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Bürkleinstraße 20 (früher 16)


Porträt Emanuel Kocherthaler  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
Stadtarchiv München, Kennkartendoppel 2067

Emanuel Kocherthaler

geboren 22.12.1869
in Ernsbach,
deportiert 04.06.1942
in das KZ Theresienstadt,
ermordet 04.02.1943
im KZ Theresienstadt

Emanuel Kocherthaler war mit seinem Spitzbart, der Glatze und der getönten Brille ein Charakterkopf. Er stammte aus Ernsbach, heute ein Teil der Baden-Württembergischen Stadt Forchtenberg. Seine Eltern waren der Kaufmann Jesaias Wolf und Rosa Kocherthaler geborene Falk. Wie viele Ernsbacher Juden zog es auch die Kinder des Ehepaars Kocherthaler in die größeren Städte. Emanuel Kocherthaler ging im Jahr 1902 nach München und hatte seine erste Wohnung in der Schwanthalerstraße 18.

In seiner neuen Heimat lernte er Rosa Falk kennen und heiratete sie am 8. Januar 1904. Das junge Paar zog drei Wochen nach der Hochzeit in den dritten Stock der Bürkleinstraße 16. Rosa Kocherthaler war mit ihren Geschwistern eine der Erbinnen des Hauses. Am 8. Juli 1905 kam Tochter Alice zur Welt.

1909 stiftete Samuel Kocherthaler seinem Heimatort den Bau eines Rathauses.

Im Laufe seines Berufslebens als Kaufmann erblindete Emanuel Kocherthaler.

Nach der „Kristallnacht“ am 9. November 1938 war auch die Familie Kocherthaler immer stärkeren Repressionen ausgesetzt. Wie alle deutschen Juden, mussten die Kocherthalers entsprechend der Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens vom 3. Dezember 1938 ihre Wertgegenstände bis zum 31. März 1939 im städtischen Leihamt abliefern. Aus dem Wiedergutmachungsantrag von Tochter Alice aus dem Jahr 1948 geht hervor, dass Rosa, Alice und Emanuel Kocherthaler einige Schmuckstücke und das Tafelsilber am 30. März 1939 ablieferten. Erst im Sommer 1940 wurde ihnen der Verwertungserlös von 147 RM auf ihr Sicherungskonto, auf das sie keinen Zugriff hatten, überwiesen. Auch ihre sonstigen Einkünfte, wie die Mieterlöse, liefen auf dem Sicherungskonto ein. Alice Kocherthaler gelang es schließlich im Juni 1939, nach England und dann in die USA zu emigrieren.

Das Haus in der Bürkleinstraße 16 war ab 1939 ein „Judenhaus“, in das über 72 jüdische Frauen, Männer und Kinder einquartiert wurden: Auf einer Konferenz in Berlin im November 1938 beschloss die NS-Führung, die Juden zu ghettoisieren. Die Grundlage dafür lieferte das Gesetz über die Mietverhältnisse mit Juden vom 30. April 1939. Juden konnten nun die Wohnung gekündigt werden, wenn eine anderweitige Unterbringung sichergestellt wurde. Die Ghettoisierung der Juden erfolgte in München in sogenannten Judenhäusern - Häuser oder Wohnungen, die sich meist im Besitz von Juden befanden und in denen sie jetzt auf engem Raum zusammengepfercht wurden.

Emanuel und Rosa Kocherthaler wurden am 20. Januar 1942 aus ihrer Wohnung in der Bürkleinstraße vertrieben, wo sie fast vier Jahrzehnte gelebt und ihre Tochter großgezogen hatten, und mussten in das Übernachtungsheim der Israelitischen Kultusgemeinde in der Wagnerstraße 3 ziehen. Am 4. Juni 1942 wurden sie beide mit dem Transport II/2 in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Niemand aus diesem Transport überlebte. Das Ehepaar Kocherthaler musste in einem Raum des „Altenheims“ in der "Kavalierkaserne" leben. Die Unterkünfte in dem Gebäude waren kasemattenartig, feucht, dunkel und immer überfüllt. Es diente zur Unterbringung zumeist alter oder geisteskranker Menschen und gehörte zu den schlimmsten Orten dieses Konzentrationslagers.

Emanuel Kocherthaler starb dort am 4. Februar 1943. In der Todesfallmeldung des Ältestenrats des Lagers ist "Altersschwäche" als Todesursache angegeben. Seine Frau Rosa erlag am 6. April 1943 den katastrophalen Bedingungen.

Dr. Felicia Englmann

Quellen

Zwei Stelen erinnern an die ehemaligen Bewohner der Bürkleinstraße 20 Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Zwei Stelen erinnern an die ehemaligen Bewohner der Bürkleinstraße 20

Foto: Stadtarchiv München

Ellen Presser von der Israelitischen Kultusgemeinde München erinnert an die jüdischen Opfer in der NS-Zeit  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Ellen Presser von der IKG München erinnert an die jüdischen Opfer in der NS-Zeit

Foto: Stadtarchiv München, E. Weichelt

Dr. Felicia Englmann übergibt die Erinnerungsstelen an die Öffentlichkeit Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Dr. Felicia Englmann übergibt die Erinnerungsstelen an die Öffentlichkeit

Foto: Stadtarchiv München, E. Weichelt

Grußwort von Lilian Harlander auf der Gedenkveranstaltung am 20. November 2018 im Jüdischen Museum Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Grußwort von Lilian Harlander auf der Gedenkveranstaltung im Jüdischen Museum

Foto: Stadtarchiv München, E. Weichelt

Stadtdirektor Dr. Michael Stephan gedenkt der 999 Jüdinnen und Juden, die am 20. November 1941 nach Kaunas deportiert wurden  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Stadtdirektor Dr. Michael Stephan gedenkt der Opfer der Deportation nach Kaunas

Foto: Stadtarchiv München, E. Weichelt

Dr. Felicia Englmann berichtet über die früheren Bewohner der Bürkleinstraße 20  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Dr. Felicia Englmann berichtet über die früheren Bewohner der Bürkleinstraße 20

Foto: Stadtarchiv München, E. Weichelt

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