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Foto Charlotte Carney  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München

Charlotte Carney

geb. Herrmann,
geboren 17.08.1900
in Berlin,
deportiert 13.03.1943
in das KZ Auschwitz,
ermordet 30.04.1943
im KZ Auschwitz


Die Eltern von Charlotte Carney sind Hermann Lewin und Margaretha geborene Bruck. Sie heirateten am 17. Oktober 1899 in Berlin, wo Hermann Lewin bei der königlichen Eisenbahn als Bau- und Betriebsinspektor beschäftigt war. Am 17. August 1900 kam Charlotte Lewin zur Welt. In der Heiratsurkunde sind die Eltern mit jüdischer Religion eingetragen. Ihre Tochter Charlotte konvertierte später zur evangelischen Religionsgemeinschaft.

Für kurze Zeit lebte die Familie Lewin in Hamm, wo der Vater am 24. August 1906 verstarb. Am 28. Dezember 1907 heiratete die Mutter in Berlin den Amtsrichter Michel Alfred Herrmann. Ihre Tochter führte danach den Geburtsnamen „Herrmann“. Aufgewachsen ist Charlotte Herrmann in Preußisch Stargard im heutigen Polen. 1920 bestand sie das Abitur und zog nach Magdeburg, wo ihr Stiefvater als Amtsrichter tätig war. 1921 legte sie hier die erste Prüfung für das Lehramt ab. Am 3. Juni 1926 heiratete Charlotte Herrmann den am 9. März 1902 in Einbeck geborenen Kaufmann Paul Carney. Ab Ostern 1928 war sie an einer Volksschule in Magdeburg beschäftigt und bestand im Juni 1931 die zweite Lehramtsprüfung.

Das Ehepaar zog am 2. Juli 1932 nach München. Paul Carney verdiente als Vertreter so gut wie nichts, und seine Frau wartete auf eine Festanstellung als Lehrerin. Durch das nationalsozialistische Gesetz von 1933 zur „Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ wurden ihre Chancen auf Einstellung als Lehrerin zunichte gemacht. Sie erkrankte aufgrund der Aufregungen. Auch wenn sie ab 1935 als Vertreterin für „Progress-Staubsauger“ arbeiten konnte, folgten weitere Schicksalsschläge: Ihre Ehe wurde am 24. Juni 1936 geschieden, und 1938 wurde ihr die Gewerbeerlaubnis entzogen. Sie arbeitete nun bei der Israelitischen Kultusgemeinde. Am 2. September 1939 war sie beim Arbeitsamt München als arbeitslos gemeldet.

Charlotte Carney bemühte sich vergeblich um Auswanderung. Sie wandte sich um Hilfe an das Ehepaar Cohen, das in München als Anlaufstelle des internationalen Hilfswerks der Quäker galt. Herr Cohen verwies sie an eine Organisation der Bekennenden Kirche, deren Münchner Vertrauensmann Pfarrer Zwanzger war. Charlotte Carney hatte einen Halbbruder in Rio de Janeiro und benötigte 132 Reichsmark, um Übersetzungs- und Beglaubigungskosten für die Auswanderung zu bezahlen. Pfarrer Zwanzger wandte sich deswegen an die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland. Sein Anliegen wurde ablehnend beschieden, weil aufgrund des neuen brasilianischen Einwanderungsgesetzes die Chancen als nahezu aussichtslos eingestuft wurden.

Vom 19. September 1941 bis 6. März 1943 musste Charlotte Carney Zwangsarbeit bei der Firma Kammerer verrichten. Sie wohnte seit dem 16. Januar 1937 in einem Dachgeschosszimmer in der Maria-Theresia-Straße 23, dem Hildebrandhaus. Am 21. Oktober 1941 musste sie zwangsweise in das Internierungslager Clemens-August-Straße 9 umziehen.

Am 13. März 1943 deportierte die Gestapo Charlotte Carney nach Auschwitz. Auf der Deportationsliste war sie mit der Nummer 54 eingetragen. Auf Antrag des Halbbruders Carl Herrmann wurde vom Amtsgericht München ihr Todeszeitpunkt auf den 30. April 1943 festgelegt.

Text von Ruth und Klaus-Peter Münch

Quellen:

  • Bayerisches Hauptstaatsarchiv, LEA 8295/35.
  • Historisches Archiv der Commerzbank, 500/3772-20000 (Deportationsliste).
  • Landesarchiv Sachsen-Anhalt, Abteilung Magdeburg, Reg.-Nr. 445/1926, Aufgebotsakte VA 10876, Reg.-Nr. 445/1926.
  • Landesarchiv Berlin, P Rep 160 Nr. 456, Standesamt Berlin-Schöneberg I, Nr. 1377/1907.
  • Landeskirchliches Archiv der Evang.-Luth. Kirche in Bayern, Nürnberg, LAELKB: Vereine II, XIV, Nr. 7.
  • Staatsarchiv München, OFD 8772; Amtsgerichte 100937.
  • Stadtarchiv München, Einwohnermeldekartei.
  • Stadtarchiv München, Hausbogen.
  • Stadtarchiv München, Datenbank zum Biografischen Gedenkbuch der Münchner Juden 1933-1945.

Internetquellen (aufgerufen am 14.09.2020):

Literatur:

  • Klaus Bäumler, Schatten über dem Hildebrandhaus. Auf Spurensuche nach Elisabeth Braun, in: Bezirksausschuss Maxvorstadt (Hrsg.), Von ihren Kirchen verlassen und vergessen? Zum Schicksal Christen jüdischer Herkunft im München der NS-Zeit, München 2006, S. 180.
  • Karl-Heinz Fix, Glaubensgenossen in Not: Die evangelisch-lutherische Kirche in Bayern und die Hilfe für aus rassischen Gründen verfolgte Protestanten. Eine Dokumentation, Gütersloh 2011.