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Wasserburger Landstraße 209


Elisabeth Baerlein  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.

Elisabeth (Liesel) Baerlein

geboren 26.03.1917
in München,
deportiert 18.06.1942
in das Ghetto Theresienstadt,
ermordet
vermutlich 09.10.1944
im KZ Auschwitz

An das Gasthaus „Phantasie“ erinnert heute nur noch ein Straßenname – die Phantasiestraße in Trudering, wo einst das beliebte Ausflugslokal in der Wasserburger Landstraße 209 stand. Hier verlebte Elisabeth Baerlein, die am 26. März 1917 in München zur Welt gekommen war, eine behütete Kindheit. Ihr jüdischer Vater Friedrich Baerlein, geboren am 31. Dezember 1872 in Bamberg, war Kaufmann. Er hatte 1911 die am 30. November 1885 in Erding geborene Katholikin Katharina Huber geheiratet, die jedoch die jüdische Religion angenommen hatte. Familie Baerlein lebte in gut situierten Verhältnissen. Elisabeth Baerlein besuchte die Höhere Mädchenschule Roscher. Musikalisch hoch begabt erhielt sich schon früh eine entsprechende Ausbildung und immatrikulierte sich 1933 als 16-jährige an der Akademie für Tonkunst in München und studierte Violine bei Anton Huber.

Mit dem Machtantritt der Nationalsoziallisten änderte sich das Leben von Familie Baerlein grundlegend. Gemäß der rassistischen Ideologie der Nationalsozialisten galt sie aber nach Inkrafttreten der „Nürnberger Gesetze“ 1935 als Tochter eines jüdischen Vater und einer zum Judentum konvertierten Mutter als „Geltungsjüdin“. Die Violinistin musste 1936 die Akademie für Tonkunst verlassen. Sie konnte noch einige Zeit am privaten Trapp‘schen Konservatorium ihre Studien fortsetzen und begann dort eine Ausbildung zur Kontrabassistin. Die junge Geigerin spielte ab Oktober 1935 bis zu dessen Auflösung im November 1938 im Orchester des Jüdischen Kulturbundes.

Elisabeth Baerlein unternahm mehrere vergebliche Anstrengungen, aus Deutschland zu emigrieren. So ging sie 1939 nach Spreenwalde zur Hachschara, einer landwirtschaftlichen Schulung, um nach Palästina auswandern zu können. Außerdem bemühte sie sich über das „Far Eastern Jewish Central Bureau, Harbin-Shanghai“ um Emigration nach Shanghai.

Die Familie war zahlreichen Repressalien und Drohungen ausgesetzt. Im Zuge der Pogromnacht am 9. November 1938 verschleppte die Gestapo Friedrich Baerlein in das Konzentrationslager Dachau, wo die SS ihn so misshandelte, dass er schwere gesundheitliche Schäden davontrug. Gestapo und SS zwangen ihn im Konzentrationslager, den Rechtsanwälten Friedrich Kügle und Kurt Wolf unwiderrufliche notarielle Vollmachten zur Veräußerung seines Grundbesitzes zu erteilen. Die Gestapo setzte auch seine Ehefrau Katharina massiv unter Druck. Am erzwungenen Verkauf der Immobilien und Wertsachen der Baerleins bereicherten sich etliche „unbescholtene“ Bürgerinnen und Bürger. Der Verkaufserlös ging auf ein Sperrkonto, auf das die Baerleins keinen Zugriff hatten.

Am 1. Juni 1942 zwang die Gestapo Elisabeth Baerlein und ihre Eltern, in die „Heimanlage für Juden“ in der Clemens-August-Straße 9 umzuziehen. In diesem Lager spielte die junge Musikerin für ihre Mitgefangenen in einem Kammerorchester.

Nur kurze Zeit später, am 18. Juni 1942, deportierte die Gestapo Elisabeth Baerlein mit Transport II/7 in das Ghetto Theresienstadt. Nur zwei der 50 Deportierten überlebten. Auch hier spielte Elisabeth Baerlein in einigen Orchestern. Diese Orchester sollten ein vermeintlich normales Leben vorgaukeln, zeugten aber auch vom Lebenswillen und der Selbstbehauptung der Gefangenen. Elisabeth Baerlein musizierte in der berühmten Kinderoper „Brundibár“; der Komponist Hans Krása fügte eigens eine Stimme für Kontrabass in sein Werk ein, die es in der ursprünglichen Fassung von 1938 nicht gegeben hatte. Offenbar heiratete Elisabeth Baerlein im Ghetto Theresienstadt, diese Ehe wurde aber nicht amtlich bestätigt. Ihre Mutter erwähnte in einem Gerichtsverfahren einen Schwiegersohn Josef Lederer. Leider ist es aufgrund des sehr häufigen Namens nicht gelungen, etwas über sein Schicksal zu erfahren. Elisabeth Baerlein ist auf vielen Zeichnungen zu sehen, die aus dem Ghetto Theresienstadt überliefert sind, außerdem wohl in dem Propagandafilm „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ in einem Orchester bei der Aufführung von Pavel Haas‘ „Streicherstudie“.

Am 6. Oktober 1944 deportierte die SS Elisabeth Baerlein in das Vernichtungslager Auschwitz, wo sie die junge Musikerin vermutlich sofort nach Ankunft des Zuges am 9. Oktober 1944 ermordete.

Ihre Eltern Katharina und Friedrich Baerlein überlebten die Shoah in München. Nach Kriegsende kämpften sie jahrelang für die Restitution ihres geraubten Eigentums. Friedrich Baerlein starb am 2. April 1949 in München. Katharina Baerlein erhielt das geraubte Vermögen teilweise zurück, doch die Auszahlungen wurden derart verzögert, dass sie bis zu ihrem Tode am 26. Oktober 1958 nicht in finanziell gesicherten Verhältnissen leben konnte. Katharina und Friedrich Baerlein sind am Neuen Israelitischen Friedhof begraben.

In München erinnert heute die Elisabeth-Baerlein-Straße in Trudering-Riem an die ermordete Künstlerin. Sie ist nur 27 Jahre alt geworden.

Text von Barbara Hutzelmann

Quellen:

  • Stadtarchiv München, Einwohnermeldekarte (EMA-NS).
  • Stadtarchiv München, Hausbogen.
  • Stadtarchiv München, Kennkartendoppel.
  • Stadtarchiv München, KOM/JV, Flurstücke Nr. 434 1-2, 435, 1335.
  • Stadtarchiv München, Datenbank zum Biografischen Gedenkbuch der Münchner Juden 1933-1945.
  • Staatsarchiv München, WB Ia, 19, 139, 920. 921.
  • Staatsarchiv München, OFD 8270.

Internetquellen (Stand 1.10.2020):

Literatur:

  • Hans Günther Adler, Theresienstadt 1941–1945. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft. Geschichte, Soziologie, Psychologie, Tübingen 1955.

  • David Bloch, Versteckte Bedeutungen: Symbole in der Musik von Theresienstadt, in: Theresienstadt in der Endlösung der „Judenfrage“, hrg. von der Theresienstädter Initiative, Internationale Theresienstädter Vereinigung, Prag 1992, S. 140-149.

  • Danuta Czech, Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939-1945, Reinbek bei Hamburg 1989, S. 888-920.

  • Erich Kasberger/Marita Kraus (Hrg.), Else Behrend-Rosenfeld, Siegfried Rosenfeld: Ein Leben in zwei Welten. Tagebücher eines jüdischen Paares in Deutschland und im Exil, München 2011.

  • Melissa Müller/Reinhard Piechocki, Alice Herz-Sommer. „Ein Garten Eden inmitten der Hölle“. Ein Jahrhundertleben, München 2006, S. 244 ff.

  • Sonja Neumann, Elisabeth Baerlein, in: Claudia Maurer-Zenck/Peter Petersen, Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen in der NS-Zeit, Hamburg 2013.

  • Susanna Schrafstetter, „Geltungsjüdische“ Jugendliche in München 1938-1945, in: Münchner Beiträge zur jüdischen Geschichte und Kultur, Jg. 8, Heft 2/2014, hrg. von Alan Steinweis, S. 57-75, hier S. 68.

  • Dana Smith, Der jüdische Kulturbund in Bayern, Ortsgruppe München 1934-1938, in: Münchner Beiträge zur jüdischen Geschichte und Kultur, Jg. 8, Heft 2/2014, hrg. von Alan Steinweis, S. 26-39.