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© Privat

Dirk Koedoot

geboren 08.02.1925
in Ijsselmonde, Niederlande,
verschleppt
Sommer/Herbst 1943
in das Arbeitserziehungslager
München-Moosach,
gestorben 20.10.1943
infolge von Folter in München

Mein Onkel Dirk wurde als jüngstes von zehn Kindern von Jilles Koedoot und Klaartje van Dam am 8. Februar 1925 am Achterweg in Ijsselmonde (heute: Barendrecht) geboren.  Im Oktober 1925 zog die Familie um in die Westerbeekstraat 29a in Rotterdam. Als jüngstes Kind wurde Dirk von seinen Eltern und seinen sieben Schwestern ein bisschen verwöhnt. Seine Brüder Jaap und Jan hatten einen ruhigen, nachdenklichen, introvertierten und stabilen Charakter, Dirk dagegen war eher hitzig und temperamentvoll. Diese Hitzigkeit und sein jugendlicher Übermut trugen sicher zu seinem tragischen Tod bei. Eigentlich wollte Dirk Matrose werden. Die Familie war sehr eng miteinander verbunden, und für meinen Opa spielten der Glaube und das Vertrauen in Gott eine große Rolle.  Er war der Meinung, man solle nicht nur für die Ewigkeit, sondern auch für das tägliche Brot sorgen. „Du willst Seemann werden und denkst, dass du auf See gläubig bleiben kannst? Nein, Dirk, das wird nicht passieren.“ Und so wurde mein Onkel Dirk Bäcker.

Am 18. Februar 1943, Dirk war ein paar Tage zuvor 18 Jahre alt geworden, schickte das “Gewestelijk Arbeidsbureau Rotterdam”, zu deutsch das Arbeitsamt Rotterdam, ihn zum verpflichteten Arbeitseinsatz nach Deutschland. Er kam am 20. Februar 1943 in München an. Damit gehörte Dirk Koedoot zu den etwa 2.600 niederländischen Frauen und Männern, die als Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in der Münchner Kriegswirtschaft arbeiten mussten. In Deutschland waren zwischen 1939/40 bis 1945 etwa 13 Millionen ausländische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter eingesetzt, in München bis 1944 mehr als 121.400 Frauen, Männer und Kinder aus ganz Europa sowie tausende Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge. Sie mussten in allen kriegswichtigen Bereichen und in zahllosen großen und kleinen Unternehmen arbeiten. Ihre Lebensumstände hingen von ihrer Herkunft ab und gestalteten sich entsprechend der rassistischen Ideologie der Nationalsozialisten unterschiedlich. So lebten Menschen aus der Sowjetunion und Polen, diskriminiert und gekennzeichnet als so genannte „Ostarbeiter“, unter den schlechtesten Umständen.

Mein Onkel Dirk als Niederländer und Westeuropäer galt hingegen als eher privilegiert. Die Familie besitzt ein Foto, dass am 28. März 1943 in München aufgenommen worden war. Daher wissen wir, dass er sich am Anfang seines Aufenthalts in Deutschland relativ frei bewegen konnte. Dirk (links) steht hier mit einem Freund auf der Museumsinsel an der Isar, im Hintergrund ist die Ludwigsbrücke zu sehen, weiter rechts die St.-Lukas-Kirche. Dirk musste bei einem Ehepaar arbeiten, das eine Bäckerei besaß. Es ging ihm dort wohl den Umständen entsprechend gut. Wahrscheinlich bekam er dort auch Unterkunft und zu essen. Seine ruhigen und gefestigten Brüder Jaap und Jan, die auch als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt worden waren, entschieden sich dafür, ihre Situation zu akzeptieren. Für den gerade erst 18-jährigen Dirk muss das Leben als Zwangsarbeiter für die deutschen Besatzer seiner Heimat aber schwer erträglich gewesen sein. Eines Tages flüchtete er, 800 Kilometer zurück nach Hause. War auch Heimweh der Grund seiner Flucht? Wir wissen es nicht. Dicht bei der niederländischen Grenze fasste ihn eine deutsche Patrouille. Er scheint sich heftig gewehrt zu haben, weswegen die Soldaten ihn mit Gewehrkolben zusammenschlugen. Seine Schwester Riek sagte darüber, “dass sie ihn fast totgeschlagen haben”. Zweifellos wurde er nach seiner Festnahme wieder nach München gebracht, wo er von der Gestapo verhört wurde. Anschließend inhaftierte die Gestapo Dirk Koedoot im Arbeitserziehungslager (AEL) München-Moosach, dass sich in der damaligen Wildstraße befand.

Die ab 1940 auf Erlass Heinrich Himmlers eingerichteten Arbeitserziehungslager unterstanden der Gestapo. In München war dafür die Leitung des Referates II E der Stapoleitstelle unter der Führung von Richard Lebküchner zuständig. Ziel der Arbeitserziehungslager war es, die Arbeitsdisziplin – d.h. Erfüllung der Arbeitsleistung, keine Entziehung von der Arbeitspflicht - der deutschen und insbesondere der ausländischen Zwangsarbeiterinnen bzw. Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen zu gewährleisten. Häufig beteiligten sich auch die von der Zwangsarbeit profitierenden Unternehmen am Betrieb dieser Lager. Insgesamt existierten in Deutschland und den besetzten Gebieten etwa 200 Arbeitserziehungslager für mehr als eine halbe Million weiblicher und männlicher Häftlinge. Die Bedingungen in den Lagern waren sehr schlecht und ähnelten denen in Konzentrationslagern; viele Häftlinge überlebten sie nicht. 

Im AEL München-Moosach bewachte die SS die internierten Männer. Das Lager war mit Stacheldraht umzäunt und hatte Wachtürme. Die etwa 200 bis 500 Häftlinge waren in Holzbaracken untergebracht. In den wenigen erhaltenen Quellen schildern die Menschen die brutalen Arbeitseinsätze, Hunger und Misshandlungen. Viele der Häftlinge mussten in Schwerstarbeit Kabel verlegen. Anscheinend hatten die Männer dort Häftlingskleidung zu tragen, ähnlich der in Konzentrationslagern. Zahlreiche Häftlinge wurden vom Arbeitserziehungslager in München-Moosach in das Konzentrationslager Dachau verschleppt.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat ein Mitgefangener Dirks Eltern besucht. Dieser Mann erzählte von Dirks Flucht und dass er als Strafe 24 Stunden lang in kaltem Wasser stehen musste. Schwer krank wurde er in einem Hospital in der Maria-Ward-Straße 9 aufgenommen. Ursprünglich befand sich an dieser Adresse die Mädchenschule der Congregatio Jesu in München-Nymphenburg, geleitet von Schwester Rosa Weber. Das Gebäude wurde in 1939 von den Nazis als Hilfshospital des Schwabinger Krankenhaus eingerichtet. Schwester Bernardine Weber, wie sie nach dem Eintritt in den Orden hieß, versorgte ab März 1940 bis Kriegsende zusammen mit ihrer Schwägerin und den anderen Schwestern die etwa 62 Patienten. Sie setzten sich mit allen Kräften für die Patienten ein.

Dort starb mein Onkel Dirk Koedoot genau acht Monate nach seiner Ankunft in München, am 20. Oktober 1943 an einer „Lungenblutung“, wie in der Sterbeurkunde zu lesen ist. Wir betrachten das nicht als die Todesursache, sondern als die Folge der Gewalt und Folter, der er während des Verhörs ausgesetzt worden war.

Dirk wurde am 23. Oktober 1943 auf dem Westfriedhof in München begraben. Am 24. Mai 1956 wurde er auf das Niederländische Ehrenfeld auf dem Waldfriedhof Oberrad Wald in Frankfurt am Main umgebettet, wo er mit 755 anderen Niederländern seine letzte Ruhestätte fand.

Als meine Mutter nach dem Krieg schwanger wurde, fragte Opa Jilles meine Eltern ob - wenn es ein Junge würde - er nach seinem Sohn Dirk genannt werden könne. Das wurde ich, geboren am 18. September 1946 als Sohn von Jan Koedoot und Bastiaantje van Bodegom.

Nach dem Krieg hatten Dirks Eltern noch Kontakt mit dem Bäckerehepaar aus München, sie mochten ihn anscheinend sogar gerne. Unsere Familie hat das wirklich geschätzt.

Text von Dirk Koedoot (Neffe)

Quellen:

  • Stadtarchiv München, Standesamt, Sterbeurkunde von Dirk Koedoot.
  • Stadtarchiv München, Datenbank der NS-Lager.
  • Arolsen Archives, Signatur 1107062.
  • KZ-Gedenkstätte Dachau, Nick Hope, A True Story, 26.04.2015 (unveröffentlichtes Manuskript).

Internetquellen:

Literatur:

  • Andreas Heusler, Ausländereinsatz. Zwangsarbeit für die Münchner Kriegswirtschaft 1939-1945, München 1996.
  • Ders., Ausbeutung und Disziplinierung. Zur Rolle des Münchner Sondergerichts und der Stapoleitstelle München im Kontext der nationalsozialistischen Fremdarbeiterpolitik, in: Forum Historiae iuuris 1998 (https://forhistiur.de/1998-01-heusler/).
  • Cord Pagenstecher, Arbeitserziehungslager, in: Wolfgang Benz/Barbara Distel (Hrg.), Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Bd. 6, München 2009, S. 75-99.
  • Angela Hermann, Rekrutierung zur Zwangsarbeit, in: NS-Dokumentationszentrum München hrsg. von Angela Hermann, Winfried Nerdinger, Paul-Moritz Rabe, Sibylle von Tiedemann, Berlin 2018, S. 98-129.

Ein Luftbild zum ehemaligen Arbeitserziehungslager München Moosach ist zu finden unter: http://www.ns-karte-muenchen.de/Moosach.html.