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Anna Reinhardt

Anna Reinhardt,
geb. Bamberger,
geboren 18.02.1906
in Gleiwitz,
inhaftiert 08.03.1943
im Polizeigefängnis München,
ermordet Frühjahr 1945
im Konzentrationslager
Bergen-Belsen

Anna Bamberger wurde am 18. Februar 1906 in Gleiwitz geboren. Sie heiratete 1925 den Musiker und Kapellmeister Rudolf Reinhardt. Gemeinsam reisten sie durch Deutschland. Anna Reinhardt brachte sechs Kinder zur Welt – Siegfried 1926 in Schaffhausen, Herbrecht Josef 1927 in Stuttgart, Martin 1928 in Karlsruhe, Margarete 1929 in München, Rigo 1931 in Stuttgart und schließlich das Nesthäkchen Adolf 1941. Eine überlebende Freundin der Familie berichtete von dem großen musikalischen Talent aller Familienmitglieder und einem harmonischen Miteinander.

Mit Beginn des Zeiten Weltkrieges durften sich Sinti und Roma nicht mehr frei bewegen. Nach dem „Festsetzungserlass“ mussten als „Zigeuner“ klassifizierte Menschen an dem Aufenthaltsort bleiben, an welchem sie sich befanden. Umzüge waren nur mit Erlaubnis der Polizei möglich. Zudem überwachte die Kriminalpolizei sie noch strikter als zuvor.

Im Sommer 1940 konnte Familie Reinhardt von Fürstenfeldbruck nach München ziehen, wo auch bereits Familienangehörige lebten. Auch Anna Reinhardts Schwester Adelheid Bamberger lebte mit ihren Kindern in der bayerischen Landeshauptstadt. Die Lebenswelt von Sinti und Roma wurde immer weiter eingeschränkt. Sie unterlagen denselben rassistischen Bestimmungen wie Juden.

1941/42 wurde die Familie getrennt. Am 27. Juli 1942 ließ die Münchner Kriminalpolizei Annas Ehemann Rudolf Reinhardt in das Konzentrationslager Flossenbürg deportieren. Er starb wenige Monate später, am 31. Oktober 1942, im KZ Mauthausen-Gusen, wo er unmenschliche Zwangsarbeit verrichten musste. Im gleichen Zeitraum wurden ihr die zwei Söhne Martin und Herbrecht Josef willkürlich genommen und in das katholische Piusheim in Glonn eingewiesen. Auch ihre Tochter Margarete musste in das Clemens-Maria-Kinderheim in der Münchner Spixstraße 14. Gleichzeitig inhaftierte die Polizei ihren ältesten Sohn Siegfried.

Die 36-jährige Anna Reinhardt war nun mit ihren jüngsten Kindern auf sich gestellt.

Am 8. März 1943 ließ die Kriminalpolizei Anna Reinhardt mit den noch bei ihr lebenden Kindern Adolf und Rigo - ebenso wie den überwiegenden Teil der Sinti und Roma aus München – in das Polizeigefängnis Ettstraße bringen. Nach mehreren Tagen wurden sie am 13. März 1943 ins „Zigeunerlager“ des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau deportiert. Auch Anna Reinhardts Schwester Adelheid Bamberger und deren Kinder sowie weitere Verwandte und Bekannte waren betroffen und im selben Transport. Die Kinder Margarete, Martin und Herbrecht Josef, die zuvor im Heim untergebracht worden waren, wurden am 13. März 1943 ebenfalls nach Auschwitz-Birkenau verschleppt. Wenig später verschleppte die Polizei noch Siegfried Reinhardt nach Auschwitz-Birkenau.

Im „Zigeunerlager“ von Auschwitz-Birkenau starben Kleinkinder und ältere Deportierte innerhalb kürzester Zeit an den Folgen der unbeschreiblichen Lebensbedingungen. Insgesamt kamen auf Anordnung der Kripo über 22.000 Sinti und Roma nach Auschwitz-Birkenau. Die SS ermordete etwa 19.000 von ihnen oder ließ sie an den Folgen von Hunger, Krankheit, Misshandlungen und Zwangsarbeit sterben. Auch Annas Reinhardts Vater, Robert Bamberger, wurde aus München deportiert. Er starb im Juli 1943. Die sechsfache Mutter musste miterleben, wie fünf ihrer sechs Kinder in Auschwitz starben.

Im Mai 1944 selektierte die SS die nun 38-jährige Anna Reinhardt zur Zwangsarbeit. Über das Konzentrationslager Ravensbrück verschleppte die SS sie wenig später in verschiedene KZ-Außenlager nach Brandenburg, Sachsen und Thüringen. In den Außenlagern Schlieben, Altenburg und Taucha, die ab Sommer 1944 zum Konzentrationslager Buchenwald gehörten, musste sie für die Rüstungsindustrie arbeiten. In Altenburg wurden Panzerfäuste und Granatmunition hergestellt. Insbesondere aus rassistischen Gründen verfolgte Häftlinge wurden für die extrem gesundheitsgefährdende Arbeit der Zubereitung und des Abfüllens von Sprengstoff herangezogen. In Taucha war das Außenlager des KZ-Komplexes Buchenwald mit den meisten Häftlingsfrauen, die als „Zigeunerinnen“ verfolgt wurden. In Zwölfstundenschichten mussten die Häftlinge Schwerstarbeit leisten.

Spätestens in Taucha traf Anna Reinhardt ihre Schwester Adelheid Bamberger wieder. Zusammen mit 148 weiteren schwerkranken Gefangenen verschleppte die SS die Schwestern am 1. März 1945 ins Konzentrationslager Bergen-Belsen. Dort verlieren sich ihre Spuren. Erzählungen zufolge kamen Anna Reinhardt und ihre Schwester Adelheid kurz vor der Befreiung gewaltsam ums Leben.

Text von Sarah Grandke

Quellen:

  • Stadtarchiv München, EWK 65, Einwohnermeldekarte.
  • Stadtarchiv München, Hausbogen.
  • NS-Dokumentationszentrum München, Datenbank der Münchner NS-Verfolgten, Anna Reinhardt, Adelheid Bamberger.

Literatur:

  • Winfried Nerdinger (Hrg.), Die Verfolgung der Sinti und Roma in München und Bayern, Publikation zur Ausstellung im NS-Dokumentationszentrum München, Berlin 2016, S. 148 und 302.
  • Irmgard Seidel, Taucha (Frauen), in: Benz, Wolfgang/Distel, Barbara (Hrg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Bd. 3, München 2009, S. 582-585.
  • Diess., Schlieben (Frauen), in: Benz, Wolfgang/Distel, Barbara (Hrg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Bd. 3, München 2009, S. 560-563.
  • Diess., Altenburg (Frauen), in: Benz, Wolfgang/Distel, Barbara (Hrg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Bd. 3, München 2009, S. 363-365.