hans-Jürgen Becker, Helmut Henrichs, Harald Franzki, Klaus Schmalz, Michael Stolleis (Hrsg.), Deutsche Juristen jüdischer Herkunft, München 1993.
  • Hans Wehberg, Karl Neumeyer zu Gedächtnis in: Die Friedens-Warte, Band 41, No. 5/6 Zürich 1941, S. 256-260 aufzurufen unter: https://www.jstor.org/stable/23774403.