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Unsöldstraße 13


Foto von Barbara Hartard  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
Barbara Hatard (rechts), 1916
© privat

Barbara Hartard

geb. 28.12.1895
in Freimersheim (Pfalz),
deportiert 03.09.1940 von
Eglfing-Haar in die
Heil- und Pflegeanstalt
Niedernhart,
ermordet September 1940
in der Tötungsanstalt Hartheim


Barbara kommt am 28. Dezember 1895 in Freimersheim bei Speyer in der damals bayerischen Pfalz als drittes Kind des Schneidermeisters Georg Anton Hartard und seiner Frau Katharina zur Welt und wird am Neujahrstag 1896 getauft. Genannt wird sie zeitlebens Babette.

Nach ihrer Schulentlassung 1909 findet Barbara Anstellung als Haushaltshilfe bei einer Speyerer Beamtenfamilie, mit der sie im Sommer 1910 nach München geht. Seit Beginn des Jahres 1912 ist sie erneut in Speyer tätig und lebt eine Weile wieder in ihrem Elternhaus. 1917 zieht sie von dort als Dienstmädchen zu dem Kaufmann Aron, gen. Adolf Reichenberg, der in Speyer eine Manufakturhandlung besitzt. Er wird später – 1940 – wegen seiner jüdischen Abstammung deportiert und stirbt im französischen Internierungslager Gurs. Im Februar 1924 kommt Barbara in ärztliche Behandlung im Speyerer Stiftungskrankenhaus. Der Grund für den Spitalaufenthalt ist den Unterlagen nicht zu entnehmen, dürfte aber wohl schon mit der geistigen Erkrankung zusammenhängen, die wenig später zu ihrer dauerhaften klinischen Internierung führen wird. Nach ihrer Entlassung arbeitet Barbara in Heidelberg noch einmal für wenige Monate als Haushaltskraft, bevor sie seit August wieder in München gemeldet ist. Ihre letzte Wohnadresse ist die Pension Daser in der Galeriestraße 36 (heute Unsöldstraße 13).

Am 22. September 1924 verzeichnet der Aufnahmebogen der Psychiatrischen Klinik in München, der heutigen Universitäts-Psychiatrie in der Nußbaumstraße 7: „Hartard Babette, Dienstmädchen, ledig, katholisch, Befund: geisteskrank, […] redet viel, ist mit Aufnahme nicht einverstanden.“ Drei Wochen später wird Barbara mit der Diagnose „Schizophr[ene] paranoide Demenz“ in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing überwiesen. Sie wird fast sechzehn Jahre dort bleiben. Ihre Krankenakte, die bis Juli 1940 geführt wird, hat sich erhalten.

Barbaras Zustand ist zunächst wenig auffällig. Ihre Einweisung in die geschlossene Anstalt lehnt sie jedoch vehement ab: „Sie können mich ja auch entlassen. Wo ich hingehe, das geht Sie nichts an. Wo ich hin will, das geht sie nichts an. […] Ob ich Stimmen höre, geht sie nichts an. Was ich höre, kann Ihnen egal sein, das ist ja meine Sache. Ich störe ja niemand mit dem[,] was ich höre.“

Manchmal wird Barbara laut, ausfallend. Dann folgen Phasen, in denen sie sogar in den Werkstätten des Heims arbeiten kann. Je länger Barbaras Anstaltsaufenthalt andauert, desto häufiger äußern sich Krankheit und Hilflosigkeit in Aggression. Immer wieder wird sie in das sogenannte ‚feste Haus‘ 22 für sehr unruhige, gewalttätige oder straffällige Patientinnen verlegt. Oft findet sich in der Akte nun der Vermerk: „Zu keiner Beschäftigung zu gebrauchen.“

1938 übernimmt Hermann Pfannmüller die Leitung der Anstalt, ein fanatischer Nationalsozialist und Vertreter der nationalsozialistischen Rassen- und Gesundheitsideologie. Ab Oktober 1939 lässt er die Patienten in Eglfing mittels Meldebögen erfassen. Ermordet werden sollen nicht nur die ‚geistig Toten‘, sondern möglichst alle, die zu produktiver Arbeit unfähig sind. In Barbaras Krankenakte heißt es in einem der letzten Einträge vom Oktober 1939:

„Hat seit 15 Jahren so gut wie gar nichts gearbeitet, war vorübergehend 1924, 25, 26 mit etwas Näharbeiten beschäftigt, 1929 bei der Karrengruppe, 1930 u[nd] 34 in der Handwäscherei, wiederholt sehr gewalttätig u[nd] zu Angriffen übergehend, ist als asoziale Kranke anzusehen.“

Die Akten von 1119 Menschen markiert Pfannmüller mit einem roten Kreuz als lebensunwert. Barbara ist unter ihnen. Zusammen mit 120 weiteren Frauen wird sie am 3. September 1940 als „ungeheilt“ in die österreichische Heil- und Pflegeanstalt Niedernhart bei Linz deportiert, die im Rahmen der nationalsozialistischen Euthanasieaktion als Zwischenlager für die Tötungsanstalt Hartheim dient. Beide Einrichtungen leitet der Arzt Rudolf Lonauer; sein Stellvertreter in Hartheim ist Georg Renno, der gemeinsam mit Büroleiter Christian Wirth die Abfertigung der eintreffenden Todestransporte übernimmt. In Hartheim stehen zur Ermordung der Kranken eine als Brausebad getarnte Gaskammer und ein Krematorium zur Verfügung. Bis zur offiziellen Einstellung des Euthanasieprogramms im August 1941 werden hier mehr als 18 000 Menschen getötet.

Im Spätsommer 1940 erhalten Barbaras Angehörige die Nachricht, dass ihre Tochter und Schwester am 18. September in einer Pflegeanstalt einer Lungenentzündung erlegen sei. Das Todesdatum ist vermutlich ebenso gefälscht wie ganz offensichtlich die Todesursache. Für die Zusendung der Urne, die sehr wahrscheinlich nicht Barbaras, sondern die wahllos zusammengekehrten sterblichen Überreste anderer Euthanasieopfer enthält, sind 30 Reichsmark zu entrichten.

Christian Hartard

Quellen

  • Briefwechsel Hildegard Paeffgen und Bertram Hartard jun., 7. Oktober 1981.
  • Bundesarchiv Berlin, Abschrift des Aufnahmebogens aus der Psychiatrischen Klinik München und Krankenakte aus der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing, Bestand R 179, Nr. 20592.
  • Stadtarchiv Heidelberg, Meldekarte Barbara Hartard.
  • Stadtarchiv München, Polizeimeldebogen (PMB )H 62.
  • Stadtarchiv Speyer, Gesinderegister der weiblichen Personen 1875–1914, Signatur 004 / 02.

Literatur

  • Christian Hartard: „Wo ich hingehe, das geht Sie nichts an.“ Biographische Notiz zu Barbara Hartard, in: Michael Buhrs und Verena Hein (Hg.), Less Work for Mother, Ausst.-Museum Villa Stuck München, Berlin 2018.
  • Ernst Klee: „Euthanasie“ im Dritten Reich. Die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“. Vollständig überarbeitete Neuausgabe, Frankfurt am Main 2010.
  • Brigitte Kepplinger, Gerhart Marckhgott, Hartmut Reese (Hg.): Tötungsanstalt Hartheim. 2., erweiterte Auflage. Oberösterreich in der Zeit des Nationalsozialismus, Band 3. Oberösterreichisches Landesarchiv, Linz 2008.

 

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