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Porträt von Dr. Friedrich Crusius  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
Dr. Friedrich Crusius (Foto: privat, Barbara Wenzl)

Dr. Friedrich Crusius

geboren 15.08.1897
in Tübingen,
zwangseingewiesen
01.04.1938 in die
Heilanstalt Eglfing-Haar,
ermordet 08.03.1941 in der
Heilanstalt Niedernhart


Dies ist der Lebenslauf meines Großvaters Friedrich Crusius. Ich habe ihn nicht gekannt, ich weiß auch nicht, mit welchem Namen er von seinen Eltern, seiner Frau und seinen Kindern, einem Sohn und einer Tochter, gerufen wurde. Ich kenne seine Augenfarbe nicht und keine einzige Erzählung über ihn. Aber ich weiß, dass seine Tochter, meine Mutter, ihn sehr geliebt hat, auch wenn sie nicht über ihn und sein Schicksal sprechen konnte.

Friedrich Alfred Ernst Alexis Crusius wurde am 15. August 1887 als drittes Kind der Eltern Otto und Elisabeth Crusius, geb. von Biehl, in Tübingen geboren. Der Vater lehrte als Professor für Altphilologie an der dortigen Universität, war Gründungsmitglied der Deutschen Vaterlandspartei und Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Die Familie zog im Jahr 1903 nach München, da mein Urgroßvater an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) den Lehrstuhl für klassische Philologie übernahm. Mein Großvater besuchte hier die Grundschule an der Herrnstraße und anschließend das Wilhelmsgymnasium.

Friedrich Crusius studierte nach dem Abitur zunächst zwei Semester Philosophie an der Ludwigs-Maximilians-Universität in München, bevor er zum Kriegsdienst eingezogen wurde. Am 14. August 1916 trat er in das Infanterieleibregiment ein, knapp ein Jahr später wechselte er in die Bayerische Sanitätskompanie, in der er bis zum Kriegsende diente. Nach Ende des Ersten Weltkrieges nahm Friedrich Crusius .sein Studium wieder auf, wechselte zur klassischen Philologie, Germanistik und Geschichte und verbrachte ein Semester an der Universität in Leipzig. Er beendete sein Studium 1922 mit dem Staatsexamen für das Lehramt in den klassischen Sprachen sowie Deutsch und Geschichte. Einem Tagebucheintrag aus dieser Zeit ist zu entnehmen, dass mein Großvater den Lehrerberuf als einen “Brotberuf“ ansah, der seinen eigentlichen Neigungen, wissenschaftlich tätig zu sein, widersprach. 1923 bis 1924 leistete er dennoch sein Referendariat am Maximiliansgymnasium in München ab und wurde anschließend Hilfsassistent am Seminar für klassische Philologie an der LMU. In seiner Freizeit schrieb er Novellen, musizierte und komponierte. In einem Tagebucheintrag wird vom Klavierspiel zusammen mit seinem Cousin Rudolf Heß (1894–1987), dem späteren Stellvertreter des Führers, berichtet, einer Verwandtschaft, die sich später noch als bedeutsam herausstellen wird. “Der kleine Heß ist mir technisch weit überlegen, aber vom Blatt spielt er schlecht.“ Bereits in diesen Jahren erwähnte er aber auch in seinem Tagebuch, er “fühle sich oft krank, müde“, ohne die Symptome genauer zu beschreiben.

Schon während des Studiums lernte mein Großvater seine spätere Ehefrau, Adelheid Dorothea Luise Stifler, genannt Thea, kennen. Die beiden heirateten im Jahr 1926, im selben Jahr promovierte er mit einer Arbeit über “Die Responsion in den plautinischen Cantica“. Da ihm eine Stelle als Hauslehrer in Djursholm in Schweden angeboten wurde, übersiedelte das Paar nach Stockholm, wo 1927 der Sohn Peter zur Welt kam. Ein Jahr später erschien von ihm im Verlag Georg Olms das Werk “Römische Metrik“, ein bis heute von Fachleuten benutztes und als unübertroffen beschriebenes Standardwerk für das Lateinstudium.

Aus nicht mehr rekonstruierbaren Gründen kehrte die Familie im November 1927 nach München zurück. Dr. Crusius arbeitete jetzt als Lehrer an der von seiner Frau geführten Privaten Höheren Frauen- und Mädchenschule Dr. Thea Crusius in der Ainmillerstraße 4 in München-Schwabing. Im Jahr 1931 kam die Tochter Marie-Luise, meine Mutter, zur Welt. Zwei Jahre später beantragte mein Großvater die Übernahme in den Staatsdienst, da die Privatschule wirtschaftlich zunehmend erfolglos war. Am 27. Dezember 1933 trat er eine Stelle als Studienrat am Reuchlin-Gymnasium in Ingolstadt an, wurde jedoch schon 1935 für vorerst drei Monate wegen eines “Nervenzusammenbruchs aufgrund Überarbeitung“ krankgeschrieben. Seine Behandlung erfolgte in der privaten Kuranstalt Neufriedenheim in München-Sendling. Dort wurde im Oktober 1935 anlässlich eines amtsärztlichen Gutachtens die erste Verdachtsdiagnose „Schizophrenie“ gestellt und die Empfehlung ausgesprochen, eine Versetzung in den einstweiligen Ruhestand zu beantragen. Am 17.Januar 1936 wurde ein entsprechender Antrag, vorläufig für ein Jahr, bewilligt. Die finanzielle Situation der Familie war jetzt sehr angespannt, da die Behandlungskosten weitgehend selbst getragen werden mussten. Wohl aus diesem Grund zog Thea Crusius mit den Kindern zu ihren Eltern nach Herrsching am Ammersee in das “Waldhaus“. Seine Tochter erzählte später von den schönen Jahren dort: man kann daher vermuten, dass die Kinder zu den Krankenbesuchen nicht mitgenommen wurden. Der gesundheitliche Zustand des Vaters verschlechterte sich in den folgenden Monaten. Dr. Crusius wird einerseits in den Krankenakten als ruhiger, sich den Anweisungen fügender Patient beschrieben. Er sei andererseits oft nicht dazu zu bewegen, das Bett zu verlassen, esse tagelang nichts, wirke oft mürrisch und gebe auf Fragen keine Antwort. Es wird aber auch immer wieder von wachen, lebhafteren und zugewandten Phasen berichtet, in denen er nach den Kindern gefragt oder von seinen Plänen einer Habilitation über Plato berichtet habe.

Am 2. August 1935 erging vom Erbgesundheitsgericht München der Beschluss, dass bei Friedrich Crusius an der chirurgischen Universitätsklinik in München die Sterilisation vorgenommen werden müsse. Dieser Beschluss wurde später ausgesetzt, solange “der Patient sich in Neufriedenheim oder einer anderen geschlossenen Anstalt befindet“. Ein Grund könnte das fehlende Einverständnis seiner Frau und eventuell deren Einflussnahme gewesen sein, die später in der Akte erwähnt wird. Anfang 1936 verstärkten sich offenbar die sichtbaren Zeichen seiner Erkrankung: Es häufen sich Beschreibungen von Grimassieren, starren Gesichtszügen und Beschreibungen von Halluzinationen. Es wird aber gleichzeitig auch von arabischen Sprachstudien berichtet, vom freundlichen Umgang mit seiner Frau und liebevollen Erkundigungen nach seinen Kindern. “Noch möchte er nicht heim, da er noch nicht gesund sei, er tröstet aber seine Frau, er werde schon wieder gesund werden.“

Auf Wunsch meiner Großmutter wurde Friedrich Crusius im März 1936 in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar verlegt. Man kann davon ausgehen, dass sie von diesem Schritt einen erkennbareren Behandlungserfolg erwartete. Die Einträge in der Krankenakte erfolgten ab diesem Zeitpunkt in deutlich größeren Abständen, sie lassen auf eine weitere Verschlechterung seines Zustandes schließen. Mein Großvater wird nun, dem Sprachgebrauch entsprechend, als verwirrt, unzugänglich und abweisend beschrieben: “Läuft planlos auf der Abteilung herum, kontaktunfähig, grimassiert ständig, steht in vertrackten, bizarren Stellungen herum.“

Im Oktober 1937 wurde er, nachdem der Oberarzt Anton von Braunmühl die zu dieser Zeit aufkommende Behandlung mit Insulinkomata wegen Aussichtslosigkeit abgelehnt hatte, auf Drängen seiner Frau in die Klinische Abteilung der Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie im Schwabinger Krankenhaus verlegt. Hier wurde Friedrich Crusius ab November 1937 täglich durch hohe Insulindosen ins Koma versetzt. Da sich auch nach insgesamt 80 Komata keinerlei Behandlungserfolg zeigte, wurden ab Mitte 1938 Therapieversuche mit Cardiazolschocks unternommen. Ein Erfolg blieb aus.

Am 30.September 1938 wurde mein Großvater durch den zuständigen Bezirksarzt unter Berufung auf Art.80, Abs.2 Bayerisches Polizeistrafgesetzbuch, einer für als “gemeingefährlich“ geltende “Geisteskranke“ vorgesehene Rechtsnorm, wieder nach Eglfing-Haar eingewiesen. Dort heißt es im November 1938: “Versucht zu arbeiten, kommt aber nicht vorwärts.“ Der letzte Eintrag in der Krankenakte aus dem September 1940 beschreibt ihn als “[a]utistisch, gesperrt, steif, grimassiert, hockt leer herum“. Am 24.Oktober 1940 erfolgte “gem. Anordnung des Reichskommissars für die Reichsverteidigung im Rahmen planmäßiger Räumungsmaßnahmen“ die Überführung in die Zwischenanstalt Niedernhart.

Es könnte sein, dass meine Großmutter durch ihren Hausnachbarn Gerhard Schmidt von der Verlegung erfahren hat. Schmidt war zu damaliger Zeit als Psychiater am Schwabinger Krankenhaus tätig und wurde 1945 von den Amerikanern als kommissarischer Leiter der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar eingesetzt mit dem Auftrag, die Verbrechen zu dokumentieren. Er verabscheute die “Euthanasie“-Morde der NS-Zeit und begann sehr bald nach dem Krieg diese in seinem Werk Selektion in der Heilanstalt 1939–1945“ aufzuarbeiten. Thea Crusius schrieb also bereits am 26.Oktober 1940 an die Direktion der Heil- und Pflegeanstalt Niedernhart und bat um Übersendung eines ärztlichen Gutachtens über den Gesundheitszustand ihres Mannes. In diesem Brief bezieht sie sich auf ihre Verwandtschaft mit der Mutter von Rudolf Heß, die auch einen Durchschlag erhielt, dem Stellvertreter Hitlers, wohl in der Hoffnung, auf diesem Weg die Ermordung ihres Mannes verhindern zu können. Tatsächlich wurde Friedrich Crusius am 26. November 1941 in die Zwischenanstalt Niedernhart zurückverlegt, er gehört damit zu den Einzelfällen einer Rückstellung nach der Deportation in die Tötungsanstalt Hartheim.

Ein einziger weiterer Eintrag aus dem Februar 1941 ist in der Krankenakte dokumentiert. Darin wird von einem unveränderten Zustand und der aus »Platzrücksichten« erfolgten Verlegung in eine Abteilung der Heil- und Pflegeanstalt Niedernhart-Linz berichtet. Mein Großvater Friedrich starb am 8.März 1941 in der Heil- und Pflegeanstalt Niedernhart-Linz »nach mehreren Tagen hohen Fiebers unter den Zeichen akuter Kreislaufschwäche« auf der Abteilung von Dr. Rudolf Lonauer (1907–1945), der gleichzeitig Leiter der Tötungsanstalt Hartheim war. Alle Umstände sprechen dafür, dass er gezielt zu Tode gebracht wurde.

Fast 25 Jahre später fasste sein Bruder Otto Crusius die Erinnerungen an den Bruder in einem Brief an seine Nichte Marie-Luise zusammen: “Er [wurde] als ›lebensunwertes Leben‹ […] ausgelöscht“ – dies war der Familie also sehr bewusst. Dennoch wurde bis nach dem Tod meiner Großmutter Thea und dem Tod meiner Mutter in meiner Familie kein Wort über Friedrich Crusius gesprochen.

Ergänzung: Für meinen Großvater, darüber hinaus aber für jeden Menschen, der Opfer der Aktion T4 wurde, wünsche ich mir im Gegensatz zu diesem endgültigen Ausschluss aus der Gesellschaft: Man möge an sie denken, über sie sprechen und sie für immer in liebevoller Erinnerung behalten.

Text: Barbara Wenzl

Quellen:

  • Oberösterreichisches Landesarchiv (OÖLA); Wagner-Jauregg KH, Krankenakte Dr. Friedrich Crusius, Stammnummer 15859.
  • Personalakte im Bayer. Hauptstaatsarchiv, Abt. I, Signatur MK 32294.

Literatur:

  • Gerhard Schmidt: Selektion in der Heilanstalt 1939-1945, Frankfurt am Main 1983 (1967).

 

Stadtrat Offman spricht bei der Übergabe der Stele Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Stadtrat Offman spricht bei der Übergabe der Stele

Stadtarchiv München, E. Weichelt

Barbara Wenzl verliest die Biografie ihres Großvaters Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Barbara Wenzl verliest die Biografie ihres Großvaters

Stadtarchiv München, E. Weichelt

Prof. Zadoff bei der Installation des Erinnerungszeichens Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Prof. Zadoff bei der Installation des Erinnerungszeichens

Stadtarchiv München, E. Weichelt

Barbara Wenzl, Prof. Zadoff und Stadtrat Offman vor der Stele Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Barbara Wenzl, Prof. Zadoff und Stadtrat Offman vor der Stele

Stadtarchiv München, E. Weichelt

Stele vor der Mandlstraße 21 Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Stele vor der Mandlstraße 21

Stadtarchiv München, E. Weichelt

Erinnerungszeichen Dr. Friedrich Crusius Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Erinnerungsstele Detail

Gestaltung und Photographie: stauss processform, München

Erinnerungsstele vor dem Eingang Mandlstraße 21 Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Vor dem Eingang Mandlstraße 21

Gestaltung und Photographie: stauss processform, München

Erinnerungstele vor Hauswand Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Erinnerungsstele

Gestaltung und Photographie: stauss processform, München