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Margaretenstraße 18


Porträt Emma Hutzelmann  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© privat

Emma Hutzelmann

geb. Holleis
in Rosenheim,
inhaftiert 06.01.1944
im Gestapogefängnis München,
im Versteck gestorben
27.11.1944 in München



Meine Großmutter väterlicherseits kenne ich nur aus den Erzählungen von Verwandten, vor allem aus denen meines Vaters Herbert Hutzelmann, und von Fotos. Viele dieser Bilder zeigen sie als eine lebhafte, lebenslustige und fröhliche Frau, mit ihrem Mann und ihrem Sohn, mit Freunden und bei zahlreichen sportlichen Aktivitäten.

Emma Holleis wurde am 15. November 1900 in Rosenheim geboren und wuchs mit 14 Geschwistern auf. Ihr Vater, der Bäckermeister Kaspar Holleis, muss kein einfacher Mensch gewesen sein, wie mir Emmas jüngste Schwester Dora Eckstein erzählte. Mutter Maria, geb. Reiserer, gab trotz zahlreicher Belastungen im Geschäft und in dem großen Haushalt ihren Kindern Wärme und Halt.

Nach Beendigung der Schulzeit absolvierte Emma eine Lehre als Buchhalterin. Wie sie 1923 meinen Großvater Hans Hutzelmann kennenlernte, weiß ich leider nicht. Mein Vater Herbert wurde 1924 in München geboren. Meine Großeltern heirateten erst 1937. Konventionen schienen für sie keine besondere Rolle zu spielen – vielleicht hat ihnen diese Haltung später die Kraft gegeben, sich gegen das NS-Regime zu stellen. Seit 1925 lebten sie in der Margaretenstraße 18.

Nach anderen Arbeitsstellen war sie ab 1936 als Kontoristin bei der Firma Frank und Co. tätig, bis der jüdische Inhaber gezwungen wurde, sein Geschäft aufzugeben. Daraufhin nahm sie am 6. August 1940 eine Arbeit als Buchhalterin bei der Fettfabrik Saumweber in München an. Im Jahr 1942 denunzierte eine Arbeitskollegin meine Großmutter, sie habe sich gegen den Krieg und für einen Sieg der Sowjetunion geäußert. Sie wurde vom Sondergericht 3 beim Landgericht München wegen „Heimtücke“ angeklagt, aber am 18. Juni 1942 freigesprochen.

Emma und Hans Hutzelmann waren 1928 in die Christlich-Soziale Partei („Vitus-Heller-Bewegung“) und 1929 in die „Rote Hilfe“ eingetreten. In diesem Milieu lernten sie den Kommunisten Karl Zimmet kennen. Im August 1943 entstand die Organisation „Antinazistische Deutsche Volksfront“ (ADV), der Zimmet als Vorsitzender, Hans Hutzelmann als erster Stellvertreter, sein Freund Georg Jahres als zweiter Vorsitzender und Emma als Kassiererin angehörten. Ziele der ADV waren ein überparteilicher Zusammenschluss verschiedener widerständiger Gruppen und ein politischer Umsturz. Im November 1943 veröffentlichten sie einen Gründungsaufruf und zwei Nummern des Flugblatts „Der Wecker“. Meine Großmutter hatte bei der Firma Saumweber einen russischen Kriegsgefangenen kennengelernt, der ihr von deren Untergrundbewegung „Brüderliche Zusammenarbeit der Kriegsgefangenen“ (russisch: Bratskoje Sotrudnitschestwo Wojennoplennych, BSW) berichtete. Die Organisation hatte mehrere hundert Mitglieder, Kriegsgefangene und Zivilarbeiter, auch in Lagern außerhalb Münchens. Sie wurde unter anderem von Iwan Korbukow geführt, der im Juli 1943 zu einem ersten Treffen in die Wohnung in der Margaretenstraße 18 kam. Beide Seiten beschlossen, künftig zusammenzuarbeiten. Auch weitere Treffen fanden in der Margaretenstraße 18 statt. Meine Großmutter leistete den Kriegsgefangenen konkrete Hilfe: Sie entwendete in der Fettfabrik Saumweber Fette, die sie gegen Nahrungsmittel und die Beschaffung von Waffen für die Gefangenen eintauschte, und organisierte gemeinsam mit anderen Mitgliedern der ADV und BSW die Flucht von zwei der sowjetischen Männer. Ende 1943/Anfang 1944 flog die BSW auf, die von Spitzeln an die Gestapo verraten worden war.

Die Mitglieder der „Antinazistischen Deutschen Volksfront“ wurden am 6. Januar 1944 verhaftet, auch meine Großeltern. Die Gestapo lieferte sie in das Gestapogefängnis in der Brienner Straße ein und begann sofort mit den Verhören. Die Gestapo verhaftete auch Geschwister von Emma – Andreas Holleis, Rosa Holleis, Dora Eckstein und deren Mann Stefan und Ludwig Holleis, der im März 1944 an den Folgen der Folterungen starb.

Emma Hutzelmann gelang am 31. Juli 1944 die Flucht aus dem Gefängnis München-Stadelheim. Sie lebte fortan in einem Versteck, in dem sie im November 1944 bei einem Bombenangriff so schwer verletzt wurde, dass sie am 27. November 1944 verstarb.

Ihr Ehemann Hans wurde am vom Volksgerichtshof in Berlin am 8. Dezember 1944 zum Tode verurteilt und am 15. Januar 1945 im Zuchthaus Brandenburg-Görden hingerichtet.

Peter Hutzelmann

Quellen

  • Stadtarchiv München, EWK 76, H 685.
  • Staatsarchiv München, STAANW 11345.
  • Staatsarchiv, München JVA 19811.
  • Staatsarchiv, München JVA 20199.
  • Staatsarchiv, München JVA 120238.
  • Staatsarchiv, München JVA 26351.
  • Bundesarchiv Berlin, R 3001/g 1445/44.

Literatur

  • Resi Huber, Die wiedergefundene Liste. Portraits von Münchner Kommunistinnen und Kommunisten, die im antifaschistischen Widerstandskampf ihr Leben ließen, München 1998.
  • Marion Detjen, „zum Staatsfeind ernannt...“. Widerstand, Resistenz und Verweigerung gegen das NS-Regime in München, München 1998, S. 114-117.
  • Jürgen Zaruski, Sowjetische Häftlinge im KZ Dachau, in: Wolfgang Benz, Angelika Königseder (Hrsg.), Das Konzentrationslager Dachau.Geschichte und Wirkung nationalsozialistischer Repression, Berlin 2008, S. 311-326.