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Elisabeth Heims (© Privat)

Elisabeth Heims

geboren 25.07.1895
in Berlin,
deportiert 20.11.1941
nach Kaunas,
ermordet 25.11.1941
im Kaunas


 

Als Elisabeth Heims am 25. Juli 1895 in Berlin zur Welt kam, lag ein sorgenfreies Leben vor ihr:  Ihr Vater, Professor Paul Heymann, war ein international angesehener Spezialist für Hals-Nasen-Ohren-Erkrankungen. Neben seiner ärztlichen Praxis leitete er eine eigene kleine Klinik und arbeitete an wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Ihre Mutter Adele passte den Haushalt perfekt dem Arbeitsrhythmus des Vaters an. Die Erziehung Elisabeths sowie ihrer 14 und 7 Jahre älteren Brüder war zeitgemäß streng, doch bei Problemen war der Vater immer für sie da. Bildung wurde vor allem für die Söhne als wichtig erachtet. Eduard studierte Jura; Fritz, der sehr jung starb, Medizin. Elisabeth besuchte nach dem Lyzeum eine Handelsschule. 1905 erklärte die Familie ihren Austritt aus der jüdischen Gemeinde und konvertierte zum evangelischen Glauben. Wegen des erstarkenden Antisemitismus änderte sie 1919 den jüdischen Nachnamen in Heims ab.

Vermutlich 1923 lernte Elisabeth Heims den 20 Jahre älteren Alexander Dünkelsbühler kennen. Er war Wirtschaftsanwalt in München mit einer eigenen Kanzlei am Maximiliansplatz. Schon 1924 verbrachten sie viele Wochen des Jahres gemeinsam. Alexander Dünkelsbühler lebte zwar seit Ende 1918 von seiner Frau Eleonore Sporner getrennt, doch diese lehnte eine Scheidung ab. So konnten Elisabeth Heims und Alexander Dünkelsbühler ihren Wunsch, zu heiraten, nicht verwirklichen. Trotzdem verzichteten sie nicht auf ein gemeinsames Leben. Sie setzten sich über alle bürgerlichen Konventionen hinweg und suchten eine Wohnung, die auch für die Kanzlei Platz bot. Im Dezember 1925 fanden sie in der damaligen Arcisstraße 14 geeignete Räume. Elisabeth Heims war die engste Mitarbeiterin Dünkelsbühlers, sie organisierte das Anwaltsbüro mit ein bis zwei Angestellten. Sieben Jahre lebte das Paar glücklich im zweiten Stock des Hauses, das dem gleich nebenan wohnenden Mathematikprofessor Alfred Pringsheim gehörte.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich ihr Leben grundlegend. Die protestantische Elisabeth Heims und der konfessionslose Alexander Dünkelsbühler wurden nun zu Juden erklärt. Um Platz zu schaffen für einen monumentalen Verwaltungsbau, zwang die NSDAP Alfred Pringsheim zum Verkauf des Anwesens. Wohnung und Kanzlei mussten in die Akademiestraße 5 verlegt werden. Als Frontkämpfer verlor Alexander Dünkelsbühler zwar nicht seine Zulassung als Rechtsanwalt, doch seine Einnahmen verminderten sich zusehends. 1935 reichten sie kaum noch zum Erhalt der Kanzlei. Nach dem Erlass der Nürnberger Rassegesetze sah der 60-jährige Dünkelsbühler keinen Ausweg mehr. Am 24. September 1935 nahm er sich das Leben.

Nach dem tragischen Verlust ihres Lebensgefährten intensivierte sich die Beziehung zwischen Elisabeth Heims und dem langjährigen Freund Alexanders, dem Physiker Dr. Rudolf Cohen, sowie dessen Frau, der Ärztin Dr. Annemarie Cohen. Das Ehepaar schloss sich 1934 den Quäkern an, einer religiösen und zutiefst human ausgerichteten Gemeinschaft. Oberste Grundsätze der Gesellschaft der Freunde, so der offizielle Name, sind Gewaltlosigkeit sowie Hilfe für jeden Menschen ohne Ansehen von Religion und Herkunft. Im August 1938 folgte Elisabeth Heims dem Beispiel von Rudolf und Annemarie Cohen und schloss sich ebenfalls den Quäkern an. Nach den Ausschreitungen während der Novemberpogrome versuchten viele Juden aus Deutschland zu fliehen. Doch eine Emigration war nicht einfach, mit den komplizierten Formalitäten kam kaum jemand ohne Unterstützung zurecht. Verzweifelte Menschen wandten sich hilfesuchend an die Quäker. Nach Berlin etablierte sich auch in München eine Quäker-Hilfsstelle, geleitet von Rudolf und Annemarie Cohen, unterstützt von Elisabeth Heims.

Seit November 1938 wohnte Elisabeth Heims zur Untermiete bei Helene und Julius Rapp in der Bauerstraße 22. Am 6. April 1939 emigrierte das Ehepaar. Zurück blieb Helene Rapps 72-jährige Mutter, die sie bei Elisabeth Heims in guten Händen wussten. Schon kurz darauf nahm Elisabeth Heims weitere alte und pflegebedürftige Menschen auf. In den folgenden Monaten kamen darüber hinaus zum Teil schwer traumatisierte Menschen hinzu. Von 1939 bis zur Auflösung durch die Gestapo im März 1941 lebten in dem „kleinen privaten Altersheim“, wie Annemarie Cohen es nannte, fünfzehn Personen.

Im Juli 1941 verpflichtete die Arisierungsstelle Elisabeth Heims zur Zwangsarbeit in der Flachsröste Lohhof GmbH. Sie war dort stellvertretende Lagerleiterin und zuständig für die jüdischen Zwangsarbeiterinnen, die eine körperlich schwere Arbeit verrichten mussten. Vor allem kümmerte sie sich um die Mädchen und jungen Frauen zwischen 14 und 20 Jahren, die mit ihr in einer Baracke auf dem Firmengelände wohnen mussten.

Elisabeth Heims Bruder Eduard war 1933 in die USA emigriert. Seit 1939 versuchte er, ihr zur Flucht aus Deutschland zu verhelfen. Im Herbst 1941 hielt sie die von ihm beschafften Dokumente in Händen. Als sich jedoch die Gerüchte über eine Deportation der Zwangsarbeiterinnen verdichteten, zerriss sie die Papiere mit den Worten: „Wie sollen die Jungen das Schicksal hinnehmen, wenn wir Alten davonliefen?“

Am 20. November 1941 wurde Elisabeth Heims mit weiteren 63 Frauen aus der Flachröste, darunter auch 36 ihrer Schützlinge aus der Lagerbaracke, nach Kaunas deportiert und fünf Tage später ermordet. Elisabeth Heims hatte vor ihrer Deportation ihre engste Freundin Annemarie Cohen als Haupterbin eingesetzt. Die Erben spendeten 1960 die gesamte, mühsam erkämpfte Wiedergutmachungssumme der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Berlin, weil es – wie sie sagten – im Sinne von Elisabeth Heims gewesen wäre, die Entschädigung „für diesen guten Zweck“ zu verwenden.

Text von Ingrid Reuther


Quellen:

  • Bayerisches Hauptstaatsarchiv, LEA 1517.
  • Staatsarchiv München, WB I a2108.
  • Stadtarchiv München, EMA-NS; PMB H 171; Biographisches Gedenkbuch der Münchner Juden 1933-1945.
  • Evangelisches Zentralarchiv Berlin, Bestand 230.


Literatur:

  • Maximilian Strnad, Flachs für das Reich. Das jüdische Zwangsarbeitslager „Flachsröste Lohhof“ bei München. München 2013.
  • Peter Zahn, Hilfe für Juden in München. Annemarie und Rudolf Cohen und die Quäker 1933-1941, München 2013.

Re-Live zur Übergabe des Erinnerungszeichens