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Maximilianstraße 26-28 (Münchner Kammerspiele)


Emmy Rowohlt  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Theaterwissenschaftliche Sammlung der Universität zu Köln

Emilie (Emmy) Rowohlt

geb. Reye,
geboren 04.03.1883
in Hamburg,
verhaftet 12.10.1939
in München,
verhungert 28.09.1944
in der Heil- und Pflegeanstalt
Eglfing-Haar

Emilie (Emmy) Rowohlt, geboren am 4. März 1883, war das zweitjüngste Kind einer alteingesessenen Hamburger Familie. Nach der höheren Töchterschule ging sie nach England und legte das Sprachexamen in Englisch und Französisch ab. Ihre Theaterleidenschaft weckte die Aufführung „Die rote Robe“ von Eugène Brieux. Sie kehrte nach Hamburg mit dem festen Vorsatz zurück, Schauspielerin zu werden. Und stieß bei ihrem Vater auf heftigen Widerstand. Sie konnte ihn jedoch dazu bewegen, das Einverständnis zu geben, die Lehrerinnenausbildung in Berlin fortzusetzen. Denn – so schrieb Emmy Rowohlt in ihrem Lebenslauf: „Dort gab es wenigstens eine anerkannte Schauspielschule“. So besuchte sie tagsüber das Lehrerinnenseminar und abends die neugegründete Schauspielschule Max Reinhardt Seminar. Nach kurzer kinderloser Ehe mit dem Verleger Ernst Rowohlt heiratete sie nicht mehr.

Kriegsjahre und Revolution erlebte Emmy Rowohlt in München. 1922 ging sie nach Italien und Frankreich und kehrte 1935 nach München zurück. Es folgten Engagements am Nationaltheater und den Kammerspielen.

Im September 1939 war sie zum dritten Mal wegen Verstoß gegen das Heimtückegesetz angeklagt worden und bekam nun ernsthafte Probleme. In der Kantine des Nationaltheaters und an anderen öffentlichen Orten wurde ihr laut Polizeiakt vorgeworfen, „äußerst gehässige, ketzerische und von niedriger Gesinnung zeugende Äußerungen über den Führer und andere führende Persönlichkeiten des Staates und der Regierung gemacht zu haben.“

Im Gefängnis Stadelheim erklärte sie der Gefängnisarzt - wohl um sie zu schützen - für unzurechnungsfähig.

Emmy Rowohlt wurde am 5. Februar 1940 in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar eingewiesen. Nun begann eine lange Leidenszeit begleitet von Konflikten mit Ärzten und Pflegepersonal, die wenig Verständnis für ihre Patientin zeigten. In der Krankengeschichte wurde sie als „frech, völlig kritiklos, lügt, verdreht, überheblich, anspruchsvoll“ beschrieben. Emmy Rowohlt wehrte sich und nannte den Arzt einen „Schweinehund“, empfand das Gefängnis Stadelheim als „prima“ im Vergleich zur Heil- und Pflegeanstalt und bemühte sich vergeblich um Entlassung, oder wenigstens Urlaub.

Im April 1941 überwältigte sie mit Mitpatientinnen die Nachtschwester, floh, stellte sich jedoch wieder. Die nun folgende mehrjährige Isolation verbrachte sie teilweise in Fußfesseln. Am 1. September 1943 wurde Emmy Rowohlt vom behandelnden Anstaltsarzt als „lebensunwertes Leben“ selektiert und in das „Hungerhaus“ für Frauen verlegt. Der Nahrungsentzug setzte ihr bald zu. Emmy Rowohlt schrieb in Eglfing-Haar zahlreiche Briefe an Familie und Freunde, die die Ärzte zurückgehalten haben und so niemals ihre Adressaten erreichten. So am 29. Dezember 1943 an ihre Schwester aus dem Hungerhaus: „Ahntest Du meinen großen Brothunger, Du hättest sicher noch 2 dicke Scheiben Schwarzbrot dazu gelegt (…) Ich habe nur noch 47 kg. Wieviel wiegst du?“

Am 28. September 1944 starb Emmy Rowohlt durch gezielten Nahrungsentzug. Die 1m 68 große Schauspielerin wog zuletzt nur noch 38kg. Emmy Rowohlt gehört zu den mehr als 2000 Münchner Opfern der Krankenmorde.

Text von Dr. Sibylle von Tiedemann

 

Quellen:

  • Archiv des Bezirk Oberbayern, Bestand Eglfing-Haar, Patientenakte 10454.
  • Staatsarchiv München, Staatsanwaltschaft, 8091.

Foto:

  • Theaterwissenschaftliche Sammlung der Universität zu Köln.

Literatur:

  • Gedenkbuch für die Münchner Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde, herausgegeben vom NS-Dokumentationszentrum München und dem Bezirk Oberbayern durch Michael von Cranach, Annette Eberle, Gerrit Hohendorf und Sibylle von Tiedemann, Göttingen 2018, S. 275; 361-363.

Übergabe der Erinnerungszeichen an den Münchner Kammerspielen am 25.06.2020